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eine große sache: 20 jahre bundes-kultur

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Eine große Sache

Warum die Politik die Kultur braucht. Eine Rede zum Jubiläum der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur. 

Von Volker Weidermann | SPIEGEL

Autor Grass, Kanzler Brandt 1971: Vor Melancholie und Verzagtheit warnen - nach GERT SCHÜTZ / AKG-IMAGES

Was der Politik oft fehlt, ist der Blick in eine Zukunft, nach der jeweils nächsten Wahl. Deswegen ist es wichtig, dass sich Kulturfuzzis in die Politik einmischen.

Kaum wa­ren die Ein­la­dun­gen für die­sen Abend in die Welt ver­schickt, klin­gel­te mein Te­le­fon. Jür­gen Flimm war dran. Er lese so­eben, rief er auf­ge­räumt in den Ap­pa­rat, dass ich auf die­ser Fest­lich­keit ein paar Wor­te sa­gen sol­le. Das sei ja sehr schön. Aber – ob ich denn auch die Sa­che mit der Wie­se wis­se? Die müs­se ich un­be­dingt er­wäh­nen. Ich, so: »Wie­se ...?« – »Jaaaaa, das weiß näm­lich kei­ner!«, so der freund­li­che Herr Flimm und fing auch schon an: »Das war vor mehr als 20 Jah­ren. Wir sa­ßen auf der Wie­se vom Man­fred Bis­sin­ger – der Gerd Schrö­der war da, Os­kar Negt, Ma­ri­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gen, Uwe-Kars­ten Heye, Gün­ter Grass und ich. Und da ha­ben wir ihm das ein­ge­quas­selt.« – »Was jetzt – ein­ge­quas­selt?« – »Na dem Schrö­der. Die Sa­che mit dem Mi­nis­te­ri­um. Grass war in Hoch­form ge­we­sen.« Und schließ­lich habe Schrö­der Ja ge­sagt. Und als er dann aber so­gleich und auf der Wie­se Flimm selbst zum Schat­ten­mi­nis­ter er­nen­nen woll­te, habe der ent­setzt ab­ge­winkt. »Ich bin doch nicht ver­rückt«, so Flimm heu­te über Flimm da­mals. Sie ha­ben dann über­legt, wer ver­rückt ge­nug sein könn­te – und rie­fen Mi­cha­el Nau­mann in New York an. Und Flimm sagt jetzt am Te­le­fon über die Wie­se da­mals und die Fol­gen: »Das war das letz­te Mal, dass wir Kul­tur­fuz­zis aus uns selbst so 'ne gro­ße Sa­che ge­macht ha­ben.«

Das letz­te Mal ...

Ich möch­te heu­te über die vor­letz­ten Male spre­chen. Ich möch­te über Ver­rück­te re­den. Über Kul­tur­fuz­zis. Und über gro­ße Sa­chen. Ich möch­te über Li­te­ra­tur re­den und dar­über, war­um die Po­li­tik sie braucht. War­um wir Er­zäh­lun­gen brau­chen. Vor­aus­leuch­ten­des. Mög­lich­keits­räu­me. Al­ter­na­ti­ven. Die Er­wei­te­rung der Welt. Mit an­de­ren Wor­ten: Ich möch­te über Bay­ern re­den.

»Wir Bay­ern sind der Sa­men ei­ner neu­en Welt«, hat­te der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent ge­sagt. Und sei­nem Volk zu­ge­ru­fen: »Alle, die rei­nen Her­zens, kla­ren Geis­tes und fes­ten Wil­lens sind, sind be­ru­fen, am neu­en Wer­ke mit­zu­ar­bei­ten. Ver­ges­sen wir, was war, und ver­trau­en wir dem, was wird. Eine neue Zeit­rech­nung be­ginnt.«

Das ist 100 Jah­re her. Kurt Eis­ner hat­te sich in der Nacht vom 7. auf den 8. No­vem­ber 1918 auf den frei­en Stuhl des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten von Bay­ern ge­setzt und sich von dem mit­ge­lau­fe­nen Teil des Vol­kes, das auf den Ab­ge­ord­ne­ten­stüh­len Platz ge­nom­men hat­te, per Ak­kla­ma­ti­on ins Amt wäh­len las­sen. Der Kö­nig von Bay­ern hat­te in der­sel­ben Nacht still und heim­lich sei­ne Re­si­denz und die Stadt ver­las­sen. Die Macht lag auf der Stra­ße. Der Schrift­stel­ler, Jour­na­list, Po­li­ti­ker Kurt Eis­ner hat sie auf­ge­ho­ben.


Mi­nis­ter­prä­si­dent Eis­ner 1918: Sa­men ei­ner neu­en Welt


Er woll­te ei­nen ra­di­ka­len Neu­an­fang. Der Krieg war ver­lo­ren. Der Frie­den muss­te ge­won­nen wer­den. »Wir grü­ßen, die un­se­re Fein­de wa­ren«, rief er bei der Re­vo­lu­ti­ons­fei­er im Münch­ner Na­tio­nal­thea­ter den Men­schen zu. Der Dich­ter und Schwär­mer und un­ab­hän­gi­ge So­zi­al­de­mo­krat Eis­ner woll­te eine hel­le, an­de­re Welt. Die völ­li­ge Zer­stö­rung des für die Ewig­keit ge­bau­ten Al­ten barg für ihn die Chan­ce ei­nes to­ta­len Neu­an­fangs. Wenn wir jetzt schon die De­mo­kra­tie ein­füh­ren, war­um nicht gleich in ih­rer ra­di­kals­ten Form? »Wir wol­len die stän­di­ge Mit­ar­beit al­ler Schaf­fen­den in Stadt und Land«, rief er sei­nen Bay­ern zu. Er wünsch­te sich per­ma­nen­te Par­ti­zi­pa­ti­on. Das Ge­spräch al­ler mit al­len. Kom­mu­ni­ka­ti­ves Han­deln. Die bes­te Lö­sung ent­steht, so war er si­cher, wenn wir mit­ein­an­der re­den.

Eis­ner muss­te das al­les nicht neu er­fin­den. Er hat sein Re­gie­rungs­pro­gramm in der Li­te­ra­tur ge­fun­den, in den Kon­zert­sä­len ge­hört. Bei Goe­the, Höl­der­lin, Shake­speare, Schil­ler und Walt Whit­man ge­le­sen, bei Beet­ho­ven ge­hört. Frei­heit, Men­schen­freund­lich­keit, Ei­nig­keit, Hel­lig­keit. Bru­no Wal­ter hat­te die Leo­no­ren-Ou­ver­tü­re di­ri­giert, in je­nem No­vem­ber in Mün­chen. Und Mi­nis­ter­prä­si­dent Eis­ner in­ter­pre­tier­te so­gleich: »Das Kunst­werk, das wir eben ge­hört, schafft in pro­phe­ti­scher Vor­aus­sicht die Wirk­lich­keit, die wir eben er­lebt.« Beet­ho­ven, ein bay­ri­scher Rä­te­re­vo­lu­tio­när. Ob er das ge­ahnt hat?

Aber manch­mal hat das Le­ben ein­fach et­was mit dir vor. Manch­mal ver­selbst­stän­digt sich ein Text, ein Ge­dicht oder der Dich­ter selbst. Der wel­ten­fer­ne Ster­nen­dich­ter Rai­ner Ma­ria Ril­ke hät­te viel­leicht auch noch we­ni­ge Wo­chen zu­vor nicht da­mit ge­rech­net, dass er – von En­thu­si­as­mus, Auf­bruchs­lust, Er­neue­rungs­fu­ror und Zu­hö­r­er­freu­de ge­trie­ben – kei­ne re­vo­lu­tio­nä­re Ver­samm­lung in den Münch­ner Bier­kel­lern je­ner Tage ver­pas­sen wür­de. Dass er mit­ge­ris­sen wer­den könn­te von – Po­li­tik! »Die Kunst ist die Ver­spre­che­rin der über­nächs­ten Zu­kunft«, schrieb er. Und am hells­ten und frei­es­ten leuch­tet ihr Ver­spre­chen, wenn der Künst­ler selbst, beim Schrei­ben, Kom­po­nie­ren, Ma­len, gar nichts da­von ahnt.

Es geht um die Welt, die noch nicht ist. Es geht dar­um, nicht zu kla­gen, sich in sich selbst zu­rück­zu­zie­hen, über­all Un­ter­gang zu se­hen, ge­reizt zu sein, hä­misch, die Welt an­zu­kla­gen, weil sie nicht in dei­nem Sin­ne ein­ge­rich­tet ist, son­dern im­mer nur im Sin­ne der an­de­ren, der Fal­schen.

Es geht auch heu­te dar­um, die rich­ti­gen Bü­cher zu le­sen und zu schrei­ben. Sich nicht in die­se ver­lo­cken­de Dun­kel­heit hin­ab­zie­hen zu las­sen. An die gu­ten Tra­di­tio­nen zu er­in­nern. Die Hoff­nun­gen und Auf­brü­che. Viel zu viel wird auch in die­sem Jahr an das vor hun­dert Jah­ren er­schie­ne­ne Un­heils­buch »Der Un­ter­gang des Abend­lan­des« von Os­wald Speng­ler er­in­nert, der so lan­ge und in­ten­siv und mit aus­schließ­lich auf das Ne­ga­ti­ve ge­rich­te­tem Blick den Nie­der­gang der west­li­chen Kul­tur be­schrieb, dass ihm und sei­nen Le­sern am Ende »ein neu­er Cä­sar« als Er­lö­sung er­schei­nen muss­te. Wie we­nig da­ge­gen re­den wir von dem Ge­gen­buch, das auch vor hun­dert Jah­ren er­schie­nen ist, Ernst Blochs »Geist der Uto­pie«. Die­ses fa­mo­se Er­mu­ti­gungs­buch, das aus der Dun­kel­heit der Zeit ein­fach ei­nen Auf­ruf an sich und sei­ne Le­ser form­te: »Ich bin schul­dig, nicht die an­de­ren und wenn sie dun­kel sind, so habe ich ih­nen nicht ge­nug ge­leuch­tet.«

Oh, er wäre auch ein gu­tes Ka­bi­netts­mit­glied in Eis­ners Traum­re­gie­rung ge­we­sen. Aber das Un­heil von da­mals hät­te wohl auch er nicht ver­hin­dern kön­nen. Den Hohn und Spott und Hass, den Eis­ner ern­te­te. Und schließ­lich die­ses Wahl­er­geb­nis, das viel­leicht selbst ei­nen am­tie­ren­den baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten von heu­te zum Rück­tritt be­wegt hät­te: 2,5 Pro­zent der Stim­men wa­ren auf den selbst er­nann­ten Volks­tri­bu­nen Kurt Eis­ner und sei­ne Par­tei ent­fal­len. Will­kom­men in der Wirk­lich­keit! Das war wirk­lich ein De­sas­ter der dich­te­ri­schen Po­li­tik.
Es geht darum, an die guten Traditionen zu erinnern. Die Hoffnungen und Aufbrüche.
Aber als er dann kurz dar­auf er­schos­sen wur­de und ihn Mün­chen im Tode plötz­lich zu lie­ben schien und die gan­ze Stadt ihn zu Gra­be trug, da schrieb Hein­rich Mann über das un­ter­ge­gan­ge­ne Re­gime der Dich­ter: »Die hun­dert Tage der Re­gie­rung Eis­ner ha­ben mehr Ide­en, mehr Freu­den der Ver­nunft, mehr Be­le­bung der Geis­ter ge­bracht als die fünf­zig Jah­re vor­her.«

Sie ka­men zu früh, sie wa­ren die Ers­ten, sie hat­ten kei­ne Blau­pau­se für ihre Ex­pe­ri­men­te au­ßer­halb der Kunst, sie mach­ten tau­send Feh­ler – auch die Uto­pis­ten un­ter dem herr­li­chen Ernst Tol­ler, die bald auf die Eis­ner-Re­gie­rung folg­ten. Ja. Aber sie ha­ben die Geis­ter be­lebt. Sie hat­ten Mut zu neu­en Ide­en. Sie kann­ten die »Freu­den der Ver­nunft«. Sie leuch­ten uns, wie alle gro­ße Kunst, bis heu­te vor­an.

Und wir ha­ben vie­le Jah­re spä­ter in die­sem Land die Kraft der ein­grei­fen­den, der vor­aus­dich­ten­den Li­te­ra­tur er­lebt. Man muss sich den Brief­wech­sel ein­mal an­schau­en, den der ehe­ma­li­ge Emi­grant Wil­ly Brandt und der Schrift­stel­ler Gün­ter Grass mit­ein­an­der führ­ten. Wie der Au­tor sei­nen Kanz­ler an die Hand – man kann auch sa­gen: in Gei­sel­haft – nimmt, vor Me­lan­cho­lie und Ver­zagt­heit warnt, hier die Rede zur Lage der Na­ti­on vor­for­mu­liert, dort die Ka­bi­netts­lis­te der ers­ten so­zi­al­li­be­ra­len Re­gie­rung ent­wirft, un­lieb­sa­me Mi­nis­ter streicht. Wie er dann ent­setzt fest­stel­len muss, dass ihm ein Kul­tur­staats­amt, wie er es sich da­mals für sich selbst wünsch­te, vom fri­schen Kanz­ler Wil­ly ein­fach ver­wei­gert wird – der sei­nem Dich­ter statt­des­sen an­bot, ihn im Na­men der Bun­des­re­gie­rung in »deut­sche Sied­lungs­ge­bie­te in La­tein­ame­ri­ka« und zu kul­tu­rell in­ter­es­sier­ten Aus­wan­de­rern in Aus­tra­li­en zu schi­cken. »Das wie­der­um«, schrieb ein kon­ster­nier­ter Grass zu­rück, habe für ihn »das Be­klem­men­de ei­nes Alb­traums«. Er hat­te wohl be­merkt, dass sich der frisch ge­wähl­te Kanz­ler et­was Luft ver­schaf­fen woll­te, von die­sem Dich­ter, der ihn ge­ka­pert hat­te.

Aber er ließ sich nicht ab­schüt­teln, und auch das le­sen wir in den Brie­fen der bei­den, wie Gün­ter Grass sei­nen Kanz­ler zu der viel­leicht wich­tigs­ten sym­bo­li­schen Ges­te an­stif­te­te, die ein deut­scher Re­gie­rungs­chef in der Nach­kriegs­zeit un­ter­nom­men hat. Die das neue, hel­le Deutsch­land für alle Welt sicht­bar mach­te: dem Knie­fall von War­schau. »Es wäre«, schreibt Grass sei­nem Kanz­ler vor des­sen Be­such in der pol­ni­schen Haupt­stadt, »ein nicht wie­der­gut­zu­ma­chen­der Feh­ler, wenn die Un­ter­zeich­nung des Ver­tra­ges in üb­li­cher Glät­te und in­ner­halb des ge­wohn­ten Pro­to­kolls von­stat­ten­gin­ge.«

Als der Kanz­ler dann vor dem Mahn­mal des Get­to-Auf­stands nie­der­sinkt, ist Grass, der mit­ge­reist ist, er­schüt­tert wie alle. Er hat­te nur die An­re­gung für eine gro­ße Ges­te ge­ge­ben. Die Ges­te selbst war Wil­ly Brandts ur­ei­ge­ne. Aber Grass weiß auch, dass man ein Sym­bol mit Le­ben, mit ei­ner Er­zäh­lung, fül­len muss – und so schreibt er kurz nach dem Be­such wie­der an sei­nen Kanz­ler, dass für den Fall, dass die­ser »mit ein­fa­chen Wor­ten über den Sinn sei­nes Knie­falls zu spre­chen be­reit wäre« –, er hier schon mal »in Stich­wor­ten ei­nen Ent­wurf« mit­schi­cke: die Er­zäh­lung von Schuld und Reue ei­nes Lan­des. Brandt nahm dank­bar an – und muss­te das dich­te­risch Vor­for­mu­lier­te nur noch aus­spre­chen.

Von der Spreng­kraft des Dich­te­ri­schen er­zählt auch eine ganz an­de­re Ge­schich­te, von hier im Os­ten, dies­seits der Mau­er. Die Mi­nis­te­rin für Volks­bil­dung der DDR war – mit blau­em Haar und dunk­ler Ent­schlos­sen­heit – die zwei Stock­wer­ke in der Chaus­see­stra­ße 131 em­por­ge­stie­gen. Zu dem ge­fähr­lichs­ten Dich­ter des Lan­des: »Ach Wolf«, sag­te sie, »wenn du wei­ter den fal­schen Weg gehst, wer­den wir Fein­de. Aber wenn du den rich­ti­gen Weg gehst, mit uns, dann kannst du un­ser größ­ter Dich­ter wer­den.«

Wolf Bier­mann ist den Weg mit ihr, mit Mar­got Hone­cker, nicht mit­ge­gan­gen. Er ging sei­nen ei­ge­nen Weg. Ein Jahr spä­ter wur­den ihm alle Auf­trit­te ver­bo­ten. Man woll­te ihn iso­lie­ren und zum Schwei­gen brin­gen. Doch da er nicht in der Welt sin­gen konn­te, kam die Welt zu ihm. In sei­ne bald schon le­gen­dä­re Kon­zert­woh­nung in der Chaus­see­stra­ße. Und als er – zwölf Jah­re nach Mar­got Hone­ckers mah­nen­dem Be­such – für ein Kon­zert in den Wes­ten durf­te, lie­ßen sie ihn nicht wie­der zu­rück. Die Aus­bür­ge­rung des Dich­ters Wolf Bier­mann und die un­ge­heu­re So­li­da­ri­sie­rungs­wel­le mit ihm in der Zeit da­nach wa­ren der wohl ent­schei­den­de Riss im mo­ra­li­schen Fun­da­ment der DDR – Haar­riss in der Mau­er, die 13 Jah­re spä­ter stürz­te.

Die­ser Wolf Bier­mann hat vor we­ni­gen Mo­na­ten in der »New York Times« über das heu­ti­ge Deutsch­land ge­schrie­ben, über die Ge­reizt­heit, den Hass, die Ver­zagt­heit heu­te. »Die Ge­fah­ren im Streit der Welt wa­ren im­mer groß«, hat er ge­schrie­ben. »Aber die größ­te Ge­fahr ist un­se­re Mut­lo­sig­keit.« Wir brau­chen Mut, auch zum Feh­ler­ma­chen. Und der Dich­ter lobt eu­pho­risch den größ­ten Feh­ler, den sei­ne gute Freun­din, die Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, vor drei Jah­ren ge­macht hat, als sie den Flüch­ten­den die Ein­rei­se nach Deutsch­land er­mög­lich­te: »Die­ser wun­der­ba­re Feh­ler brach­te An­ge­la Mer­kel per­sön­lich in al­ler Welt Sym­pa­thi­en ein. Ihre mu­ti­ge Ent­schei­dung hat dem An­se­hen der Deut­schen min­des­tens so ge­nützt wie nach der Na­zi­zeit das welt­weit be­wun­der­te Wirt­schafts­wun­der.«

Wenn man heu­te mit Schrift­stel­lern und Künst­lern aus der Welt über die deut­sche Re­gie­rungs­che­fin spricht, hat man fast den Ein­druck, aus de­ren Sicht wird heu­te ganz Deutsch­land von ei­ner Er­bin des gu­ten Eis­ner re­giert, von den Freu­den der Ver­nunft. Sie äu­ßern Re­spekt, Be­wun­de­rung, Hoff­nung und so et­was wie Neid.

Der ame­ri­ka­ni­sche Au­tor Dave Eg­gers, der der Welt den mit­rei­ßen­den Flücht­lings­ro­man »Weit ge­gan­gen« ge­schrie­ben hat und den be­un­ru­hi­gen­den Zu­kunfts­ro­man der to­tal ver­netz­ten Welt »The Cir­cle« und der – wenn er in die­sem Jahr nicht aus­ge­fal­len wäre – ge­wiss ein Kan­di­dat für den Li­te­ra­tur­no­bel­preis ge­we­sen wäre, sag­te mir vor we­ni­gen Ta­gen: »An­ge­la Mer­kel zählt zu den we­ni­gen Po­li­ti­kern mit ech­tem Mut und ech­ten Über­zeu­gun­gen. Ob du mit ih­rer Po­li­tik ein­ver­stan­den bist oder nicht – ihre Po­si­tio­nen ba­sie­ren auf ech­tem Glau­ben, Barm­her­zig­keit und ei­ner or­dent­li­chen Por­ti­on Furcht­lo­sig­keit. In an­de­ren Län­dern wird Re­gie­rungs­po­li­tik aus­schließ­lich nach po­li­ti­scher Be­rech­nung, Feig­heit und Frem­den­feind­lich­keit aus­ge­rich­tet. Das ist der drei­köp­fi­ge Höl­len­hund, der die Welt­po­li­tik be­herrscht.«

Und als ich vor ei­ni­gen Wo­chen ei­nen der er­folg­reichs­ten eu­ro­päi­schen Au­to­ren un­se­rer Tage, den Schwe­den Jo­nas Jo­nas­son, in Nai­ro­bi traf – am Schau­platz sei­nes neu­en Ro­mans »Der Hun­dert­jäh­ri­ge, der zu­rück­kam, um die Welt zu ret­ten«, in dem eine von ego­ma­ni­schen Dun­kel­män­nern be­herrsch­te Welt von der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel mit Op­ti­mis­mus, Mut und Durch­set­zungs­stär­ke ge­ret­tet wird – und ihm sag­te, dass ich die­ser Ro­man­fi­gur schon bald per­sön­lich im Rah­men ei­ner Fei­er­stun­de be­geg­nen wer­de – da lach­te er, schnapp­te sich ei­nen Stift und ein Buch und schrieb hin­ein: »Dear Chan­cel­lor Mer­kel: You are the worl­d's hope for a de­cent fu­ture. Plea­se do as I sug­gest in my book: stay steady! Best re­gards, Jo­nas Jo­nas­son.« Ich soll Ih­nen das mit­brin­gen, lie­be Frau Mer­kel, frisch aus Nai­ro­bi, als Ge­schenk und als Er­mu­ti­gung.

Wir wis­sen alle: Aus der Nähe sieht das al­les ge­ra­de et­was an­ders aus. Und hört sich et­was an­ders an. Es gibt viel Zer­ris­sen­heit in die­sem Land und Häme, Res­sen­ti­ment, Angst, Ag­gres­si­on, Hass, Sehn­sucht zu­rück in dunk­le Re­gio­nen der Ver­gan­gen­heit und ei­nen all­ge­mei­nen Un­wil­len, an­de­ren zu­zu­hö­ren.

Eine Erzählung der Zukunft, die über die jeweils nächste Wahl hinausweist.

Ich glau­be, uns fehlt heu­te das er­zäh­le­ri­sche, zu­kunfts­wei­sen­de, mit­rei­ßen­de, ei­ni­gen­de, das li­te­ra­ri­sche Mo­ment in der Po­li­tik. Eine Er­zäh­lung der Zu­kunft, die über den je­weils nächs­ten Tag, die nächs­te Wahl hin­aus­weist. Die rei­ne Abs­trak­ti­on und Re­ak­ti­on ge­nü­gen nicht, den Flieh­kräf­ten auf Dau­er Pa­ro­li zu bie­ten. Das ist nicht Traum­tän­ze­rei, son­dern po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit.

Viel­leicht ist es kein Zu­fall, dass ein Mann, der in sei­nem vor­he­ri­gen Be­ruf Schrift­stel­ler war, ge­ra­de mit sei­ner Par­tei von Er­folg zu Er­folg eilt. In sei­nem neu­en Buch schreibt Ro­bert Ha­beck: »Es ist nicht schwer, zy­nisch, po­pu­lis­tisch und ver­bit­tert zu sein, nicht schwer zu sa­gen, was nicht geht, nicht schwer, an­de­re schlecht­zu­ma­chen. Trau­en wir uns da­ge­gen, of­fen zu blei­ben, an­greif­bar zu sein, ver­letz­lich zu sein und op­ti­mis­tisch. Das ist die wah­re Her­aus­for­de­rung: Zu­ver­sicht.«

Na­tür­lich ist die Lo­gik der Fan­ta­sie und der Kunst nicht iden­tisch mit der Lo­gik der Po­li­tik, die bru­ta­le Nie­der­wer­fung der Münch­ner Rä­te­re­pu­blik durch die Iden­ti­tä­ren von da­mals hat uns auch das schmerz­haft vor Au­gen ge­führt. Aber ohne die­se Fan­ta­sie und de­ren Hör­bar­keit wird es der so­ge­nann­ten Rea­li­tät, die ja im­mer in Be­we­gung ist, an ei­ner hu­ma­nen Rich­tung feh­len.

Mo­ni­ka Grüt­ters hat in ih­rer Trau­er­re­de auf den Dich­ter der freund­li­chen Kanz­ler­über­nah­me, auf Gün­ter Grass, ih­ren Lieb­lings­dich­ter Jean Paul zi­tie­rend ge­sagt: »Eine De­mo­kra­tie ohne ein paar Hun­dert Wi­der­sprech­künst­ler ist un­denk­bar.«

Wir brau­chen sie, die Wi­der­spruchs­künst­ler, wir brau­chen eine Li­te­ra­tur, die sich ein­mi­schen will und die Kraft dazu hat und den Wil­len, von den an­de­ren Mög­lich­kei­ten, den an­de­ren Wel­ten zu er­zäh­len. Vor­aus­schau­en, statt stän­dig die er­mü­den­den Kämp­fe von ges­tern zu kämp­fen. »Seit ei­nem Jahr be­schäf­ti­gen wir uns in viel zu ho­hem Maße da­mit, ob wir be­lei­digt sein sol­len oder nicht«, hat An­ge­la Mer­kel ge­sagt.

Also: nach vorn den Blick! Mit­rei­ßen und er­zäh­len. Der ame­ri­ka­ni­sche Au­tor Ri­chard Powers hat in sei­nem neu­en Ro­man »Die Wur­zeln des Le­bens« über die Über­zeu­gungs­kraft der Li­te­ra­tur ge­schrie­ben: »Wir kön­nen noch so gute Ar­gu­men­te ha­ben, da­mit än­dern wir die Ein­stel­lung der an­de­ren nicht. Das Ein­zi­ge, was so et­was kann, ist eine gute Ge­schich­te.«

20 Jah­re ist es her, dass »wir Kul­tur­fuz­zis eine gro­ße Sa­che« ge­macht ha­ben? Das ist wirk­lich lan­ge her. Höchs­te Zeit für neue gro­ße Sa­chen. Eine Wie­se – wird sich fin­den.

SPIEGEL-Au­tor Wei­der­mann hat die­se Rede am ver­gan­ge­nen Mon­tag in Ber­lin zum 20-jäh­ri­gen Be­ste­hen des Am­tes der Be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Me­di­en ge­hal­ten.

Der SPIEGEL 45/2018 -  


20 jahre bundes-kultur: eine rede mit historischem background. ja - es war damals eine "große sache" - an der sich ein paar große köpfe dieser republik beteiligt haben - voller elan ...

und dieser elan ist es, den wir heute vermissen: der abschied von "unser angie" - und die wahlerfolge populistischer parteien im in- und ausland, und die vermaledeite "flüchtlingspolitik" - mit der rückkehr des cdu-kandidaten merz z.b. auf der bildfläche - das alles lähmt ein wenig einen erneuten enthusiasmus nach diesen ersten 20 jahren bundes-kultur ...

bei allem revue-passieren-lassen bleibt es einem im halse stecken: denn diese uninteressierte "öffentlichkeit" hat es nicht so mit "kultur": in den meisten gazetten wird die kultur-seite erst an 6. oder 9. stelle eingeordnet - nach sport, wirtschaft, lokalem - und oft sogar erst nach dem "vermischten - aus aller welt" und nach den "börsennachrichten" - und deshalb sicherlich oftmals überblättert: also - sagen wir es ganz offen - unter "ferner liefen" ...

"kultur" wird von den meisten otto-normalverbrauchern als "luxus" wahrgenommen - außerdem als "überflüssiges geschwafel" - als "total unwichtig" - "da kann ich auch gut drauf verzichten" ...

aber die gleichen leute sehnen sich dann nach leit"kultur" und fordern diese ein - und kritisieren die derzeitige "erinnerungs-" und "gedenk-'kultur'" - und schimpfen über "multi-'kulti'" - und merken nicht, dass diese "kultur" irgendwie schon ab und an ihren alltag durchwirkt: wenn sie zum tv-kanal "arte" oder "3sat" schalten, wenn sie "dlf kultur" hören - ja sogar, wenn sie auf der südtribüne "you'll never walk alone" anstimmen ... - oder sonntags, wenn sie beispielsweise ein "welt'kultur'erbe" zum besuch mit den kindern ansteuern ...: kino, konzert, theater - der besuch in der tropfsteinhöhle oder dem stadtarchiv: alles "kultur" ...  - und der schulbesuch der kids wird maßgeblich gesteuert von der "kultusminister-konferenz" - und dem kultusministerium des jeweiligen bundeslandes ...

ich zähle das deswegen so akribisch auf, weil ich glaube, dass das vielen gar nicht bewusst ist - und die mit "kultur" nichts anzufangen wissen - und die sie gern out-sourcen wollen aus ihrem alltag: "ach - scheiß doch was auf kultur" ...





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