9. November 1938
"Reichskristallnacht" oder "Novemberpogrom"
Ein sematischer Streit, der es in sich hat
Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als SA und SS Synagogen anzündeten, jüdische Geschäfte verwüsteten und viele Bürger ermordeten, jährt sich heute zum 80. Mal. Noch immer sind nicht alle Vorgänge jener Nacht aufgeklärt. Und um den Begriff der »Reichspogromnacht« wird (wieder) eine Debatte geführt.
So bedürfen sogar die nackten Zahlen weiterer Forschung. Dennoch hat sich diesbezüglich einiges getan: Noch vor wenigen Jahren ging man von reichsweit 91 Toten aus, womit sogar noch zum 50. Jahrestag 1988 jüdische Institutionen wie das Simon-Wiesenthal-Center der NS-Sicherheitspolizei auf den Leim gingen. Jetzt aber kommt eine neue Studie allein auf dem Territorium des heutigen NRW auf 127 ermordete Juden.
Die der Jerusalemer Organisation Beth Ashkenaz eingegliederte Synagogue Memorial zählt – sicher zu Recht – anders: Nicht nur jene jüdischen Bürger, die der Mob am 9. November unmittelbar erschoss, erstach oder ertränkte (mindestens 400), sondern auch die Selbstmorde jener Nacht sowie schließlich diejenigen, die damals ins KZ abtransportiert und dort umgebracht wurden, gehören auf die Liste der Opfer. Synagogue Memorial beziffert also die Zahl der Toten auf 1300 bis 1500.
Das alles zeigt bereits, dass am 9. November 1938 keineswegs nur das Glas der Schaufensterscheiben in fast 6000 Läden zu Bruch ging. Trotzdem kursierte damals gleich das Wort von der »Reichskristallnacht«, das erst in den 80er Jahren durch den Begriff »Reichspogromnacht« ersetzt wurde. Verdienstvoll: Das NS-Dokumentationszentrum Topographie des Terrors in Berlin regt jetzt endlich eine Debatte über dieses »Pogrom«-Wort an – in der Ausstellung »Kristallnacht« (bis 3. März).
Die gängige Argumentation lautet: Weil damals erstens Menschen verfolgt und getötet wurden, sei die Bezugnahme auf splitterndes Glas/Kristall unangemessen – wer von der »Reichskristallnacht« spreche, verharmlose das Ereignis. Zweitens verfalle man in diesem Fall in den Nazi-Jargon – schließlich habe Propagandaminister Goebbels die »Reichskristallnacht« erfunden.
Beides ist falsch.
Schon in Pressetexten gerät einiges durcheinander. Gestern wieder (aber nicht nur da) schreibt die Deutsche Presseagentur, Goebbels habe nach dem 9. November von einer »spontanen Welle des Volkszorns« gesprochen – nur um wenige Zeilen später zu behaupten, der Begriff »Reichskristallnacht« sei von den Nazis übernommen worden. Tatsächlich existiert nur eine einzige Tonaufnahme, in der ein NS-Funktionär das Kristall-Wort benutzt: der Düsseldorfer SS-Brigadeführer Wilhelm Börger. Dies geschah aber erst im Juni 1939, gut sieben Monate nach dem Ereignis. Am wahrscheinlichsten ist, dass die Nazis eine Wortbildung der – zu Goebbels’ großem Ärger regimekritischen – Berliner übernahmen. Das vermutete schon der Sprachexperte Dolf Sternberger, der im »Wörterbuch des Unmenschen« über die Lingua Tertii Imperii informierte.
Den Sprachwitz, wie er sich im Kristall-Wort offenbart, besaß das NS-Regime gar nicht. Vor allem die Vorsilbe »Reichs-« nimmt frech die Manie auf die Schippe, alle NS-Institutionen als »reichs«- bezogen zu adeln – bis hin zum völlig ernst gemeinten Reichsvollkornbrotausschuss. Mit der im Volk verbreiteten Titulierung der in Filmen tragisch endenden Schauspielerin Kristina Söderbaum als »Reichswasserleiche« findet sich ein weiteres schönes Beispiel für den kritischen Humor von unten. So wie man offen ansprach, dass Goebbels’ Reichs(!)- filmkammer den deutschen Film gängelte, so wusste man und zeigte es auch, wer für den Terror des 9. Novembers verantwortlich war.
Noch etwas: Es gibt keine Wörter aus dem Russischen, die Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben. Ausnahme: »Der Rubel muss rollen.« Ausgerechnet für das nationalsozialistische – mitnichten russische! – Verbrechen aber soll nun das »Pogrom« (russisch für »Verwüstung«) herhalten. Das verschleiert nur die Identität des Verbrechers, und offenbar soll es das auch. In den 50er Jahren konnten sich deutsche Historiker das Grauen der zwölf furchtbaren Jahre nur als Einbruch »asiatischer« Grausamkeit in die »Hochkultur« des Deutschen erklären, eine realitätsferne Ansicht, die Ernst Nolte im Historikerstreit der 80er Jahre mit dem Diktum von der »asiatischen Tat« noch einmal wiederbelebte.
1978 forderte als Erster der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Thüsing, den 9. November 1938 fortan als »Reichspogromnacht« zu bezeichnen; seit 1988 ist diese Vorspiegelung falscher Tatsachen Standard. Die Engländer, dies nur nebenbei, bleiben bei der »crystal night«, die Franzosen bei der »nuit de crystal«, die Italiener bei der »notte dei cristalli«.
»Judenaktion« oder »spontaner Volkszorn« – das war Nazi-Vokabular. Die »Reichskristallnacht« hingegen »war eine offensichtliche Verhöhnung der Nationalsozialisten und des NS-Staates« schrieb 1988 der jüdische Historiker Michael Wolffsohn. Die Berliner Wortschöpfung habe »Widerwillen« gegen das Regime bekundet. Die Bevölkerung »zeigte leider nicht Widerstand«. Der wäre wünschenswert gewesen, doch es habe ja schon am Widerwillen gemangelt. Um so wertvoller das Beispiel Reichskristallnacht. »Das bißchen Kerzenlicht in dunkelster Zeit sollten wir nicht auch noch freiwillig nachträglich ausblasen.«
(dpa/WB/mzh) - WESTFALEN-BLATT - Nr. 260, Freitag, 9. November 2018, S. 23
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ja: deutsche sprache - schwere sprache: gerade mit den mittlerweile fast "verbrannten" begriffen aus der nazi-zeit tut man sich heutzutage schwer: das ist ja auch beispielsweise bei "euthanasie" der fall, das wort vom "glücklichen tod" und von einer humanen "sterbehilfe", das von den nazi's einfach für ihre massenmorde an kranken menschen aus der bedeutung gerissen und adaptiert und verharmlost wurde.
hier ist es nun noch etwas anders:
da wurde ein verächtlich und abwertend gemeinter ausdruck aus dem berliner milljöh für diese schreckliche nacht nachträglich zur nazibraunen amtssprache deklariert - und die beflissenen political-correctness-hochsprach-kommissare in den deutschen amtsstuben und universitäten schufen dann in den 80er jahren den begriff "reichs"- oder "november-pogromnacht" - und seitdem steht nun ein ur-russischer begriff für diese menschenverachtenden treibjagden - und jüngst auch wieder in chemnitz und bei dem ganzen bohei um herrn maaßen hat man sich gestritten, ob das nun "pogromähnliche menschenjagden" auf ausländer waren - oder eben doch (noch) nicht ...: und ab wann und unter welchen kriterien dieser ausdruck zu rechtfertigen ist - oder eben nicht ...
wir sollten uns mit diesen sprachlichen spitzfindigkeiten nicht ablenken lassen von den eigentlichen taten und den tatsächlichen wirklichkeiten "in real life": nämlich wie es ohne mails und ohne soziale internet-netzwerke 1938 möglich war in 2000 deutschen ortschaften über das ganze "reich" verteilt in einer verabredeten nacht gleichzeitig diese verwüstungen und menschenverachtenden treibjagden und morde anzuzetteln und zu begehen, zeigt schon, dass es einer aufgehetzten und gleichgeschalteten mittrottenden volksmasse bedarf, die das innerlich überzeugt mittrug und auch "tat-sächlich" ausführte - eben im schutze dieser masse und der anonymität - eine entfachte massenhysterie, die dann keine grenzen mehr kannte ...
das zeigt aber auch, wie eine solche massenbewegung im nu gelenkt und verführt werden kann - heute vielleicht noch eher und leichter als damals ...
und lese >> hier den gegenentwurf zur "massenhysterie" in spiegel-online von heute ...