Eine große Sache
Warum die Politik die Kultur braucht. Eine Rede zum Jubiläum der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur.
Von Volker Weidermann | SPIEGEL
Autor Grass, Kanzler Brandt 1971: Vor Melancholie und Verzagtheit warnen - nach GERT SCHÜTZ / AKG-IMAGES
Kaum waren die Einladungen für diesen Abend in die Welt verschickt, klingelte mein Telefon. Jürgen Flimm war dran. Er lese soeben, rief er aufgeräumt in den Apparat, dass ich auf dieser Festlichkeit ein paar Worte sagen solle. Das sei ja sehr schön. Aber – ob ich denn auch die Sache mit der Wiese wisse? Die müsse ich unbedingt erwähnen. Ich, so: »Wiese ...?« – »Jaaaaa, das weiß nämlich keiner!«, so der freundliche Herr Flimm und fing auch schon an: »Das war vor mehr als 20 Jahren. Wir saßen auf der Wiese vom Manfred Bissinger – der Gerd Schröder war da, Oskar Negt, Marius Müller-Westernhagen, Uwe-Karsten Heye, Günter Grass und ich. Und da haben wir ihm das eingequasselt.« – »Was jetzt – eingequasselt?« – »Na dem Schröder. Die Sache mit dem Ministerium. Grass war in Hochform gewesen.« Und schließlich habe Schröder Ja gesagt. Und als er dann aber sogleich und auf der Wiese Flimm selbst zum Schattenminister ernennen wollte, habe der entsetzt abgewinkt. »Ich bin doch nicht verrückt«, so Flimm heute über Flimm damals. Sie haben dann überlegt, wer verrückt genug sein könnte – und riefen Michael Naumann in New York an. Und Flimm sagt jetzt am Telefon über die Wiese damals und die Folgen: »Das war das letzte Mal, dass wir Kulturfuzzis aus uns selbst so 'ne große Sache gemacht haben.«
Das letzte Mal ...
Ich möchte heute über die vorletzten Male sprechen. Ich möchte über Verrückte reden. Über Kulturfuzzis. Und über große Sachen. Ich möchte über Literatur reden und darüber, warum die Politik sie braucht. Warum wir Erzählungen brauchen. Vorausleuchtendes. Möglichkeitsräume. Alternativen. Die Erweiterung der Welt. Mit anderen Worten: Ich möchte über Bayern reden.
»Wir Bayern sind der Samen einer neuen Welt«, hatte der bayerische Ministerpräsident gesagt. Und seinem Volk zugerufen: »Alle, die reinen Herzens, klaren Geistes und festen Willens sind, sind berufen, am neuen Werke mitzuarbeiten. Vergessen wir, was war, und vertrauen wir dem, was wird. Eine neue Zeitrechnung beginnt.«
Das ist 100 Jahre her. Kurt Eisner hatte sich in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 auf den freien Stuhl des Ministerpräsidenten von Bayern gesetzt und sich von dem mitgelaufenen Teil des Volkes, das auf den Abgeordnetenstühlen Platz genommen hatte, per Akklamation ins Amt wählen lassen. Der König von Bayern hatte in derselben Nacht still und heimlich seine Residenz und die Stadt verlassen. Die Macht lag auf der Straße. Der Schriftsteller, Journalist, Politiker Kurt Eisner hat sie aufgehoben.
Ministerpräsident Eisner 1918: Samen einer neuen Welt
Er wollte einen radikalen Neuanfang. Der Krieg war verloren. Der Frieden musste gewonnen werden. »Wir grüßen, die unsere Feinde waren«, rief er bei der Revolutionsfeier im Münchner Nationaltheater den Menschen zu. Der Dichter und Schwärmer und unabhängige Sozialdemokrat Eisner wollte eine helle, andere Welt. Die völlige Zerstörung des für die Ewigkeit gebauten Alten barg für ihn die Chance eines totalen Neuanfangs. Wenn wir jetzt schon die Demokratie einführen, warum nicht gleich in ihrer radikalsten Form? »Wir wollen die ständige Mitarbeit aller Schaffenden in Stadt und Land«, rief er seinen Bayern zu. Er wünschte sich permanente Partizipation. Das Gespräch aller mit allen. Kommunikatives Handeln. Die beste Lösung entsteht, so war er sicher, wenn wir miteinander reden.
Eisner musste das alles nicht neu erfinden. Er hat sein Regierungsprogramm in der Literatur gefunden, in den Konzertsälen gehört. Bei Goethe, Hölderlin, Shakespeare, Schiller und Walt Whitman gelesen, bei Beethoven gehört. Freiheit, Menschenfreundlichkeit, Einigkeit, Helligkeit. Bruno Walter hatte die Leonoren-Ouvertüre dirigiert, in jenem November in München. Und Ministerpräsident Eisner interpretierte sogleich: »Das Kunstwerk, das wir eben gehört, schafft in prophetischer Voraussicht die Wirklichkeit, die wir eben erlebt.« Beethoven, ein bayrischer Räterevolutionär. Ob er das geahnt hat?
Aber manchmal hat das Leben einfach etwas mit dir vor. Manchmal verselbstständigt sich ein Text, ein Gedicht oder der Dichter selbst. Der weltenferne Sternendichter Rainer Maria Rilke hätte vielleicht auch noch wenige Wochen zuvor nicht damit gerechnet, dass er – von Enthusiasmus, Aufbruchslust, Erneuerungsfuror und Zuhörerfreude getrieben – keine revolutionäre Versammlung in den Münchner Bierkellern jener Tage verpassen würde. Dass er mitgerissen werden könnte von – Politik! »Die Kunst ist die Versprecherin der übernächsten Zukunft«, schrieb er. Und am hellsten und freiesten leuchtet ihr Versprechen, wenn der Künstler selbst, beim Schreiben, Komponieren, Malen, gar nichts davon ahnt.
Es geht um die Welt, die noch nicht ist. Es geht darum, nicht zu klagen, sich in sich selbst zurückzuziehen, überall Untergang zu sehen, gereizt zu sein, hämisch, die Welt anzuklagen, weil sie nicht in deinem Sinne eingerichtet ist, sondern immer nur im Sinne der anderen, der Falschen.
Es geht auch heute darum, die richtigen Bücher zu lesen und zu schreiben. Sich nicht in diese verlockende Dunkelheit hinabziehen zu lassen. An die guten Traditionen zu erinnern. Die Hoffnungen und Aufbrüche. Viel zu viel wird auch in diesem Jahr an das vor hundert Jahren erschienene Unheilsbuch »Der Untergang des Abendlandes« von Oswald Spengler erinnert, der so lange und intensiv und mit ausschließlich auf das Negative gerichtetem Blick den Niedergang der westlichen Kultur beschrieb, dass ihm und seinen Lesern am Ende »ein neuer Cäsar« als Erlösung erscheinen musste. Wie wenig dagegen reden wir von dem Gegenbuch, das auch vor hundert Jahren erschienen ist, Ernst Blochs »Geist der Utopie«. Dieses famose Ermutigungsbuch, das aus der Dunkelheit der Zeit einfach einen Aufruf an sich und seine Leser formte: »Ich bin schuldig, nicht die anderen und wenn sie dunkel sind, so habe ich ihnen nicht genug geleuchtet.«
Oh, er wäre auch ein gutes Kabinettsmitglied in Eisners Traumregierung gewesen. Aber das Unheil von damals hätte wohl auch er nicht verhindern können. Den Hohn und Spott und Hass, den Eisner erntete. Und schließlich dieses Wahlergebnis, das vielleicht selbst einen amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten von heute zum Rücktritt bewegt hätte: 2,5 Prozent der Stimmen waren auf den selbst ernannten Volkstribunen Kurt Eisner und seine Partei entfallen. Willkommen in der Wirklichkeit! Das war wirklich ein Desaster der dichterischen Politik.
Sie kamen zu früh, sie waren die Ersten, sie hatten keine Blaupause für ihre Experimente außerhalb der Kunst, sie machten tausend Fehler – auch die Utopisten unter dem herrlichen Ernst Toller, die bald auf die Eisner-Regierung folgten. Ja. Aber sie haben die Geister belebt. Sie hatten Mut zu neuen Ideen. Sie kannten die »Freuden der Vernunft«. Sie leuchten uns, wie alle große Kunst, bis heute voran.
Und wir haben viele Jahre später in diesem Land die Kraft der eingreifenden, der vorausdichtenden Literatur erlebt. Man muss sich den Briefwechsel einmal anschauen, den der ehemalige Emigrant Willy Brandt und der Schriftsteller Günter Grass miteinander führten. Wie der Autor seinen Kanzler an die Hand – man kann auch sagen: in Geiselhaft – nimmt, vor Melancholie und Verzagtheit warnt, hier die Rede zur Lage der Nation vorformuliert, dort die Kabinettsliste der ersten sozialliberalen Regierung entwirft, unliebsame Minister streicht. Wie er dann entsetzt feststellen muss, dass ihm ein Kulturstaatsamt, wie er es sich damals für sich selbst wünschte, vom frischen Kanzler Willy einfach verweigert wird – der seinem Dichter stattdessen anbot, ihn im Namen der Bundesregierung in »deutsche Siedlungsgebiete in Lateinamerika« und zu kulturell interessierten Auswanderern in Australien zu schicken. »Das wiederum«, schrieb ein konsternierter Grass zurück, habe für ihn »das Beklemmende eines Albtraums«. Er hatte wohl bemerkt, dass sich der frisch gewählte Kanzler etwas Luft verschaffen wollte, von diesem Dichter, der ihn gekapert hatte.
Aber er ließ sich nicht abschütteln, und auch das lesen wir in den Briefen der beiden, wie Günter Grass seinen Kanzler zu der vielleicht wichtigsten symbolischen Geste anstiftete, die ein deutscher Regierungschef in der Nachkriegszeit unternommen hat. Die das neue, helle Deutschland für alle Welt sichtbar machte: dem Kniefall von Warschau. »Es wäre«, schreibt Grass seinem Kanzler vor dessen Besuch in der polnischen Hauptstadt, »ein nicht wiedergutzumachender Fehler, wenn die Unterzeichnung des Vertrages in üblicher Glätte und innerhalb des gewohnten Protokolls vonstattenginge.«
Als der Kanzler dann vor dem Mahnmal des Getto-Aufstands niedersinkt, ist Grass, der mitgereist ist, erschüttert wie alle. Er hatte nur die Anregung für eine große Geste gegeben. Die Geste selbst war Willy Brandts ureigene. Aber Grass weiß auch, dass man ein Symbol mit Leben, mit einer Erzählung, füllen muss – und so schreibt er kurz nach dem Besuch wieder an seinen Kanzler, dass für den Fall, dass dieser »mit einfachen Worten über den Sinn seines Kniefalls zu sprechen bereit wäre« –, er hier schon mal »in Stichworten einen Entwurf« mitschicke: die Erzählung von Schuld und Reue eines Landes. Brandt nahm dankbar an – und musste das dichterisch Vorformulierte nur noch aussprechen.
Von der Sprengkraft des Dichterischen erzählt auch eine ganz andere Geschichte, von hier im Osten, diesseits der Mauer. Die Ministerin für Volksbildung der DDR war – mit blauem Haar und dunkler Entschlossenheit – die zwei Stockwerke in der Chausseestraße 131 emporgestiegen. Zu dem gefährlichsten Dichter des Landes: »Ach Wolf«, sagte sie, »wenn du weiter den falschen Weg gehst, werden wir Feinde. Aber wenn du den richtigen Weg gehst, mit uns, dann kannst du unser größter Dichter werden.«
Wolf Biermann ist den Weg mit ihr, mit Margot Honecker, nicht mitgegangen. Er ging seinen eigenen Weg. Ein Jahr später wurden ihm alle Auftritte verboten. Man wollte ihn isolieren und zum Schweigen bringen. Doch da er nicht in der Welt singen konnte, kam die Welt zu ihm. In seine bald schon legendäre Konzertwohnung in der Chausseestraße. Und als er – zwölf Jahre nach Margot Honeckers mahnendem Besuch – für ein Konzert in den Westen durfte, ließen sie ihn nicht wieder zurück. Die Ausbürgerung des Dichters Wolf Biermann und die ungeheure Solidarisierungswelle mit ihm in der Zeit danach waren der wohl entscheidende Riss im moralischen Fundament der DDR – Haarriss in der Mauer, die 13 Jahre später stürzte.
Dieser Wolf Biermann hat vor wenigen Monaten in der »New York Times« über das heutige Deutschland geschrieben, über die Gereiztheit, den Hass, die Verzagtheit heute. »Die Gefahren im Streit der Welt waren immer groß«, hat er geschrieben. »Aber die größte Gefahr ist unsere Mutlosigkeit.« Wir brauchen Mut, auch zum Fehlermachen. Und der Dichter lobt euphorisch den größten Fehler, den seine gute Freundin, die Bundeskanzlerin Angela Merkel, vor drei Jahren gemacht hat, als sie den Flüchtenden die Einreise nach Deutschland ermöglichte: »Dieser wunderbare Fehler brachte Angela Merkel persönlich in aller Welt Sympathien ein. Ihre mutige Entscheidung hat dem Ansehen der Deutschen mindestens so genützt wie nach der Nazizeit das weltweit bewunderte Wirtschaftswunder.«
Wenn man heute mit Schriftstellern und Künstlern aus der Welt über die deutsche Regierungschefin spricht, hat man fast den Eindruck, aus deren Sicht wird heute ganz Deutschland von einer Erbin des guten Eisner regiert, von den Freuden der Vernunft. Sie äußern Respekt, Bewunderung, Hoffnung und so etwas wie Neid.
Der amerikanische Autor Dave Eggers, der der Welt den mitreißenden Flüchtlingsroman »Weit gegangen« geschrieben hat und den beunruhigenden Zukunftsroman der total vernetzten Welt »The Circle« und der – wenn er in diesem Jahr nicht ausgefallen wäre – gewiss ein Kandidat für den Literaturnobelpreis gewesen wäre, sagte mir vor wenigen Tagen: »Angela Merkel zählt zu den wenigen Politikern mit echtem Mut und echten Überzeugungen. Ob du mit ihrer Politik einverstanden bist oder nicht – ihre Positionen basieren auf echtem Glauben, Barmherzigkeit und einer ordentlichen Portion Furchtlosigkeit. In anderen Ländern wird Regierungspolitik ausschließlich nach politischer Berechnung, Feigheit und Fremdenfeindlichkeit ausgerichtet. Das ist der dreiköpfige Höllenhund, der die Weltpolitik beherrscht.«
Und als ich vor einigen Wochen einen der erfolgreichsten europäischen Autoren unserer Tage, den Schweden Jonas Jonasson, in Nairobi traf – am Schauplatz seines neuen Romans »Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten«, in dem eine von egomanischen Dunkelmännern beherrschte Welt von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Optimismus, Mut und Durchsetzungsstärke gerettet wird – und ihm sagte, dass ich dieser Romanfigur schon bald persönlich im Rahmen einer Feierstunde begegnen werde – da lachte er, schnappte sich einen Stift und ein Buch und schrieb hinein: »Dear Chancellor Merkel: You are the world's hope for a decent future. Please do as I suggest in my book: stay steady! Best regards, Jonas Jonasson.« Ich soll Ihnen das mitbringen, liebe Frau Merkel, frisch aus Nairobi, als Geschenk und als Ermutigung.
Wir wissen alle: Aus der Nähe sieht das alles gerade etwas anders aus. Und hört sich etwas anders an. Es gibt viel Zerrissenheit in diesem Land und Häme, Ressentiment, Angst, Aggression, Hass, Sehnsucht zurück in dunkle Regionen der Vergangenheit und einen allgemeinen Unwillen, anderen zuzuhören.
Ich glaube, uns fehlt heute das erzählerische, zukunftsweisende, mitreißende, einigende, das literarische Moment in der Politik. Eine Erzählung der Zukunft, die über den jeweils nächsten Tag, die nächste Wahl hinausweist. Die reine Abstraktion und Reaktion genügen nicht, den Fliehkräften auf Dauer Paroli zu bieten. Das ist nicht Traumtänzerei, sondern politische Notwendigkeit.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass ein Mann, der in seinem vorherigen Beruf Schriftsteller war, gerade mit seiner Partei von Erfolg zu Erfolg eilt. In seinem neuen Buch schreibt Robert Habeck: »Es ist nicht schwer, zynisch, populistisch und verbittert zu sein, nicht schwer zu sagen, was nicht geht, nicht schwer, andere schlechtzumachen. Trauen wir uns dagegen, offen zu bleiben, angreifbar zu sein, verletzlich zu sein und optimistisch. Das ist die wahre Herausforderung: Zuversicht.«
Natürlich ist die Logik der Fantasie und der Kunst nicht identisch mit der Logik der Politik, die brutale Niederwerfung der Münchner Räterepublik durch die Identitären von damals hat uns auch das schmerzhaft vor Augen geführt. Aber ohne diese Fantasie und deren Hörbarkeit wird es der sogenannten Realität, die ja immer in Bewegung ist, an einer humanen Richtung fehlen.
Monika Grütters hat in ihrer Trauerrede auf den Dichter der freundlichen Kanzlerübernahme, auf Günter Grass, ihren Lieblingsdichter Jean Paul zitierend gesagt: »Eine Demokratie ohne ein paar Hundert Widersprechkünstler ist undenkbar.«
Wir brauchen sie, die Widerspruchskünstler, wir brauchen eine Literatur, die sich einmischen will und die Kraft dazu hat und den Willen, von den anderen Möglichkeiten, den anderen Welten zu erzählen. Vorausschauen, statt ständig die ermüdenden Kämpfe von gestern zu kämpfen. »Seit einem Jahr beschäftigen wir uns in viel zu hohem Maße damit, ob wir beleidigt sein sollen oder nicht«, hat Angela Merkel gesagt.
Also: nach vorn den Blick! Mitreißen und erzählen. Der amerikanische Autor Richard Powers hat in seinem neuen Roman »Die Wurzeln des Lebens« über die Überzeugungskraft der Literatur geschrieben: »Wir können noch so gute Argumente haben, damit ändern wir die Einstellung der anderen nicht. Das Einzige, was so etwas kann, ist eine gute Geschichte.«
20 Jahre ist es her, dass »wir Kulturfuzzis eine große Sache« gemacht haben? Das ist wirklich lange her. Höchste Zeit für neue große Sachen. Eine Wiese – wird sich finden.
Der SPIEGEL 45/2018 -
Warum die Politik die Kultur braucht. Eine Rede zum Jubiläum der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur.
Von Volker Weidermann | SPIEGEL
Autor Grass, Kanzler Brandt 1971: Vor Melancholie und Verzagtheit warnen - nach GERT SCHÜTZ / AKG-IMAGES
Was der Politik oft fehlt, ist der Blick in eine Zukunft, nach der jeweils nächsten Wahl. Deswegen ist es wichtig, dass sich Kulturfuzzis in die Politik einmischen.
Kaum waren die Einladungen für diesen Abend in die Welt verschickt, klingelte mein Telefon. Jürgen Flimm war dran. Er lese soeben, rief er aufgeräumt in den Apparat, dass ich auf dieser Festlichkeit ein paar Worte sagen solle. Das sei ja sehr schön. Aber – ob ich denn auch die Sache mit der Wiese wisse? Die müsse ich unbedingt erwähnen. Ich, so: »Wiese ...?« – »Jaaaaa, das weiß nämlich keiner!«, so der freundliche Herr Flimm und fing auch schon an: »Das war vor mehr als 20 Jahren. Wir saßen auf der Wiese vom Manfred Bissinger – der Gerd Schröder war da, Oskar Negt, Marius Müller-Westernhagen, Uwe-Karsten Heye, Günter Grass und ich. Und da haben wir ihm das eingequasselt.« – »Was jetzt – eingequasselt?« – »Na dem Schröder. Die Sache mit dem Ministerium. Grass war in Hochform gewesen.« Und schließlich habe Schröder Ja gesagt. Und als er dann aber sogleich und auf der Wiese Flimm selbst zum Schattenminister ernennen wollte, habe der entsetzt abgewinkt. »Ich bin doch nicht verrückt«, so Flimm heute über Flimm damals. Sie haben dann überlegt, wer verrückt genug sein könnte – und riefen Michael Naumann in New York an. Und Flimm sagt jetzt am Telefon über die Wiese damals und die Folgen: »Das war das letzte Mal, dass wir Kulturfuzzis aus uns selbst so 'ne große Sache gemacht haben.«
Das letzte Mal ...
Ich möchte heute über die vorletzten Male sprechen. Ich möchte über Verrückte reden. Über Kulturfuzzis. Und über große Sachen. Ich möchte über Literatur reden und darüber, warum die Politik sie braucht. Warum wir Erzählungen brauchen. Vorausleuchtendes. Möglichkeitsräume. Alternativen. Die Erweiterung der Welt. Mit anderen Worten: Ich möchte über Bayern reden.
»Wir Bayern sind der Samen einer neuen Welt«, hatte der bayerische Ministerpräsident gesagt. Und seinem Volk zugerufen: »Alle, die reinen Herzens, klaren Geistes und festen Willens sind, sind berufen, am neuen Werke mitzuarbeiten. Vergessen wir, was war, und vertrauen wir dem, was wird. Eine neue Zeitrechnung beginnt.«
Das ist 100 Jahre her. Kurt Eisner hatte sich in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 auf den freien Stuhl des Ministerpräsidenten von Bayern gesetzt und sich von dem mitgelaufenen Teil des Volkes, das auf den Abgeordnetenstühlen Platz genommen hatte, per Akklamation ins Amt wählen lassen. Der König von Bayern hatte in derselben Nacht still und heimlich seine Residenz und die Stadt verlassen. Die Macht lag auf der Straße. Der Schriftsteller, Journalist, Politiker Kurt Eisner hat sie aufgehoben.
Ministerpräsident Eisner 1918: Samen einer neuen Welt
Er wollte einen radikalen Neuanfang. Der Krieg war verloren. Der Frieden musste gewonnen werden. »Wir grüßen, die unsere Feinde waren«, rief er bei der Revolutionsfeier im Münchner Nationaltheater den Menschen zu. Der Dichter und Schwärmer und unabhängige Sozialdemokrat Eisner wollte eine helle, andere Welt. Die völlige Zerstörung des für die Ewigkeit gebauten Alten barg für ihn die Chance eines totalen Neuanfangs. Wenn wir jetzt schon die Demokratie einführen, warum nicht gleich in ihrer radikalsten Form? »Wir wollen die ständige Mitarbeit aller Schaffenden in Stadt und Land«, rief er seinen Bayern zu. Er wünschte sich permanente Partizipation. Das Gespräch aller mit allen. Kommunikatives Handeln. Die beste Lösung entsteht, so war er sicher, wenn wir miteinander reden.
Eisner musste das alles nicht neu erfinden. Er hat sein Regierungsprogramm in der Literatur gefunden, in den Konzertsälen gehört. Bei Goethe, Hölderlin, Shakespeare, Schiller und Walt Whitman gelesen, bei Beethoven gehört. Freiheit, Menschenfreundlichkeit, Einigkeit, Helligkeit. Bruno Walter hatte die Leonoren-Ouvertüre dirigiert, in jenem November in München. Und Ministerpräsident Eisner interpretierte sogleich: »Das Kunstwerk, das wir eben gehört, schafft in prophetischer Voraussicht die Wirklichkeit, die wir eben erlebt.« Beethoven, ein bayrischer Räterevolutionär. Ob er das geahnt hat?
Aber manchmal hat das Leben einfach etwas mit dir vor. Manchmal verselbstständigt sich ein Text, ein Gedicht oder der Dichter selbst. Der weltenferne Sternendichter Rainer Maria Rilke hätte vielleicht auch noch wenige Wochen zuvor nicht damit gerechnet, dass er – von Enthusiasmus, Aufbruchslust, Erneuerungsfuror und Zuhörerfreude getrieben – keine revolutionäre Versammlung in den Münchner Bierkellern jener Tage verpassen würde. Dass er mitgerissen werden könnte von – Politik! »Die Kunst ist die Versprecherin der übernächsten Zukunft«, schrieb er. Und am hellsten und freiesten leuchtet ihr Versprechen, wenn der Künstler selbst, beim Schreiben, Komponieren, Malen, gar nichts davon ahnt.
Es geht um die Welt, die noch nicht ist. Es geht darum, nicht zu klagen, sich in sich selbst zurückzuziehen, überall Untergang zu sehen, gereizt zu sein, hämisch, die Welt anzuklagen, weil sie nicht in deinem Sinne eingerichtet ist, sondern immer nur im Sinne der anderen, der Falschen.
Es geht auch heute darum, die richtigen Bücher zu lesen und zu schreiben. Sich nicht in diese verlockende Dunkelheit hinabziehen zu lassen. An die guten Traditionen zu erinnern. Die Hoffnungen und Aufbrüche. Viel zu viel wird auch in diesem Jahr an das vor hundert Jahren erschienene Unheilsbuch »Der Untergang des Abendlandes« von Oswald Spengler erinnert, der so lange und intensiv und mit ausschließlich auf das Negative gerichtetem Blick den Niedergang der westlichen Kultur beschrieb, dass ihm und seinen Lesern am Ende »ein neuer Cäsar« als Erlösung erscheinen musste. Wie wenig dagegen reden wir von dem Gegenbuch, das auch vor hundert Jahren erschienen ist, Ernst Blochs »Geist der Utopie«. Dieses famose Ermutigungsbuch, das aus der Dunkelheit der Zeit einfach einen Aufruf an sich und seine Leser formte: »Ich bin schuldig, nicht die anderen und wenn sie dunkel sind, so habe ich ihnen nicht genug geleuchtet.«
Oh, er wäre auch ein gutes Kabinettsmitglied in Eisners Traumregierung gewesen. Aber das Unheil von damals hätte wohl auch er nicht verhindern können. Den Hohn und Spott und Hass, den Eisner erntete. Und schließlich dieses Wahlergebnis, das vielleicht selbst einen amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten von heute zum Rücktritt bewegt hätte: 2,5 Prozent der Stimmen waren auf den selbst ernannten Volkstribunen Kurt Eisner und seine Partei entfallen. Willkommen in der Wirklichkeit! Das war wirklich ein Desaster der dichterischen Politik.
Es geht darum, an die guten Traditionen zu erinnern. Die Hoffnungen und Aufbrüche.Aber als er dann kurz darauf erschossen wurde und ihn München im Tode plötzlich zu lieben schien und die ganze Stadt ihn zu Grabe trug, da schrieb Heinrich Mann über das untergegangene Regime der Dichter: »Die hundert Tage der Regierung Eisner haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre vorher.«
Sie kamen zu früh, sie waren die Ersten, sie hatten keine Blaupause für ihre Experimente außerhalb der Kunst, sie machten tausend Fehler – auch die Utopisten unter dem herrlichen Ernst Toller, die bald auf die Eisner-Regierung folgten. Ja. Aber sie haben die Geister belebt. Sie hatten Mut zu neuen Ideen. Sie kannten die »Freuden der Vernunft«. Sie leuchten uns, wie alle große Kunst, bis heute voran.
Und wir haben viele Jahre später in diesem Land die Kraft der eingreifenden, der vorausdichtenden Literatur erlebt. Man muss sich den Briefwechsel einmal anschauen, den der ehemalige Emigrant Willy Brandt und der Schriftsteller Günter Grass miteinander führten. Wie der Autor seinen Kanzler an die Hand – man kann auch sagen: in Geiselhaft – nimmt, vor Melancholie und Verzagtheit warnt, hier die Rede zur Lage der Nation vorformuliert, dort die Kabinettsliste der ersten sozialliberalen Regierung entwirft, unliebsame Minister streicht. Wie er dann entsetzt feststellen muss, dass ihm ein Kulturstaatsamt, wie er es sich damals für sich selbst wünschte, vom frischen Kanzler Willy einfach verweigert wird – der seinem Dichter stattdessen anbot, ihn im Namen der Bundesregierung in »deutsche Siedlungsgebiete in Lateinamerika« und zu kulturell interessierten Auswanderern in Australien zu schicken. »Das wiederum«, schrieb ein konsternierter Grass zurück, habe für ihn »das Beklemmende eines Albtraums«. Er hatte wohl bemerkt, dass sich der frisch gewählte Kanzler etwas Luft verschaffen wollte, von diesem Dichter, der ihn gekapert hatte.
Aber er ließ sich nicht abschütteln, und auch das lesen wir in den Briefen der beiden, wie Günter Grass seinen Kanzler zu der vielleicht wichtigsten symbolischen Geste anstiftete, die ein deutscher Regierungschef in der Nachkriegszeit unternommen hat. Die das neue, helle Deutschland für alle Welt sichtbar machte: dem Kniefall von Warschau. »Es wäre«, schreibt Grass seinem Kanzler vor dessen Besuch in der polnischen Hauptstadt, »ein nicht wiedergutzumachender Fehler, wenn die Unterzeichnung des Vertrages in üblicher Glätte und innerhalb des gewohnten Protokolls vonstattenginge.«
Als der Kanzler dann vor dem Mahnmal des Getto-Aufstands niedersinkt, ist Grass, der mitgereist ist, erschüttert wie alle. Er hatte nur die Anregung für eine große Geste gegeben. Die Geste selbst war Willy Brandts ureigene. Aber Grass weiß auch, dass man ein Symbol mit Leben, mit einer Erzählung, füllen muss – und so schreibt er kurz nach dem Besuch wieder an seinen Kanzler, dass für den Fall, dass dieser »mit einfachen Worten über den Sinn seines Kniefalls zu sprechen bereit wäre« –, er hier schon mal »in Stichworten einen Entwurf« mitschicke: die Erzählung von Schuld und Reue eines Landes. Brandt nahm dankbar an – und musste das dichterisch Vorformulierte nur noch aussprechen.
Von der Sprengkraft des Dichterischen erzählt auch eine ganz andere Geschichte, von hier im Osten, diesseits der Mauer. Die Ministerin für Volksbildung der DDR war – mit blauem Haar und dunkler Entschlossenheit – die zwei Stockwerke in der Chausseestraße 131 emporgestiegen. Zu dem gefährlichsten Dichter des Landes: »Ach Wolf«, sagte sie, »wenn du weiter den falschen Weg gehst, werden wir Feinde. Aber wenn du den richtigen Weg gehst, mit uns, dann kannst du unser größter Dichter werden.«
Wolf Biermann ist den Weg mit ihr, mit Margot Honecker, nicht mitgegangen. Er ging seinen eigenen Weg. Ein Jahr später wurden ihm alle Auftritte verboten. Man wollte ihn isolieren und zum Schweigen bringen. Doch da er nicht in der Welt singen konnte, kam die Welt zu ihm. In seine bald schon legendäre Konzertwohnung in der Chausseestraße. Und als er – zwölf Jahre nach Margot Honeckers mahnendem Besuch – für ein Konzert in den Westen durfte, ließen sie ihn nicht wieder zurück. Die Ausbürgerung des Dichters Wolf Biermann und die ungeheure Solidarisierungswelle mit ihm in der Zeit danach waren der wohl entscheidende Riss im moralischen Fundament der DDR – Haarriss in der Mauer, die 13 Jahre später stürzte.
Dieser Wolf Biermann hat vor wenigen Monaten in der »New York Times« über das heutige Deutschland geschrieben, über die Gereiztheit, den Hass, die Verzagtheit heute. »Die Gefahren im Streit der Welt waren immer groß«, hat er geschrieben. »Aber die größte Gefahr ist unsere Mutlosigkeit.« Wir brauchen Mut, auch zum Fehlermachen. Und der Dichter lobt euphorisch den größten Fehler, den seine gute Freundin, die Bundeskanzlerin Angela Merkel, vor drei Jahren gemacht hat, als sie den Flüchtenden die Einreise nach Deutschland ermöglichte: »Dieser wunderbare Fehler brachte Angela Merkel persönlich in aller Welt Sympathien ein. Ihre mutige Entscheidung hat dem Ansehen der Deutschen mindestens so genützt wie nach der Nazizeit das weltweit bewunderte Wirtschaftswunder.«
Wenn man heute mit Schriftstellern und Künstlern aus der Welt über die deutsche Regierungschefin spricht, hat man fast den Eindruck, aus deren Sicht wird heute ganz Deutschland von einer Erbin des guten Eisner regiert, von den Freuden der Vernunft. Sie äußern Respekt, Bewunderung, Hoffnung und so etwas wie Neid.
Der amerikanische Autor Dave Eggers, der der Welt den mitreißenden Flüchtlingsroman »Weit gegangen« geschrieben hat und den beunruhigenden Zukunftsroman der total vernetzten Welt »The Circle« und der – wenn er in diesem Jahr nicht ausgefallen wäre – gewiss ein Kandidat für den Literaturnobelpreis gewesen wäre, sagte mir vor wenigen Tagen: »Angela Merkel zählt zu den wenigen Politikern mit echtem Mut und echten Überzeugungen. Ob du mit ihrer Politik einverstanden bist oder nicht – ihre Positionen basieren auf echtem Glauben, Barmherzigkeit und einer ordentlichen Portion Furchtlosigkeit. In anderen Ländern wird Regierungspolitik ausschließlich nach politischer Berechnung, Feigheit und Fremdenfeindlichkeit ausgerichtet. Das ist der dreiköpfige Höllenhund, der die Weltpolitik beherrscht.«
Und als ich vor einigen Wochen einen der erfolgreichsten europäischen Autoren unserer Tage, den Schweden Jonas Jonasson, in Nairobi traf – am Schauplatz seines neuen Romans »Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten«, in dem eine von egomanischen Dunkelmännern beherrschte Welt von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Optimismus, Mut und Durchsetzungsstärke gerettet wird – und ihm sagte, dass ich dieser Romanfigur schon bald persönlich im Rahmen einer Feierstunde begegnen werde – da lachte er, schnappte sich einen Stift und ein Buch und schrieb hinein: »Dear Chancellor Merkel: You are the world's hope for a decent future. Please do as I suggest in my book: stay steady! Best regards, Jonas Jonasson.« Ich soll Ihnen das mitbringen, liebe Frau Merkel, frisch aus Nairobi, als Geschenk und als Ermutigung.
Wir wissen alle: Aus der Nähe sieht das alles gerade etwas anders aus. Und hört sich etwas anders an. Es gibt viel Zerrissenheit in diesem Land und Häme, Ressentiment, Angst, Aggression, Hass, Sehnsucht zurück in dunkle Regionen der Vergangenheit und einen allgemeinen Unwillen, anderen zuzuhören.
Eine Erzählung der Zukunft, die über die jeweils nächste Wahl hinausweist.
Ich glaube, uns fehlt heute das erzählerische, zukunftsweisende, mitreißende, einigende, das literarische Moment in der Politik. Eine Erzählung der Zukunft, die über den jeweils nächsten Tag, die nächste Wahl hinausweist. Die reine Abstraktion und Reaktion genügen nicht, den Fliehkräften auf Dauer Paroli zu bieten. Das ist nicht Traumtänzerei, sondern politische Notwendigkeit.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass ein Mann, der in seinem vorherigen Beruf Schriftsteller war, gerade mit seiner Partei von Erfolg zu Erfolg eilt. In seinem neuen Buch schreibt Robert Habeck: »Es ist nicht schwer, zynisch, populistisch und verbittert zu sein, nicht schwer zu sagen, was nicht geht, nicht schwer, andere schlechtzumachen. Trauen wir uns dagegen, offen zu bleiben, angreifbar zu sein, verletzlich zu sein und optimistisch. Das ist die wahre Herausforderung: Zuversicht.«
Natürlich ist die Logik der Fantasie und der Kunst nicht identisch mit der Logik der Politik, die brutale Niederwerfung der Münchner Räterepublik durch die Identitären von damals hat uns auch das schmerzhaft vor Augen geführt. Aber ohne diese Fantasie und deren Hörbarkeit wird es der sogenannten Realität, die ja immer in Bewegung ist, an einer humanen Richtung fehlen.
Monika Grütters hat in ihrer Trauerrede auf den Dichter der freundlichen Kanzlerübernahme, auf Günter Grass, ihren Lieblingsdichter Jean Paul zitierend gesagt: »Eine Demokratie ohne ein paar Hundert Widersprechkünstler ist undenkbar.«
Wir brauchen sie, die Widerspruchskünstler, wir brauchen eine Literatur, die sich einmischen will und die Kraft dazu hat und den Willen, von den anderen Möglichkeiten, den anderen Welten zu erzählen. Vorausschauen, statt ständig die ermüdenden Kämpfe von gestern zu kämpfen. »Seit einem Jahr beschäftigen wir uns in viel zu hohem Maße damit, ob wir beleidigt sein sollen oder nicht«, hat Angela Merkel gesagt.
Also: nach vorn den Blick! Mitreißen und erzählen. Der amerikanische Autor Richard Powers hat in seinem neuen Roman »Die Wurzeln des Lebens« über die Überzeugungskraft der Literatur geschrieben: »Wir können noch so gute Argumente haben, damit ändern wir die Einstellung der anderen nicht. Das Einzige, was so etwas kann, ist eine gute Geschichte.«
20 Jahre ist es her, dass »wir Kulturfuzzis eine große Sache« gemacht haben? Das ist wirklich lange her. Höchste Zeit für neue große Sachen. Eine Wiese – wird sich finden.
SPIEGEL-Autor Weidermann hat diese Rede am vergangenen Montag in Berlin zum 20-jährigen Bestehen des Amtes der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gehalten.
Der SPIEGEL 45/2018 -
20 jahre bundes-kultur: eine rede mit historischem background. ja - es war damals eine "große sache" - an der sich ein paar große köpfe dieser republik beteiligt haben - voller elan ...
und dieser elan ist es, den wir heute vermissen: der abschied von "unser angie" - und die wahlerfolge populistischer parteien im in- und ausland, und die vermaledeite "flüchtlingspolitik" - mit der rückkehr des cdu-kandidaten merz z.b. auf der bildfläche - das alles lähmt ein wenig einen erneuten enthusiasmus nach diesen ersten 20 jahren bundes-kultur ...
bei allem revue-passieren-lassen bleibt es einem im halse stecken: denn diese uninteressierte "öffentlichkeit" hat es nicht so mit "kultur": in den meisten gazetten wird die kultur-seite erst an 6. oder 9. stelle eingeordnet - nach sport, wirtschaft, lokalem - und oft sogar erst nach dem "vermischten - aus aller welt" und nach den "börsennachrichten" - und deshalb sicherlich oftmals überblättert: also - sagen wir es ganz offen - unter "ferner liefen" ...
"kultur" wird von den meisten otto-normalverbrauchern als "luxus" wahrgenommen - außerdem als "überflüssiges geschwafel" - als "total unwichtig" - "da kann ich auch gut drauf verzichten" ...
aber die gleichen leute sehnen sich dann nach leit"kultur" und fordern diese ein - und kritisieren die derzeitige "erinnerungs-" und "gedenk-'kultur'" - und schimpfen über "multi-'kulti'" - und merken nicht, dass diese "kultur" irgendwie schon ab und an ihren alltag durchwirkt: wenn sie zum tv-kanal "arte" oder "3sat" schalten, wenn sie "dlf kultur" hören - ja sogar, wenn sie auf der südtribüne "you'll never walk alone" anstimmen ... - oder sonntags, wenn sie beispielsweise ein "welt'kultur'erbe" zum besuch mit den kindern ansteuern ...: kino, konzert, theater - der besuch in der tropfsteinhöhle oder dem stadtarchiv: alles "kultur" ... - und der schulbesuch der kids wird maßgeblich gesteuert von der "kultusminister-konferenz" - und dem kultusministerium des jeweiligen bundeslandes ...
ich zähle das deswegen so akribisch auf, weil ich glaube, dass das vielen gar nicht bewusst ist - und die mit "kultur" nichts anzufangen wissen - und die sie gern out-sourcen wollen aus ihrem alltag: "ach - scheiß doch was auf kultur" ...