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Er hätte gesagt: "F.... euch alle." - Szenen zu Chemnitz

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Zwei bezeichnende Szenen aus dem Chemnitz dieser Tage



Daniel Hillig
8.000 rechtslastige Demonstranten zu 3.000 Gegendemonstranten – es passt jedenfalls zum scheinbaren Punktsieg der Rechten, dass sie an diesem Tag den wichtigsten Platz der Stadt unter Kontrolle haben: Den Ort, an dem vor acht Tagen der 35-jährige Daniel Hillig erstochen wurde. Sonst stehen hier tagsüber alle, trauernde Schüler neben aufgebrachten Wutbürgern. Nachdem die Demonstration aufgelöst wurde, drängen sich die Rechten hierhin und skandierten „Daniel! Daniel! Daniel!“ und „Wir sind das Volk!“. Sie versuchen, diesen Mord für sich zu nutzen, ihn zu
vereinnahmen, zu missbrauchen.

Wie absurd dieser Versuch ist, wie komplett widersinnig, das weiß einer sehr gut, der etwas später ein paar Schritte weiter Richtung Sparkassen-Filiale auf dem Asphalt kniet, abgebrannte Teelichter einsammelt und neue entzündet. Aus seiner Cargohose ragen Zollstock und Schraubenzieher, er war ein Kollege von Daniel Hillig beim Hausmeister-Service. „Hier fing es an“, sagt der Trauernde, und meint den Überfall.

Und was würde Daniel sagen über das Chemnitz dieser Woche, über alles, was nach seinem Tod in seiner Heimatstadt geschehen ist? Der müde Mann sagt leise einen Satz, den zarte Gemüter nicht lesen sollten, der aber alles zusammenfasst, was das Chemnitz dieser Tage ausmacht, Trauer, Wut, Hilflosigkeit und Trotz. „Er hätte gesagt: Fickt euch alle.“ Gemeint hätte er damit vor allem jene,
die hier seinen Namen skandieren, als wären sie seine Freunde gewesen. Dabei hatte die dunkle Haut, die er von seinem kubanischen Vater geerbt hatte, im Chemnitz seiner Jugend gereicht, um vor Neonazis wegrennen zu müssen, die ihn jagten.

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Plakat "Das Leben schmeckt vielfältig" 
am Kulturzentrum "Lokomov
An der Augustenburger Straße wird das Kulturzentrum „Lokomov“ von Autoverkehr und Straßenbahn umflossen, darüber hängt eine Fahne mit der Aufschrift „Das Leben schmeckt vielfältig“. Das Datum daneben zeigt noch den 1. Mai 2018, das Datum des letzten Neonazi-Aufmarschs in der Stadt. Auch damals gab es eine Gegendemo, auch damals spielte Kraftklub. Die Fronten sind alle nicht neu in Chemnitz.

Irini Mavromatidou, Chemnitz
Irini Mavromatidou hat das Transparent gestaltet. Die Künstlerin wurde in Schwaben geboren, wuchs in Thessaloniki auf, lebte in Bielefeld und jetzt in Chemnitz, das 2025 Europäische Kulturhauptstadt werden will. Mavromatidou ist Deutsche mit Akzent, schwarzen Haaren und braunen Augen. Das reicht in dieser Stadt, die Chemnitz nach Daniels Tod geworden ist, um ein Ziel abzugeben.

„Die Leute schauen neuerdings aggressiv“, sagt sie. Autos halten neben ihr, der Fahrer schreit „Scheiß Kanaken!“ und fährt weiter.
„Das gab es vorher nicht. Nie!“, ruft sie schockiert.

Textbausteine aus: NEUE WESTFÄLISCHE, Nr. 204/36, Montag, 03.09.2018, S.3: "Die Stadt, in der keiner aufgibt" - von Jan Sternberg

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ich habe den gestrigen abend teilweise damit verbracht, forenbeiträge zu schreiben zu einem "welt"-kommentar von thomas schmid "herzenskalt und politisch dumm" [von wegen "schweigende mitte"] - hier kannst du in auszügen daran teilhaben:

Da schrieb zu einem Beitrag von mir ein Thomas K.:
"Das Problem ist nicht Links oder Rechts ( wenn man einmal von den Radikalen und den Gewaltbereiten absieht).. Das Problem liegt vielmehr darin, dass die Deutschen es verlernt haben, ernsthaft miteinander zu diskutieren und abweichende Meinungen zu akzeptieren. Dies wird leider von der gegenwärtigen Regierung so vorgelebt, die beispielsweise mit ihren „Alternativlosen“ Entscheidungen und der Gängelung der Parlamentarier bewiesen hat, dass auf Demokratie und gegenseitigen Respekt kein Verlass mehr ist."
Und dazu schrieb ich:
"Über was will oder soll hier wer mit wem diskutieren ??? Und wann und wo sollte man wem die Chance geben, eine abweichende Meinung wem gegenüber zu akzeptieren ???
Man kann sich auch schreckliche Probleme einbilden - und im bilateralen Mit- oder Gegeneinander sind sie wohl auch nicht zu lösen.
Ich glaube, die dagebliebenen Bürger (viele haben ja auch "in den Westen gemacht") in den "neuen Bundesländer" (um nicht DDR zusagen), müssen begreifen lernen, dass das gefühlte Unrecht nicht mit der Hatz oder Ablehnung auf ein paar manchmal auch böse und manchmal auch kriminelle Fremdlinge aus Nordafrika oder Arabien zu lösen ist - aber auch nicht mit so ein paar Krakeelern von der AfD oder den Schweigemarschierern von PEGIDA - dieses durchaus verständliche individuell gefühlte Unrecht zu dem was man ihnen angetan an "Ehrverlust" und persönlich genommen hat nach ihrer "friedlichen Revolution" vor fast 30 Jahren, bei der "Abwicklung" der identitätsstiftenden Firmen und Industrieanlagen, in denen sie Geld verdienten - oft schon in der zweiten/dritten Generation... -
Und die kriminellen Taten einiger weniger finden leider Gottes überall statt: von deutschen oder ausländischen, katholischen, muslimischen, evangelischen oder konfessionslosen schwarzen, weißen, roten, grünen oder blonden Tätern - gegen deutsche oder ausländische Opfer: im Suff - in der Widrigkeit der Umstände im Moment, im allgemeinen Lebensfrust - oder wegen einer Zigarette oder ein paar oder mehreren €uro ... Das ist so: in Bielefeld, in Chemnitz, in Buxtehude und in Wanne-Eickel und anderswo...
Aber das eine hat nichts mit dem anderen zu tun: Eigener Identitätsverlust und von außen provozierter innerer Frust hat nichts mit der kriminellen Tat eines Asylbewerbers auf einen bis dato selbst diskriminierten farbigen Deutsch-Kubaner zu tun.
Der Ost-Soli und die insgesamt 1,9 Bio. Transfer-Leistungen von West nach Ost waren kein individueller und persönlicher "Lastenausgleich", wie das betroffene Flüchtlinge ja nach dem Krieg aus dem Osten erhalten haben. Aber immerhin bekommt jeder "Werktätige" ja eine Rente aus einer Bundeskasse, in die er bzw. die Lebensumstände so viel an Solidaritätsbeiträgen auch nicht einzahlen konnte - und das ist doch auch schon was ... - von wegen Solidarität und Akzeptanz ...
Auf alle Fälle, den eigenen Lebensfrust mit Alk, AfD, montäglichem PEGIDA-Marsch oder Ausländer-Hatz zu bekämpfen - das ist ganz schlechte Therapie ...
Daraufhin wieder Thomas K. unter anderem:
..."Und die Aussage der Regierung dass es doch „bedauerliche Einzelschicksale“ seien helfen weder den Angehörigen noch als Erklärung für die zunehmende Häufung." ...
Worauf ich dann schloss mit:
..."Es gibt keine "zunehmende Häufung" von Gewalttaten egal welcher Täter-Couleur - ganz im Gegenteil - die waren in den 80er Jahren bedeutend höher bei weitaus geringerem Ausländer-Anteil in Ost und West!
Und trotzdem: Mit der Ablehnung von Ausländern oder Geflohenen lassen sich persönliche Unpässlichkeiten nicht lösen - mit Futterneid schon gar nicht - mit AfD und PEGIDA auch nicht.
Einwanderungen hatten wir übrigens nach dem Krieg aus dem Osten zuhauf - und die Polen sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Ruhrgebiet gesiedelt (Tilkowski, Libuda) - und in der BRD wurde für italienische, griechische und türkische Gastarbeiter extra geworben - die heute alle mitten unter uns leben wie mein Friseur z.B. und "mein Italiener" - und mein Opa ist als Ungarndeutscher 1903 aus Ungarn in die USA gezogen, um dann 4 Jahre später wegen der Arbeitslosigkeit dort als "Wirtschaftsflüchtling" ins Ruhrgebiet zu kommen [habe ich dann heute wohl noch einen Migrationshintergrund ??? - wie war das wohl bei Ihrer Familie ???] ---
Die Unzufriedenen in Chemnitz und anderswo leiden m.E. an einer "fixen Idee" oder irgendwelchen "Minderwertigkeitskomplexen" - an denen sie sich in ihrer chronischen persönlichen Unzufriedenheit festgebissen haben - aber das kann man heutzutage anders behandeln lassen als mit aufgeblasenen Trauermärschen und rechten Parolen ... da will man sie nur "ködern" ...- und viele hängen schon am Angelhaken - und manche schon an der "Nadel"!"




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