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liebäugeln mit der herrschaftslosigkeit | S!|art |
Wissen die noch, was sie nicht tun?
Von Henryk M. Broder
WELT-Autor Henryk M. Broder ist sich sicher: Besser als eine kleine Regierung wäre nur: gar keine
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Henryk M. Broder - S!|art |
Ein Jahr nach der Bundestagswahl und ein halbes Jahr nach dem Zustandekommen der großen Koalition hat die Regierung bekannt gegeben, sie wolle „zur Sacharbeit zurückkehren“. Was sich wie ein großes Versprechen anhörte, war eher ein semantisches Missverständnis.
Zurückkehren kann man nur an einen Ort, an dem man schon einmal war. Und der einzige Vorwurf, den man der jetzigen Regierung nicht machen kann, ist der, sie habe sich bei der Sacharbeit übernommen.
Dabei war sie durchaus fleißig. Es wurde spekuliert und intrigiert, es wurde nach Auswegen und Kompromissen gesucht, es wurde bis tief in die Nacht verhandelt, und wenn dann völlig erschöpfte Minister im Morgengrauen vor die wartenden und ebenso erschöpften Journalisten traten, waren sie „glücklich“ und „total zufrieden“, als hätten sie beim Aufräumen einer Rumpelkammer eine Flasche Château Lafite aus dem Jahre 1869 gefunden.
Nun gut, wenn man sich nach langen Verhandlungen darauf geeinigt hat, die „Übergangsfrist bis zum vollständigen Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration um zwei Jahre zu verlängern“, dann kann man schon stolz auf das Erreichte sein. Auch wenn sich das Ergebnis aus der Perspektive der Ferkel ganz anders anfühlt.
Wenn man dann aber sieht, wie zaghaft die Digitalisierung voranschreitet oder dass die Regierung die Wohnungsnot mit einem „Baukindergeld“ bekämpfen will, dann muss man sich schon fragen: Wissen die noch, was sie nicht tun?
Mir kommt das Ganze so vor, als würden die Ärzte einer Klinik monatelang darüber streiten, ob sie blaue oder weiße Kittel tragen möchten, bis schließlich einer von ihnen ausruft: „Kollegen, es gibt da noch ein paar Patienten, die auf uns warten! Zurück zur Sacharbeit!“
Andererseits: Ein Land, das ein Jahr lang ohne eine funktionierende Regierung auskommt, beweist ein erstaunliches Maß an Reife. Die Müllabfuhr sammelt den Müll ein, die Inflation frisst die Ersparnisse auf, die Tafeln verteilen Lebensmittel an Bedürftige und das Oktoberfest findet, wie immer, im September statt.
Wozu braucht man dann noch eine Regierung, zumal die wenigen Entscheidungen, die getroffen werden, nicht einmal in der Regierung zustande kommen, sondern in einem Gremium namens „Koalitionsausschuss“, das im Grundgesetz nicht vorkommt.
Deutschland regiert sich von allein. Die Regierung stört nur die Abläufe. Es würde wenig helfen, sie zu verkleinern. Besser als eine kleine Regierung wäre nur: gar keine.
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also - wenn dieser broder mal recht hat - und das ist in meinen augen selten genug - dann hat er aber aber tatsächlich sowas von recht: er beschreibt den zustand dieser bundesdeutschen "möchtegern-politik gmbh" harrgenau - und da ahnt man endlich auch, warum so viele menschen in den bundestag wollen: das ist leicht verdiente knete - einfach für nichts und wieder nichts - nix for nothing ...
allerorten werden systeme "outgesourced", große bundesinstitutionen privatisiert (bundesbahn, bundespost usw.), die "staatliche gewalt" wird irgendwelchen wachmannschaften überlassen, lehrer werden angestellt statt verbeamtet (und da wundert man sich, wenn die plötzlich streiken und nur noch ihren "stoff" durchziehen (wissensvermittlung statt pädagogik), alles wird kommerzialisiert: und nun - last not least - hat sich der größte und teuerste bundestag seit menschengedenken selbst von jeder mitarbeit bzw. "sacharbeit" endgültig verabschiedet.
seit einem jahr wird nun so ein modellversuch gefahren und das klappt... - man kann als minister und bundestagsabgeordneter tagsüber anderen noch viel besser bezahlten verpflichtungen nachgehen - , man trifft sich nachts im "kleinen kreis" des "koaltionsausschusses" oder in der "dreier-runde", um emsigkeit vorzutäuschen - und übt sich derweil im fingerhakeln ...- und im kasperlspielen und marionettentheater ...
und so hebelt man auch die afd gründlich aus: die sitzt im bundestag - im "reichstag" - und will dort herumstänkern - aber mangels themen und verbindlichkeiten und der allgemeinen anhaltenden "politikverweigerung" laufen alle einwürfe und "initiativen" ins leere und mutieren zum "großen vogelschiss" der geschichte ...
einfach genial - diese taktik - und damit beschäftigen sich tag für tag all die medien - aber es ist langweiliger als jede 8-stündige schachparty ...: das ist eine neue form des von uns 68ern angestrebten anarchismus: das ist herrschaftloses leben - endlich - ganz ohne revolution ...
und wenn man denkt, es geht nicht mehr - kommt irgendwo ein lichtlein her: wer da noch zu irgendeiner wahl geht - und gefälligkeitskreuzchen macht ist selber schuld - ganz ernsthaft ...