POSTMODERNE
Die Gräuel der Selbstverwirklichung
Vom Feuchtgebiet ins Minenfeld: Ausgerechnet Charlotte Roche spricht sich gegen Selbstverwirklichung aus. Sie verstößt damit gegen ein Glaubensprinzip der Postmoderne. Und ist sich einig mit Houellebecq.
Von Matthias Heine
Das Todesurteil kam aus dem Munde einer Person, von der man das nicht unbedingt erwartet hätte: „Ich bin sehr gegen Selbstverwirklichung“, hat ausgerechnet die Moderatorin, Bestsellerautorin und Feuchtgebietsforscherin Charlotte Roche gesagt. Um der Wahrheit Genüge zu tun: Sie will die Selbstverwirklichung nicht wirklich liqudieren, sondern nur für lange Zeit verbieten.
Der vollständige Satz lautete: „Ich bin sehr gegen Selbstverwirklichung in der Zeit, in der man Kinder hat.“ Zu ihren Eltern, die offenbar rücksichtlose Selbstverwirklichungsdrachen waren – eine Spezies, die sich seit den Sechzigerjahren verbreitete wie eine Landplage –, hat sie deshalb nach jahrelanger Therapie den Kontakt abgebrochen.
Wenn Menschen durch Therapie zu Arschlöchern werden
Interessant ist das auch, weil es ja gerade Therapeuten sind, die ihren Patienten oft zur Selbstverwirklichung raten. Unter Stadtneurotikern kennt doch jeder einen, der plötzlich anfängt, sich rücksichtslos, ungehemmt und blöd zu benehmen. Meist kommt dann heraus, dass er eine Therapie angefangen hat.
Es gibt in der Komödie „Reine Nervensache“ die Szene, in der der von Robert De Niro gespielte Mafiaboss zu seinem Psychiater sagt: „Wenn du mich schwul machst, bring ich dich um.“ Viel häufiger machen Psychiater Menschen zu Arschlöchern. Aber De Niros Problem ist im Film ja gerade, dass seine für einen Gangster überlebensnotwendigen Arschlochreflexe nicht mehr funktionieren.
Der Begriff Selbstverwirklichung stammt allerdings nicht aus dem Psychogewäsch der neueren Zeit, sondern aus der Philosophie. Belegen lässt er sich seit den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts bei Jacob Spengler, Kuno Fischer, Carl Ullmann und Leopold Schmidt. Allerdings meinten die Herren damit durchaus etwas anderes als wir heute: Selbstverwirklichung war für sie, dass der Mensch im idealistischen und theologischen Sinne ganz zu sich selbst kam.
An Sex, Drogen, Drachenfliegen, Gesichtstätowierungen und andere Exerzitien des modernen Selbstverwirklichungsglaubens dachten sie dabei noch nicht – Spengler war katholischer, Ullmann evangelischer Theologe, Fischer Neokantianer und Schmidt Fachmann für altgriechische Ethik.
Philosophiegeschichtlich wird diese ältere Idee der Selbstverwirklichung sogar auf die Antike zurückgeführt. Das seit den Vorsokratikern bekannte Prinzip der Eudaimonia, also eine gelungene Lebensführung nach einer philosophischen Ethik und der damit verbundene ausgeglichene Gemütszustand, wird gelegentlich so übersetzt. 1960 veröffentlichte der Pädagogiktheoretiker Wilhelm Himmerich ein Buch beispielsweise namens „Eudaimonia, die Lehre des Plotin von der Selbstverwirklichung des Menschen“.
Plotin hatte Charlotte Roche nicht im Sinne, als sie sich jetzt gegen Selbstverwirklichung auf dem Rücken der Kinder aussprach. Sie dachte an jene Bedeutung, die das Wort seit den Sechzigerjahren angenommen hat, als der Kultus des Individuums endgültig zur Massenreligion wurde. Noch die austauschbarsten Dutzendmenschen verfielen plötzlich dem Irrglauben, sie hätten ein Selbst und dieses müsse aus dem Käfig gesellschaftlicher Rücksichtnahmen befreit werden.
Der Begriff meinte nun: Ausleben der eigenen sexuellen Bedürfnisse, der Kreativitä (was auch immer damit gemeint war) und sonstiger Impulse, notfalls auch mit antisozialer Rabiatheit. Diese Befreiung aus den Fesseln des Kollektivs hatte sich seit mindestens 200 Jahren in der Kunst angedeutet, sie war im Leben aber bis dahin weitgehend auf den Künstlertypus beschränkt geblieben.
Der Kunsthistoriker Werner Hoffmann hat den Gegensatz zwischen alter und neuer Kunst so beschrieben und gefeiert: „Hier also Kult, Dogma und Piedestal, ein streng hierarchisches Gefüge – im anderen Lager die Verherrlichung des selbstgewissen Originalgenies, das Fehlen jeglichen institutionellen oder reglementierenden Denkens, Kunst als Selbstverwirklichung, nicht als Gottesdienst.“ Das ist wohl der Sound, den ein Autor des damals noch sehr linken „Kursbuchs“ verdammen wollte, als er schrieb Selbstverwirklichung sei nur eine „humanistische Phrase“.
Die Diskurskopeke des Vulgär-Reichianismus
Als seit den späten Siebzigerjahren in den westlichen Gesellschaften Marxismus und Psychoanalyse anfingen, miteinander ins Bett zu gehen, wurde Selbstverwirklichung zur massenhaften Diskurskopeke. Verkuppelt hatte die beiden großen geistigen Strömungen des 20. Jahrhunderts schon seit Jahrzehnten der kommunistische Freudianer Wilhelm Reich (dass er später Antikommunist wurde, wurde von der linken Rezeption ausgeblendet). Vulgär-Reichianismus echote in der Art, wie das Wort Selbstverwirklichung in damals viel gelesenen Befindlichkeitsbestsellern gebraucht wurde.
Volker Elis Pilgrim kritisierte 1977 genau, das was Charlotte Roche heute fordert, als er über das Schicksal der Frau als Mutter schrieb: „Sie muß endgültig von aller Selbstverwirklichung in Geist und Tat abschwören und sich für zehn bis 20 Jahre auf die Hingabe an das Kind einstellen.“ Der Gedanke, dass Mutterschaft auch eine Art von Selbstverwirklichung – mehr im Plotinschen Sinne – sein könnte, war nach dem Mutterkult der Nazis erst mal undenkbar geworden.
Den Abstieg des Begriffs aus der Philosophie-Geschichte in das Wohngemeinschaftsgelaber markiert dann sein Erscheinen im Zeitgeistbestseller „Der Tod des Märchenprinzen“ von Svende Merian 1980. In diesem lilafeministischen Beziehungsroman wird der Heldin „Kraft in erster Linie für ihre Selbstverwirklichung“ gewünscht. Daneben blieb der alte philosophische Sinn aber weiter erhalten – etwas in der „Theorie des kommunikativen Handelns“ von Jürgen Habermas. Aber die beiden Bedeutungen werden immer ununterscheidbarer.
Die Verwüstungen der sexuellen Revolution
Kritik an der Vergötzung ungehemmter Selbstverwirklichung ist seit mindestens 20 Jahren ein fester Bestandteil aller Abrechnungen mit der Kultur der 68er und Babyboomer. Die Verwüstungen, die ihre sexuelle Revolution hinterlassen hat, beschrieb – damals noch ziemlich einsam in der Wüste rufend – Michel Houellebecq in seinen ersten Romanen. „Ausweitung der Kampfzone“ und „Elementarteilchen“ sind literarisch übersteigerte Abrechnungen mit der Idee ungehemmter Selbstverwirklichung. Bei Houellebecq endet sie mit Satanismus und dem lustvollen Abschlachten von Kindern. Der Franzose litt im wirklichen Leben unter einer ähnlichen Mutter wie Charlotte Roche.
In der polemischen Sicht solcher Modernitätsskeptiker sind Totalitarismus, Drogen, Architektur und Selbstverwirklichung die vier apokalyptischen Reiter, die das 20. Jahrhundert brutalisiert und verhässlicht haben. Sogar Steven Pinker, der der Menschheit insgesamt ein gutes Zeugnis ausstellt und 2011 in einem Buch den weltweiten Rückgang der Gewalt in der Moderne nachweisen wollte, bezeichnet die Sechziger als eine Periode des zivilisatorischen Rückschritts. Er macht die antiautoritäre, antibürgerliche Gegenkultur für den gleichzeitigen Anstieg der Gewaltkriminalität verantwortlich, die mit dem Niedergang der Gegenkultur wieder zurückgegangen sei.
Das Paradoxe war, dass in dieser Gegenkultur Selbstverwirklichung und Selbstauslöschung oft zusammengingen. In der Kommune Otto Muehls in der nach dem Motto „Wollt ihr den totalen Reich?“ Kleinfamilien und Zweierbeziehungen abgeschafft wurden oder in der „Familie“ Charles Mansons trieb gerade ein verquerer Drang nach Selbstverwirklichung die Mitglieder dazu, sich total dem Guru an der Spitze der Hierarchie zu unterwerfen. Der verwirklichte sich dann tatsächlich ziemlich radikal selbst. Selbstverwirklichung ist ein Schneeballsystem. Wenige gewinnen, viele Schwächere verlieren.
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"sie werden lachen - die bibel", meinte bertolt brecht auf die frage, welches buch für ihn das wichtigste der weltliteratur sei.
nach diesem pamphlet hier oben gegen die "selbstverwirklichungs"-bestrebungen der 68er, die ich auch die ehre hatte zu durchlaufen, fiel mir jetzt hier spontan die bibel dazu ein: und da zuerst der satz: "liebe deinen nächsten - WIE DICH SELBST!" - will ja heißen, schon vor 2000 jahren war es der historischen person jesus von nazareth in der überlieferung klar, dass die "selbst-liebe" wohl nur ein anderes wort für "selbstverwirklichung" oder deren positives prozess-ergebnis sein kann - als maßstab wie ich den "nächsten", den mitmenschen egal welcher "couleur", "lieben" lernen kann - achten kann, wahrnehmen kann: wie er sich für mich profiliert - und "gestalt" annimmt.
und übrigens: vor 2000 jahren - das ist verdammt lange vor dieser "postmoderne" ...
und da steht auch noch ein satz: "werdet wie die kinder"um in das reich gottes einzugehen - könnte auch lauten: bleibt so wie in eurer kindheit: lebt euch aus, spielt immer verschiedene möglichkeiten durch im "probehandeln" - dann findet ihr den "kompromiss" und das "licht", das euch aufgeht in der finsternis (...da ging mir ein licht auf...) - und kleine ringkämpfe und rangeleien die dazugehören im sandkasten sind noch lange kein duell auf leben und tod - und kein schützengraben im krieg ...
"selbstverwirklichung" ist also auf der einen seite "ent-wicklung" und "wachstum" - auf der anderen seite aber auch eine rückbesinnung in das eigene werden - auf das eigene ich und sosein - immer wieder neu: selbst-verwirklichung ist also auch die lebenslange geburt - das lebenslange "werden" und "suchen" und "finden" - und "irren" und "ver-irrung" und "heim-kehr" - "rück-besinnung" und "rück-führung" auf den "rechten weg" mit unserem inneren "navi": unserem von gott geschenkten und gelenkten und ausgebildeten "gewissen": das "instinktive" erspüren von "richtig" und "falsch" ...
mit so einem hoppla-hopp-otto-muehl-gegurke kann da einfach noch nicht alles erklärt sein - das kann doch nicht alles gewesen sein: da ist für mich ein "kurzschluss" in dieser abhandlungsskizze - und das an die positiven seiten der dieter duhm-denke in diesem abriss vorbeigegangen wird, ist eigentlich unverzeihlich - auch zu nennen sind z.b. namen wie fritjof capra, humberto maturana, david bohm oder auch an manch kluge weisheiten des bhagwan oder von timothy leary - die bei allem klamauk und glemmer neben ihrer eigenen "selbst-findung" bzw. "selbst-inszenierung" aber auch vielen ihrer ehemaligen sannyasin und schüler den entscheidenden lebens-startschuss mitgaben ...: ja - da versuchten schon einige damals wacker etwas "tiefer" zu gehen - und sie sind als pioniere in sozialpsychologische gefilde vorgestoßen und mit ihren ergebnissen bestimmt genauso wichtig für diesen planeten, wie die milliardenschweren nonsens performance-erkundungen des mars, bei dem es um ein paar "tote" steine geht, in denen sich vielleicht längst vertrocknetes oder verbranntes "leben" befindet ... - na - und ???