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in einer anderen haut leben

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Marie Sophie Hingst ist kein Einzelfall 
Vom prekären Begehren, „jüdisch“ zu sein

Von Caroline Fetscher | Tagesspiegel


Eine Historikerin mit gestörtem Verhältnis zur Realität ist gestorben. Mit ihrem Syndrom, das Teil eines umgekehrten Antisemitismus ist, war sie nicht allein.
frau hingst - in einer bildbearbeitung von sinedi | nach einem foto im tagesspiegel

Aus einer jüdischen Familie wollte Marie Sophie Hingst stammen. Aber das entsprach nicht den Fakten. In der Fantasie bastelte sich die junge Frau eine solche Verwandtschaft aus Fragmenten zusammen. Im virtuellen Raum des Internets präsentierte sie diese alternativen Fakten der Öffentlichkeit, meist verpackt in Anekdoten. Im analogen Raum füllte die am irischen Trinity College promovierte Historikerin für die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem Opferbögen mit den Lebensdaten von 22 erfundenen Personen aus.   

All das kam ans Licht, als eine Gruppe von Archivaren, Historikern und Genealogen dem Konstrukt auf die Spur kamen. Als Hingst darauf nur leugnend reagierte, wandte sich das Team an den Spiegel, der Ende Mai 2019 - nach einer Konfrontation des Redakteurs mit der Blog-Autorin in Dublin - die Ergebnisse des Rechercheteams veröffentlichte. Einmal bloßgestellt verstrickte Hingst sich in Widersprüche, berief sich auf die Literazität ihrer Texte und drohte Klagen an.

Es half nichts, die Diskrepanz zwischen Fiktion und Fakten lag klar zutage. Bald wurde Hingst der Ehrentitel „Bloggerin des Jahres 2017“ aberkannt, den sie für ihren Blog “Read on my dear, read on” erhalten hatte. Im Interview zur Preisverleihung wirkte sie ein bisschen, als würde sie den Kopf einziehen, und hatte ihren Glauben daran beteuert, „dass jedes einzelne Wort hilft.“

An sich hatte die Gruppe der ehrenamtlichen Rechercheure schlicht gehofft, den Betrug, der unerträglich für reale Holocaustopfer ist, diskret beenden zu können. „Wir wollten eigentlich nur, dass sie damit aufhört“, sagte der Altphilologe und Genealoge Ingo Paul der Märkischen Allgemeinen Zeitung Anfang Juni „Wir wollten kein Leben oder keine Karriere zerstören, aber jetzt scheint es doch so zu sein.“

Das Phänomen ist oft Symptom für eine anders gelagerte Störung

Und jetzt hat sich Marie Sophie Hingst offenbar das Leben genommen. Sie wurde, wie die Irish Times berichtete, am 17. Juli in ihrer Wohnung in Irland tot aufgefunden. Deren Berlin-Korrespondent, Derek Scally, hatte Hingst nach der Aufdeckung getroffen, und sie, alarmiert durch ihr agitiertes Auftreten, zu instabil gefunden, um über sie zu berichten. Freunde, ein Mediziner und ein Psychologe, hatten ihn darüber aufgeklärt, „das Phänomen jüdisch sein zu wollen“ sei durchaus auch unter anderen nichtjüdischen Deutschen anzutreffen, und oft Symptom für eine anders gelagerte Störung.

Ein Fall aus dem eigenen Erleben, um 1974 herum. Ein älterer Herr, etwa Jahrgang 1910, hatte seine Wohnung in Süddeutschland dekoriert mit Judaica, Chanukka-Leuchtern, Davidsternen, alles legte den Eindruck nahe, er sei jüdisch. Ein Besucher, der ihn mitfühlend darauf ansprach, fragte direkt: „Und wie haben Sie die NS-Zeit überlebt?“ Der alte Herr wurde hochrot im Gesicht, und musste einräumen, dass er gar nicht jüdisch ist.

Sein philosemitisches Ambiente brauchte er offenbar, um sich und andere von seiner belasteten Vergangenheit als glühender Antisemit wegzulenken. Einen erheblichen Schritt weiter gehen Leute wie Wolfgang Seibert, ehemals Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg in der Nähe von Hamburg. In seiner Rolle als Holocaust-Überlebender konnte er öffentlich Judenfeindlichkeit beklagen und dafür Aufmerksamkeit erhalten. 2018 wurden seine Lügen entlarvt und er des Amtes enthoben, tatsächlich kam er – wie Hingst - aus einer evangelischen Familie und hatte sogar wegen Betrügereien im Gefängnis gesessen.

Das Publikum kann sich auf die moralisch attraktivere Seite schlagen

Als „Wilkomirski-Syndrom“ bezeichnete eine einschlägige Publikation Fälle, in denen der Drang, jüdisches Opfer oder verwandt mit Opfern zu sein, so stark ist, dass er zum Verkennen und Verdrehen von Realität verleitet, und in Illusionsgespinsten wie denen von Sophie Hingst enden kann. Der Titel bezieht sich auf Bruno Dösseker, der als Binjamin Wilkomirski 1995 die ausgedachte Geschichte eines jüdischen Kindes veröffentlichte, das Ghettos und Lager überlebt hatte, als seine ausgab und mit seinem Buch „Bruchstücke“ zunächst Erfolg hatte, bis herauskam, dass kein Wort wahr war. Vielmehr hatte er, so die Fachleute, sein Leid als Adoptivkind überhöhen und sich für Erlittenes rächen wollen.

Einige Historiker wie Raoul Hilberg hatten von Beginn an Zweifel an der Darstellung gehabt, andere waren ihr erlegen, Kritiken in deutschen Zeitungen wie in der New York Times ließen Anerkennung auf den Autor regnen.

Der Band zum Wilkomirski-Syndrom entstand aus einer Tagung am Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum, die sich der Frage stellte, warum solche Opfergeschichten derart faszinierend und attraktiv sind. In dem vermeintlichen Überlebenden sah der Historiker Stefan Mächler einen „aus der Verdrängung aufgetauchte Schuldvorwurf in Person.“ Das eindringliche Erzählen erlaubte Einfühlung, das Publikum – das deutsche zumal  - kann sich, wie Mächler schreibt, „auf die moralisch attraktivere Seite der Opfer zu schlagen.“

Bewusst und betrügerisch oder weniger bewusst und pathologischer spekulieren selbsternannte Juden auf solche Effekte – beim Publikum wie bei sich, vor sich selber. Bewunderung, Mitempfinden, Achtung, Aufmerksamkeit, Rücksicht, Ansprache – all das hatte Hingst mit ihrem Blog erfahren, dem 240.000 Leute „folgten“.

Hingsts Familie, in der es offenbar keine Juden gibt, während ein Verwandter in der NS-Zeit als Lehrer arbeitete, bot vermutlich zeithistorisch vor allem die entsetzliche und entsetzlich durchschnittliche Mischung unserer deutschen Familien der Zeit, die aus Mitläufern und Tätern besteht. Dass Sophie Hingst sich der Ungeheuerlichkeit ihrer Täuschungen und Lügen nicht bewusst war, könnte ihr mutmaßlicher Freitod belegen. 

Sie hatte in einer anderen Haut leben wollen

Im Fall Hingst verzichtete die Irish Times auf eine Reportage. Erst nach ihrem Tod beschrieb Scally das Gespräch mit ihr. Sie sagte, sie habe sich durch den Text im Spiegel „wie gehäutet“ gefühlt. Das wäre passend, denn sie hatte in einer anderen Haut leben wollen, die sie selber aus Texten gewebt hatte, wie Textilien zum Verkleiden. Diese waren ihr quasi öffentlich ausgezogen worden. Von der Mutter in Wittenberg hatte Scally gehört, ihre Tochter habe unter psychischen Probleme gelitten und einige Therapieversuche hinter sich. Im Verlauf des Gesprächs hatte Hingst einen gelben Judenstern aus Stoff hervorgeholt, das einzige, was von ihrer Großmutter nach Auschwitz geblieben sei.

In Hingsts fabulierten Geschichten hatte eine Großmutter überlebt, und der Enkelin etwa von „Isidor Eisenstein“ einem Freund des Urgroßvaters erzählt, der als Arzt noch dann half, als einer seiner jugendlichen Patienten ihn mit einem Schlägertrupp zusammen attackiert hatte. Der Mann „mit einem verschmitzten Lächeln und Karamellbonbons in der Jackentasche“ konnte nicht anders, „´Er hat ein krankes Herz´, sagte Onkel Isi und dann ging er und sah nach dem Jungen.“

Der Fall Hingst ist mitten in der Gesellschaft entstanden

Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Deutschland die Haltung weit verbreitet, man habe „nie etwas gegen Juden gehabt“. Niemand sei Nazi gewesen, stellte Saul Padover fest, der als Mitarbeiter der US-Army gegen Kriegsende die Mentalität der Bevölkerung erkundete, und Aussagen hörte wie diese: „Jetzt, da es in den Läden praktisch nichts mehr zu kaufen gibt, sagen die Leute verbittert, dass es ein furchtbarer Fehler gewesen sei, die Juden zu vertreiben. Als es die Juden noch gab, habe man alles kaufen können, was das Herz begehrt, und zwar zu reellen Preisen.“

Neben Leugnen und Verdrängen, Bagatellisieren und Ausweichen, blieb der Antisemitismus über Jahrzehnte stark, wie parallel die andere Seite der Medaille, der Philosemitismus, der die Verbindung zu Tätern leugnen ließ.

Heute sehen sich Deutsche wie die Pegida-Marschierenden gern als Vertreter eines „christlich-jüdisches Abendlands“, und der Begriff eignet sich, Jahrhunderte der Pogrome so einzuebnen wie die Shoah als „Vogelschiss“ in der Geschichte abzutun. Hochambivalent flackert in dieser Konstellation das Phantasma, Opfer wie Retter zu sein. Sein Konstrukt lautet: Unser Abendland wird von Fremden bedroht, deren Opfer wir alle sind, wir aber retten das Abendland. Im Amalgam des „jüdisch-christlichen“ werden die jüdischen Opfer der Vergangenheit so geleugnet wie Juden vereinnahmt.

Zugleich wird zugelassen, dass an den breiter werdenden, rechten Rändern Antisemitismen und Rassismen erstarken. Und während es unter jungen Linken als richtig galt, dass Söhne und Töchter von Wehrmachtssoldaten eine Zeitlang in einem israelischen Kibbuz arbeiten, ist die Haltung kritikloser Solidarität mit Palästinensern gewichen. Die andere Seite der Medaille - auch da eine Kaskade von Projektionen. Politischer Realismus und integre Empathie würden sich anders äußern. 

Der so Fall von Sophie Hingst ist nicht außerhalb der Gesellschaft entstanden, sondern mitten in ihr. Im Mikrobild des privaten Falls spiegelt sich ein Makrobild, und das besonders deutlich, wenn die verzerrende Übersteigerung so groß war, wie hier.

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mein gott - das ist jetzt mein dritter beitrag zum schicksal von frau hingst - und das hier war heute nachmittag der aufmacher in "tagesspiegel" online-news - und ich wundere mich, dass diese "tödliche verstrickung" - wie ich das gestern schon überschrieben habe - immer noch dem ressort "kultur" zugeordnet wird. ich finde, diese ausführungen jetzt zur einordnung des ganzen pathologischen backgrounds dieses phänomens, wäre eher den ressorts "wissen" oder "gesellschaft" zuzuordnen - aber das ist eine frage der redaktionellen nomenklatur dort am rande.

ich bin eigentlich dankbar, dass man das schicksal von marie sophie hingst nun noch einmal mit einem anderen spot in den blick nimmt - und auch die allgemeingesellschaftliche komponente des ganzen deutlich kennzeichnet.

eine umfassend abgeschlossene krankenakte mit ausführlicher anamnese von frau hingst als "einzelfall" wird man auch im nachhinein nicht mehr seriös erforschen und anlegen können.

interessant ist aber, dass es scheinbar auf der 
  • einen seite "gespielte" opferrollen und ein übersteigert krankhaftes solidaritätsempfinden mit den opfern bis zur vollständigen übernahme von neuen und ausgesponnenen identitäten gibt - und sogar das erfinden weiterer verzweigter identitätssysteme - und 
  • auf der anderen seite gibt es nach fast 80 jahren nun kaltblütige rechtsradikale mörder und erneut antisemitische gewalttäter, die die "andere seite" der ns-vergangenheitsmedaille brutal zurückspiegeln.

und doch bin ich eher durch diese theroretischen erklärungs-versuche in der presse und durch den offensichtlichen suizid von frau hingst - sowie fast gleichzeitig durch die kaltblütige ermordung von landrat lübcke und dem mordversuch an dem hessischen eritreer, der völlig unbedarft vor seiner unterkunft stand, mit dem anschließenden suizid des dortigen gewalttäters - sowie und dem ganzen nsu-komplex und den geschehnissen in chemnitz vor einem jahr und-und-und - eher verwirrt ...

wenn man diese mord- und selbstmordtaten nun jedoch als zwei seiten einer medaille wahrnimmt - 
  • und vielleicht die projüdische identifikation nur die innerpsychische ableitung eines doch irgendwie verunglückten "wiedergutmachungs"-dranges ist - 
  • was ist dann der aufkeimende und vollendete antisemitismus und der fremdenhass und die eugenisch übersteigerten rassenüberlegungen in bezug auf flüchtlinge oder andersfarbige menschen überhaupt und z.b. auch die (kirchliche) homophobie und die abneigung gegenüber menschen mit anderen sexualvorlieben.

was wird damit "bearbeitet" und drängt "zwanghaft" in verirrungen und verwirrungen nach außen: sind das in jeden menschen irgendwelche schlummernden anfechtungen, die sich da nun unabdingbar je nach sozialisation und biographie und "äußerem auslöser" bahn brechen??? ist es dieser innerpsychisch langsam immer stärker "abgenudelte" satz von der "schlechten kindheit" oder dem "migrations-hintergrund", als voraussetzung für diese art tödliche "ausraste" ...???

"vogelschiss"

auf alle fälle, herr gauland, ist die nazi-vergangenheit deutschlands kein "vogelschiss" in der deutschen geschichte - sondern es ätzt und rumort und giftet noch in den menschen, die auch generationen danach mit sich selbst nicht fertig werden können - und die wohl von wilden und eigenartigen träumen und auch realitätsverschiebungen verfolgt werden, die dann nach außen drängen - unbearbeitet und unverdaut und nicht integriert - höchstenfalls oberflächlich "abgespalten" und verdrängt.

und das ist dann auch jetzt wieder einmal mein ruf an die schulen: jetzt, wo die letzten augen- und zeitzeugen der schrecken und tragödien von damals immer weniger werden, nicht nachzulassen mit der umfassenden (!) aufarbeitung dieser kollektiven traumatischen belasungsstörungen im bewusstsein der bevölkerung - und das höchstenfalls nicht nur zum thema machen in den letzten ("frei")stunden direkt vor ferienbeginn - wenn bereits alle mit ihren gedanken anderswo sind - oder als eine art "denkmal" publizitätsträchtig einmal für die lokalpresse  - denn all diese belastungen und auch die ihnen aufgezwungenen taten unserer altvorderen "wirken" tatsächlich, wie es in der bibel steht, "bis mindestens in die dritte und vierte generation nach"... (Exodus 20)

aber das ist auch gleichzeitig mein ruf an die familien: arbeitet die familiengeschichte schonungslos und vollends auf ...: das ist nach meiner überzeugung die beste prophylaxe vor charakterlichen verirrungen zur einen oder zur anderen seite ... - 

und habt acht - gebt aufeinander acht, beo-acht-et genau - und geht achtungsvoll und in achtsamkeit mit euch und den altvorderen um - aber geht den dingen achtsam auf den grund: nicht in schuld & sühne - sondern eher als "ermittlungsbeamte" und "spurensicherung" - wie im tatort...


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