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stolperstein erna kronshage in sennestadt - zum wiki-eintrag click here |
in der taz bremen - seite 29 - der taz vom 12.10.2018
fand ich einen kurzen passus in einem an sich positiven beitrag zur "sozialen psychiatrie" - wie das zur meiner aktiven zeit hieß - zu einer aktion "freitagsesel", wobei durch zwei esel beim bremer stadtmusikanten-denkmal mit recht auf fehlende "genesungsbegleiter" von personen hingewiesen werden soll, die just aus der stationären psychiatrie entlassen worden sind.
dazu gibt es dann ein interview mit frank robra-marburg (67), der sich als softwareentwickler in rente ehrenamtlich für krisen- und psychiatrieerfahrene menschen engagiert.
so weit - so gut ...
doch dann gibt es diesen kurzen schlusspassus in diesem interview, der da lautet:
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ausschnitt aus der taz-bremen |
nun gut - wird man denken - da hat er mit seiner feststellung wahrscheinlich recht ...
aber als neffe einer frau, die zwischen 1942 und 1944 innerhalb von 484 tagen zunächst zwangssterilisiert wurde und dann gewaltsam zu tode kam - zwischen ihrer einweisung in die damalige nazi-psychiatrie und ihrer letztendlichen "euthanasie"-ermordung - habe ich mit diesem passus durchaus auch meine probleme.
ich habe nämlich das opfer-porträt meiner tante über verschiedene web-medien seit 2009/2010 publik gemacht - und wurde daraufhin von verschiedenen schulen und institutionen spontan zu jeweils 90-minütigen powerpoint-vorträgen mit diskussionsgesprächen und erörterungen zum schicksal meiner tante erna kronshage eingeladen.
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ich bin dazu nie mit flugblättern etc. extra "tingeln" gegangen, weil ich das nicht als angemessen empfinden kann - die anfragen dazu kamen spontan von außen.
2016 brachen diese einladungen dann plötzlich ab, 2017 kamen noch sporadische anfragen - aber seit beginn 2018 bekomme ich dazu keinerlei einladungen mehr - weder von schulen noch von psychiatrischen institutionen, die zuvor durchaus bei internen mitarbeiter-fortbildungsschulungen und besonders auch zu ihren "schüler-info-tagen in der psychiatrie" an einen beitrag von mir zur opferbiografie meiner tante intressiert waren.
jedoch waren diese kontakte auch immer personengebunden - sie waren nicht etwa "institutionell" eingebunden oder "selbstverständlich" im programm - weder bei schülern, noch bei den begleitlehrern, noch allgemein beim klinikpersonal.
mit dem passus im obigen interview schwant nun aber eine mögliche begründung in mir aufzusteigen: man will der "psychiatrie" ein anderes, ein volkstümlicheres, eigentlich "normales" aber vor allem "todesfernes""modernes" und "zeitgemäßes" image verpassen - also mehr als akute kurzzeit-erkrankung oder besser: unpässlichkeit darstellen - wie jede andere normabweichung eben auch - mit nur kurzfristigen - von den kassen finanzierten - quasi ambulanten klinischen behandlungsaufenthalten ... - alles bestens - kann doch "jedem mal passieren" ...
so sehr ich dieses ansinnen auch verstehe und nachvollziehen kann in zeiten von inklusion statt exklusion usw. - so muss ich doch quasi aus der darüberliegenden "meta-ebene" davor warnen, die dunkelschwarz-braunen und tödlichen zeiten der nazi-psychiatrie darüber gänzlich ausblenden zu wollen - so im sinne von:"nun muss es doch auch endlich mal 'gutt' sein" ...
die nazi-"euthanasie" mit ihren ca. 300.000 gezielt und geplant industriemäßig liquidierten mordopfern darf und kann nicht im sinne einer neuen marketing-strategie"geopfert" werden oder einfach spurlos darin aufgehen - das würde zur zeit nur jenen gesellschaftskräften in die hände spielen, die insgesamt die nazi-zeit als bedauerlichen "vogelschiss" in der ansonsten "glorreichen" deutschen geschichte wahrnehmen wollen.
vielleicht ist es ein extrem-akrobatischer spagat:
- der psychiatrie ihr finales und erschreckendes image auf der einen seite zu nehmen -
- und doch gleichzeitig auf der anderen seite an die opfer der "euthanasie"-morde vor 80-/70 jahren in würde zu gedenken und auch dazu zu "arbeiten" -
und diese bisher nur bruchstückhaft aufgearbeiteten opferbiografien aufzuspüren und mit würde und empathie zu publizieren und zu erörtern, um letztlich auch moralisch immer wieder neu gerade auch den jungen generationen den nötigen halt und die wegweisende orientierung mitzugeben - und auch zu "weisen" ...
menschen, die das genau anders wollen beziehungsweise in einem "neuen" und "anderen" geist, in dem gedenkkultur und erinnerung "nicht ewig kultiviert" werden sollen, gibt es genug ...