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    Raumsonde "Chang'e 4"

    China gelingt erste Landung auf der Rückseite des Mondes

    • Zum ersten Mal ist eine Sonde auf der Rückseite des Mondes gelandet. Die chinesische "Chang'e 4" setzte um 3.26 Uhr MEZ auf dem Erdtrabanten auf und funkte erste Bilder. Ein Roboter soll nun die Umgebung erkunden. read more





    ja - also: jetzt wissen wir es ganz genau: der mond hat auch ne rückseite ...

    geahnt hatten wir das ja schon länger, aber jetzt haben wir sie praktisch betreten. 

    ach - was sage ich: "wir" ... - es waren ja diese unsäglichen - diese chinesen - diese loser haben das fabriziert: da wird donald trump wahrscheinlich in die schreibtischkante im oval office beißen ... auch das noch: erst läuft huawei apple den rang ab - und apple bricht mit ca. 65 milliarden dollar börsenwert-verlust ein ...

    der mann im mond meint es nicht gut mit donald ... 

    und von wegen 'dark side of the moon'  - udo weiß und besingt es ja auch schon seit jahren: 'hinterm horizont gehts weiter' ...






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    filmstill aus "holocaust"
    „Holocaust“ erneut im Fernsehen

    Viele begriffen die Shoah und die Nazi-"Euthanasie" erst durch diese Serie

    • TV-Geschichte: Vor 40 Jahren bewegte das Schicksal der jüdischen Familie Weiss die Deutschen. Viele fanden über die US-Fernsehserie Zugang zu ihrer eigenen Geschichte. 
    • Ab Montag läuft die Wiederholung


    Köln (epd). 40 Jahre nach der deutschen Erstausstrahlung zeigen drei dritte Programme der ARD erneut die US-amerikanische TVSerie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“.

    Der erste der vier Teile läuft am kommenden Montag um 22 Uhr im NDR, SWR und WDR, wie der NDR am Donnerstag ankündigte. Die Erstausstrahlung von „Holocaust“ 1979 erreichte Einschaltquoten von bis zu 39 Prozent und gilt als Meilenstein der deutschen Fernsehgeschichte.

    Die Ausstrahlung der Fernsehserie war 1979 nicht nur ein Medienereignis, sondern auch ein Wendepunkt in der deutschen Erinnerungskultur. Danach wurden Naziverbrechen und Massenmord an den europäischen Juden anders wahrgenommen.

    Mit „Holocaust“ geriet Auschwitz ins kollektive Gedächtnis und der Begriff „Holocaust“ wurde Allgemeingut, bis heute.

    Zuvor war die Serie im US-Fernsehen gelaufen, durchaus umstritten. Der jüdische Philosoph und Holocaust-Überlebende Eli Wiesel(1928-2016) fällte das Urteil, es handle sich um eine „Trivialisierung des Holocaust“.

    Produziert wurde sie vom US-Sender NBC. Sie war eine Antwort auf den kommerziellen Erfolg der ABC-Serie „Roots“ über die Sklaverei in den USA.

    meryl streep spielt in der us-serie
    "holocaust" inga helms-weiss,
    die in den 1930er jahren einen juden heiratet.
    „Holocaust“ erzählt von der Judenverfolgung der Nationalsozialisten am Beispiel zweier fiktiver Familien, der jüdischen Familie Weiss und der Familie des SS-Sturmbannführers Erik Dorf. Die Protagonisten durchleben im Film wesentliche historische Stationen, von der Pogromnacht 1938 bis zum Warschauer Ghetto, vom Massaker in Babi Jar bis Auschwitz. Gedreht wurde in Wien, Berlin-Wedding und im KZ Mauthausen. Die Darsteller der wichtigen Rollen kamen aus den USA, die Nazis wurden von Briten gespielt, deutsche Schauspieler fanden sich nur in Nebenrollen.

    „Holocaust“ wurde in mehr als 30 Ländern ausgestrahlt und von weltweit 700 Millionen Zuschauern gesehen. Die deutsche Ausstrahlung verlief kompliziert: Die ARD konnte sich über eine Platzierung im Ersten nicht einigen, der Bayerische Rundfunk drohte mit Ausstieg. Man verständigte sich auf eine gemeinsame Ausstrahlung in allen Dritten Programmen, ein mediengeschichtliches Novum.

    Der Erfolg war überwältigend. Die Zuschauerzahl stieg mit jeder Folge an. Am Ende hatte jeder zweite erwachsene Deutsche wenigstens einen Teil der Serie gesehen. Auch bei den mitternächtlichen Fernseh-Debatten im Anschluss an die Ausstrahlungen blieb die Zuschauerbeteiligung hoch. Die Telefonnetze der Sender brachen unter dem Ansturm der Anrufe zusammen.

    • Über die Familien Weiss und Dorf fanden viele Deutsche erstmals Zugang zu den Grausamkeiten ihrer eigenen Geschichte, begannen Familien, ihre Biografien zu befragen.

    ´ Die „Holocaust“-Folgen 2 bis 4 sind am 14., 21. und 28. 1. jeweils um 23.15 Uhr zu sehen.

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    Handlung und Hintergrund

    Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss: Bahnbrechender und vielfach ausgezeichneter Mehrteiler mit Meryl Streep über die Leiden einer jüdischen Familie während des Zweiten Weltkriegs.

    Im Berlin des Jahres 1935 feiert der jüdische Arzt Josef Weiss die Hochzeit seines Sohnes Karl mit der arischen Inga. Nach dem Erlass der Judengesetze muss Josef Deutschland verlassen, und Karl wird in das KZ Buchenwald gebracht. Nach einer brutalen Vergewaltigung wird die behinderte Anna Weiss im Rahmen des Euthanasieprogramms in der Gaskammer von Hadamar ermordet. Im Kontrast dazu macht der Jurist Erik Dorf als Protegé von Reinhard Heydrich Karriere im „Dritten Reich“.

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    Wie "Holocaust" ins Fernsehen kam
    Mittwoch, 16. Januar 2019, 23:50 bis 00:35 Uhr 

    Vor dem Hintergrund der Neuausstrahlung von "Holocaust" nach gut 40 Jahren erzählt die Filmemacherin Alice Agneskirchner die Geschichte dieses Fernsehereignisses, von der Entstehung und den Dreharbeiten über die Ausstrahlung bis hin zu den Reaktionen. Ein Making-of der besonderen Art.

    1978/79 wird eine US-Serie zum weltweiten TV-Event: "Holocaust". Als sie nach Deutschland kommt und unter Federführung des WDR in den Dritten Programmen der ARD ausgestrahlt wird, löst sie ein ungeahntes Echo aus. Das, was mit dem bis dahin unbekannten Wort Holocaust ausgedrückt wird, trifft viele Millionen Menschen dort, wo bisher die unfassbaren Schrecken der eigenen und kollektiven Vergangenheit nicht zugelassen worden waren: mitten ins Herz.

    Opfer und Täter bekommen Gesichter

    Die Serie schildert das Schicksal der fiktiven jüdischen Familie Weiss. Diese Familie durchlebt vor den Augen der Fernsehöffentlichkeit exemplarisch das, was Millionen Juden hatten erleiden müssen, bis zum Tod in der Gaskammer. Gleichzeitig begleitet die Serie den "normalen" Deutschen Erik Dorf bei seiner Transformation zum bekennenden und aktiven Nationalsozialisten. Das Grauen der Judenverfolgung wird hoch emotional inszeniert, Opfer und Täter bekommen Gesichter.

    Eine vielfach ausgezeichnete Serie

    Die Serie wurde vielfach als "Hollywood"-Produktion bezeichnet, produziert wurde sie allerdings von einer New Yorker Firma, gedreht wurde ausschließlich an Originalschauplätzen in Deutschland und Österreich, auch im KZ Mauthausen, einschließlich Hakenkreuz-Flaggen.

    Der Regisseur Marvin J. Chomsky, der Produzent Robert Berger, Schauspielerinnen und Schauspieler erinnern sich an die besondere, oft beklemmende Atmosphäre der Dreharbeiten, an Begegnungen mit der historischen Wirklichkeit hinter der Fiktion, über die sie später kaum jemals wieder gesprochen haben.

    Im Vorfeld gab es scharfe Debatten

    Der ehemalige WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach, der die Serie nach Deutschland brachte, schildert die ungewöhnlich scharfe Debatte im Vorfeld. Es war eine aufgeladene Situation, mit Drohungen und Schmähungen von rechts und links und zahlreichen Versuchen, die Ausstrahlung zu verhindern.

    Die Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer übertrafen dann alle Erwartungen, und fast jeder, der damals "Holocaust" gesehen hat, kann sich heute noch daran erinnern, was das mit ihr oder ihm gemacht hat.

    textmaterial: neue westfälische (epd) und ndr - text-bildmaterial: polyband medien gmbh

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    ... soweit also die offiziellen ankündigungen des diesmal ard-federführenden ndr zur neuausstrahlung der 4-teiligen serie "holocaust - die geschichte der familie weiss" ab kommender woche 4 x montags - zeitgleich in allen dritten programmen.

    gerade in dieser zeit, in der immer mehr "holocaust-leugner" geoutet werden und auch von gerichten deswegen verurteilt werden - ist es wichtig, diese serie endlich im öffentlich-rechtlichen tv zu wiederholen - wenn auch - gerade für schüler*innen - meiner meinung nach zu viel zu später stunde ...

    mit diesen späten sendeterminen jeweils will das öffentlich-rechtliche tv wohl junge zuschauer "schützen" - es fragt sich nur: wovor... (???) - auch kauf-cassetten und videos zu diesem film tragen den aufdruck "ab 12 jahren" - aber welche junge menschen ab 12 haben jeweils montagsnacht ab 22 bzw. 23.15 uhr die möglichkeit diese aufwühlenden folgen jeweils ca. 2 stunden lang zu verfolgen... - wenn man am morgen früh zur schule muss ??? ...

    also - von der zeitplatzierung her ist die wieder-ausstrahlung der serie eine enttäuschung für mich: ich habe deshalb die schon seit geraumer zeit bei youtube eingestellten folgen hier unten verlinkt - und werde das auch auf meiner website tun - damit man - permanent 24/7 - nach eigenem gutdünken diese in jeder hinsicht wichtige serie wahrnehmen kann ...

    eli wiesel hat zwar gemeckert über die seiner ansicht nach "trivialisierung" des tatsächlichen holocaust-geschehens in dieser serie - aber als eine heranführung (!) zum gesamtthema und als
    gaulands "vogelschiss"
    diskussionsgrundlage taugt sie allemal - allerdings hat man damit den "vogelschiss", wie der afd-gauland ja diese epoche abtun will - längst noch nicht in all seinen nuancen erfasst ... - dazu bedarf es eben weiterer nachforschungen, recherchen, informationen und diskussionen - besonders auch in und über die eigenen familienzusammenhänge dazu - denn - so steht es schon in der bibel - die wirkungen solcher untaten als mitläufer, als täter oder opfer sind noch bis in die "dritte und vierte generation" danach spürbar - und kann auch unbewusstes verhalten so lange mit beeinflussen. 

    neuere tiefenpsychologische und naturwissenschaftliche forschungen haben diese behauptung der bibel längst bestätigt ...

    eine generation - so rechnet man gemeinhin - andauert ca. 30 jahre: 1945 war also offiziell der nazi-spuk vorbei - aber dann haben wir bis ca. 2065/70 noch mindestens damit zu tun - und als national-kollektives gedächtnis weit darüber hinaus ...

    man kann also jetzt nicht etwa die "holocaust"-serie anschauen "un gutt is" - sie kann lediglich ein "opener" sein - eine sensibilisierungsmaßnahme... - eine wirkliche persönliche, familiäre, schulische und gesellschaftliche aufarbeitung muss weitergehen ...

    und genau das ist also für alle nachkommen so brandaktuell, dass schon deshalb der sendeplatz völlig daneben liegt ...

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    die komplette tv-serie, wie sie bei youtube eingestellt ist - zur (permanenten) 24/7-wahrnehmung :

    (und hinterher kann niemand sagen - sie/er habe davon nichts gewusst - und von wegen "vogelschiss")


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    WB


    Das Millionending

    Es blitzt und blitzt ohne Unterlass: Vor zehn Jahren ging die Radaranlage an der A 2 in Betrieb

    Von Jens Heinze | WESTFALEN-BLATT/owl am sonntag

    sundaycruiser.de
    Bielefeld. Seit mehr als zehn Jahren hält das Blitzgewitter an, ein Ende ist nicht in Sicht: Der Blitzer am Berg, die Radaranlage in der Tempo-100-Zone an der A 2 in Fahrtrichtung Hannover, ist seit dem 11. Dezember 2008 aktiv. Ein Rückblick auf eine Erfolgsgeschichte für die Stadt Bielefeld, mit der zu Beginn keiner gerechnet hat.

    Mit zwei trockenen Sätzen kündigte der damalige Stadtsprecher Dietmar Schlüter vor nunmehr gut zehn Jahren den Start für die digitale Radaranlage Traffistar S330 der Firma Jenoptik mit drei separaten Blitzern und ebenso vielen Kameras für jede Fahrbahn an. Was da keiner ahnte: Der emsige Blitzer am Berg (510 Fotos pro Tag im Zehn-Jahres-Durchschnitt) erlangte schnell bundesweit Berühmtheit, sogar das russische Fernsehen berichtete und eine Wirtschaftsdelegation aus Saudi-Arabien kam zum Ortstermin.

    Betrieben wird der Blitzer am Bielefelder Berg an der kurvigen A-2-Gefällstrecke hinter der Talbrücke Lämershagen von Beginn an von der Stadt Bielefeld. Die Raserfotos gehen von der Anlage via verschlüsselter Internetverbindung an die Stadtverwaltung. Ausgewertet werden die Blitzerbilder von Mitarbeitern des hiesigen Ordnungsamtes. Die Verwarn- und Bußgelder, die quer durch Deutschland und Europa verschickt werden, müssen an die Kasse der Stadt gezahlt werden. Grundlage dafür ist das NRW-Gesetz zur Anpassung landesrechtlicher Straf- und Bußgeldvorschriften an das Bundesrecht, sagt Norman Rosenland, Geschäftsbereichsleiter Verkehrsordnungswidrigkeiten im Ordnungsamt.

    Würde die Stadt Bielefeld den Blitzer an die Börse bringen, wären die Papiere heiß begehrt. Denn die Rendite ist einzigartig. Exakt 155.414 Euro hat die Anschaffung des Digitalblitzers vor zehn Jahren gekostet. Dazu kommen 11.765,01 Euro Installationskosten und etwa 60.000 Euro für neue Kameras im Jahr 2017, sagt Rosenland.

    Diese sechsstelligen Anschaffungskosten haben sich inzwischen im hohen achtstelligen Bereich rentiert. 62,22 Millionen Euro aus Verwarn- und Bußgeldern flossen vom 11. Dezember 2008 bis zum 31. Dezember 2017 in die Stadtkasse.

    Bis Anfang Dezember löste der Blitzer am Berg seit Bestehen 1,86 Millionen Mal aus. Fotografiert werden überwiegend rasende Pkw-Fahrer, obwohl die Radaranlage vorher zweimal auf Schildern angekündigt wird. Weil nicht jedes Foto verwertbar ist und die Kommune nur im Bereich der Europäischen Union Gelder eintreiben kann, blieben unter dem Strich 1,163 Millionen verwertbare Fälle übrig.

    youtube - videostill - biele jojo


    Zweck des Blitzers am Berg ist es nach Darstellung von Stadt und Polizei, einen Unfallschwerpunkt zu entschärfen. Auf diesem viel befahrenen Streckenabschnitt der A 2 mit durchschnittlich 46.400 Autos täglich kam es vor der Installation der Radaranlage immer wieder zu schweren Unfällen. Grund für jede zweite Karambolage im Bereich der vierprozentigen Gefällstrecke war überhöhte Geschwindigkeit, teilte der damalige Polizeipräsident Erwin Südfeld per Brief im Februar 2008 dem ehemaligen Oberbürgermeister Eberhard David mit. Die Zahl der Unfälle steige trotz des seit 1995 bestehenden Tempo-100-Limits, es gebe 19 Prozent mehr Schwerverletzte.

    Am 23. Juni 2008 wurde der »Grundstein« für den Blitzer am Berg gelegt. Die Unfallkommission Autobahn (Polizei Bielefeld, Landesbetrieb Straßenbau NRW, Bezirksregierung Detmold) beschloss die Installation der Radaranlage. Dass sie korrekt funktioniert, dies wird vorm Amtsgericht Bielefeld bei Einspruchsverfahren gegen Bußgelder immer wieder bezweifelt. Nachgewiesen wurden Fehlfunktionen aber nie. »Mehr als 150 Gutachten – Radaranlage arbeitet fehlerfrei« hieß es am 22. Juli 2016 im WESTFALEN-BLATT. Unbestritten ist, dass manche Blitzerbilder hohen Unterhaltungswert haben. Der Jagdhornbläser am Steuer oder das Kind hinter dem Autolenkrad mit den Eltern als Beifahrer sind nur zwei Beispiele. Den Negativ-Rekord hält aktuell ein Raser, der 232 Kilometer in der Stunde bei erlaubtem Tempo 100 fuhr.

    Das Blitzer-Fazit nach zehn Jahren zieht Norman Rosenland, der die Anlage seit dem Start begleitet. Nach Inbetriebnahme der Radaranlage habe es keine schweren Unfälle mehr gegeben. Das Geschwindigkeitsniveau auf der A 2 sei am Bielefelder Berg deutlich gesenkt worden. Inzwischen würden mehr Verwarngelder für geringfügige Tempoverstöße als Bußgelder für massive Überschreitungen erhoben.

    Aber eine wichtige Frage bleibt nach einem Jahrzehnt offen. »Warum immer noch Tausende Autofahrer pro Woche geblitzt werden, das können wir auch nicht beantworten«, sagt Rosenland.

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    Klagen ohne Ende: Blitzer am Berg ist bis heute umstritten

    Abzocke, Gelddruckmaschine für die Stadt, ungeeignet, die Verkehrssicherheit zu erhöhen: Die Vorwürfe von Rasern auf der A 2 und ihren Anwälten gegen die Radaranlage sind ebenso lang wie vielfältig. Bis heute wird gegen den Blitzer am Berg geklagt. Aktuell hat das Oberverwaltungsgericht Münster damit zu tun. Nachdem ein Gütersloher Installateur mit seiner Klage gegen die Tempoüberwachung vor dem Verwaltungsgericht Minden gescheitert war, ging der Fall in die nächste Instanz zum Oberverwaltungsgericht. Das will im ersten Quartal nächsten Jahres entscheiden.

    Inzwischen beschäftigt dieser Fall seit 2014 verschiedene Gerichte in Bielefeld, Minden und Münster. Das ist kein Einzelfall. Eineinhalb Jahre lang dauerte es beispielsweise, bis Alexander Prinz zu Schaumburg-Lippe im Frühjahr 2011 sein Urteil – Fahrverbot und Geldbuße – endlich akzeptierte. Der Adelige hatte bis zum Oberlandesgericht Hamm gekämpft.

    Alexander Prinz zu Schaumburg-Lippe befindet sich in guter Gesellschaft. Abgelichtet vom Blitzer am Berg wurden unter anderem Dressur-Olympiasiegerin Isabelle Werth, der Maler Markus Lüpertz, der Sänger Peter Maffay und die Schauspielerin Simone Thomalla.

    Ihre Fälle wurden überregional bekannt, weil diese Promis sich vor dem Amtsgericht Bielefeld in öffentlicher Verhandlung gegen ihre Strafen wehrten. Es gibt weitere Prominente, die ebenfalls auf der A 2 geblitzt wurden, heißt es vom Ordnungsamt. Ihre Fälle wurden aber nie öffentlich, weil diese Promis keinen Einspruch einlegten. hz

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    Gnadenlos unterschätzt

    Ex-Ordnungsamtsleiter Roland Staude über den Blitzer-Start

    Bielefeld (hz). Roland Staude (53) war vor zehn Jahren, als der Blitzer am Berg in Betrieb ging, Ordnungsamtsleiter in Bielefeld. »Den 11. Dezember 2008 werde ich nicht vergessen. Das ist so, als wenn ein guter Freund Geburtstag hat«, sagt er im Rückblick.

    Ein Fazit Staudes lautet: Die Auswirkungen des Blitzers wurden anfangs gnadenlos unterschätzt. 15.000 Fälle, so die erste Prognose, seien pro Jahr wegen der neuen Radaranlage an der A 2 zu bearbeiten. Dafür sollten drei Sachbearbeiter ausreichen, glaubte man bei der Stadt Bielefeld.

    Die Realität sah völlig anders aus. »Allein in der ersten Woche gab es um die 7000 Blitzvorgänge«, erinnert sich Staude. 2009, im ersten vollen Blitzerjahr, wurden es schließlich 134.779 bußgeldpflichtige Verstöße, die die Stadt Bielefeld verfolgte. Verwarngelder bis 30 Euro wurden damals noch gar nicht erhoben. Auf einen Schlag, sagt Roland Staude, wurden 25 Mitarbeiter in der Bußgeldstelle des Ordnungsamtes gebraucht. 19 davon wurden neu eingestellt. Mehr als 500 Bewerbungen, »von der Kassiererin bis zum Verwaltungsdirektor der Post«, gingen auf die Stellenausschreibungen ein. Was heute der Computer macht, wurde vor zehn Jahren noch per Handarbeit erledigt. Staude: »Jedes Jahr gab es einen Kilometer laufende Akten.«

    Das große Erwachen wegen des Blitzers am Berg gab es nicht nur bei der Stadt. »Auf Justiz rollt gewaltige Klagewelle zu« titelte das WESTFALEN-BLATT am 18. Juli 2009. Zu diesem Zeitpunkt waren 71.728 Bußgeldverfahren gegen Raser auf der Autobahn eingeleitet worden. Nicht jeder wollte widerstandslos zahlen. 3146 Autofahrer legten Einsprüche gegen die verhängten Bußgelder ein, gleich 896 dieser Verfahren wurden an das Amtsgericht Bielefeld abgegeben. Von Ende Juli 2009 an sollte vor dem Amtsgericht Bielefeld verhandelt werden. Die Folge: Richter mussten extra Sitzungstage einlegen.

    WB/owl am sonntag, Sonntag, 06.Januar 2019 | S. 10



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    trotz dieses geldregens seit 10 jahren sind unsere straßen hier zumindest an der peripherie in bi-sennestadt immer noch nicht saniert - und längst nicht alle schulen sanitär- und digitalmäßig auf dem neuesten stand - und die seit einem halben jahrhundert versprochene direkte stadtbahnanbindung wird im schneckentempo weiter ge- und verplant ...: frei nach dem motto: langsam patt kommt auch nach stadt ...

    da bielefeld chronisch klamm ist, werden mit den rund 70 millionen in 10 jahren nur notdürftige löcher gestopft - nehme ich an - und arminia bielefeld hat man jetzt etwas über 1 million erlassen, damit sich der verein finanziell wieder etwas erholen kann nach der offensichtlichen misswirtschaft in all den vergangenen jahren ...

    auch jetzt hat sich arminia vorzeitig vom funktionierenden trainer jeff saibene getrennt, und einen anderen trainer quasi zusätzlich eingestellt - und bei dieser vorübergehenden doppelbesetzung geht die million von der stadt schon fast wieder drauf - profi-fußball in unteren gefilden der ersten und der zweiten liga ist eine eigenartige zirkus-show...

    also - diese ganze abgeblitzte knete geht direkt von der hand in den ewig hungrigen mund, denn auch die kunsthalle in bielefeld hat schon munterere jahre erlebt - und muss dringend saniert werden ... - oetker-pudding hin - oetker-pizza her ...

    und man hat sich ja andernorts versucht über wasser zu halten, in dem man - so als gag - behauptete, bielefeld gäbe es gar nicht, doch spätestens mit den bußgeldbescheiden vom ordnungsamt und den gerichtsverfahren mit widerspenstigen geblitzten kraftfahrern aus dem in- und ausland konnte man auch diese verleugnungs-behauptung nicht länger aufrecht erhalten - und musste aus der deckung kommen ...

    BI-Sparrenburg 
    BI-Logo
    bielefeld gibt es - und wie ... blitz-tausend noch einmal: und vor einiger zeit erfanden ein paar studenten sogar das schlagwort: "liebe💗feld"statt "bielefeld"... - das ist doch sowas von originell und niedlich - aber anstatt man dieses wortspiel nun entsprechend touristisch vermarktet, betätigt man sich lieber als a 2-straßenräuber - und macht sich auf diese weise für hunderttausende "unvergesslich" und be-lieb💗... und entwickelt stattdessen aus den 3 buchtaben b-i-e ein ganz staksig-abstraktes logo, das die ehrwürdige sparrenburg wohl abbilden soll ... - hoffentlich waren das kunststudenten im ersten semester, die dieses neue logo "entwickelten" - einer profi-grafikagentur - die dafür eventuell auch noch knete abzockt - ist ein solches gebilde auf alle fälle nicht würdig: "sechs - setzen" ...

    aber - nix für ungut - immer chuat choan ...



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  • 01/06/19--09:36: fjordenhus vejle - danmark
  • Auf Wasser gebaut. Gemeinsam mit seinem langjährigen Architektenpartner Sebastian Behmann schuf Olafur Eliasson im dänischen Vejle das „Fjordenhus“ für das Unternehmen Kirk Kapital. Foto: Anders Sune Berg
    Licht und Stein

    Olafur Eliasson schenkt der dänischen Hafenstadt Vejle ein architektonisches Wahrzeichen

    Von Falk Jaeger | Tagesspiegel

    Wie eine Renaissance-Wunderkammer, vollgestopft mit Bildern, Modellen, Artefakten, Materialproben mutet das Studio des dänischen Künstlers Olafur Eliasson auf dem Pfefferberg in Berlin an. In der 1907 erbauten Flaschenabfüllerei, einem viergeschossigen Backsteinbau nach Art eines florentinischen Palazzos, arbeiten 120 Mitarbeiter, Künstler, Architekten, Handwerker und Medienspezialisten, erforschen geometrische Objekte, Farb- und Lichteffekte, produzieren die Kunstwerke und erarbeiten Baupläne, Ausstellungen, Medienpräsenz und Bücher.

    Wenig überraschend, dass es den Universalkünstler auch reizt, sich mit Architektur zu beschäftigen, da er sich mit geometrischen Strukturen und deren Erscheinung auseinandersetzt und häufig im Kunst am Bau-Bereich unterwegs ist. Zur Planung und Abwicklung von Bauaufgaben hatte Eliasson 2014 gemeinsam mit seinem langjährigen Architektenpartner Sebastian Behmann eine eigene Firma gegründet, Studio Other Spaces, die den Part des klassischen Architekturbüros übernahm. Nun ist der erste Bau aus dieser Konstellation entstanden, und es ist ein bemerkenswertes Baukunstwerk geworden.

    Die dänische Hafenstadt Vejle an der Ostküste Jütlands ist Sitz des Investmentunternehmens Kirk Kapital, einer Familienstiftung des LEGO-Imperiums, das in Immobilien investiert, zum Beispiel am Hafen von Vejle. 


    Internet-Auftritt-Titel von KIRK-KAPITAL

    Der Auftrag für Eliasson, für Kirk Kapital ein Verwaltungsgebäude zu errichten, kam über persönliche Kontakte zum Bauherrn zustande. Wie in vielen Küstenstädten ist das Hafenareal einem radikalen Wandel unterworfen und wird in ein privilegiertes Wohngebiet konvertiert. Landaufschüttungen schufen Platz für ein neues Stadtquartier, Wohnungsbau, eine Marina, ein Freibad und einen Kanu-Club. Eliassons „Baugrundstück“ liegt im Wasser, im Hafenbecken im Vejle Fjord.

    Der Neubau erhielt den Namen Fjordenhus und wurde zum städtebaulichen Fanal. Die Großform entstand aus geometrischen Überschneidungen von vier Zylindern und 29 von oben und unten hineingesteckten kleineren, leicht konischen Zylindern. Dadurch ergeben sich parabelförmige Ausschnitte als haushohe Fensteröffnungen. Eliasson und Behmann korrigieren das idealgeometrische System hier und da für räumliche Optimierungen, um Aus- und Einblicke zu erweitern oder technische Funktionen besser unterbringen zu können.


    Bildcollage Kirk Kapital Headquarters - Bildquelle: © 2019 Transsolar Energietechnik GmbH


    Entstanden ist eine geometrische Großskulptur, die dennoch architektonische Assoziationen weckt, von Wasserburg über Donjon und venezianischem Palazzo bis zum Hafensilo. Es ist kein hermetisch wirkendes Haus, das sich im unteren Bereich in Pfeiler auflöst. Über einen schmalen Steg schlendern Spaziergänger ins offene Erdgeschoss und schauen den Kajakfahrern des benachbarten Klubs zu, die in den Türmen herumpaddeln. Die drei Obergeschosse beherbergen ein Casino, fließende Räume für Büros und durch eindrucksvolle, gewölbte Glastüren abgeteilte Besprechungsräume und Chefbüros. Bis auf die Stühle hat Eliasson die gesamte Inneneinrichtung entworfen. Sein Stil ist zurückhaltend, fast bescheiden, doch spürt man, dass beim Bau Budgetgrenzen eine untergeordnete Rolle gespielt haben.

    Die gerundeten Formen und Parabeln der Fassade und Innenwände wurden in sorgfältiger Handwerksarbeit gemauert. Keine leichte Arbeit für die Handwerker, sind doch im ganzen Haus keinerlei gerade Wände anzutreffen. Allein von den unglasierten dänischen Kohlebrandziegeln wurden 15 verschiedene Farbtöne ausgewählt und in gemischter Sortierung verbaut. Zwischengestreut auf vorher genau festgelegte Positionen kamen Sonderziegel mit farbig glasierten Längsseiten in verschiedenen Farben hinzu, im wassernahen Bereich mehr grüne Töne, zum Himmel hin mehr blaue.

    Wer davon weiß, kann an einer Stelle im Erdgeschoss auf halber Höhe einen einzelnen, schwarzglänzend spiegelnden Stein sehen. Er wurde bei einem Besuch während der Bauzeit von Königin Margarethe II. gesetzt. Hier und da bleibt das Auge an „Webfehlern“ hängen. Mal sind einzelne Steine senkrecht eingesetzt, mal sind es größere rechteckige oder quadratische Formate, hier und da sogar kreisrunde Ziegelplatten. Auch diese das perfekte Erscheinungsbild störenden Unkorrektheiten sind akribisch geplant. Die farbigen Sonderziegel, die Wasserspeier, die Rund- und Quadratformate sind in der traditionsreichen Ziegelmanufaktur Glindow bei Berlin gebrannt worden, die sich auf Sonderanfertigungen spezialisiert hat und hauptsächlich Denkmalpflegeprojekte beliefert.

    Schwer zu sagen, was mehr beeindruckt: das Raumerlebnis mit den Ausblicken Richtung Stadt und Hafen oder die atmosphärisch wunderbar gestimmten Räume, deren Materialität und Inneneinrichtung Gediegenheit und künstlerische Subtilität ausstrahlen. Zur Wirkung kommen nur wenige Naturfarben und das Licht, das natürliche wie das durch den Lichtkünstler modulierte. Denn selbstverständlich fanden einige Kunstwerke Eliassons im Haus ihren Platz: „Der Innere Himmel“, eine lamellierte Sonnenkugel im Lichtdom des Obergeschosses, die von oben durch einen der Sonne folgenden Heliostat-Spiegel belichtet wird, oder „Fjordwirbel“, eine wie eine Windhose von der Decke herabwachsende, spiegelbesetzte Metallspirale. Hinzu kommt ein Unterwasserlicht, das geheimnisvoll heraufleuchtet.



    Im Endergebnis entstand ein Gesamtkunstwerk. Die künstlerische Grundidee wurzelt im archetypischen Denken. Der Bau besitzt eine Dekorfreude, die auf Ornament verzichtet und das pure Material sprechen lässt. Das Fjordenhus ist ein Einzelfall, eine elitäre Bauaufgabe jenseits ökonomischen Renditedenkens, mag mancher kritisieren. Doch in einer Zeit, wo neue Wohngebiete und Büroquartiere als charakterlose Bauklotzansammlungen wuchern und die Stadtbaukunst zugrunde geht, müssen derlei Glanzlichter der Baukunst mit Wahrzeichenqualitäten höchst willkommen sein.


    Das Studio Olafur Eliasson arbeitete auch mit den Architekten Lundgaard & Tranberg und den Landschaftsarchitekten Vogt an einem Masterplan für die gesamte Marina zusammen, hier im Luftbild. - Bildquelle: dezeen.com

    Textquelle und Bild oben: Tagesspiegel vom 06.01.2019 - S. 24 - Kultur



    ich habe hier mal für euch und für mich ein architektonisch-städtebauliches meisterwerk des künstlers olafur eliasson mit dem "tagesspiegel"-bericht noch mit bildmaterial und video aufgepeppt und erweitert:

    in erster linie - weil ich einfach begeistert bin von diesem gesamtkunstwerk - eingebettet in die  gestaltung der "marina" von vejle in dänemark. 

    noch heute habe ich einen kurzen bericht über das kunstjahr 2018 im hinblick auf die spektakulären auktions-aktionen vornehmlich bei sotheby's und christie's gelesen: 

    450.312.500 us-dollar sind umgerechnet circa 381,6 millionen uro. soviel geld bezahlte ein anonymer bieter in new york für das gemälde „salvator mundi“ von leonardo da vinci - oder aus einer seiner zahlreichen werkstätten von assistenten vielleicht nur unter seiner anleitung auf die leinwand gebracht. es ist wohl auch sehr sehr "eigen-sinnig" von einer an sich gerühmten expertin für den verkauf restauriert worden... 

    ein astronomischer betrag also für ein in expertenkreisen umstrittenes werk mit einer ebenso umstrittenen provenienz, aber der das bild trotzdem zum teuersten kunstwerk der welt gemacht hat. doch seit seiner ersteigerung wurde es nicht mehr gesichtet: im "louvre"-museum von abu dhabi in qatar, wo es ausgestellt werden sollte, kam es bis heute jedenfalls nicht an...

    und dann zum beispiel diese schredderaktion von banksy - und das von digitalen algorithmen zusammengemixte äußerst hässliche ergebnis eines bildes von verschiedenen von studenten eingefütterten porträtbildern in einen computer, dass dann tatsächlich für mehrere 100.000 dollar versteigert wurde - ich hätte dieses ergebnis tatsächlich lieber schamvoll geschreddert ...

    aber daran erkennt man die pure dekadenz, die inzwischen diese welt und auch die kultur zumindest hier und da in den klauen hält: in der "großen politik" mit populisten vom schlage eines trump oder seinen nachahmern in süd- und ost-europa und anderswo - und bei uns - 

    oder jüngst auch das in goldfolie eingewickelte steak des m. franck ribéry (video click here): so, dass einem sogar die reine, unschuldige freude an der zutiefst komödiantischen qualität dieses zelebrierungs-videos verleidet wird - mit seinem fast schon künstlerischen symbolwert: da liegt es also ganz bildlich und buchstäblich, das "goldene kalb", um das sich das ganze kicker-gespöke so dreht - und nicht nur dort... ein noch viel schöneres bild für die absurdität nicht nur des business als der vergoldete lamborghini von arsenals pierre-emerick aubameyang. aber alles sicherlich allerbeste "vorbilder" für unsere kinder und jugendlichen ...

    doch dann - hier - im totalen gegensatz zu diesen schrägen und dekadent durchgedrehten und verrückten auswüchsen - quasi als kontrapunkt - diese wirklichen, die lebensqualität verändernden und trotzdem die ökologischen gegebenheiten berücksichtigenden tatsächlichen  k u n s t w e r k e  von eliasson und seinen mitarbeitern und partnern ...

    ich wünsche uns allen viel freude schon vom puren anblick und den weiteren infos hierzu: denn das ist ja auch im neuen jahr die gewissheit: wo viel schatten ist, kommt ab und zu auch noch ein lichtschein durch die wolken ...



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    click & browse

    double page of my photo/magazine "update | sky"




    "vorbild" für mein photo|magazin war eine viewing-room-mail von der internationalen david-zwirner-gallery.
    in dieser mail wurde ein endlos-gif-"magazin" von bruce nauman gezeigt, das mich dann zu meinem
    neujahrs-magazingruß inspirierte.



    Ausgewählte Arbeiten in GIF: Bruce Nauman, LA Air, 1970. © 2018 Bruce Nauman/Artists Rights Society (ARS), New York

    LA Air ist ein Künstlerbuch bestehend aus Fotografien, die die Luft Südkaliforniens veranschaulichen. In dem Buch präsentiert Bruce Nauman acht ganzseitige Foto-Reproduktionen der Atmosphäre. Verso-Faksimile-Signatur ...

    Der Viewing Room unterstreicht auch den experimentellen Geist, der für Naumans Beschäftigung mit künstlerischer Identität und Routine von zentraler Bedeutung ist.

    CLICK here

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    S!NEDi|graphic:  Da ist der tägliche Kampf gegen das Rauchverbot, weshalb er Rauchmelder in Hotelzimmern manipuliert.
    „Serotonin“ von Michel Houellebecq

    Gekränkte Männlichkeit

    Der Autor Michel Houellebecq veröffentlicht einen neuen Roman. Sein Protagonist könnte sowohl als Sexist, als auch als Feminist gesehen werden.

    Von Doris Akrap | taz

    Ein Mann, weißer Franzose aus bürgerlichen Verhältnissen, Angestellter, 46, keine Kinder, unverheiratet, hat Depressionen und flüchtet sich in die Einsamkeit. Das Setting ist so gewöhnlich und so oft beschrieben, dass man zu Beginn des neuen Romans von Michel Houellebecq, „Serotonin“, überaus skeptisch ist, ob der französische Bestsellerautor ausgerechnet aus dem Stoff, aus dem nicht nur seine Romane, sondern Dutzende öffentlich-rechtliche Vorabendserien gemacht sind, noch mal was rausholen kann. Er kann.

    Der Protagonist heißt Flaurent-Claude, arbeitet im Landwirtschaftsministerium und beendet eine Beziehung feige, indem er spurlos verschwindet. Er kündigt Konto, Wohnung, Job und zieht aus Paris weg. In der Einsamkeit der Normandie findet er aber nicht das, was er sucht: das Glück. So mit sich allein kommen statt großen Glücksgefühlen erst mal Sexfantasien hoch, gefolgt von schmerzhaften Erinnerungen an verpasste Chancen, verflossene Lieben, das Versagen im Job und angesichts von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Missständen.

    Hoch kriegt Flaurent-Claude seinen Penis zwar schon noch, aber im Zuge der immer stärker werdenden Depressionen lässt er sich ein Antidepressivum verschreiben. Um wenigstens „Körperpflege, ein auf gute Nachbarschaftsverhältnisse beschränktes Sozialleben, simple Behördengänge“ hinzubekommen, nimmt er dafür die Nebenwirkung des Medikaments in Kauf: Libidoverlust und Impotenz.

    Das mit dem Duschen kriegt er in der Folge gerade so hin. Er kann sich sogar aufraffen, zwei alte Bekannte zu treffen und schließlich wieder Hoffnung zu schöpfen; Hoffnung, weil er erkennt, dass Camille die einzige Frau war, die er je geliebt hat, und die ihn verließ, weil er eine Affäre hatte. Jetzt, einige Jahre später, hofft er, wiedergutmachen zu können, was er bereut.

    Sex und Fantasien

    Wie er im Folgenden versucht, sich ihr zu nähern, welche Vorsicht, welche Zukunfts- und Mordfantasien, welche Ängste, welche Scham, welche großherzige Einsicht dabei eine Rolle spielen und wie das Ganze ausgeht, ist umwerfend erzählt: die Intensität, die der Furor der Liebe erreicht; die Dynamik, die gekränkter Männerstolz entfacht, und die Brutalität, die individuelle Freiheit bedeuten kann – nämlich dass der eine eben anders entscheidet als man es selbst gerne hätte.

    Wenn der Mann sich an seine Geliebten erinnert, denkt er nicht nur an ihre Einrichtungs- und Ernährungsvorlieben, sondern auch an ihre sexuellen. Dass Houellebecq das schildert und diese Vorlieben von Dreier bis Sodomie ausführlich beschreibt, ist keine Provokation. Wenn es eine Provokation in diesem Buch gibt, dann besteht sie darin, von Sex und Fantasien zu erzählen, die wir alle kennen und die nicht immer ganz sauber sind, worüber wir aber nicht sprechen.

    Die Provokation besteht nicht in Flaurent-Claudes Verteidigung des Wortes „Muschi“ und auch nicht in der Beschreibung von Mösengrößen und deren Feuchtigkeitsgrad und Faltenwurf. Die Provokation besteht darin, zu suggerieren, dass es okay sein müsste, über die individuelle Beschaffenheit von weiblichen Geschlechtsteilen so offen, schnippisch, selbstironisch und unbekümmert zu reden wie über männliche Genitalien.

    Ich würde so gar noch weiter gehen und behaupten, es könnte sich dabei um einen feministischen Ansatz handeln. Einen, den ich auch in der Haltung des Protagonisten sehen könnte, der findet, dass „zur Klarheit der Diskussion“ der Ausdruck „junge, feuchte Muschis“ besser geeignet sei, um auszudrücken, was Marcel Proust meint, wenn er von „erblühenden jungen Mädchen“ spricht.

    Der alte weiße Mann als Ekel

    Flaurent-Claude ist kein sabbernder, pädophiler Sexist, der Frauen nur als Sexarbeiterinnen im Weinberg des Herren betrachtet. Er findet solche Typen (im Roman ist es ein soziophober deutscher Ornithologe, der in einer Ferienwohnung Pornos mit Minderjährigen dreht) abstoßend. Dass er an dem Setting trotzdem voyeuristisches Interesse entwickelt, dass er den Schwanz einzieht und abhaut, anstatt den Täter zur Rede zu stellen oder ihn anzuzeigen, macht Flaurent zum Mitwisser und damit zum Mittäter.

    🔵DAS BUCH
    Michel Houellebecq: „Serotonin“, DuMont Buchverlag, Köln 2019, 335 Seiten, 24 Euro

    Der Roman aber bedient mit der Hauptfigur Flaurent-Claude gerade nicht die Vorstellung vom alten weißen Mann als Ekel, das in der einen Hand die Bierflasche und in der anderen Hand den eigenen Penis hält, während er im Fernseher Fußball, Polittalk oder Tierdoku und in jedem jungen Mädchen nur eine zu fickende Muschi sieht.

    Flaurent-Claude ist eine Figur, die sich ihrer Unzulänglichkeiten und ihrer Männerfantasien bewusst ist, ihnen teilweise erliegt, aber auch dagegen kämpft. Er schießt am Ende nicht, obwohl er sich in der Rolle des echten Kerls, der über Leben und Tod entscheidet, gern gefallen würde. Er ist eine Figur, die der Puritanisierung der Gesellschaft und der EU die Mitschuld an der eigenen Misere gibt. Er ist aber auch eine Figur, deren lakonischer Ton einem vor Lachen und Tristesse die Tränen in die Augen treiben.

    Da ist der tägliche Kampf gegen das Rauchverbot, weshalb er Rauchmelder in Hotelzimmern manipuliert. Da ist der Psychiater, der als Alternative zu den Antidepressiva Nutten in Thailand oder einfach gleich Morphium empfiehlt. Da ist die Erkenntnis, dass das Sprechen zwischen Liebenden überschätzt wird, da außerhalb von Fragen nach dem Garagenschlüssel oder dem Elektrikertermin das Reich der Debatte beginne, ergo Streit, Entliebung, Scheidung. Und da ist aber auch große Erzählkunst, wenn die Beklemmung, die Scham, die Unfähigkeit zu spüren ist in der Szene, in der Flaurent-Claudes Freund Aymeric ihm gestehen muss, dass seine Frau ihn verlassen hat.

    Politische Radikalisierung

    Aymeric wollte nicht werden, was sein Vater ist: ein dekadenter Adeliger, der nur geerbt, nichts erschaffen, aber dafür alles versoffen hat. Aber obwohl Aymeric Landwirt wurde, sich „zu Tode geschuftet“ hat, schafft er es nicht, seine Familie zu ernähren – weil die EU-Politik der Milchquoten die Preise in den Keller treibt, glaubt er. Aymeric wird zur Galionsfigur der militanten Proteste der Landwirte gegen diese Politik.

    Ob Houellebecq damit, wie von französischen Medien interpretiert, die Gelbwesten-Bewegung vorausgesagt hat, sei dahingestellt. Klar ist, dass die politische Radikalisierung in Houellebecqs Roman zwar auch als Folge wirtschaftlicher Misere, aber mindestens ebenso sehr als Folge von Liebeskummer, Trennungsschmerz und gekränkter Männlichkeit dargestellt wird. Die am Ende des Romans gestellte Frage – Sind wir Illusionen von individueller Freiheit, von einem offenen Leben, von unbegrenzten Möglichkeiten erlegen? – ist die Frage danach, ob individuelle Freiheit auch zu individuellem Glück führt. Eine Frage, die nicht beantwortet ist und auf die man nur sagen kann: Ich hoffe doch.

    Man kann das als Paraphrase auf Karl Marx' 11. Feuerbach­these lesen

    Der Roman hat so etwas wie ein Vorspiel und ein Nachspiel. Beides beginnt mit dem Satz „Es ist eine kleine weiße ovale, teilbare Tablette.“ Im Nachspiel heißt es dann weiter: „Sie erschafft nichts, und sie verändert nichts; sie interpretiert.“ Die Tablette ist das Antidepressivum, und man kann darüber zunächst sehr lachen, auch wegen der Anspielung auf ihre Form.

    Man kann den Satz aber auch als Paraphrase auf Karl Marx’11. Feuerbachthese lesen („Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.“). Und auch kann man ihn als Paraphrase auf das „Hohelied der Liebe“ aus dem ersten Brief an die Korinther des Apostels Paulus lesen: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf … Für jetzt bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung.“

    Alle drei spielen eine große Rolle in Houellebecqs Roman. Es wäre also nicht allzu provokant, würde man „Serotonin“ als paulinisches Manifest lesen: Die Ära von Houellebecqs Protagonisten Flaurent-Claude geht zu Ende – hoffen wir, dass danach ein besseres Exemplar von ihm erscheint.


    aus der "taz" - montag, 7.januar 2019, kultur - s. 15


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    houellebecq's typische schreibe - quelle: unbekannt


    Mann braucht Glückshormone

    Michel Houellebecqs neuer Roman »Serotonin« erscheint heute

    Von Andreas Schnadwinkel | WB

    Michel Houellebecq gilt – wie seine Hauptfigur – als misanthropischer Kettenraucher, der  am menschlichen Dasein verzweifelt.


    Bielefeld(WB). In seiner Heimat Frankreich sind sich die Rezensenten seines neuen Romans »Serotonin« sicher: Michel Houellebecq hat die Protestbewegung der »Gelbwesten« kommen sehen. Ganz so ist es nicht, aber der Blick des Autors auf die Gegenwart und die Gesellschaft ist so klar wie immer. Heute erscheint das Buch in Deutschland.

    Seit »Plattform« (2001) werden dem Schriftsteller wahlweise prophetische, seherische oder visionäre Fähigkeiten nachgesagt. Der Roman endete mit islamistischen Attentaten auf westliche Touristen in Asien – und erschien am 3. September 2001, acht Tage vor den Anschlägen des 11. September 2001. Noch näher sollte »Plattform« ein Jahr darauf an dem Anschlag auf der Ferieninsel Bali mit 202 Opfern sein.

    Besser im Gedächtnis ist »Unterwerfung«. Erscheinungstag des Romans, der von der Wahl eines muslimischen Staatspräsidenten in Frankreich handelt, war der 7. Januar 2015. Der Tag, an dem zwei islamistische Terroristen in Paris die Redaktion des Satiremagazins »Charlie Hebdo« stürmten und elf Menschen ermordeten. Auf den Schreibtischen lag die aktuelle Ausgabe: mit einem karikierten Michel Houellebecq auf dem Cover; »Unterwerfung« war die Titelstory.

    In der Tat hat der 60-Jährige ein Gespür für soziale und politische Entwicklungen, über das nur sehr wenige verfügen. Aber die »Gelbwesten« hat er in »Serotonin« nicht vorhergesagt. Vielmehr geht es um einen Aufstand von Milchbauern in der Normandie, die Au­tobahnen blockieren und sich Gefechte mit der Polizei liefern. Dass französische Landwirte ihre Interessen durchzusetzen versuchen, indem sie den Verkehr lahmlegen, ist ja nicht neu. Allerdings betont Houellebecq eine neue Militanz und Gewaltbereitschaft, mit der sich die Bauern gegen Billigmilchimporte wehren.

    Und so kann man, wenn man möchte, die 336 Seiten als Anti-Globalisierungs-Buch lesen, als Plädoyer für Erzeugnisse aus der Heimat und als Forderung nach Protektionismus. Die Hauptfigur, ein 46-jähriger Agrarökonom, hat für den Monsanto-Konzern gearbeitet und berät jetzt die französische Regierung bei Verhandlungen mit der EU-Kommission. Ginge es nach ihm, gäbe es kein Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten, denn argentinische Aprikosen würden die Obstbauern in Roussillon um ihre Existenzgrundlage bringen. Der Protagonist hat sich damit abgefunden, dass er den Lauf der Dinge nicht ändern kann, und beschäftigt sich mit sich selbst.

    In jedem Houellebecq-Roman stehen die Leser vor der Frage: Wie viel Houellebecq steckt in dem Ich-Erzähler? Gemessen an dem, was man über den Schriftsteller weiß, ziemlich viel. Ein misanthropischer Kettenraucher, der ein Agrarstudium absolviert hat und am menschlichen Dasein verzweifelt. Über weite Strecken bekommt das Publikum, was es von einem geübten Provokateur erwarten darf: bestätigte Vorurteile, depressive Auswüchse, ausführliche Sexszenen, Gedanken über Tourismus und Erfahrungen in der Gastronomie. Die erste Hälfte liest sich wie ein »Best of Houellebecq«, wobei der Islam bis auf zwei im Nebensatz erwähnte salafistisch aussehende Internetcafé-Betreiber nicht vorkommt.

    Im zweiten Teil ändert sich der Stil deutlich. Unterm Strich geht es um einen an sich selbst leidenden Mann auf der Suche nach Liebe. Einen erst 46-Jährigen, der seine Ex-Partnerinnen aufsucht und meint, sein erotisches Leben hinter sich zu haben – und damit sein Leben überhaupt.


    Der wahrscheinlich einflussreichste zeitgenössische europäische Autor beschränkt sich aber nicht auf eine amüsante Revue mit halbwegs ernstem Grundton. Je tiefer die Handlung in die Provinz vordringt, desto tiefer geht es in die verkümmerte Seele der Hauptfigur in ihrem Lebenskampf. Aus dem Gesamtwerk des Franzosen wird eines immer deutlicher: Unglücklich sind immer die Kinderlosen. Vielleicht ist es das, was Michel Houellebecq sagen will.

    aus: WESTFALEN-BLATT, Nr. 5, vom 07.01.2019 - S. 21 - Kultur/Fernsehen

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    michel houellebecq hat seinen neuen - seinen 7. - roman vorgelegt. und erst neulich habe ich ausführlich zu houellebecq stellung genommen (→ hier) - in einer besprechung zum 1-mann-theaterstück seines romans "unterwerfung" mit edgar selge in hamburg und jetzt in berlin... - und zu einem jüngst erschienen interview mit houellebecq bei "harper's", in dem er donald trump lobt und bewundert.
    "houellebecq ist ein sehr genauer beobachter seines (französischen) alltags und des weltpolitischen drumherums, das er nur immer in seiner derzeitigen populistischen unentschiedenheit durch den wäschewringer drehend auspressen muss und versatzmäßig als patchwork mit stift und schreibgerät aufs papier durchformulieren muss: herauskommen dabei können nur dann solche stücke und texte, wie sie hier notiert und bewertet werden" ...
    habe ich geschrieben - und dem ist auch nach den beiden besprechungen seines neuesten romans nichts hinzuzufügen.
    houellebecq komponiert fast wie ein koch seine bewährten zutaten ins jeweilige roman-menü: ausführlichen schmuddelsex, drugs, melancholie oder besser depression, lebensmüdigkeit und frauenüberdruss - immer mit einem aktuellen gut beobachteten oder sich abzeichnenden schuss zeitgeist- und polit-aspekt - und daraus generiert er dann sein neuestes machwerk.

    man darf das lesen - man kann es aber auch lassen - denn es unterhält nur über eine gewisse zeit hinweg: es nimmt (außer lesezeit) nichts weg - es füllt aber auch nicht unbedingt hirnschmalz auf...

    neulich hat der alte hamburger bürgermeister von dohnanyi (jahrgang 1928) auf dem "roten sofa" des ndr gemeint, ihn interessiere nur etwas, was ihn trotz seiner lebenserfahrung und seiner ämter "noch weiterbringt - weiterbildet" - also wo er einen "zugewinn" erfährt.
    bei houellebecq's "serotonin" wird er und viele andere ein solches geistig-inneres plus wohl weniger finden, so scheint es mir nach den vorliegenden rezensionen.

    alle rezensent*innen, derer ich bis heute habhaft werden konnte, schreiben, der neueste romen sei verschieden zu lesen, unter unterschiedlichen aspekten oder herangehensweisen...
    man könnte eben auch sagen: "die einen meinen so - die anderen so ..." - also im grunde alles nichtssagend.

    houellebecq bedient gern aus marktstrategischen gründen genau diese lücke der nichtfestgelegten und der neugier - und dann mixt er (in frankreich meint man "hellseherisch") vermeintlich folgerichtige quintessenzen aus dem allgemeinen europäischen binnenklima - auch philosophisch und politisch und konfessionell - mit in den shaker - und ... -
    genug geschüttelt: flupps - fließt "serotonin" ins glas: "eine kleine weiße ovale, teilbare tablette - sie erschafft nichts, und sie verändert nichts; sie interpretiert."...

    ich sage nur - wohl bekomm's - nix für ungut - und chuat choan ...


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  • 01/08/19--02:03: alles selbst gebastelt

  • S!|graphic: du sollst dir kein bild machen ...



    da wird ja gern abfällig über "selbstgebastelte" religionen gespöttelt. 

    aber dabei sollten wir uns alle selbst mal an die nase fassen: ich behaupte mal: jeder persönlich modifizierte glaube an wen oder was auch immer - und nur den gibt es ja und von dem lässt sich berichten - ist individuell - in seinen persönlichen erfahrungen, den überkommenen prägenden familien-traditionen, in seiner jeweiligen mentalität im heranreifen der persönlichkeit. 

    denn auch die bibel ist ja nicht vom himmel gefallen, sondern menschen haben hier auf geheiß des damaligen priestertums oder eben selbständig chroniken verfasst und auf kuhhäute und papyrus gekritzelt: 
    • oft dankbar notiert, was ihnen - beispielsweise - wie eine begegnung mit gott anmutete,
    • wie sich die priesterschaft die entstehung der damals bekannten welt oder das walten gottes vorstellte mit der erschließung neuer weideplätze für's vieh etwa oder neuer wasserquellen - manchmal kurz vor dem verdursten,
    • oder der rechtzeitige bau eines rettungsfloßes kurz vor einer überschwemmung, 
    • oder nach gewonnenen schlachten, 
    • oder sonstigen "wie wunder" wirkenden aber meist regional begrenzten ereignissen 
    die dann allmählich kultstatus erlangten und von menschen (!) "geheiligt" wurden, die man als mitläufer - als gemeindeglieder - als gläubige - überzeugen konnte und dazugewann.

    auch zeigt ja die vielfalt der religionen über den ganzen erdball verteilt je nach "zivilisationsgrad" viele von menschen gemachte völlig unterschiedliche "kultur"geprägte rituale: voodoo, hinduismus, buddhismus, die mayas und azteken, die ägypter und ihr pyramiden-totenkult, der mithraskult, der zoroastrismus - und natürlich die drei monotheistischen abrahamitischen religionen: judentum, islam und christentum - um nur einige religionsgebäude zu benennen, die aber auch alle einfluss aufeinander nahmen - oft gegenseitig in ihren schriften und riten - manchmal als konkurrenten untereinander und miteinander.

    man kann also durchaus sagen: alle religionen sind zumindest anfangs von den jeweiligen volksgruppen und einzelmenschen irgendwie "selbstgebastelt" - und das individuum glaubte von der antike bis heute immer an die hirngespinste, die erfolg verhießen oder ein langes leben mit genügend auskommen - oder gar ein "leben nach dem tod" ...

    und auch in den verschiedensten kulten versuchte zwar die priesterschaft (die auch aus menschen - aus einzel-individuen - bestanden) die glaubensdogmen zu bestimmen, oftmals nach "politischen" interessen und maßstäben ... aber daneben existierte immer auch ein sogenannter "volksglaube" mit regionalen und lokalen oder sogar familiären verehrungen und riten und sitten - quasi "unter dem radarschirm" der offiziellen organisationen und kirchen, die selbst aber auch personengebundene und politische und manchmal nationale interessen verfolgten ...

    man kann also durchaus und mit überzeugung von seiner "selbstgebastelten religion" sprechen - und das ist eher ein zeichen von persönlicher emanzpation und geistiger stärke - zumal sie eben nicht übergestülpt wurde - sondern immer den eigenen zugang zu spirituellen und göttlichen gewissheiten bildet und ebnet.
    und sicherlich genauso berechtigt und "glaubens"mäßig gesichert wie alle "kirchliche" religionen auch - die auch von menschen erdacht und aufgeschrieben wurden und werden.

    es geht und ging immer darum - die "unaussprechliche" gottheit zu benennen und zu verehren, die immer am beginn und am ende des lebens und unserer gedankenketten und gewissheitsgrenzen steht. 

    mein "persönlicher glaube" an meinen gott und an jesus von nazareth und an den uns alle eingepflanzten spirituellen geist - den wir wohl "ge-wissen" nennen - hat so in mir "persönlich""gestalt" angenommen. amen.

    also - nichts für ungut - und chuat choan



    der "gebastelte" abrahamitische gott - auch als "dreieiniger" gott: der gott allah des islam, der gott des christentums, der jüdische gott ...





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  • 01/08/19--12:47: # nazis raus
  • Hass im Internet

    Ein "# nazis raus" und seine Folgen

    Eine ZDF-Reporterin erhält massenhaft Mord- und Vergewaltigungswünsche. Sie hatte gewagt, eine demokratische Selbstverständlichkeit auszusprechen. Ein Kommentar 

    Von SEBASTIAN LEBER | Tagesspiegel

    • Seit sechs Tagen wird sie auf Twitter mit Hass überzogen. Männer wünschen ihr, sie möge vergewaltigt, verstümmelt, erschossen werden. Gemäßigtere nennen sie "Abfall", der entsorgt gehöre.

    Was sich Nicole Diekmann, Korrespondentin aus dem ZDF-Hauptstadtbüro, zuschulden kommen ließ? Sie hatte zunächst auf ihrem privaten Twitter-Account am Neujahrstag zwei Wörter gepostet, die eigentlich eine demokratische Selbstverständlichkeit sind: “Nazis raus”. 


    Die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann. S!|art-graphic nach einem ZDF-screenshot


    Der Spruch wird seit mehr als 30 Jahren von Menschen benutzt, die nicht wollen, dass Nationalsozialisten in Deutschland je wieder Macht erlangen. Er ist eine Entgegnung auf die rechtsradikale Parole “Ausländer raus”, wurde nach den Morden von Mölln und Solingen gerufen, auch bei Gerhard Schröders “Aufstand der Anständigen” im Jahr 2000 und immer wieder am Wegesrand von Märschen Rechtsradikaler, die in Deutschland eine Diktatur errichten wollen.

    “Nazis raus” bedeutet: Nie wieder Faschismus. Es ist ein Bekenntnis zum Grundgesetz, zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, ja zur Bundesrepublik Deutschland an sich. Wer sollte sich von so einem Spruch angesprochen und angegriffen fühlen, außer vielleicht ein Nazi?

    Dass eine Journalistin für ihre Haltung, die zum Glück auch 2019 einen gesellschaftlichen Grundkonsens widerspiegelt, Hass erfährt, sagt womöglich etwas über Diskursverschiebungen der vergangenen Monate aus. Vor allem aber über die Drastik, mit der Rechtsextreme virtuell, oft im Schutz der Anonymität, gegen Demokraten vorgehen.

    Wie umgehen mit dem Shitstorm?

    Ähnliche Hetzkampagnen gab es zuletzt gegen die SPD-Politikerin Sawsan Chebli oder die Moderatorin Dunja Hayali. Der Journalist Richard Gutjahr hat bei der jüngsten re:publica eindrucksvoll beschrieben, wie er selbst gegen Hetzer vorgeht. Andere Opfer versuchen sich zu schützen, indem sie vorübergehend ihre Accounts in sozialen Netzwerken deaktivieren, also untertauchen in der Hoffnung, dass der "Shitstorm" vorüberzieht.

    Nicole Diekmann entschloss sich für einen anderen Weg: Sie veröffentlichte einige der Kommentare und antwortete mit Ironie. Dadurch wurde es noch viel schlimmer. Denn neben Gewaltfantasien bekam Diekmann auch Reaktionen von Nutzern, die versuchten, sie in absurde Diskussionen zu verwickeln. Einer fragte: "Was ist denn für Sie ein Nazi?" Als ob das Wort nicht für sich stände. Um zu zeigen, wie albern die Frage ist, antwortete Diekmann: "Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt."

    Ich habe gelacht, als ich auf Twitter die clevere Antwort las. Und war erschrocken, als ich feststellen musste: Rechte verbreiteten ihren Witz weiter, behaupteten aber allen Ernstes, die Journalistin würde es tatsächlich so meinen. Und noch irrsinniger: Andere glaubten das. So geriet der Tweet in Kreise, die für Argumente überhaupt nicht mehr zugänglich sind: die Blase der Verschwörungstheoretiker. Eine Blase, in der Menschen an Chemtrails und Freimaurer im Bundestag glauben oder die behaupten, beim Anschlag vom Breitscheidplatz habe es 2016 gar keine Toten gegeben, weil die ganzen blutüberströmten Menschen eigentlich vom Staat bezahlte Schauspieler waren… Mit den Menschen in dieser Echokammer kann man nicht diskutieren, in diese Echokammer dringt keine Vernunft ein, dringt nur sehr viel Hass heraus.

    Man kann nur hoffen, dass die Journalistin von ihrem Umfeld alle erdenkliche Unterstützung bekommt, auch von den Kollegen.

    # nazis raus.
    auch im stadion gilt: # nazis raus - bundesligaclubs solidarisieren sich mit nicole diekmann - nach einem foto von imago (sportbuzzer)
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    ich möchte mich dem slogan von nicole diekmann anschließen und mich voll & ganz solidarisieren - als 72-jähriger linksgrünversiffter alt-68er: nazis raus !!!

    dazu gab es ja auch schon beispielsweise die "unteilbar"-demonstration im vergangenen herbst, als mehr als 250.000 menschen ein gemeinsames zeichen für solidarität und gegen rechte hetze gesetzt haben.

    ja - aber es muss wohl wieder einmal "ein ruck durch deutschland" gehen: denn es ist die aufgabe aller demokraten, lautstark dagegen zu protestieren und den rechten nicht die meinungshoheit zu überlassen: 
    # nazis raus aus den behörden, 
    # nazis raus aus der bundeswehr und polizei - und 
    # nazis raus aus den parlamenten - und ich meine auch: 
    # nazis raus aus den leserbrief-meinungsforen der medien, die dort nur noch mehrheitlich einseitig geflutet werden ...

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    meinungsmanipulation in den leserbrief-foren 

    die meinungsforen unter den infragekommenden zeitungs-onlineartikeln werden inzwischen nach meinen unmaßgeblichen beobachtungen von 70 - 80% rechtspopulistischen vielschreibern - wahrscheinlich auch unter einsatz von meinungsmachenden algorithmengesteuerten bots dominiert - die tatsächlich wie in einer blase massenhaft mit immer gleichen argumenten aber mit unterschiedlichen meist rüden texten völlig einseitig operieren ..., und wo beispielsweise unter dem größtenteils einschlägig zynischen "meinungs"-geschwafel eines henryk m. broder in der "welt" in der regel binnen 120 bis 180 minuten mit bis zu 300-400 "leser" ihm fast ausnahmslos beifall zollen - und ihn euphorisch mit "weiter so" wie einen "messias" feiern...

    ich habe auch deshalb mein "'welt'-gold plus"-abo letzte woche nach über einem jahr gekündigt - aber auch, weil ich bei anderen "welt"-redakteuren immer öfter mit einer regelrechten "68er-phobie" - über das ganze 50-jährige "jubiläums"jahr verteilt - konfrontiert wurde ... - unterbrochen allerdings mal von einem interview von stefan aust mit gretchen dutschke - aber wohl mehr unter sozialen aspekten und aus alter verbundenheit - und vielleicht unter der prämisse, den einschlägigen "welt"-lesern eine wasserstands-meldung zu geben, wie die witwe von rudi dutschke  nach all den jahren in freud und leid immer noch tickt ...

    ich erlebe diese ad-hoc-kündigung meines "welt-abos" wohl so ähnlich, wie der robert habeck seinen ausstieg aus facebook und twitter ... - als befreiungsschlag und als neues durchatmen ...

    ich hatte die "welt" seinerzeit abonniert, um mich - wie oben beschrieben - als alt-68er im "reifen" alter "umfassend" und eben nicht einseitig ausschließlich durch "taz" und "spiegel" usw. zu informieren - allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, eben sporadisch mit solchen verrissen meiner generation und meiner persönlichen wurzeln konfrontiert zu werden.

    ich muss mich und meine generation ja nicht von den machern, die mir ihre meinung gegen knete - in einem zugegeben: hervorragenden layout - verkaufen wollen, auch noch beleidigen und desvouieren lassen  - und deshalb: so long - und ich werde auch mit meinen "clicks" zu den seiten und artikeln des "welt"-imperiums eisern sparen: andere mütter haben auch schöne töchter ...

    und trotzdem nix für ungut - und chuat choan



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    "Salvator Mundi"

    Der teuerste Flop der Welt?

    450 Millionen Dollar wurden für dieses Gemälde von Leonardo gezahlt – doch hat er es überhaupt gemalt? Dafür spricht so gut wie nichts.

    Von Frank Zöllner | DIE ZEIT

    Zu Beginn des 16. Jahrhunderts traf Leonardo da Vinci die bis heute folgenreiche Entscheidung, seine Bildideen nicht immer selbst auszuführen. Viele seiner Werke malten Schüler und Gehilfen, das ist durch Schriftquellen und Gemälde der Leonardo-Werkstatt gut belegt, beispielsweise durch die Madonna mit der Spindel oder durch die Leda mit dem Schwan. Ebenfalls in die Reihe der Werkstattarbeiten gehört der Salvator Mundi, ein Bild, das Jesus den Erlöser zeigt. Leonardo hat das Werk nicht selbst gemalt, er lieferte lediglich den Gesamtentwurf und einige Detailstudien, seine Schüler verwendeten seine Ideen.





    Der "Salvator Mundi", links in der unrestaurierten Fassung, noch ohne Leonardo-Schmelz © Robert Simon (l.); Christie's/dpa (r.)


    Das alles wäre kaum der Rede wert, wenn der 2011 erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentierte Salvator Mundi nicht innerhalb kürzester Zeit sehr hohe Preise erzielt hätte, ja sogar zum teuersten Kunstwerk aufstieg, das je bei einer Auktion verkauft wurde. Schon im Jahr 2012 wechselte das Gemälde für rund 82 Millionen Dollar den Besitzer, kurz darauf wurde es erneut verkauft, für etwa 127 Millionen, und schließlich am 15. November 2017 auf einer New Yorker Versteigerung des Auktionshauses Christie’s für die Rekordsumme von 450,3 Millionen Dollar erworben. Als Käufer gilt der saudische Prinz Badr bin Abdullah. Zunächst hieß es, der Prinz habe im Auftrag des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman gehandelt (der mit der Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi in Verbindung gebracht wird). Dann wurde gemeldet, dass Prinz Badr den Salvator im Auftrag des Ministeriums für Kultur und Tourismus von Abu Dhabi ersteigert habe – quasi als ultimative Trophäe für die Kulturpolitik des benachbarten Emirats. Im Louvre Abu Dhabi sollte das Gemälde dann im September dieses Jahres feierlich präsentiert werden. Ohne Nennung von Gründen wurde der Termin jedoch abgesagt. Den Hintergrund der Absage kennen wir nicht. Wir wissen nicht einmal, wo sich das Gemälde derzeit befindet und ob die 450 Millionen je gezahlt wurden.

    Eigentlich ist es selbstverständlich, dass für die endgültige Beurteilung eines Gemäldes dessen Geschichte restlos geklärt sein muss. Das sollte erst recht für teure Kunstmarkttrophäen wie den Salvator Mundi gelten. Die Provenienzlücken sind jedoch gewaltig. Bereits für das 16. Jahrhundert fehlt jede Nachricht über das Bild. Hinweise auf die Existenz eines Salvators von der Hand Leonardos gibt es erst seit dem 17. Jahrhundert. Doch ob sich diese Belege auf das in New York versteigerte Bild beziehen, ist mehr als ungewiss. Die frühesten zuverlässigen Nachweise für das Gemälde finden sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts! Um 1900 gelangte es in den Besitz des britischen Künstlers Sir Francis Cook. In dem 1913 publizierten Bestandskatalog seiner Sammlung heißt es, der Salvator als Werk stamme "aus dem Umkreis" Leonardos, also nicht vom Künstler selbst. Im Besitz der Familie Cook verbleibt das Gemälde bis zu seiner Versteigerung am 25. Juni 1958 durch das Londoner Auktionshaus Sotheby’s, wo es für 45 Pfund Sterling von einem gewissen "Kuntz" erworben wird. Jahrelang spekulierten die Experten darüber, ob es sich dabei um ein Pseudonym handle oder eine ironische Anspielung auf das deutsche Wort "Kunst". Im Frühjahr 2005 schließlich wechselt das Bild bei einer lokalen Auktion in New Orleans erneut seinen Besitzer, angeblich für 10.000 Dollar.

    Erstaunlich ist nicht nur, dass der Salvator Mundi trotz seiner dürftigen Provenienz bei mehrfachen Besitzerwechseln in kürzester Zeit riesige Summen "erlösen" konnte (in keinem anderen legal betriebenen Geschäftsfeld dieser Welt würden solche Summen ohne genaue Herkunftsnachweise eines Objekts gezahlt!). Beinahe ebenso erstaunlich ist auch der fehlende Ehrgeiz maßgeblicher Akteure, die Provenienz des Gemäldes wenigstens für die Zeit zwischen 1958 und 2005 restlos zu klären. Von all jenen, die Leonardo für den alleinigen Urheber des Bildes halten, prüfte keiner, wer wohl jener ominöse "Kuntz" war, der den Salvator 1958 ersteigerte, und wie er in die Auktion von 2005 gelangte. Diese Fragen haben kürzlich drei Journalisten des Wall Street Journal beantwortet.

    Das Gemälde stammt demnach aus dem Besitz des 2004 verstorbenen Basil C. Hendry Sr. aus Baton Rouge in Louisiana, der es im Jahr 1987 von seiner Tante Minnie Stanfill Kuntz geerbt hatte. Minnie war die Gattin jenes ominösen "Kuntz" aus dem Jahr 1958. Wir kennen nun auch seinen vollen Namen, Warren E. Kuntz, und seinen Beruf, Möbelhändler. Er hatte den Salvator übrigens 1958 nicht als Trophäe erworben, sondern als religiöses Bild.

    Das alles mag auf den ersten Blick trivial erscheinen. Aber es birgt eine Menge Zündstoff. Man muss sich fragen, warum erst drei Journalisten und nicht schon die Profis von Christie’s in New York den Käufer des Gemäldes von 1958 und dessen Verkäufer von 2005 ausfindig gemacht haben. Diese Frage ist umso berechtigter, als die Erben von Basil C. Hendry Sr. bereits im Jahr 2004 zwei Auktionshäuser kontaktiert hatten, Christie’s in New York (!) und die St. Charles Gallery in New Orleans, die den Nachlass schließlich am 9. und 10. April 2005 versteigerte. Christie’s in New York hatte den Salvator Mundi also zweimal vor der Nase, sowohl 2004 als auch 2017. Beim ersten Mal hielt man ihn dort offenbar für nicht so wertvoll, dass man ihn unbedingt hätte versteigern wollen. Beim zweiten Mal wurde daraus ein Riesengeschäft.

    Man ahnt jetzt, warum das New Yorker Auktionshaus im Jahr 2017 keinen Ehrgeiz entwickelte, die Provenienz des Salvators genau zu prüfen: Die Experten wären dann nämlich auf die unangenehme Erkenntnis gestoßen, im Jahr 2005 einen Original-Leonardo verkannt zu haben. Umgekehrt hätte Christie’s sich dem Vorwurf aussetzen müssen, seinen Kunden im November 2017 ein Bild angeboten zu haben, dessen Urheberschaft keineswegs so eindeutig ist, wie manche nun behaupteten.

    Tatsächlich zeigt sich nun, dass erst durch die tief greifenden Restaurierungen der Jahre 2005 bis 2017 der Salvator zu einem "Leonardo" gemacht worden war. Aus einer Bildruine wurde ein Spitzenstück.

    Meisterhaft gemalt, aber nicht von Leonardo

    In unrestauriertem Zustand hätten auch die größten Kenner nicht vermutet, dass es sich um ein Werk von der Hand des Meisters handeln könnte. Das zeigte sich etwa auf der Versteigerung der Sammlung von Sir Francis Cook 1958. Die Sammlung galt als eine der bedeutendsten privaten Altmeistersammlungen des 19. Jahrhunderts in Europa, daher waren bei der Auktion die entsprechenden Experten anwesend, unter ihnen Ellis Waterhouse. Der britische Kunsthistoriker vermerkte in seinem Exemplar des Bestandskataloges der Cook-Sammlung die Bieter und die Zuschlagspreise der Versteigerung, darunter auch den in Kunstmarktkreisen unbekannten "Kuntz" und dessen Verkauf. Man kann sich schwer vorstellen, dass ein Altmeisterexperte wie Waterhouse auf dem Cook Sale ein Originalgemälde Leonardos übersehen hätte.

    Doch damit nicht genug: Zu den von Waterhouse notierten Bietern der Auktion gehörte auch Sir Kenneth Clark, wohl der beste Leonardo-Kenner seiner Generation. Clark, der auf dem Cook Sale ebenfalls mehrere Gemälde erwarb, hatte zuvor umfassend zu Leonardo publiziert, auch zu dessen Vorzeichnungen zum Salvator Mundi. Er war also, anders als "Kuntz", kein naiver Laie, sondern ein bestens informierter Spezialist. Daher ist auch im Fall von Lord Clark kaum vorstellbar, dass er auf dem Cook Sale ein authentisches Leonardo-Gemälde übersehen und es einem "Kuntz" aus den USA überlassen hätte.

    Detailvergrößerung aus den beiden gegenübergestellten Reproduktionsfotos von oben


    Um die Echtheit des Bildes heute beurteilen zu können, müsste endlich geklärt sein, wie gut es erhalten war und was genau daran restauriert und retuschiert wurde. Ein ausführlicher Bericht ist jedoch trotz mehrfacher Ankündigung nicht erschienen. Immerhin gibt es einige Fotos zu den unterschiedlichen Zuständen des Bildes in den Jahren zwischen 2004 und 2017, darunter auch eine Aufnahme vom April 2005, die der sogenannte Entdecker des Bildes, Robert Simon, großzügig zur Verfügung gestellt hat. Diese Fotografie könnte ein Ausgangspunkt für die Bewertung des Gemäldes sein.

    Vor einer kennerschaftlichen Beurteilung des New Yorker Salvator Mundi muss man sich klarmachen, dass Leonardos Ruhm als Maler eng mit seiner langjährigen akribischen Beobachtung der Natur zusammenhängt. Noch im Jahrzehnt vor seinem Tod hat er unermüdlich nach geeigneten Techniken gesucht, seine Beobachtungen perfekt und wirkungsvoll in Malerei umzusetzen. An diesem Anspruch Leonardos muss sich auch der Salvator Mundi messen lassen. Einige Details wie die Modellierung der Segenshand Christi und der Kristallkugel oder die Gestaltung der filigranen Stickmuster unterhalb des Brustausschnitts reichen zumindest an diesen Anspruch heran. Auch die mit feiner Schattierung konturierten Fingernägel erinnern an Originalgemälde Leonardos. Allerdings weist der Salvator Mundi auch Schwächen auf. So wirkt die Hautfarbe der Segenshand, das Inkarnat, ähnlich wächsern wie auf etlichen Werkstattgemälden. Viel zu schematisch gestaltet sind zudem die "Korkenzieherlocken" Christi auf der rechten Seite und damit in einem Bereich des Bildes, das relativ gut konserviert war. Ausgerechnet der am besten erhaltene Teil der originalen Maloberfläche erinnert also an Arbeiten aus der Werkstatt Leonardos!

    🔵 FRANK ZÖLLNER
    ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig und gilt als einer der weltweit besten Leonardo-Kenner.

    Genau umgekehrt verhält es sich mit den schadhafteren Bereichen des Bildes. Gerade dort, wo das Bild nachgebessert wurde, ist der "Sfumato" und damit die suggestive Lichtführung des Salvator Mundi am überzeugendsten gestaltet. Das gilt für die Modellierung großer Teile des Gesichts und der Kristallkugel in der linken Hand Christi. Ebendiese "Sfumato"-Effekte verdankt das Gemälde zu einem guten Teil den restauratorischen Überarbeitungen, die sich wie ein zweites Gesicht auf das Antlitz des Erlösers legen.

    Meisterhaft gemalt, aber nicht von Leonardo, sondern von der kongenialen Restauratorin Dianne Modestini aus New York!

    Und das lässt nur einen radikalen Schluss zu: Alle bisherigen Restaurierungen müssten rückgängig gemacht werden, besonders die der letzten Jahre, um eine erneute Echtheitsprüfung des Bildes zu ermöglichen. Aber wer wird sich noch einmal an ein 450-Millionen-Gemälde herantrauen? Wer wird den Fall ergebnisoffen prüfen dürfen? Und wer wird zugeben, dass so viel Geld sich irren konnte?
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    Text und Bild: DIE ZEIT Nr. 2, 3. Januar 2019, Feuilleton, S. 45 

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    auch oben - im "opener" des neuen "zeit"-artikels steht wieder: "... ein bild, das jesus den erlöser zeigt" ... 

    ja - da ist immer von einem "jesus-porträt" die rede - und dabei handelt es sich doch um ein fantasie-gebilde des leonardo bzw. seiner werkstatt und seiner schüler: wie sie sich eben diesen "jesus" 1500 jahre nach dessen ableben vorstellten - als "heiland/erlöser der welt" (als "salvator mundi"), zu dem ihn in der zwischenzeit vor allen dingen die auf paulus eingeschworene kirche in rom mit "unfehlbaren" dogmen theologisch hochstilisiert hatte - denn er war ja nach den biblischen berichten zunächst ein einfacher handwerksbursche und tagelöhner und dann ein wanderprediger, der das damals verkrustete judentum revolutionieren bzw. reformieren wollte - und der seinen nahen vielleicht "inneren" gott seinen "abba" - seinen "papa" - nannte...

    das wird heute oft vergessen: jesus von nazareth war nie "christ" und auch nicht "begründer" einer kirche, sondern ein jude, der predigend nur ein paar jahre durch das kleine galiläa zog, mit einer kleinen gruppe von frauen und zotteligen männern, die mit ihm zogen: nicht mehr und nicht weniger - alles andere ist theologie und fantasie und "meditation" - und eben "selbstgebastelte religion", über die ich erst neulich berichtete ...

    ja - und 450 millionen dollar sind relativ viel - aber fußballspieler neymar war ja seinem jetzigen "besitzer" (moderner sklavenhandel) immerhin auch schon 222 millionen wert - also alles ist relativ...

    das umstrittene kunstwerk selbst strahlt trotz aller von skeptikern beanstandeten ungenauigkeiten eine faszinierende ruhe auf mich aus - und ist in seiner derzeitigen wirkung sicherlich ein spitzenwerk in der weltkunst: entstehung hin - provenienz her ...

    für mich ist eben die frage, ob erst mit einer lückenlosen provenienz des bildes - also zurück-recherchieren: bis zum tatsächlichen pinselstrich des meisters leonardo selbst, am besten mit der angabe von zeit und stunde und der größe und beschaffenheit der pinselborsten - ob das bild erst so seinen "wert" erlangt - oder ob wir es in seinem sosein mit allen restaurierungsauffrischungen der letzten jahrhunderte oder auch restaurierungsabwertungen im hier & jetzt bewerten dürfen - und in einem höheren sinne "schätzen" lernen dürfen.

    ob das nun angeblich einem muslimischen prinzen aus den vereinigten arabischen emiraten (wahrscheinlich prinz badr bin abdullah bin mohammed bin farhan al saud) 450.312.500 us-dollar wert sein musste - immerhin für ein "jesus"-porträt - gedacht zur ausstellung in einem staatsmuseum in einem muslimischen land - oder ob das irgendein bis heute uns undurchsichtiger deal mit irgendeinem "höheren ziel" war - bleibt im ungewissen, denn im neuen louvre-museum in abu dhabi - wo es präsentiert werden sollte -  taucht es bis heute entgegen aller ankündigungen nicht auf ...

    und ob es jetzt durch all diese bewertungen und umwidmungen auch im nachhinein zur auktion noch jemals eine ähnliche spekulations-summe erzielen könnte, ist fraglich - aber fraglich bleibt ja auch, ob der deal überhaupt jemals über die bühne gegangen ist - und die 450 millionen bei irgendeinem bankhaus in der welt eingegangen sind mit der zweckbestimmung: "für salvator mundi" ...

    das restaurierte und ersteigerte werk - das aber zur zeit "verschollen" ist ...




    die meinetwegen auch weiterhin fiktive auktionssumme zeigt aber auch den stand der allgemeinen inflation zumindest auf dem kunstspekulationsmarkt an ... - und zeigt, dass die schere zwischen den gesellschaftlichen schichten allen unkenrufen zum trotz immer weiter auseinanderklafft: eine upperclass, die sich jetzt eine weitere trophäe in den safe legen kann - auf nimmerwiedersehen - aber so wird die allgemeinheit nichts davon haben: ein jesus für reiche - vielleicht sogar für muslimische multimilliardäre aus dem königshaus der emirate - eingebunkert vor sich hinschlummernd - und von wegen "heiland der welt"... 

    na - dann "salem aleikum" - "friede sei mit dir" ...

    nix für ungut - und chuat choan ...

    p.s. dieses ist eine leicht modifizierte stellungnahme zu anderen "salvator mundi" posts auf diesem blog [click]...

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  • 01/09/19--07:23: verkehrte welt
  • S!|art: lügen haben kurze beine aber eine lange nase ...


    Angriff auf die Wirklichkeit

    Von Manfred Dworschak | SPIEGEL

    Psychologie  

    Warum sind offenkundige Lügen und absurde Wahngebilde in der Politik so erfolgreich? Die Erklärung von Religionsforschern: Das gemeinsame Bekenntnis zur Fiktion stärkt den Zusammenhalt sozialer Gruppen.

    Ehr­lich, wer kommt da noch mit? Die AfD hetzt mit of­fe­nen Lü­gen ge­gen den recht­lich nicht bin­den­den UNO-Mi­gra­ti­ons­pakt, nennt ihn ein »ver­steck­tes Um­sied­lungs­pro­gramm«. Rechts­ex­tre­me Zir­kel fan­ta­sie­ren so­gar eine dro­hen­de »Aus­rot­tung« her­bei. Es passt ein­fach zu gut zum fa­mo­sen Wahn­ge­bil­de vom »Be­völ­ke­rungs­aus­tausch«, über den sich die An­hän­ger seit Jah­ren wie ver­hext er­ei­fern.

    Beim US-Prä­si­den­ten Do­nald Trump ist un­ter­des­sen der Lü­gen­zäh­ler der »Wa­shing­ton Post« – Stand vom 30. Ok­to­ber – auf 6420 nach­weis­lich fal­sche oder ir­re­füh­ren­de Be­haup­tun­gen ge­klet­tert. Trump lügt sich fast schon wahl­los durch den Tag. Als nach den US-Zwi­schen­wah­len in Flo­ri­da nach­ge­zählt wer­den muss­te, be­haup­te­te er, Be­trü­ger hät­ten sich ver­klei­det, um mehr­mals ab­zu­stim­men und sei­ner Par­tei den Wahl­sieg zu rau­ben.

    Und den­noch: Die Zu­stim­mungs­wer­te für Trumps Kar­ne­val der po­li­ti­schen Ver­wahr­lo­sung sind un­ter den ame­ri­ka­ni­schen Re­pu­bli­ka­nern sta­bil. Sei­ne Ge­folgs­leu­te er­klä­ren je­den aus der Luft ge­grif­fe­nen Aber­witz im Nach­hin­ein ve­he­ment für wahr. Und die hie­si­ge AfD er­schließt mit Ver­schwö­rungs­fa­beln ge­gen jede Evi­denz nach wie vor wach­sen­de Wäh­ler­krei­se.

    Wir se­hen, mit ei­nem Wort, er­staun­lich ro­bus­te Glau­bens­ge­mein­schaf­ten der Lüge. Wi­der­spricht das nicht al­ler Ver­nunft?

    Um nor­ma­les Lü­gen geht es hier längst nicht mehr, so weit ist das Pu­bli­kum schon im Bil­de. Wer auf her­kömm­li­che Wei­se lügt, ver­birgt sei­ne Ab­sich­ten, weicht aus, spie­gelt et­was vor – er hat eben nicht die Macht, sein Ziel ohne Trick­se­rei­en zu er­rei­chen. Wer lügt, ist zu schwach für die Wahr­heit.

    Die dreis­ten Lü­gen neu­en Typs aber sind of­fe­ne An­grif­fe auf die Wirk­lich­keit. Je­der weiß, dass sie ge­lo­gen sind, das ist ge­ra­de ihre Bot­schaft. Sie ver­ste­cken nichts.

    Statt Schwä­che de­mons­trie­ren die­se Lü­gen Stär­ke. Die An­hän­ger, so scheint es, füh­len sich von dem pro­vo­kan­ten Stoff ge­ra­de­zu be­lebt und auf­ge­pul­vert; sie krie­gen nicht ge­nug da­von. Die Ge­gen­sei­te darf das ru­hig als Dro­hung ver­ste­hen: Eure Fak­ten kön­nen uns mal.

    Was sagt die Wis­sen­schaft dazu? Aus Sicht der Evo­lu­ti­ons­for­schung ist das nur schein­bar ein Pa­ra­do­xon: Für eine Spe­zi­es, die sich in ei­ner kom­pli­zier­ten Welt zu­recht­fin­den muss, ist kol­lek­ti­ver Rea­li­täts­ver­lust ei­gent­lich kein gu­tes Re­zept. Aber Men­schen ha­ben schon im­mer von ge­mein­sa­men Fik­tio­nen pro­fi­tiert. Das zeigt die Ge­schich­te der Re­li­gio­nen. An­thro­po­lo­gen ha­ben her­aus­ge­fun­den: Ge­ra­de der Glau­be an Un­glaub­li­ches war es, der mäch­ti­ge Ge­mein­we­sen her­vor­brach­te.

    Und war­um ist die­se Stra­te­gie so er­folg­reich? Weil das Be­kennt­nis zur Fik­ti­on Über­win­dung kos­tet. Es fällt nicht leicht, un­er­schro­cken Wi­der­sin­ni­ges zu be­haup­ten. Gott­lo­se und An­ders­gläu­bi­ge krin­geln sich: Wie kann man nur! Ste­he ich trotz­dem zu mei­ner Über­zeu­gung, ist das ein star­kes Si­gnal an die Mit­gläu­bi­gen: Sie se­hen, dass auf mich Ver­lass ist. Als Be­weis mei­ner Loya­li­tät brin­ge ich das Op­fer mei­nes Ver­stands.

    Re­li­gi­ons­for­scher spre­chen von »kost­spie­li­ger Hin­ga­be«. Der Glau­be er­weist sich als umso stär­ker, je mehr er den Sei­nen ab­ver­langt. Der ame­ri­ka­ni­sche An­thro­po­lo­ge Ri­chard So­sis hat nach­ge­wie­sen, dass stren­ge, for­dern­de Glau­bens­ge­mein­schaf­ten be­son­ders lang­le­big und so­mit er­folg­reich sind.

    Auf die Art des Op­fers kommt es da­bei kaum an. Ob die Mit­glie­der sich um­ständ­li­chen Fas­ten­re­geln un­ter­zie­hen oder, wie die Ka­tho­li­ken im Mit­tel­al­ter, mehr­stün­di­ge la­tei­ni­sche Mes­sen durch­ste­hen – es dient al­les dem glei­chen Zweck: Die Men­schen zei­gen öf­fent­lich, wie weit sie zu ge­hen be­reit sind, nur um ih­rer Ge­mein­schaft wil­len.

    Das Si­gnal der kost­spie­li­gen Hin­ga­be schafft ei­nen star­ken Zu­sam­men­halt. Es er­mög­licht Frem­den der glei­chen Fik­ti­ons­ge­mein­schaft, ein­an­der mit Ver­trau­en zu be­geg­nen; und es hält Tritt­brett­fah­rer fern, die nichts bei­tra­gen und im Zwei­fels­fall schnell wie­der weg sind. Un­ter güns­ti­gen Um­stän­den kön­nen auf die­se Wei­se gro­ße ver­schwo­re­ne Grup­pen her­an­wach­sen – und die ge­teil­te Fik­ti­on wird zur his­to­ri­schen Macht.

    Da­von pro­fi­tie­ren nicht nur Re­li­gio­nen, son­dern in glei­chem Maß po­li­ti­sche Sek­ten. Denn auch die Be­reit­schaft, ge­gen jede Evi­denz zu lü­gen, ist ein fäl­schungs­si­che­res Si­gnal der Hin­ga­be – je kras­ser, des­to bes­ser.

    Ab­sur­de Ge­schich­ten sind in der An­hän­ger­schaft im­mer ge­fragt, und sie ver­brei­ten sich auch noch be­son­ders gut. Das ist kein Zu­fall. Das Un­glaub­li­che er­staunt, es bleibt leicht hän­gen – bes­ter Er­zähl­stoff, so­lan­ge es noch ir­gend­wie stim­mig scheint.

    Die al­ten Ger­ma­nen dach­ten sich den Ur-Rie­sen Aurgel­mir aus, der aus gif­ti­gen Ei­ter­trop­fen ent­sprang. Sohn und Toch­ter wuch­sen dem Gi­gan­ten aus dem Schweiß sei­ner lin­ken Ach­sel; so be­schreibt es der Schöp­fungs­my­thos der Edda. Als Aurgel­mir sei­ne Füße zu­sam­men­schlug, ent­stand ein wei­te­rer Sohn: Er hat­te sechs Köp­fe.

    Nicht min­der ein­präg­sam ist die Fa­bel, dass in Deutsch­land die Flücht­lin­ge in Lu­xus­her­ber­gen schwel­gen und zum Dank sich auch noch Zie­gen aus dem Strei­chel­zoo gril­len. Auf sol­che Mi­ra­kel ist die Hass­re­li­gi­on des rech­ten Ran­des fi­xiert; Ge­gen­be­le­ge tut sie als Blend­werk ab. Sie ver­teu­felt die Mi­gra­ti­on als Mut­ter al­ler Pro­ble­me – der bös­ar­ti­ge Son­der­fall ei­nes Glau­bens. Sei­nen An­hän­gern ist kei­ne hö­he­re Se­lig­keit ver­hei­ßen, nur das häss­li­che Ver­gnü­gen, Schwä­che­re zu mal­trä­tie­ren.

    Auf über­zeug­te Rechts­ex­tre­me mag spe­zi­ell die­se Aus­sicht eu­pho­ri­sie­rend wir­ken. Mit­läu­fer ge­nie­ßen wohl ein­fach nur die Frei­heit zum Kra­kee­len. Denn sei­en wir ehr­lich: Lü­gen macht frei. Es ist be­flü­gelnd, sich an Fak­ten nicht mehr ge­bun­den zu füh­len.

    Die­se Fak­ten, das ver­gisst man leicht, sind ja kei­nes­wegs neu­tral. Der Mensch er­lebt sie zeit­le­bens als Ge­gen­spie­ler, die sein tag­träu­me­ri­sches Wunsch­den­ken ein­gren­zen; sie er­zwin­gen An­pas­sung, schmerz­haf­te Ein­sicht und Selbst­kor­rek­tur. Ein Le­ben lang wird er von die­sen Fak­ten zu­recht­ge­stutzt und ge­de­mü­tigt.

    Wirk­li­che Frei­heit gibt es, wie die Phi­lo­so­phin Han­nah Arendt schrieb, nur in der Lüge. Aus der Enge der Tat­sa­chen ent­kommt der Lüg­ner in die Un­end­lich­keit des Kon­traf­ak­ti­schen. Dort kann er lär­men, het­zen, spin­ti­sie­ren nach Be­lie­ben. Er nimmt, mit an­de­ren Wor­ten, gründ­li­che Ra­che an der Rea­li­tät. In nor­ma­len Zei­ten knallt frei­lich nur sel­ten je­mand der­art durch. Wer da­mit al­lein blie­be, wäre ja nur als ar­mer Tropf ent­blößt. Aber in der Grup­pe ge­teilt, kann je­des Wahn­ge­bil­de zur so­zia­len Macht wer­den. Was den Ein­zel­nen bla­mie­ren wür­de, macht die Ge­mein­schaft stark.

    Rechtschaffener Aufklärungseifer stärkt nur die Überzeugung des Lügners, dass er die richtigen Leute ärgert.

    Es gibt na­tür­lich vie­ler­lei Mit­tel, Ver­schwo­ren­heit her­zu­stel­len. Aber die of­fe­ne Lüge hat un­ter ih­nen eine be­son­de­re Qua­li­tät: Der Grad ih­rer Dreis­tig­keit ist ziem­lich ge­nau zu be­stim­men. Er be­misst sich im Ab­stand zur Wahr­heit, die al­len be­kannt ist – von der mi­ni­ma­len Schwin­de­lei bis hin zur atem­be­rau­ben­den Ab­sur­di­tät, die sich über jede Evi­denz hin­weg­setzt.

    An der Be­reit­schaft zur Lüge kön­nen die Mit­glie­der ab­le­sen, wozu die Ge­mein­schaft im­stan­de ist. Sie sind je­der­zeit in­for­miert über de­ren Ak­ti­ons­fä­hig­keit und Ent­schluss­kraft. Das Aus­maß des ge­teil­ten Wi­der­sinns dient qua­si als per­ma­nen­ter Selbst­test der Be­we­gung.

    Aber wie krie­gen Men­schen, die es bes­ser wis­sen müs­sen, so et­was hin? Nun, man ge­wöhnt sich dar­an. For­scher am Uni­ver­si­ty Col­le­ge in Lon­don ha­ben ge­zeigt, wie schnell das geht. Sie scho­ben Pro­ban­den in den Hirn­scan­ner und lie­ßen sie dort zum Schein im­mer wie­der klei­ne Auf­ga­ben ge­gen Geld er­le­di­gen.

    Die Teil­neh­mer muss­ten an­neh­men, sie könn­ten da­bei un­be­merkt zu ih­rem Vor­teil schwin­deln. Et­li­che pro­bier­ten es, an­fangs noch zu­rück­hal­tend, und es mach­te ih­nen zu schaf­fen – der Scan­ner of­fen­bar­te star­ke Re­ak­tio­nen bei der emo­tio­na­len Ver­ar­bei­tung. Mit der Zeit aber wur­den die Pro­ban­den im­mer mu­ti­ger, zu­gleich nahm das Wi­der­stre­ben ab. Das Lü­gen war zur Rou­ti­ne ge­wor­den.

    In die­ser Ge­wöh­nung steckt be­reits der An­reiz, die Do­sis zu stei­gern. Die Lüge, die al­len schon leicht von den Lip­pen geht, hat sich als so­zia­les Si­gnal ver­braucht; ge­fragt ist dann neu­er, stär­ke­rer Stoff. Jede er­folg­reich eta­blier­te Lüge lädt dazu ein, sie mit der nächs­ten noch zu über­tref­fen.

    Eine Be­we­gung, die es nach Ra­dau und Um­sturz ge­lüs­tet, be­trach­tet die Gren­zen des Sag­ba­ren oh­ne­hin nur als tak­ti­schen Zwi­schen­halt. Sie wird ver­su­chen, in neue Re­gio­nen des Kon­traf­ak­ti­schen vor­zu­drin­gen. Aber mit je­der Es­ka­la­ti­on der Lüge ver­grö­ßern die Ver­schwo­re­nen auch die Fall­hö­he ih­rer Exis­tenz – ir­gend­wann ist die Rück­kehr auf den Bo­den der Tat­sa­chen nur noch als Ab­sturz denk­bar. Auch das stärkt den Zu­sam­men­halt: wenn es kein Zu­rück mehr gibt.

    Wie schnell das ge­hen kann, lässt sich der­zeit in den USA stu­die­ren: Prä­si­dent Trump fa­bu­liert im­mer ab­sur­de­res Zeug – und doch hat sich sei­ne Ge­folg­schaft noch je­den Un­sinn öf­fent­lich zu ei­gen ge­macht, wenn auch mit­un­ter nach ei­ni­gem Zö­gern und Schlu­cken. So man­cher Mit­ar­bei­ter hat sich da schon mit re­gel­rech­ten Mut­pro­ben der Scham­lo­sig­keit für Hö­he­res emp­foh­len.

    Die »New York Times« wun­der­te sich kürz­lich, wie rück­halt­los Leu­te aus Trumps Um­feld – Pres­se­spre­cher, An­wäl­te, Wahl­kampf­ma­na­ger – die Res­te ih­rer bür­ger­li­chen Re­pu­ta­ti­on ver­spiel­ten. »Sie be­lo­gen die Bun­des­be­hör­den so­gar«, schrieb das Blatt, »wenn das Ri­si­ko, er­wischt zu wer­den, groß war und ih­nen schreck­li­che Kon­se­quen­zen droh­ten.« Aber ge­nau das ist der Sinn des Ver­stan­des­op­fers, durch das die Rei­hen ge­schlos­sen wer­den.

    Do­nald Trump bie­tet den An­hän­gern be­son­ders reich­lich Ge­le­gen­heit zur Un­ter­wer­fung, wenn er bei­spiels­wei­se das Ge­gen­teil ei­ner Be­haup­tung vom Vor­tag zur neu­en Wahr­heit er­klärt. Trump hat die Rea­li­täts­ver­leug­nung nicht er­fun­den, aber zur Se­ri­en­rei­fe ge­führt. Lü­gen bringt er qua­si schon voll­au­to­ma­tisch her­vor, die Fak­ten­che­cker kom­men kaum noch hin­ter­her. Sei­ne bis­he­ri­ge Best­leis­tung er­reich­te der US-Prä­si­dent am 7. Sep­tem­ber mit ei­nem Aus­stoß von 125 fal­schen oder ir­re­füh­ren­den Be­haup­tun­gen.

    Den­noch ist Trump kein po­li­ti­scher Lüg­ner neu­en Typs, er kennt nur kei­ner­lei Scham. Er hat nie ei­nen Zwei­fel dar­an ge­las­sen, wor­um sein Den­ken kreist: um die Fik­ti­on sei­ner Un­be­sieg­bar­keit. Jede Wahl, die er nicht ge­won­nen hat, müs­se dem­nach ir­gend­wie ge­fälscht sein. So macht der Ego­ma­ne in bis­lang un­er­hör­ter Rein­heit deut­lich, wor­auf das de­mons­tra­ti­ve Lü­gen in der Po­li­tik letz­ten En­des hin­aus­läuft: auf die De­mon­ta­ge der De­mo­kra­tie.

    Das Ziel ist er­reicht, wenn die Men­schen kei­ne ge­mein­sa­me Fak­ten­ba­sis mehr an­er­ken­nen und Wor­te nur noch Glau­ben­stat­sa­chen be­zeich­nen, de­nen man an­hän­gen kann oder auch nicht. So ist das, wenn die Lüge zur so­zia­len Macht ge­wor­den ist. Dann kann sie die Rea­li­tät zur Fik­ti­on er­klä­ren und sich selbst an ihre Stel­le set­zen. Dann be­stimmt der Stär­ke­re, was ein Wahl­er­folg ist und was nicht.

    Die Phi­lo­so­phin Han­nah Arendt schrieb: »Be­vor die Mas­sen­füh­rer die Macht in die Hän­de be­kom­men, die Wirk­lich­keit ih­ren Lü­gen an­zu­glei­chen, zeich­net sich ihre Pro­pa­gan­da durch eine be­mer­kens­wer­te Ver­ach­tung für Tat­sa­chen über­haupt aus.« Dar­in of­fen­ba­re sich »be­reits die Über­zeu­gung, dass Tat­sa­chen nur von dem ab­hän­gen, der die Macht hat, sie zu eta­blie­ren«.

    In die­sem Sin­ne wirkt die Lüge, die nach in­nen die Rei­hen schließt, zu­gleich schon nach au­ßen als Dro­hung. Arendt hat das am Bei­spiel der Na­zis er­läu­tert, die sich eine Ver­schwö­rung des »Welt­ju­den­tums« aus­dach­ten. Sie hielt es für sinn­los, in die­ser Lage den Ge­gen­be­weis an­zu­tre­ten. Ihr zu­fol­ge hat der An­ti­se­mit ja gar nicht die Ab­sicht zu sa­gen, was ist. Er sagt, was sein müss­te, da­mit ge­recht­fer­tigt ist, was er be­reits plant.

    Mit an­de­ren Wor­ten: Dreis­te, un­ver­hoh­le­ne Lü­gen sind kei­ne Aus­sa­gen über Din­ge. Sie sind Ta­ten, die wei­te­re Ta­ten vor­be­rei­ten. Das gilt auch, wenn AfD-Funk­tio­nä­re, ob­wohl Dau­er­gäs­te im Talk­show-Ka­rus­sell, sich sti­li­sie­ren zu Op­fern ei­ner »Mei­nungs­dik­ta­tur«, de­nen man den Mund ver­bie­te. Sie kün­di­gen da­mit ihre Ab­sicht an, bei der ers­ten Ge­le­gen­heit die De­mo­kra­tie zu zer­schla­gen und den Ter­ror zur Not­wehr um­zulü­gen.

    Was tun? Wer sich in eine fik­ti­ve Ge­gen­welt ver­ab­schie­det hat, den wer­den auf dem Weg zur Rea­li­sie­rung der Fik­ti­on we­der Ar­gu­men­te noch Fak­ten­checks groß be­un­ru­hi­gen. Der recht­schaf­fe­ne Auf­klä­rungs­ei­fer der Ge­gen­sei­te stärkt sei­ne Über­zeu­gung, dass er die rich­ti­gen Leu­te auf die rich­ti­ge Wei­se är­gert.

    Was die Ka­der der Lüge tref­fen kann, ist das Er­le­ben von Schwä­che und Iso­la­ti­on. Die Eu­pho­rie der ge­mein­schaft­li­chen Ver­blen­dung ver­liert ih­ren Zau­ber, wenn sich der rea­le Hand­lungs­spiel­raum der Be­we­gung nicht mehr aus­wei­tet, son­dern ver­engt.

    Bleibt also die Hoff­nung auf die Ver­nunft der Mehr­heit – und de­ren Be­reit­schaft, die De­mo­kra­tie, wo sie in Not ge­rät, zu ver­tei­di­gen. Eine gut be­such­te De­mons­tra­ti­on ge­gen rechts­ra­di­ka­le Um­trie­be macht auf Fa­na­ti­ker ge­wiss mehr Ein­druck als wohl­ge­setz­te Ge­gen­re­de. Es kann auch nicht scha­den, bei Be­darf die Ge­set­ze ge­gen Volks­ver­het­zung und ähn­li­che De­lik­te an­zu­wen­den – im Grenz­fall be­kräf­tigt durch die Macht­mit­tel, die der Po­li­zei zu Ge­bot ste­hen.

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    zumindest die neuen lügner in den usa - ich meine trump & konsorten - beziehen sich immer auf ihren standfesten christlichen glauben - und die mitgliederstarken evangelikalen kreise wählen trotz dieser offensichtlichen lügen den trump - blind "auf deubel komm raus" ...

    das 8. gebot lautet: "du sollst nicht falsch zeugnis reden - wider deinen nächsten" ... 

    aber das ist das phänomen: wenn man die realitäten um sich herum einfach verleugnet, die durch die "aufklärung" fassbar wurden - und die die behaupteten antiken bilder und "wahrheiten" in der bibel in frage stellen oder gar als "lügen" entlarven würden - wenn man ihnen eben ohne jede zweifel und kritik vorbehaltlos weiter anhängt, weil man sonst das elternhaus und die primärgruppe auch der gemeinde, der man sich zugehörig fühlt und in die man hineingetauft wurde, ansonsten meint zu "verraten" - wenn man meint, ansonsten abtrünnig zu werden, einsam zu werden, zum "wendehals" zu werden - wenn man angst hat gar vor der strafe gottes oder vor der hölle oder dem fegefeuer, dann wird die lebenslüge zur akzeptierten wahrheit - zur realität - und dann kann man nur noch weiß denken - denn schwarz ist das böse ... - dann gibt es auch keine zwischenphasen oder korridore - dann brabbelt man einfach alles mit ...

    und wenn es lange genug gebrabbelt wurde, nimmt es gestalt an, ist es plötzlich "tatsache", wird es die "wahrheit" - "nichts als die wahrheit" - und alle weniger extremen oder liberalen gegenbeweise in den medien können dann ja nur die "lüge" sein: "lügenpresse - halt die fresse" ... - "ich weiß, was ich weiß" - und "das haben 'die' aber gesagt - und dann ist das authentisch - da kannste aber einen drauf lassen - weißte ..." ...

    und dann gibt es fürchterliche semantische purzelbäume, die an das pathologisch wahnhafte grenzen können, um diese aufgeschnappte "wahrheit" dann auch "argumentativ" mit behauptungen zu untermauern.

    ich habe ja schon von meinem ausflug in die für mich wenigstens inzwischen als rechts-konservativ entpuppte presselandschaft berichtet - und wie dort auf meldungen oder kommentare in windeseile völlig kopflos und überzogen massenhaft reagiert wurde in den meinungsforen - immer in einer art "shitstorm-" oder auch "#hashtag"-mentalität - es wird einfach auf "schlagworte" reagiert - oft so scheint es mir von meinungstreibenden algorithmen-bots begleitet - um "rechts-populistische" realitäten neu zu kreieren und zu untermauern - und meinungsstrategisch zu besetzen...

    vor jahren sagte mir jemand, der von zu hause ausgezogen war und nun in etwas prekären umständen lebte: 

    "da draußen ist krieg, mensch nochmal - davon hast du hier in deiner 3-zimmer-wohnung mit öffentlich-rechtlichem fernsehen und deiner bürgerlichen lokalpresse ja doch keine ahnung" ...

    und ich glaube fast - inzwischen ist dieser krieg, den er damals meinte, durch das internet und den sozialen netzwerken aber auch mit den sogenannten "meinungsforen" unter den einigermaßen geeigneten texten zu mir in den desktop-pc und auf das smartphone und ins tolino-tablet gekrochen - ein krieg, bei dem nicht "geschossen" wird, wo aber die äußere und innere realität in trümmer gehen kann ...

    gott bewahre - nix für ungut - und chut choan

      




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  • 01/10/19--02:12: blau


  • »IKB 191« von Yves Klein aus dem Jahr 1962. Sein einzigartiges Blau ließ er sich patentieren

    Hauptsache, blau

    Yves Klein schuf elf gleichfarbige monochrome Bilder und provozierte das Publikum, indem er dafür unterschiedliche Preise verlangte

    Von Karoline Kuhla-Freitag | DIE ZEIT

    Yves Klein wagte es. Im Januar 1957 eröffnete in der Mailänder Galleria Apollinaire eine Ausstellung, in der er elf Bilder, elf »monochrome Vorschläge, blaue Epoche« ausstellte. Jedes einzelne war 77,5 mal 56 Zentimeter groß und regelmäßig im selben leuchtenden Blau gestrichen – auf den ersten Blick sahen sie alle gleich aus. Doch einen Unterschied legte Klein fest – in den Preisen: Alle elf Bilder waren unterschiedlich teuer. Ob die Käufer dafür Verständnis hatten?

    Der französische Maler, der sich selbst »Yves Le Monochrome« nannte, fertigte in den Fünfziger- und Sechzigerjahren einfarbige Bilder an, indem er mit einer Farbrolle gleichmäßig Leinwände bestrich, in Rot, Orange oder Gelb etwa, meist aber in Blau. Denn der junge Künstler, der in seinem kurzen, nur 34 Jahre dauernden Leben Tausende Bilder schuf, von denen einige zu den Klassikern der Moderne zählen, interessierte sich für Farben. Sie wollte er zum Strahlen bringen und wurde dafür radikaler. Schließlich ließ er alle Farben hinter sich und konzentrierte sich auf eine einzige: Blau.

    Auf die Frage, warum er sich freiwillig derart begrenze, antwortete Klein mit einer alten persischen Geschichte.
    Ein Flötenspieler habe zwanzig Jahre lang nur einen Ton gespielt. Als seine Frau ihn darauf ansprach, dass andere Flötenspieler Melodien aus unterschiedlichen Tönen zusammenstellten und dass die Musik so doch unterhaltsamer wäre, antwortete ihr Mann, es sei nicht sein Problem, dass er den einen Ton, nach dem die anderen noch suchten, schon gefunden habe.

    Für Yves Klein war dieser Ton das Blau. Seit er als junger Mann mit zwei Freunden am Strand von Nizza gesessen hatte, sie in spielerischem Übermut die Welt unter sich aufgeteilt hatten und er sich für den Himmel entschieden hatte, beschäftigte ihn dessen Unendlichkeit. Später behauptete er sogar, den Himmel signiert zu haben und die Vögel dafür zu hassen, dass sie sein »größtes und schönstes Monochrom« immer wieder störten.

    Dieses grenzenlose Blau wollte er auch mit seinen einfarbigen Bildern erzeugen und entwickelte ein Ultramarin, das ihn berühmt machte und das er sich 1960 patentieren ließ, bis heute trägt es seinen Namen: International Klein Blue (I.K.B.). Dahinter verbirgt sich eine spezielle Mischung, die den Blauton, den er so liebte, besonders gut zum Leuchten bringt. Auf der Leinwand bleibt nichts, woran sich das Auge festhalten kann, nichts als die reine Farbe und ihre Wirkung: »Farbe badet in kosmischer Sensibilität. (...) Farbe ist materialisierte Sensibilität. Farbe badet in allem und badet alles«, schrieb er dazu.

    Doch Kleins Werke waren für die damalige Zeit zu radikal. Selbst im sonst so aufgeschlossenen Pariser Salon des Réalités Nouvelles, einem Ausstellungsforum für geometrisch-abstrakte Werke, bat man ihn, er solle seine einfarbigen Bilder wenigstens durch eine zweite Farbe, einen Punkt oder Strich ergänzen.

    Von dieser Kritik ließ sich Klein jedoch nicht beirren und setzte stattdessen auf seine Ausstellung in der Galleria Apollinaire. Für die Präsentation dort brachte er die elf blauen Leinwände auf Balken an, sodass sie mit einem Abstand von bis zu zwanzig Zentimetern von der Wand entfernt standen und wirkten, als ob sie schwebten. Er spielte mit dem Unverständnis für seine Kunst und forderte seine Besucher heraus, das jeweils Individuelle der Bilder zu entdecken – rief doch jedes eigene Empfindungen hervor. Und auch den Preis der Bilder legte Klein entsprechend individuell fest. Er hinterfragte damit die Vorstellung, dass Bilder sich rational bewerten ließen, etwa aufgrund der Größe, des Motivs oder der Kunstfertigkeit – die Wirkung auf den Betrachter war das, was zählte.

    Die genauen Reaktionen der Ausstellungsbesucher sind nicht bekannt. Unter den Aufgeschlossenen von ihnen ging Kleins Rechnung aber wohl auf: Sie waren bereit, unterschiedliche Preise für seine Werke zu zahlen. So kaufte beispielsweise der berühmte italienische Maler und Bildhauer Lucio Fontana eines der Werke. Heute werden Yves Kleins Monochromien weltweit für Preise im niedrigen zweistelligen Millionenbereich versteigert.

    Für Klein selbst zählte nach der Ausstellung in Mailand nur die Entscheidung der Käufer als Erfolg: »Diese Tatsache beweist zum einen, dass die malerische Qualität jedes einzelnen Bildes durch etwas anderes als seine materielle und physische Erscheinung wahrnehmbar war, und zum anderen natürlich, dass diejenigen, die eine Wahl trafen, jenen Zustand anerkannten, den ich ›malerische Sensibilität‹ nenne.«

    "blue"-montage: S!|art

    aus: DIE ZEIT, nr. 3, vom 10.januar 2019, s. 26 wirtschaft | kunstmarkt

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    das war 1957 sicherlich radikal: elf monochrome werke in immer dem gleichen blau - bild an bild - in eine galerie zu hängen ... - aber yves klein hat dazu ja auch die "gebrauchsanweisung gleich mitgeliefert: 
    er forderte seine besucher heraus, das jeweils individuelle im einzelnen werk zu entdecken – riefe doch jedes eigene empfindungen und reaktionen hervor - was sich ja auch manchmal von augenblick zu augenblick ändern konnte ... er hinterfragte damit die vorstellung, dass bilder sich rational bewerten ließen, etwa aufgrund der größe, des motivs oder der kunstfertigkeit [und des preises oder des erwarteten zugewinns]– einzig und allein die wirkung auf den betrachter im hier & jetzt war das, was zählen sollte ...
    und so fragte ich ja auch schon bei meiner anmerkung zum derzeitig teuersten bild der welt, dem "salvator mundi": 
    nämlich ob wir es in seinem derzeitigen sosein nach allen restaurierungsauffrischungen der letzten jahrhunderte oder auch gegenüber dem original missglückten restaurierungsversuchen und deren abwertungen im hier & jetzt bewerten - und in einem höheren sinne "schätzen" lernen dürfen ...
    ganz unabhängig von "provenienz", vermutetem künstler oder auktionserlösen ... - einfach nur das schiere kunstwerk und seine farbe(n) und seine ausstrahlung - und eben das, was das in uns auslöst und abruft ...

    genau eine solche betrachtungsweise wäre wieder echter "kunstgenuss" - und endlich wieder losgelöst von den kapitalistischen vermarktungsstrategien und all den marketender-geschäften, die sich rundherum um die kunst und den künstlern angesiedelt haben ...

    der künstler selbst hängt ja dazwischen: auf der einen seite möchte er geld verdienen zum (über)leben und für material und miete usw. - auf der anderen seite möchte er ja "kunst" schaffen und sieht sich als "künstler" - und malt wenn eben, wenn es sein habitus im moment verlangt - eben auch steil am "markt" vorbei ...
    "die tatsache des kaufes eines bildes beweist zum einen, dass die malerische qualität jedes einzelnen bildes durch etwas anderes als seine materielle und physische erscheinung wahrnehmbar war, und zum anderen natürlich, dass diejenigen, die eine wahl trafen, jenen zustand anerkannten, den ich ›malerische sensibilität‹ nenne"..., meinte yves klein zum kauf eines bildes aus der "blauen serie".

    zu yves klein, seiner ehefrau rotraut, und seinem sohn, dem künstler yves amu klein, solltest du vielleicht ab hier weiterrecherchieren ... - viel spaß auf dieser dann hoffentlich beginnenden entdeckungsreise ...



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  • 01/10/19--09:49: 4/4 = 1/1
  • 4/4 = 1/1 | S!|art


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  • 01/10/19--13:39: schreddern gegen knete

  • Banksy's Love in the Bin wird in Baden-Baden gezeigt.  © Claire Doherty / Alamy Live News








    Banksy' Pannen-Kunst in Baden-Baden

    Museum Burda zeigt das geschredderte Bild


    Es war ein Coup, als das eben bei Sotheby’s für über eine Million Pfund versteigerte Banksy-Bild „Girl with Balloon“ vor den Augen des entsetzten Publikums im Auktionssaal geschreddert wurde. Nun ist die Arbeit vier Wochen lang im Museum Frieder Burda zu sehen.

    Es wurde berühmt, weil es bei einer Kunstauktion geschreddert wurde – ein Bild des Street-Art-Künstlers Banksy. Nun kommt „Girl With Balloon“, das sich durch einen im Rahmen verborgenen Schredder selbst zerstörte, nach Baden-Baden: Wie das Museum Frieder Burda am Dienstaq mitteilte, ist es dort vom 5. Februar bis zum 3. März zu sehen. „Wir erwarten ein großes Interesse, auch gerade von jungen Menschen und Banksy-Fans“, sagte Museumsdirektor Henning Schaper.

    Das Museum will das berühmte Bild nicht einfach nur zur Schau stellen, sondern dem Anliegen des Künstlers nach „Demokratisierung der Kunst“ Rechnung tragen. „Wir diskutieren gerade, wie wir das Werk möglichst vielen Menschen zugänglich machen können“, so Schaper. Die Präsentation soll von einem Symposium begleitet werden. Neben Hintergründen und der Intention Banksys sollen Bedingungen in einer Kunstwelt beleuchtet werden, die eine „Wertexplosion“ ermöglichen.
    Das Bild „Girl With Balloon“ zerstörte sich im Herbst kurz nach seinem Verkauf an eine europäische Sammlerin für umgerechnet knapp 1,2 Millionen Euro. Banksy, dessen wahre Identität unbekannt ist, stellte die Aktion auf seinem Instagram-Account im Internet als von langer Hand geplante Kritik am Kunstmarkt dar. Sotheby’s feierte das zerstörte Bild dagegen als „erstes Kunstwerk der Geschichte, das während einer Auktion live entstanden“ sei. Banksy habe in der Auktion kein Kunstwerk zerstört, sondern eines geschaffen.

    Aus "Girl with Balloon“ wird „Love is in the Bin“

    Das geschredderte Bild heißt seitdem „Love is in the Bin“ („Die Liebe ist im Eimer“). Banksy, der aus Bristol stammen und Ende der 90er Jahre nach London gekommen sein soll, machte sich einen Namen mit gesellschaftskritischen und oft kontroversen Motiven.

    Text: Stuttgarter Nachrichten

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    ich bin ja fast ein hellseher: in meiner stellungnahme zum "fjordenhus" von olafur eliasson am 06.01. hatte ich als beispiele dekadenter kunstauswüchse ja bereits die astronomische spekulationssumme für den vermeintlichen da vinci "salvator mundi" genannt - und auch die schredder-aktion von banksy - für mich in zusammenarbeit mit dem auktionshaus, dem angeblich der zerschneidemechanismus im bilderrahmen nicht aufgefallen war - sich und banksy nun aber damit rühmt: das nun zerschnitten im manipulierten rahmen hängende bild sei das „erste kunstwerk der geschichte, das während einer auktion live entstanden“ sei.

    und beide bilder mussten von mir nach diesem 06.01. schon wieder angesprochen werden, weil sie gleich im neuen jahr weiter schlagzeilen schreiben ...

    ja - und wie man es in baden-baden bestimmt auch benennt: die ausstellung nun just dieses millionen-kunst-torsos vom "girl with balloon" bzw. "love is in the bin" von banksy & christie's gleichermaßen hat für mich wenigstens sicherlich ein "gschmäckle": für vier wochen holt man sich dieses äußerst umstrittene "corpus delicti" ins ehrwürdige frieder-burda-museum - und will dazu noch ein symposium veranstalten - besonders auch "für junge menschen" zur "demokratisierung der kunst", wie sie banksy gern publiziert, der sich sich aber gleichzeitig aus marktstrategischen - sprich: pekuniären - gründen immer weiterhin im verborgenen hält... - 
    "watt dem einen sin filzhut über der silberplatte im kopp - is dem annern seine persönlickeitsabstinenz" - und dann gibt es noch silberknauf-spazierstöcke... und-und-und - all solche gepflegten macken zeigen ja etwas unverwechselbare überkandidelte sensibilität und die künstlerperson als kunstwerk - und das bringt die empathie des publikums und letztlich die knete ein ...
    was sollen die jungen menschen von diesem angeblich misslungenen zerstörungsakt um himmelswillen an "kunst-demokratisierung" lernen ??? - 

    vielleicht: wenn du den einfachen papierabzug eines hübschen aber eigentlich nichtssagenden dekorativen street-art-postkartemotivs so richtig pushen und aufmöbeln willst - von wegen marktwert-anteil und spektakulären schlagzeilen weltweit - dann steckst du den an sich einfachen druck in einen völlig überdimensionierten an barock erinnernden bilderrahmen mit einem mechanismus, der das bild möglichst nur bis zur hälfte schreddert, damit man es nach dieser a(u)ktion für viel geld und viel versicherungssumme in diesem zustand weltweit an museen und galerien zu sightseeings verleihen kann - gegen harte knete - versteht sich ...

    solch einen knüller für ein paar tage im museums-haus - das ist wie die horror-schlagzeile morgens auf der "bild"-zeitung ... - und das ist fast wie der "vogelschiss" eines ansonsten abgehalfterten und verirrten politikers, der damit sein lebenswerk krönen will ...

    mit tatsächlicher kunst jedenfalls hat das alles nichts mehr zu tun - aber mit "kunst"populistischem gewese - mit satire und gag und dschingderassabumm ... - was aber auch schon wieder kunstformen sind ...

    aber das hatten wir ja alles schon - fast ohne besondere die "demokratisierung" verändernde oder unterstreichende nachhaltigkeit: 
    • yves klein beispielsweise hat 11 gleiche monochrom-blaue bilder ausgestellt (click here);  
    • josef beuys hat badewannen besudelt und zur kunst deklariert - (bekannter markenslogan: "ist das kunst - oder kann das weg?"); 
    • jonathan meese schmiert leinwände etwas unorthodox auch mal mit nem hakenkreuz voll; 
    • john cage hat 4'33 min. stille als orchesterwerk "komponiert" ...
    und all diese sachen waren z.t. ja origineller und raffinierter und provozierender als umständliche schreddermechanismen in einem überdimensionierten bilderrahmen, der dadurch eigentlich so schwer wird, dass die auktionatoren und deren angestellte das angeblich nicht mal merken konnten - aber ausgerechnet besagtes bild an die wand hängen - während fast alle anderen auktionsobjekte dieser größen- und preiserwartungs-ordnung auf ein sockelpodest drappiert werden ... (aber dann hätte ja der "überraschende" schreddervorgang soooo nicht funktioniert ...)

    lasst euch nicht für dumm verkaufen ...

    nix für ungut - und chuat choan
       



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    WARTEN, DASS DER WOLF KOMMT

    Kritik im Wolfsgebiet: Tierhalter in der Bielefelder Senne sehen sich mit den Herausforderungen, die der Wolf stellt, alleingelassen. Die Schäferei Bethel steht unter Druck – und baut auf Erfahrungen aus Niedersachsen


    DPA


    Er ist eine unbekannte Größe, die Schäfer und Landwirte in der Bielefelder Senne umtreibt: der Wolf. Er ist zurück inGestalt einer einzelnen Wölfin. Noch. Entwickelt sich ein Rudel, bringe das große Probleme mit sich, da sind sich die großen Weidetierhalter im neu ausgewiesenen Wolfsgebiet in Bielefeld einig. Betriebsleiter Jörg Ermshausen von der Bethel-Schäferei nimmt kein Blatt vor den Mund: Bewege sich nichts bei den Förderungen und entstehe ein Rudel, werde das wohl das Aus für die Bethel-Schafherde bedeuten.

    Das Problem ist nicht der Wolf selbst. „Er gehört in unserer Naturlandschaften rein“, sagt Ermshausen. „Wir müssen lernen, damit umzugehen.“ Doch dieser Lernprozess macht Schwierigkeiten. Ermshausen und auch der Eckardtsheimer Landwirt Ulrich Schumacher kritisieren, es fehle an Hilfen, Informationen und vor allem sinnvollen Förderungen für den Schutz von Weidetieren.

    Ermshausen ist sich sicher: „Ohne entsprechende Förderungen kann man die Landschaftspflege mit Schafherden so nicht weiterführen.“

    ERFAHRUNGEN AUS NIEDERSACHSEN

    Es sind keine diffusen Ängste vor dem Wolf, die den Bethel-Schäfern Kopfzerbrechen bereiten. Ermshausens Einschätzung gründet sich auf eigene Erfahrungen, die sein Team bereits mit dem Wolf gesammelt hat – bei Bethel-Herden in Niedersachsen.

    „Bei Diepholz haben wir mit unserem Betrieb bereits seit einigen Jahren mit dem Wolf in der Landschaftspflege zu tun.“ In der dortigen Moorniederung weiden zwei Schafherden und Robustrinder – und müssen dabei inzwischen von speziellen Herdenschutzhunden bewacht werden. Risse durch ein heimisch gewordenes Wolfsrudel waren häufig und durch DNA-Proben
    bestätigt worden, erzählt Ermshausen. „Wir haben jetzt neun Herdenschutzhunde angeschafft und sind damit zurzeit erfolgreich.“

    HERDENSCHUTZHUNDE IN DER SENNE

    Doch die Erfahrungen aus Niedersachsen sind nicht eins zu eins auf das Bielefelder Wolfsgebiet südlich-östlich der A 2 übertragbar.

    „In Bielefeld sind wir vom Wolf besonders betroffen, weil unsere Weideflächen mitten im neuen Wolfsgebiet Senne liegen“, erklärt Ermshausen. Er hofft, dass die A 2 den Wolf auf Abstand halten wird – wenigstens zum Schafstall auf der Westseite der Autobahn.

    Seit etwa 20 Jahren werden im Bielefelder Süden Coburger Fuchsschafe zur Landschaftspflege auf rund 20 Hektar Weidefläche eingesetzt. Die meisten der beweideten Flächen gehören der Stadt. 600 Mutterschafe plus Nachwuchs halten die Sennelandschaft mit scharfem Gebiss kurz. Von April bis Dezember sind sie draußen. Ein Naturidyll vor den Toren der Großstadt.

    In dem seien Herdenschutzhunde, die sich drohend zwischen Fressfeind und Herde stellen sollen, nach Ermshausens Einschätzung nicht verantwortbar. „Die Moorlandschaft bei Diepholz ist wesentlich einsamer. Wir haben es in der Senne mit vielen erholungsuchenden Bielefeldern zu tun, die an den Herden vorbeigehen oder mit Hunden spazieren gehen. Das bedeutet für
    Herdenschutzhunde großen Stress.“

    Die Tiere könnten im schlechtesten Fall ihre Herde permanent in Gefahr sehen und das könne wiederum für Spaziergänger und ihre Hunde gefährlich werden, erklärt der Betriebsleiter.

    SCHUTZMASSNAHMEN AUF KOSTEN DER HALTER

    Problematisch sei aber auch die Finanzierung für die Hunde mit dem imposanten Körperbau und ausgeprägten Schutzinstinkt.
    „Herdenschutzhunde brauchen eine intensive Betreuung“, erklärt Ermshausen. Der Aufwand für die neun Tiere bei Diepholz umfasse eine Mitarbeiterstelle, verteilt auf mehrere Schäfer.

    Laufende Kosten und Fortbildungen für Schäfer seien jedoch nicht durch Fördermittel abgedeckt, kritisiert der Fachmann. Ein grundsätzliches und politisches Problem nicht nur in der Senne, nicht nur in NRW. Das Land unterstützt im Wolfsgebiet nur Kauf und Ausbildung der Hunde aus einem neuen Fördertopf.

    Aus ihm können auch Landwirte Mittel beantragen, um ihre Weiden mit speziellen Elektrozäunen wolfssicher zu machen. „Keine echte Hilfe“ lautet dazu das Urteil von Landwirt Schumacher von Gut Wilhelmsdorf.

    Die Betheler Herde - Foto: BAST


    SCHUTZZÄUNE SIND "UNREALISTISCH"

    370 Weidetiere hat der Biohof in Eckardtsheim auf Wolfsgebiet und dessen zugehöriger Pufferzone, in der ebenfalls Förderungen möglich sind. „Im Winter sind die Milchkühe im Stall, aber den ganzen Sommer sind sie draußen“, sagt Schumacher. Dort alle Elektrozäune zu erneuern sei „völlig unrealistisch“. „Das hängt sehr von der Höhe der Förderung ab. Wissen Sie, wie viele Kilometer
    Zaun wir haben?“ Mit den Materialkosten sei es nicht getan. Logistik und Arbeitsaufwand seien enorm.

    Überhaupt gebe es zu wenig Informationen, kaum Erfahrungen im Umgang mit dem Wolf, sagt der Landwirt. „Die einzigen Informationen zum Senner Wolfsgebiet habe ich bisher aus der Zeitung bekommen. Und ich höre von Kollegen aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein, für die der Wolf ein echtes Problem ist.“ Werde ein Tier gerissen, sei das der kleinsteSchaden. „Schlimmer ist, was das mit den anderen Tieren in der Herde macht. Sie können in Panik ausbrechen, auf Straßen laufen,
    für Unfälle sorgen. Wir sind hier schließlich nicht gerade dünn besiedelt.“

    WARTEN, DASS DER WOLF KOMMT

    Noch habe es keine Berührungen zwischen der Wölfin und der Bethel-Schafherde gegeben, sagt Ermshausen. „Wir warten ab.“ Petra Blissenbach vom Reitbetrieb Fichtenhof an der Wilhelmsdorfer Straße sieht dem Wolf gelassen entgegen. Die größere Gefahr seien Menschen, die ihre Pferde unerlaubt fütterten, sagt sie. Und Großstadtbauer und Grünenpolitiker Schumacher hofft „dass der Wolf gar nicht erst rausgeht aus der Sennelandschaft“.

    beige: das wolfsgebiet senne - grün: pufferzone - rotes kästchen: meine wohnung - also fast "mitten" drin ...
    (ursprungsquelle: WB)


    Von Bielefeld bis Höxter – das Senner Wolfsgebiet

    • Seit dem 20. Dezember 2018 sind Bereiche des Bielefelder Südens offiziell Teil des Wolfsgebiets Senne.
    • Es ist das zweite Wolfsgebiet des Landes Nordrhein-Westfalen, in dem Wölfe seit mehr als sechs Monaten regelmäßig gesichtet worden sind.
    • Eine Wölfin mit der Kennung „GW1044f“ ist im 922 Quadratkilometer großen Wolfsgebiet sesshaft geworden, das jenseits der A 2 in Bielefeld beginnt und sich bis in den Kreis Paderborn und bis an die Grenzen des Kreises Höxter erstreckt.
    • Das offizielle Wolfsgebiet Senne umgibt eine größere Pufferzone von 3.390 Quadratkilometern, in der ebenfalls Wolfsichtungen wahrscheinlich sind.
    • Das Wolfsgebiet und die ausgewiesenen Pufferzonen sind vor allem als Fördergebiete wichtig, in denen Herdenschutz vom Land unterstützt wird.
    • In Bielefeld liegt das Wolfsgebiet südöstlich der A 2 und südlich der B 66 in den Stadtteilen Ubbedissen, Sennestadt, Eckardtsheim
    text und bild: NEUE WESTFÄLISCHE, Freitag, 11.01.2019, S. 15 - Bielefeld

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    tja - das ist endlich mal ein unaufgeregter realistischer bericht zur wolfssituation hier vor ort. auch ich wohne im 09. og im ausgewiesenen wolfsgebiet - und wenn ich glück habe, könnte ich ihn - bzw. sie: es ist ja eine einsame wölfin - hier unten auf der grünfläche vielleicht erblicken.

    okay - es wird wahrscheinlich nicht allzu lange dauern, dass die vielleicht nicht mehr scheuen wölfe - wie in berlin die füchse - fast zum stadtbild gehören werden, weil sie in den müllcontainern "wildern" bzw. von falschen tierfreunden angefüttert werden.

    aber "der böse wolf" kann ja nichts dafür, sondern eher die siedlungs- und landwirtschaftsstrukturen unseres umfelds - zum allergrößten teil sind das politische und neokapitalistische entscheidungen, bei denen es um wohnraum und urbanität und vermarktung und knete geht - warum wohne ich in einem vom naturschutz ausgewiesenen wolfsgebiet ... - bzw. warum weist man dem wolf ein revier in meinem gehege zu ... ??? - und warum wird manchmal zum beispiel für den lebensraum der bechstein-fledermaus ein autobahn-teilstück für viele millionen umgeplant mit extra brücken etc usw. ...???

    und wenn man die normalen beutetiere des wolfes hier in gehegten herden hält, ist das eben für den streunenden wolf wie ein "tischlein deck dich" und ein "sechser im lotto", wenn er darauf stößt - und einmal blut geleckt - wir er wiederkommen...

    eine der anzustrebenden lösungen könnten also nach meiner laienhaften meinung sein, dem wolf den "gedeckten tisch mit dem schmackhaften mahl" zu versalzen und rechtzeitig einen solchen "tisch" abzudecken und so schwer zugänglich zu machen, wie es eben geht - vielleicht auch mit optischen und akustischen abwehrmitteln - keine ahnung ...

    man könnte ihn natürlich wie schon einmal vor 200 jahren einfach abschießen und ausrotten  - un gutt is ... - aber die natur holt sich das ja bekanntlich zurück, was der mensch ihr abgepresst hat - und so kommt auch der wolf zurück - garantiert...

    aber selbst die tatsächlich betroffenen fachleute hier in owl sagen ja: „der wolf gehört in unsere naturlandschaften - wir müssen lernen, damit umzugehen.“ - ob aber der mensch in "unsere" bzw. "seine" naturlandschaften herumstöbern darf, sei mal dahingestellt ...

    heißt also: der wolf muss sich weniger "anpassen" an den menschen und seine schafherden - als der mensch mit seinen schafherden an den wolf.

    zu fragen ist eben, wie groß jetzt eine schafherde noch sein darf - und ob die weideflächen verstreut sind und gewechselt werden - und ob zäune und - ich stelle mir vor - lichtspots und klanggeräusche aus lautsprechern und auch die guten alten lametta-folien  usw. die schafe schützen könnten und den wolf erschrecken, damit er sich dauerhaft auf seine ihm zugestandenen tatsächlichen jagdreviere zurückzieht. fragt sich ja auch: wie "scheu" ist der wolf tatsächlich und wie lange noch

    im ndr-schleswig-holstein-magazin sprachen tatsächlich kommunalpolitiker von der bedrohung der kinder in den kitas durch den wolf - sogar mit der rotkäppchen-drohung: "wenn erst einmal ein kind angefallen wurde ist es zu spät" ... - aber dabei ging es eben auch um die verlockende abschusserlaubnis "wildernder" wölfe ... -

    aber das ist ja wieder ein sehr emotional und tiefenpsychologisch seit jahrhunderten aufgeladenes seit generationen überkommenes ur-thema aus dem archaischen kollektiven unterbewusstsein - sowohl auf seiten der vermeintlichen "opfer" - als auch auf seiten der trophäenbesessenen jäger ...

    vor 200 jahren berichten die annalen tatsächlich vereinzelt von angriffen durch wölfe auf menschen: wobei man heute aber weiß, dass es sich wohl um tollwütige tiere handelte, und das vieh der menschen in der freien noch nicht urbanisierten und industrialisierten natur oft von kindern gehütet wurde ... (z.b. "heidi & der geißen-peter"...)

    und von dem gärtner, der jüngst auf einem friedhof in norddeutschland angeblich von einem wolf "angefallen" wurde, hört man immer weniger und die dna-untersuchungen haben einen wolfs-angriff wohlgemerkt nicht bestätigt ... (auch streunende hunde und tollwütige füchse - aber auch der wildschweineber, der seine ferkel schützen will - sind ja - wenn schon - auch nicht von pappe ... - wer sich in gefahr begibt ...)

    weidmannsheil - und nix für ungut - und chuat choan ...








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    »In die Wohnzimmer«

    Zeitgeschichte  Die TV-Serie »Holocaust« war ein Welterfolg. Historiker Frank Bösch über ihre Wirkung und die Opposition gegen die Ausstrahlung 1979.

    🔴 40 Jah­re nach­dem die TV-Se­rie »Ho­lo­caust« in Deutsch­land ge­sen­det wur­de, wie­der­ho­len WDR, NDR und SWR den Vier­tei­ler des US-Fern­seh­sen­ders NBC über die jü­di­sche Fa­mi­lie Weiss im »Drit­ten Reich«. Frank Bösch, 49, Di­rek­tor des Zen­trums für Zeit­his­to­ri­sche For­schung Pots­dam, hat Wir­kung und Hin­ter­grün­de er­forscht (»Zei­ten­wen­de 1979. Als die Welt von heu­te be­gann«; C. H. Beck).

    Me­ryl Streep in »Ho­lo­caust« er­schüt­ter­te und be­schäm­te Deut­sche



    SPIEGEL: »Ho­lo­caust« zählt zu den be­deu­tends­ten TV-Er­eig­nis­sen des 20. Jahr­hun­derts. Rund 250 Mil­lio­nen Men­schen sa­hen die Se­rie, al­lein in der Bun­des­re­pu­blik fast je­der zwei­te Er­wach­se­ne. Wie er­klä­ren Sie die­sen Er­folg?

    Bösch: Fern­se­hen ist ein Fa­mi­li­en­me­di­um, das un­ter­schied­li­chen Ge­ne­ra­tio­nen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten bie­tet. »Ho­lo­caust« ver­bin­det die Ge­schich­te der Fa­mi­lie Weiss und der des SS-Man­nes Dorf. Das zog jun­ge wie alte Zu­schau­er an. Zu­gleich bot die­ses For­mat die Mög­lich­keit, zwi­schen Tä­ter- und Op­fer­per­spek­ti­ve zu wech­seln. »Ho­lo­caust« schil­dert nicht nur das Lei­den der Ju­den, son­dern auch wie Deut­sche zu Na­tio­nal­so­zia­lis­ten wur­den und dann ge­han­delt ha­ben.

    SPIEGEL: Da­her brauch­te man eine Na­zi­fa­mi­lie?

    Bösch: NBC fürch­te­te, eine Ge­schich­te, die aus­schließ­lich jü­di­sches Leid the­ma­ti­sie­re, wer­de in den USA au­ßer­halb des jü­di­schen Pu­bli­kums we­nig Er­folg ha­ben.

    SPIEGEL: Wie er­klä­ren Sie das Echo in Deutsch­land?

    Bösch: Die Se­rie kam zum rich­ti­gen Mo­ment. Ende der Sieb­zi­ger­jah­re gab es neu auf­kom­men­des In­ter­es­se an der NS-Ver­gan­gen­heit, be­son­ders an der Schuld­fra­ge. Der Mi­nis­ter­prä­si­dent Ba­den-Würt­tem­bergs Hans Fil­bin­ger war im Vor­jahr zu­rück­ge­tre­ten, weil er als Ma­ri­ne­rich­ter im »Drit­ten Reich« To­des­ur­tei­le ge­fällt hat­te. Auf der an­de­ren Sei­te for­mier­ten sich erst­mals die Ho­lo­caust-Leug­ner. Die neue Rech­te schloss sich in Wehr­sport­grup­pen zu­sam­men. Im Vor­feld der Aus­strah­lung gab es Spreng­stoff­an­schlä­ge auf zwei Sen­de­an­la­gen, was die Auf­merk­sam­keit für die Se­rie noch er­höh­te.

    SPIEGEL: Ist der Er­folg von »Ho­lo­caust« Rechts­ra­di­ka­len zu ver­dan­ken?

    Bösch: Nein, aber Kon­tro­ver­ses fin­det leich­ter Be­ach­tung, und die Ab­wehr­front war breit. Als das Aus­wär­ti­ge Amt 1977 von der ge­plan­ten Se­rie er­fuhr, be­rei­te­te es eine PR-Of­fen­si­ve vor und stell­te etwa Zi­ta­te zu­sam­men, die zei­gen soll­ten, wie selbst­kri­tisch Bon­ner Po­li­ti­ker die NS-Ver­gan­gen­heit sa­hen. Da war auch der Glau­be an die Über­le­gen­heit der ei­ge­nen Kul­tur ge­gen­über ei­ner US-Mas­sen­kul­tur. Und die An­nah­me, nur Deut­sche könn­ten das »Drit­te Reich« sach­lich dar­stel­len.

    SPIEGEL: Wo sind Sie auf sol­che Res­sen­ti­ments ge­sto­ßen?

    Bösch: In Un­ter­la­gen des Aus­wär­ti­gen Am­tes, in den Rund­funk- und Fern­seh­sen­dern, in Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, auch im SPIEGEL, der »Ho­lo­caust« mit der Wes­tern­se­rie »Bo­nan­za« ver­glich.

    SPIEGEL: Aus heu­ti­ger Sicht ein Fehl­ur­teil.

    Wis­sen­schaft­ler Bösch
    »Die Ab­wehr­front war breit« 
    Bösch: Selbst beim WDR, der die Se­rie ge­kauft hat­te, herrsch­ten in­tern an­ti­ame­ri­ka­ni­sche Res­sen­ti­ments vor. Die Pro­tes­te aus CDU und CSU, der Wi­der­stand der Rund­funk­an­stal­ten aus den Bun­des­län­dern, in de­nen Christ­de­mo­kra­ten re­gier­ten, sorg­ten dann da­für, dass die Se­rie nur in den drit­ten Pro­gram­men lief.

    SPIEGEL: Was fürch­te­te der da­ma­li­ge CDU-Vor­sit­zen­de Hel­mut Kohl?

    Bösch: Kohl for­der­te in­tern, ver­stärkt auf den christ­li­chen Wi­der­stand hin­zu­wei­sen. Es dür­fe nicht der Ein­druck ent­ste­hen, die CDU ste­he auf­sei­ten der Tä­ter. Und die CSU ver­lang­te, es müss­ten end­lich auch ein­mal die deut­schen Op­fer ge­zeigt wer­den, ge­meint wa­ren die Ver­trie­be­nen. Als ob deut­sche Ju­den, die er­mor­det wur­den, kei­ne Deut­schen ge­we­sen wä­ren. Der Baye­ri­sche Rund­funk hat dann eine drei­tei­li­ge Se­rie zur Ver­trei­bung ge­lie­fert.

    SPIEGEL: Und der Streit trieb die Ein­schalt­quo­ten hoch?

    Bösch: Er er­zeug­te ei­nen Wer­be­ef­fekt, den es bei ei­ner Ge­schichts­sen­dung nie zu­vor ge­ge­ben hat­te. Aus der Ab­wehr­hal­tung her­aus wur­den Do­ku­men­ta­tio­nen im Vor­feld ge­sen­det, Volks­hoch­schu­len, Lan­des­zen­tra­len für po­li­ti­sche Bil­dung und die Bun­des­zen­tra­le, die Kir­chen und die Me­di­en grif­fen das The­ma im­mer wie­der auf. »Ho­lo­caust« wur­de Wort des Jah­res und er­setz­te zu­neh­mend die alte NS-Be­zeich­nung »End­lö­sung«.

    SPIEGEL: Trat der be­fürch­te­te An­se­hens­ver­lust im Aus­land ein?

    Bösch: Im Ge­gen­teil. Die Wir­kung der Se­rie war ja ein­zig­ar­tig: Al­lein der WDR er­hielt 16 000 Brie­fe, es gab Zehn­tau­sen­de An­ru­fe bei den Sen­dern. Ein Groß­teil der Deut­schen er­klär­te, sie sei­en er­schüt­tert oder emp­fän­den Scham. Das er­höh­te Deutsch­lands An­se­hen im Aus­land.

    SPIEGEL: Die Se­rie scheint vie­len Zu­schau­ern Un­be­kann­tes na­he­ge­bracht zu ha­ben.

    Bösch: Die Auf­ar­bei­tung war bis da­hin tä­ter­zen­triert ge­we­sen. In den Pro­zes­sen der Sech­zi­ger­jah­re, etwa in Frank­furt ge­gen das Ausch­witz-Per­so­nal, stan­den die Mör­der im Blick­punkt, nicht die Op­fer. Be­zeich­nen­der­wei­se war die Reichs­po­grom­nacht 1938 Re­fe­renz­punkt in der Er­in­ne­rung an den Ho­lo­caust, ein Er­eig­nis lan­ge vor Be­ginn der sys­te­ma­ti­schen Er­mor­dun­gen.

    SPIEGEL: Und »Ho­lo­caust« än­der­te die­sen Blick­win­kel?

    Bösch: Ja. Die Se­rie prä­sen­tier­te die Ab­läu­fe in den Ver­nich­tungs­la­gern Ausch­witz oder So­bi­bór. Selbst His­to­ri­ker konn­ten »Ho­lo­caust« mit Ge­winn se­hen, denn die Se­rie zeig­te man­ches, was die Wis­sen­schaft erst spä­ter auf­griff: die Rol­le von Eu­tha­na­sie-Ex­per­ten, die se­xu­el­le Ge­walt ge­gen­über Op­fern oder die Kor­rup­ti­on der Tä­ter. Das kon­ter­ka­rier­te die Selbst­sti­li­sie­rung, man sei im Krieg an­stän­dig ge­blie­ben. Oder auch die Hil­fe der Wehr­macht beim Tö­ten. »Ho­lo­caust« brach­te den Mord in die Wohn­zim­mer.

    SPIEGEL: Hat­ten das nicht schon die 68er ge­tan?

    Bösch: Nein. Ih­nen ging es dar­um, fa­schis­ti­sche Ele­men­te in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­gen­warts­ge­sell­schaft auf­zu­zei­gen. Dazu kam eine is­ra­el-kri­ti­sche Hal­tung, die eine tie­fer ge­hen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit jü­di­schen Schick­sa­len ver­hin­der­te.

    SPIEGEL: Be­kam die NS-Auf­ar­bei­tung in­fol­ge der Aus­strah­lung neu­en Schwung?

    Bösch: Ge­denk­stät­ten wur­den aus­ge­baut, etwa in Neu­eng­am­me bei Ham­burg. Jun­ge Wis­sen­schaft­ler nah­men sich des The­mas an. Die TV-Sen­der muss­ten sich fra­gen las­sen, war­um sie nicht eine sol­che Se­rie pro­du­ziert hat­ten. Es ent­stan­den dann deut­sche Ad­ap­tio­nen, die al­ler­dings hin­ter »Ho­lo­caust« zu­rück­blie­ben.

    SPIEGEL: Und die Ver­fol­gung der Tä­ter?

    Bösch: Das öf­fent­li­che In­ter­es­se nahm zu, etwa am da­mals lau­fen­den Pro­zess ge­gen das SS-Per­so­nal des KZ Ma­jda­n­ek. Und »Ho­lo­caust« hat dazu bei­ge­tra­gen, dass der Bun­des­tag 1979 die Ver­jäh­rung von Mord auf­hob. Hät­te es die Se­rie nicht ge­ge­ben, wäre ver­mut­lich ab Ende 1979 kein NS-Tä­ter mehr ver­ur­teilt wor­den.

    In­ter­view: Klaus Wieg­re­fe - Quelle: SPIEGEL Nr. 3 v. 12.01.2019, S. 110/111

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    ich habe ja schon ausführlich auf die wiederholung der 4-teiligen serie "holocaust - die geschichte der familie weiss" auf den dritten programmen hingewiesen - und auf den nachdenkenswerten "hype", den diese serie bei ihrer erstausstrahlung entfachte.

    umso spannender ist ja da auch ein historischer rückblick wie hier, in welche politischen ränkespielchen die serie damals im januar 1979 verwickelt wurde.

    zum glück gab es dann eben eine "abstimmung mit den 'füßen'/den fernsehenden augen" - und der zuschauer bestimmte mit seiner einschaltquote über erfolg oder misserfolg - allen politischen vorab-wasserstandsmeldungen zum trotz.

    die amerikanische serie hatte doch tatsächlich auch den richtigen "ton" gefunden - nicht hochwissenschaftlich, vorzugsweise schulmeisterlich-historisch korrekt über die ungeheuerlichkeiten zu "informieren", wie es sicherlich deutsche art gewesen wäre - aber womit man wieder eine distanz gehabt hätte ... - sondern eben irgendwie "mitten aus dem leben" - als eine familien-saga: die familie weiß konnte ja durchaus die eigene familie oder eine beliebige nachbarsfamilie sein, anhand derer die verstrickungen der menschen in nazi-deutschland mit all den verbrechen und ungeheuerlichkeiten als täter, mitläufer oder opfer darstellbar gemacht wurden: zum mitleiden, auch hier und da zum mitlachen, zum mitfrösteln, zum mitfiebern ... - da flimmerte abends ein fitzelchen nazi-realität ins wohnzimmer - und die deutschen zuschauer wollten das aushalten und sich konfrontieren lassen ...

    es wurde der startschuss für weitere - dann auch historisch und "politisch korrekte" info-sendungen und aufarbeitungen mit hilfe der archive und fachhistoriker - aber auch der privaten und einfach berührten amateur-"fahnder" - bis hinein in die eigenen familien ... - und dieser prozess ist immer noch nicht abgeschlossen - und so aktuell wie eh und je ...


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    die komplette tv-serie, wie sie bei youtube eingestellt ist - zur (permanenten) 24/7-wahrnehmung :

    (und hinterher kann niemand sagen - sie/er habe davon nichts gewusst - und von wegen "vogelschiss")


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  • 01/12/19--06:37: wolfs-leid - update



  • tja - also ich glaube ja nicht an zufälle: gestern habe ich einen artikel in meiner heimatzeitung zum wolfs-aufkommen in der senne hier eingestellt und kommentiert - und heute finde ich ich auf www.zeit.de quasi das update dazu, die traurige und die emotionale fortsetzung.

    ich habe gelernt, dass es wohl nur 13 jahre lang keinen freilebenden wolf in deutschland gegeben hat - ansonsten war er wohl immer irgendwo vorhanden, so dass sich nicht nur aus dem "rotkäppchen" sein aktueller "ruf" entwickelte ... er war nicht etwa seit 200 jahren ausgerottet, wie allgemein angenommen - und besonders in der alten ddr tauchte er wohl mal immer wieder aus dem osten kommend auf ... - und überwand todesstreifen und den stacheldraht, der ja zwischen den staaten des warschauer paktes eben nach osten hin nicht so unüberwindlich gespannt war ...

    und da fällt es mir tatsächlich wie schuppen von den augen: es herrscht ja schon seit geraumer zeit ein verbissener regelrechter "wolfs-krieg" von befürwortern gegen wolfsgegnern - und während die einen alles tun, um den wolf als wildtier hier wieder heimisch zu machen und ihn zu schützen und unsere natur auf ihn mit abzustimmen - sind maffiöse - ja verbissene - wolfsjägerzirkel dabei, ihn abermals vollständig auszurotten - koste es was es wolle...

    das scheint auch inzwischen landsmannschaftlich und politisch ein unversöhnlicher krieg zu sein, denn mich erfasst beim lesen über die "wolfsjäger" gerade auch im osten deutschlands ein ungutes gefühl, dass es tatsächlich um tiefliegendere jahrtausendealte archaische und nun hochkommende abwehrhaltungen dabei geht - geheimnisvoll und mit eigenartigen riten umflort - wo ich unwillkürlich eher an die psychiatrie denken muss und an einen "wolfs-wahn" als um den vorgegaukelten vernünftigen tier-, mensch- und naturschutz.

    dass schäfer beim stichwort "wolf" an ihre herden denken und ihr schutzinstinkt angesprochen wird, ist ja natürlich und auch für mich laienhaft nachvollziehbar - und dass man gegen übergriffe der wölfe maßnahmen einziehen möchte und dafür staatliche förderungen benötigt - ist klar ... -  aber wenn man wölfe bestialisch tötet und irgendwie in einer art kadaverfledderei "kunst"voll drapiert, dann ist das für mich jedenfalls in erster linie pathologisch zu bewerten ...

    und wenn ich aber nach der lektüre des "zeit"-artikels den eindruck gewinne, als würden diese pathologischen nuancen gruppenmäßig oder landsmannschaftlich mafiös "gepflegt" und zelebriert - scheinbar infiziert durch eine art gruppenepidemie, dann denke ich an den kukluxklan in amerika mit ihren kapuzen und lodernden fackeln und muss annehmen, als wäre der wolf als "eindringling" nur ein ersatz und ein symbol für eigentlich weitergehend gemeinte rassistische ressentiments vielleicht auch gegen menschen, gegen nachbarn, die einem vermeintlich das "futter" mit streitig machen ... und die eigene "art & rasse" einengen und in konkurrenz "im eigenen revier" treten ...

    aber das wären ja nicht nur pathologisch-psychiatrische entgleisungen, da kämen dann ja noch die tiefen animalischen anteile von ganz simplen und primitivem "futterneid" unterster schublade mit ins spiel ... ("erst kommt das fressen - dann die moral" ... - brecht)

    okay - ich will mich hier nicht als lesender laie zu weit aus dem fenster lehnen: ich kenne keinen der einzelfälle, erst recht keinen, den es antreibt, wölfe rituell umzubringen und die kadaver besonders zu platzieren, und natürlich weiß ich nicht, was diese menschen in ihrer kindheit erlebt haben und-und-und ... 

    aber unter dem stichwort: "andere länder - andere sitten" kann ich das für mich innerlich auch nicht abhaken - es bewegt mich: da schießt mir plötzlich durch den kopf, dass man wohl irgendwo in asien auch hunde im speiselokal serviert bekommt - oder mir kommt das industrielle rudel-abschlachten von schweinen und rindern auf einem schlachthof in den sinn - und wie die meisten von uns ja genüsslich beim essen zulangen - und ich muss an die "campylobacter" im geflügelfleisch denken, wovon wohl bis zu 30 - 50 % des gekauften geflügelfleisches kontaminiert sind, wenn man es nicht "regelrecht" zubereitet ... - und dann bekommt man auch irgendwie "schiss" - und schaut die welt mit anderen augen an - aber ich hoffe das vergeht wieder - auch wenn ich es auch nur verdrängen aber nicht lösen kann ... - aber ich bleibe im kopf "pro wolf" eingestellt - das glaub ich aber ...

    und trotzdem - nix für ungut - und chuat choan - 
    und lies selbst:



    Die Wolfsschädel hinter Glas © Thomas Victor für DIE ZEIT









    Wölfe in Deutschland

    Wie bei der Mafia

    Seit es wieder Wölfe in Deutschland gibt, sind 35 von ihnen illegal getötet worden. Wer steckt dahinter?

    Von Stefan Willeke

    AUS DER
    ZEIT NR. 01/2019


    Über das, was in einer dieser warmen Frühsommernächte an einem See in der Lausitz passiert, wird es später kontroverse Ansichten geben. Der Landrat von Bautzen wird von einer "öffentlichen Hinrichtung" sprechen, der Staatsanwalt in Görlitz wird aus ermittlungstaktischen Gründen schweigen, und der Bürgermeister des sächsischen Städtchens Radibor wird "einen neuen militanten Zustand" feststellen. Wie alle Kriege ist auch dieser Krieg auf Interpretationen angewiesen, und so mischen sich Wahrheit und Unwahrheit auf unergründliche Weise. Waren es die Sorben?

    Anfang Juni dieses Jahres, so viel steht fest, nähern sich unbekannte Täter Mortka, einem Straßendorf in der Lausitz mit 178 Bewohnern. Einige von ihnen, Angehörige einer slawischen Minderheit, sprechen noch heute Sorbisch. Mortkow heißt dieses Dorf in ihrer Sprache, was so viel bedeutet wie "Ort im sterbenden Wald". Daneben liegt ein kleiner See, das sogenannte Restloch, übrig geblieben aus der Zeit, als in dieser Gegend noch Braunkohle abgebaut wurde.

    Im Morgengrauen des 10. Juni entdecken Spaziergänger, dass im Restloch eine Wasserleiche treibt, ein aufgedunsener Körper, völlig entstellt. Ein Mensch? Nein, an der Leiche haften noch Reste von Fell. Polizisten, die den Kadaver bergen, stecken ihn in einen Leichensack und schicken ihn zur Pathologin des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, wo der Körper in einen Computertomografen geschoben wird. Dann steht fest: Es ist ein Wolf, eine Tierart, die durch mehrere Gesetze streng geschützt ist. Der Körper des etwa einjährigen Wolfes wurde von Schrotkörnern durchsiebt, 40-fach, 80-fach, auch darüber gehen die Meinungen auseinander. Er muss aus nächster Nähe erschossen worden sein, sonst hätte ihn so viel Schrot nicht erwischt. Um den Bauch des Wolfes hatten die Täter einen Strick geschlungen, an den sie einen Betonklotz banden, bevor sie das Tier im See versenkten. Ein Verbrechen wie in einem Mafiafilm. Deswegen bekommt das Tier nun den Namen "Mafia-Wolf".

    Sollte diese Tat wirklich unentdeckt bleiben? Die Leiche trieb nach wenigen Tagen auf, weil sich im verfaulenden Körper Gase gebildet hatten. Das hätten die Täter wissen können. Sie entschieden sich für ein flaches Gewässer, statt das Tier im Wald zu verscharren. Ging es ihnen um Aufmerksamkeit, um ein öffentliches Zeichen?

    Es gibt eine Expertin, die es wissen könnte, aber nichts verrät. Noch laufen die Ermittlungen, der Fall "Mafia-Wolf" ist nicht abgeschlossen. "Ein Kavaliersdelikt ist das nicht", sagt Anke Stroh. Eine Polizistin wie sie gibt es kein zweites Mal in Deutschland. Beim Landeskriminalamt (LKA) in Dresden beschäftigt sich die 48-Jährige mit den illegalen Tötungen von Wölfen. Sie nennt sich Sachbearbeiterin im Dezernat für Korruption und Sonderfälle, aber Anke Stroh ist so etwas wie die Soko Wolf. Seit sich im Jahr 2000 das erste Wolfsrudel wieder ansiedelte, sind bundesweit rund 280 Wölfe zu Tode gekommen, die meisten von ihnen bei Verkehrsunfällen. 35 Tiere wurden von Menschen umgebracht.

    Zwei Wölfe wurden in Brandenburg enthauptet, die Leiche des einen Tieres wurde unter ein Naturschutzschild gelegt. Geköpft wurde noch ein anderer Wolf, am Ostufer der Neiße, in Polen. "Die Kadaver liegen dann da wie auf einem Präsentierteller", sagt Anke Stroh. Offenbar wollen die Täter eine Botschaft absetzen: Wenn der Staat uns nicht vor Gefahren schützt, dann zeigen wir diesem Staat unseren Hass. Vertreibt die Wölfe, sonst töten wir sie!

    Geht es um Wölfe, dann geht es fast nie allein um Wölfe. Von Beginn an sind sie symbolisch überhöht worden, von ihren Beschützern und ihren Gegnern. Der Wolf im Tierpark ist ein Langweiler, der stumpf an einem Zaun entlangschnürt. Aber der frei lebende Wolf, der Schafe und Rehe reißt und sich manchmal Siedlungen nähert, ist ein dezisionistisches Wesen, ein Entweder-oder-Tier. Entweder du bist für ihn, oder du bist gegen ihn. Und wenn du für ihn sein solltest: Bist du dann einer dieser Wolfsversteher, einer dieser rot-grün versifften Großstadtromantiker, die ihren Caffè Latte in den hippen Bars von Hamburg, Berlin oder München trinken, sich flehentlich mit der Umwelt versöhnen wollen, sensibel zwischen Wölfinnen und Wölfen unterscheiden und mit jeder lausigen Fliege mehr Mitleid haben als mit den Opfern eines Gewaltverbrechens? Und wenn du gegen den Wolf sein solltest: Gehörst du dann zu diesem rechten Gesindel, das Schusswaffen ungleich stärker verehrt als die Instrumente der Demokratie, das in den Hinterzimmern verwahrloster Dorfkneipen gegen Raubtiere, Feministinnen und den Fluch der Moderne hetzt und das die Republik gegen Einwanderer abschotten will, gegen Flüchtlinge ebenso wie gegen Wölfe?

    Der Wolf ist ein politisches Tier, politischer als jedes andere in Deutschland. Der Wolf stellt keine Fragen, aber er wird benutzt, um mit seiner Hilfe Menschen eine Frage zu stellen, eine ins Maßlose vergrößerte Frage: Wo stehst du?

    Wer könnte das getan haben?

    Mit Volker Löser, dem Fachmann für Waffen beim LKA, setzt sich die Ermittlerin Stroh an einem frostigen Morgen im Dezember in einen schwarzen VW Passat und fährt zu Orten in Sachsen, an denen Wölfe gefunden wurden, illegal getötete Tiere. Auf einem Feldweg steigen die Polizisten aus dem Auto und erzählen die Geschichte von einem sieben Monate alten Wolfswelpen, der in der Mitte der Wiese neben einem Weg abgelegt wurde. Eine junge Spaziergängerin mit einem Kind entdeckte frühmorgens den Kadaver. Auf einem Foto sieht man, dass ein Kinderwagen neben der Leiche des Tieres stand. Nicht weit entfernt liegt das Dorf Mortka. In einem nahe gelegenen Wald wurde bereits ein anderer Wolf von Menschen zu Tode gehetzt. Das war an den Reifenabdrücken eines Autos und den Schrittlängen der Fährte zu erkennen, den Fußspuren eines extrem schnell rennenden Wolfes, auch daran, dass das Tier von hinten erfasst wurde und nicht – wie gewöhnlich bei einem Unfall – von der Seite. Wer könnte das getan haben?

    Diese Frage hat sich die Polizistin Stroh oft gestellt, sie aber nie beantworten können. Als ein getöteter Wolf in der Nähe des sächsischen Dorfes Vierkirchen neben einen Waldweg gelegt wurde, hoffte Anke Stroh, dass es diesmal klappen werde. Reifenspuren eines Autos wurden gefunden, außerdem Blutstropfen auf einem Weg. Anke Stroh rief einen Hundeführer an, der zwei Hannoversche Schweißhunde mitbrachte, spezialisiert auf den Geruch wilder Tiere. Die Hunde verfolgten die Blutspur des Wolfes über eine Autobahnbrücke bis zu einem offenen Feld nahe der Quelle der Schwarzen Elster. Der tote Wolf war am Hals verletzt, wahrscheinlich war er an ein Auto gekettet und mitgeschleift worden. Belgische Schäferhunde, die sonst Rauschgift aufspüren, durchkämmten die Wiese – vergebens.

    Der Waffenexperte Löser fand heraus, dass Patronen vom Kaliber 7,62 verwendet wurden, Allerweltsmunition wie etwa beim Schnellfeuergewehr G3 der Bundeswehr oder einer Kalaschnikow. Anke Stroh ließ Plakate mit dem Foto eines Wolfes drucken, sie hoffte auf Hinweise aus der Bevölkerung. Die Plakate wurden an Schulen, Bushaltestellen und auf Ämtern ausgehängt. Naturschützer setzten – wieder einmal – eine Prämie aus. Anke Stroh befragte 60 Zeugen, Woche für Woche zwei bis drei Menschen. Doch das Wort Zeuge trifft es nicht ganz. Denn keiner der Befragten hat irgendetwas Verdächtiges bemerkt.

    Diese Täter müssen ihr Handwerk verstehen. Ein Laie ist kaum in der Lage, einen Wolf zu erschießen. Er müsste das Tier erst einmal sehen. Gewöhnlich ist ein Wolf sehr scheu. Es kann Monate dauern, bis selbst ein ortskundiger Beobachter auf einen Wolf stößt. Die Polizistin Stroh sagt: "Einen lebenden Wolf habe ich noch nie gesehen, obwohl ich in der Freizeit oft durch die Natur wandere."

    Wird ein Wolf von Menschen gefüttert und gewöhnt sich an sie oder entdeckt er leichte Beute, eine Herde Schafe etwa, dann verliert sich manchmal seine Vorsicht. Dann kann es sogar passieren, dass er seelenruhig durch ein Dorf spaziert. Aber das geschieht selten.

    Man kann im Internet zwar Gebrauchsanweisungen für das Töten von Wölfen studieren. Aber sich am Morgen vorzunehmen, bis zum Abend einen Wolf abzuknallen, wäre ein absurder Plan. Deswegen ist es wahrscheinlich, dass die Täter ohnehin oft mit Waffen durch die Natur streifen, dort zufällig auf Wölfe stoßen – und abdrücken.

    Anke Stroh ließ sich vom Landratsamt in Bautzen sagen, welche Bewohner eine Waffenbesitzkarte haben und wer die Jagdreviere in der Region gepachtet hat. Jäger mussten ihre Waffenschränke aufschließen und ihre Munition zeigen. Anke Stroh sagt: "Ich gehe immer systematisch vor." Aber keiner ihrer Fälle wurde gelöst. Am Ende, nachdem die getöteten Wölfe in der Forensik untersucht wurden und nur Knochen von ihnen übrig sind, landen sie in einer Dachkammer des Senckenberg-Instituts in Görlitz. Maria Jähde, eine Doktorandin, präpariert die Reste und archiviert sie. Vielleicht will ja mal ein Museum eine Ausstellung über Wölfe machen.

    Zur Sammlung gehört auch der Schädel einer Wölfin, die man "Einauge" nannte. Die halb blinde Wölfin brachte 38 Welpen auf die Welt, sie war die Urmutter der Lausitzer Wölfe und wurde zwölf Jahre alt. Am Ende töteten Artgenossen sie. Bei der Untersuchung des Kadavers stellte sich heraus, dass mehrfach auf sie geschossen worden war. Davon zeugten eingewachsene Schrotkugeln. Auch in den Leichen anderer Wölfe, die mit Autos zusammengeprallt waren, wurden Partikel von Geschossen gefunden.

    Die Doktorandin Maria Jähde ist verblüfft, "wie krass Wölfe inzwischen politisiert sind". Seit Jahren wird die Nachricht gestreut, die Wölfe in Sachsen seien keine reinrassigen Wölfe, sondern Mischlinge, die auch von streunenden Hunden abstammen. Wolfsgegnern dient diese Vermutung als gerissenes Argument dafür, dass diese Tiere zu töten sind – um die Art Wolf zu schützen. Wissenschaftlern wird deshalb vorgeworfen, die wahre Zahl der Hybriden zu verheimlichen.

    Die drei S

    Mal tritt der sächsische Verein "Sicherheit und Artenschutz" in Aktion, der finnische Wolfsgegner einfliegen lässt und sie zu Experten deklariert, die dann den Wolf vor lauter Hybriden nicht mehr sehen. Mal greifen Politiker der AfD solche Manöver auf und stellen im Parlament Anträge. Mal
    Wild und Hund - Titelseite
    fragt die Jägerzeitschrift Wild und Hund auf ihrer Titelseite: "Bastarde in Deutschland – Hunde im Wolfspelz?" Mal mischt die Initiative "Wolf – nein, danke" mit, nicht zu verwechseln mit der Facebook-Gruppe "Wolf – nein, danke", und beide wenden sich gegen die Vereinigung "Wolf ja, bitte. Ein Herz für Wölfe". Mal werden auf Dörfern in der Lausitz 12.000 Unterschriften gesammelt, mal 18.000, um gegen die Ausbreitung der Wölfe zu protestieren. Mal landen anonyme Schreiben bei den Wolfsforscherinnen des sächsischen Instituts Lupus: "Erst knallen wir die Wolfsfähen ab, dann die Wolfsweiber." Mal werden Wolfs-Mahnfeuer entfacht, zuletzt im September.

    Auch Vinzenz Baberschke, der Bürgermeister der Gemeinde Radibor, gesellte sich zu den Protestierenden. Aber anders als viele dieser Aktivisten ist er bereit, sich mit Journalisten zu treffen. Er werde, sagte er am Telefon, im Steakhaus Longhorn in der Stadt Bautzen warten. Dort sitzt er dann an einem Tisch, an der Wand hinter ihm hängen Poster mit Revolverhelden. Auf einem Plakat steht: "How to be Texan". Aber der Bürgermeister ist kein Extremist, er sagt: "Auf beiden Seiten sehe ich Ideologen." Während des Mahnfeuers verlangte er von den anderen: "Bleibt sachlich." Wölfe, sagt er, wurden schon in der DDR geschossen, auf Geheiß der Staatsführung. Es stimmt nicht, was Umweltschützer des Verbandes Nabu ("Willkommen, Wolf") offiziell verkünden. Wölfe waren nicht 150 Jahre lang ausgerottet. In die DDR wanderten immer wieder Wölfe aus Polen ein. Auch tief im Westen, am Rande der Lüneburger Heide, wurde 1948 ein Wolf erlegt, der sogenannte Würger vom
    Inschrift des Wolfsteins
    für den "Würger vom
    Lichtenmoor"in der 
    Schotenheide bei
    Ahlden (Aller) (Wiki)

    Lichtenmoor. Für ihn wurde ein Gedenkstein errichtet. Genau genommen, waren Wölfe 13 Jahre lang verschwunden – zwischen 1987, dem Jahr des letzten dokumentierten Wolfsabschusses in der DDR, und dem Jahr 2000, als ein Rudel in der Lausitz heimisch wurde.

    Unwahr ist auch die bei Wolfsfreunden beliebte Behauptung, in der Bundesrepublik sei nie ein Mensch von einem Wolf getötet worden. Im Jahr 1977 – dies belegen Archivunterlagen und Aussagen eines pensionierten Polizisten – griff ein Wolf in der Nähe von Bremen ein Kind an. Das Tier, das zu einem Privatzoo gebracht werden sollte, konnte sich aus seinem Käfig befreien und sprang vom Transporter. Danach biss der Wolf einen siebenjährigen Jungen tot, der im Wald spielte. Man muss diese vereinzelten Vorfälle nicht aufbauschen, aber genauso absurd wäre es, zu unterstellen, Wölfe seien so harmlos wie Rehe. "Angst vor Wölfen braucht niemand zu haben", erklärt der Naturschutzverband BUND.

    Vinzenz Baberschke, der Bürgermeister von Radibor, fragt sich manchmal, wie er Bürgern erklären soll, dass sie ihre Hunde im Dorf anleinen müssen, Wölfe aber unbehelligt über die Straße laufen dürfen. In einigen Ortsteilen tun Wölfe das, sehr selten, aber es kommt vor. Der Bürgermeister fragt sich auch, warum in den endlosen Weiten Mecklenburg-Vorpommerns nur wenige Wölfe zu finden sind. "Ich habe eine Vermutung", sagt er, "diese Norddeutschen reden nicht über das, was sie mit ihnen tun."

    An einem Abend im Dezember schlägt das Wetter um, und auf den Feldern rund um Bautzen bleibt der erste Schnee liegen. In einem Raum des Hotels Residence versammeln sich sechs angesehene Jäger. Der ehemalige "Aktionskreis Wolf" wird gleich tagen – ein Gremium, das sich in die "Arbeitsgruppe Wolf" des Landesjagdverbandes umbenannt hat. Arbeitsgruppe, das klingt ziviler, mehr nach Reden als nach Handeln. Die Jäger haben sich beraten, ausnahmsweise darf die ZEIT dabei sein.

    Märkische Allgemeine - 
    Das Warnschild vor Wölfen 
    hängt am Ortsrand 
    von Krahne (Potsdam-Mittelmark)
    Da sitzen sie nun um einen Tisch, ein Professor mit dem Fachgebiet Landmaschinen, ausgezeichnet mit der goldenen Verdienstnadel des Deutschen Jagdverbandes, ein Pensionär aus dem Jagdverband Oberlausitz, ein Wildhändler von der CDU Niederschlesien, der Vorsitzende des Jagdverbandes Niederschlesische Oberlausitz, ein Mitglied des Präsidiums der sächsischen Landesjäger. Als der ehemalige Landarzt Adolf With, der Vorsitzende der kleinen Versammlung, das Wort ergreift, macht sich der Professor Notizen auf kariertem Papier mit Wildschwein-Motiven. Er reicht ein Foto herum, das auf einem Waldweg in der Lausitz aufgenommen wurde. Auf einem offiziellen Schild steht: "Achtung! WÖLFE! Kinder an die Hand nehmen, Hunde anleinen". Der Landrat von Bautzen hat erklärt: "Der Artenschutz richtet sich inzwischen gegen Menschen. Oder sollen wir bald auch Bären ansiedeln?"

    "Wir sind keine Salonbiologen", sagt der Jäger im Tagungsraum. Ein anderer, der sich auf seinem Tablet Fotos toter Tiere anschaut, sagt: "Ich habe meinen letzten Schuss im Juni abgegeben." Wölfe hätten das Wild vertrieben. "Die Betroffenen wehren sich", sagt ein Dritter, bevor ein Vierter meint: "Es ist ein Krieg ausgebrochen zwischen Befürwortern und Gegnern. Der Wolf nimmt sich ungestraft, was er will. Meine Jagdkameraden in Polen erzählen mir: Wen interessiert der Wolf? Wir regeln das schon allein."

    Ein Jäger zitiert Artikel 14 des Grundgesetzes, "Schutz des Eigentums". Sein Tischnachbar fragt: "Wer im Staat spricht endlich das Machtwort?" Kaum jemand kennt die Wälder besser als diese Jäger, die mitbekommen, wer sich wann in welchem Revier bewegt. Aber einen Wolfskiller? Nein, nie gesehen. Ausdruckslos schauen die Männer einander an. Dann fragt einer: "Sie kennen doch die drei S, oder?" Jeder in der Gegend kennt die drei S. Schießen, schaufeln, schweigen.



    Kadaverstrecke toter Wölfe - Google-Bilder - Suchbegriff: "Toter Wolf"


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  • 01/14/19--03:11: gekreuzigt
  • Jesus, Israel und der BDS

    Überraschende Wendung beim Kunststreit in Haifa
    Manchmal ist es nicht leicht, sich in der Welt der Proteste zurecht zu finden. Da kontaktiert man den finnischen Künstler Jani Leinonen, weil es im israelischen Haifa heftigen Streit um seine Skulptur mit einem gekreuzigten Ronald McDonald gibt, dem Maskottchen der Fastfoodkette. Sie trägt den Titel „McJesus“, stammt von 2015 und wurde in Ausstellungen in Helsinki und Dänemark gezeigt, ohne dass es zu Protesten kam. Im Haifa Museum of Art ist das Werk seit Ende Juli zu sehen, im Rahmen der konsumkritischen Ausstellung „Shop It!“. Erst jetzt, Monate später, schlagen die Wogen hoch - wobei Leinonen mitteilt, dass er das Werk seinerseits bereits im September zurückgezogen habe, weil er sich der Israel-Boykottbewegung BDS angeschlossen habe. Offenbar sei das Museum seinem Wunsch nicht nachgekommen.

    Hunderte Christen hatten am Freitag versucht, in die Ausstellung einzudringen. Nach Informationen der Zeitung „Haaretz“ wurden drei Polizisten verletzt; ein 32-Jähriger wurde festgenommen. Israels Kulturministerin Miri Regev forderte die Entfernung des Werks, das Gleiche verlangen die katholischen Bischöfe des Landes und das griechisch-orthodoxe Patriarchat. Trotz des Rechts auf Meinungsfreiheit sei es nicht hinnehmbar, dazu „das bedeutendste Symbol der christlichen Religion“ zu missbrauchen, so die Bischöfe. Das Museum will nun einen Warnhinweis anbringen. Ansonsten verweise das Kunstwerk auf den zynischen Gebrauch religiöser Symbole.

    McJesus. Jani Leinonens Skulptur. Foto: Vilhelm Sjöström/Leinonen & Zetterberg Gallery


    Mc Buddha - Bild:
    Art and Art Deadlines.com
    Jani Leinonen zeigt sich auf Nachfrage konsterniert darüber, dass sein „McJesus“ - es gibt Ronald McDonald von ihm auch als „McBuddha“, „McPharao“ oder „McLenin“ - immer noch in Haifa hängt. Er habe sich der Bewegung „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS) angeschlossen, weil „Israel die Kultur offenkundig als Form der Propaganda nutze, um sein Regime der Okkupation, des Siedler-Kolonialismus und der Apartheid über das palästinensische Volk schönzufärben oder zu rechtfertigen“. Er sei davon ausgegangen, dass die Arbeit längst nicht mehr zu sehen sei. Als er nun von den Protesten hörte, habe er die Kuratorin erneut gebeten, „McJesus“ sofort zu entfernen.

    Schon seltsam, dass ein Künstler und Aktivist, der sich kritisch mit Ernährungskultur, Warenwelt und Kapitalismus sowie mit christlichen Symbolen und Ikonografien befasst, politisch offenbar doch so schlicht gestrickt ist, dass er sich seinerseits kritiklos der umstrittenen BDS-Kampagne anschließt. Einer Bewegung, bei deren Protestaktionen immer wieder offen antisemitische Äußerungen laut werden und deren Wortführer auch keine Zwei-Staaten-Lösung wollen. Sie möchten, dass Israel als Judenstaat verschwindet zugunsten eines Palästinenserstaats.

    „Die Kunst ist eine Lüge, die die Wahrheit enthüllt“, sagte Jani Leinonen einmal. Manchmal ist die Kunst auch eine Wahrheit, die von der Lüge umnebelt ist. chp (mit KNA)

    Der Tagesspiegel, Montag, 14.1.2019 - Kultur S.19

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    ist das nun blasphemie, kabarett, satire, slapstick oder kunst - oder kann das weg ??? - ist das ganze nur ein großer pr-trick für den einen und für die anderen - damit die feuilletons etwas zu schreiben haben - das gibt dann clicks und einschaltquote und reputationen und internationale erwähnungen in den agenturen...

    aber - alles schon mal dagewesen: da gab es schon den grünen frosch am kreuz ("skulptur"-titel: "zuerst die füße") vom künstler kippenberger, 1990 - also schon vor 28 jahren.

    "zuerst die füße", kippenberger 1990
    (taz)
    kippenbergers "kunstwerk" sorgte auch für zahlreiche irritationen; man forderte, es anlässlich des papstbesuchs 2008 aus dem "museion" in bozen zu entfernen. angestoßen von einer regionalen sonntagszeitung kam es zu interventionen von zahlreichen politischen kreisen und teilen der katholischen kirche sowie einer hitzig geführten diskussion unter anderem auf den leserbriefseiten der lokalpresse.

    papst benedikt XVI. schrieb an den präsidenten des regionalrates, franz pahl, der gekreuzigte frosch verletze die religiösen gefühle vieler menschen - und pahl trat in einen hungerstreik, um das abhängen zu erzwingen ... der italienische kulturminister damals brachte zum ausdruck, auch die vernunft und der gesunde menschenverstand würden durch das kunstwerk beleidigt. letztlich blieb der frosch für die länge der kippenberg-ausstellung hängen, denn 6 der 9 "unabhängigen" stiftungsratsmitglieder des museion-museums hatten sich gegen eine abhängung ausgesprochen.

    also - egal wen oder was man ans kreuz hängt: es löst immer reaktionen aus: vor 2000 jahren schon wusch sich der römische repräsentant in jerusalem die hände, um seine unschuld am kreuzestod jesu zu bekunden - und die geifernde und gaffende masse brüllte: währenddessen: "kreuziget ihn!!!" - und so ist dann das "kruzifix" zum christlichen symbol geworden ... - dabei wären ja symbole für das friedensgebot in der bergpredigt oder ein symbol für die "auferstehung" jesu viel treffender für das wirken dieses mannes - und damit auch als mittelpunkt auf dem gottesdient-altar - und nicht sein schmachvoller tod am kreuz ...

    auf alle fälle: jani leinonen kann kein alleinstellungsmerkmal für sein "mcjesus" geltend machen: etwas oder jemanden - und sei es nur eine mcdonalds-figur oder ein angepinselter froschkorpus - ans kreuz zu heften löste immer schon in all den jahren kontroversen aus: und im "heiligen land" bei der dortigen tradition und quasi lokalbedeutung erst recht - und wenn auch die heiligen stätten der muslime und palästinenser gern auch schon mal "übersehen" und überbaut und überplant werden, erinnert man sich - wenn es politisch opportun erscheint - gern an die gefühle der christlichen "geschwister" ...

    ansonsten gilt:  kunst,  oder auch alles was unter kunst firmiert - auch und vor allen dingen kritische kunst - ist besonders geeignet, menschen - jung und alt und aller hautfarben, aller geschlechter, aller nationalitäten usw. -  zu durchaus kontroversen diskussionen anzuregen. wir brauchen diskursfähigkeit in dieser gesellschaft und in der welt, das aushalten anderer meinungen - nicht wahr, mr. president ...


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  • 01/14/19--08:22: fliegenfänger
  • fliegenfänger - die zweite
    fliegenfänger



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  • 01/14/19--13:08: punkt
  • S!|art: seinen wunden punkt getroffen


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  • 01/15/19--03:50: Takis Würgers „Stella“
  • Takis Würgers „Stella“

    Ein Fall von literarischer Hochstapelei

    von Carsten Otte | taz

    Takis Würger erzählt in „Stella“ von einer Jüdin, die zu NS-Zeiten viele hundert Menschen verriet. So bestürzend die Geschichte, so hilflos das Buch.
    Was für eine Geschichte! Die Jüdin Stella Goldschlag überlebte den Naziterror, indem sie andere Juden verriet. Erst ließ sie sich mit der Gestapo ein, weil sie versuchte, die Eltern vor der Deportation nach Auschwitz zu bewahren. Aber auch als sie später erfuhr, dass Mutter und Vater nicht mehr zu retten waren, kollaborierte sie mit dem SS-Hauptscharführer Walter Dobberke und spürte als sogenannte Greiferin viele hundert untergetauchte Juden auf. Zu ihrer perfiden Methode gehörte es, auf Beerdigungen aufzutauchen und Juden, die durch den Tod des „arischen Partners“ vogelfrei waren, den Mördern in Uniform auszuliefern.

    Diese Geschichte wurde von Peter Weyden, einem ehemaligen Mitschüler Stellas, Anfang der 1990er Jahre in einem Sachbuch ausführlich dargestellt. Es gab eine mehrteilige Spiegel-Geschichte, die ebenfalls von Weyden stammte. Es wurden Dokumentarfilme und Spielfilme über Stella Goldschlag gedreht, auch eine Doku mit Spielszenen, sogar ein Musical mit dem Titel „Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“. Zudem hat sich die Wissenschaft mit den jüdischen Kollaborateuren eingehend befasst. Nur einen Roman gab es bislang nicht.

    Der Schriftsteller und Spiegel-Redakteur Takis Würger, so verrät es eine kleine, aber sehr aufschlussreiche Werbebroschüre, habe von der Geschichte zufällig gehört und sofort wissen wollen, ob die Geschichte schon, so nennt man das wohl, „literarisiert“ worden sei. „Ich habe es sofort nachgeschlagen. Am nächsten Tag habe ich die Arbeit am Roman begonnen.“ Reporter müssen schnell sein. Herausgekommen ist schließlich ein schmales Buch, das im Jahre 1942 spielt und formal betrachtet aus drei Textsorten besteht.

    Geprügelt. Takis Würger. Foto: S. Döring/Hanser - taz


    Neben historischen Ereignissen und Zitaten, die clever kompiliert sind und einen Überblick über die politischen Geschehnisse geben, aber auch so wichtige Informationen wie die Geburt Wolfgang Schäubles vermerken, tauchen in regelmäßigen Abständen kurze Auszüge aus Gerichtsakten auf, die von den Vergehen der Angeklagten Goldschlag berichten. Nach dem Krieg wurde sie nämlich von den Sowjets zu mehreren Jahren Lagerhaft, 1957 in Westberlin noch einmal zu zehn Jahren Zuchthaus wegen Beihilfe zum Mord und Freiheitsberaubung verurteilt. So weit, so journalistisch.

    Unfreiwillig komisch

    Um die Geschichte nun als emotionales Drama zu verwerten, erfindet Takis Würger einen 20-jährigen Schweizer namens Friedrich, aus dessen Perspektive der nicht gerade originelle Plot erzählt wird: Aufgewachsen in betuchten Verhältnissen, möchte der junge Mann, der nicht nur naiv, sondern leider auch farbenblind ist, ins nationalsozialistische Berlin zu reisen, um dort Zeichenunterricht zu nehmen und nebenbei herauszufinden, ob was dran sei an den schlimmen Gerüchten über die Nazis.

    Der Vater, ein polyglotter Samthändler, hält nicht viel von den Plänen des Sohns. Die Mutter, eine daueralkoholisierte Nazisse, ist zumindest froh, dass der Spross in Deutschland weilt. Kaum in der Hauptstadt angekommen, freundet sich Friedrich mit dem blonden und etwas molligen Nacktmodell Kristin an, die er nicht nur beim Aktzeichnen bewundert, sondern auch in geheimen Musikkneipen, wenn sie dort auf der Bühne steht.

    Er verliebt sich in die frivole Berlinerin, genießt bald auch die Freundschaft eines Deutschen, der zwar SS-Mann ist, sich aber für gutes Essen interessiert. Friedrich ist erst erschüttert, als herauskommt, dass die Angebetete nicht nur anders heißt, sondern grauenhafte Dinge tut, nämlich „Juden jagen“. Kristin ist eben jene Stella Goldschlag.

    Takis Würger orientiert sich am biografischen Material, nimmt sich ein paar erzählerische Freiheiten und bleibt einem Erzählton verhaftet, der zwischen Reportage und einem etwas übersteuerten Sound changiert, der wohl zeigen soll, dass es sich um Literatur handelt. Dabei fallen nicht wenige Sätze auf, die unfreiwillig komisch sind, weil sie etwas zu pathetisch daherkommen, in einem ansonsten biederen Textumfeld geradezu herausstechen und weil sie auf seltsame Weise Symbolcharakter haben: „Jemand musste die Gerüchte von der Wirklichkeit trennen.“

    Semifiktionale Collage

    Man muss nicht besonders pingelig sein, um die Frage zu stellen, ob Gerüchte nicht eben auch eine „Wirklichkeit“ besitzen, aber auf sprachliche Genauigkeit kommt es in „Stella“ ohnehin nicht an, und so spielt es vielleicht auch nur eine marginale Rolle, ob nun doch die „Wahrheit“ und nicht die „Wirklichkeit“ gemeint ist. Die Wirkmacht der Lüge wiederum war und ist seit Wochen ein großes Thema nicht nur im Feuilleton, sondern in einer breiteren Öffentlichkeit, die zunehmend gereizt reagiert, wenn wieder ein neuer publizistischer Fake bekannt wird.
    DAS BUCH
    Takis Würger: „Stella“. Hanser, München 2019, 224 Seiten, 22 Euro.
    Auch bei „Stella“ handelt es sich um eine Art Täuschung, nämlich um eine literarische Hochstapelei. Das Buch wird als „Roman“ verkauft, es ist jedoch schwierig zu bestimmen, worum es sich wirklich handelt, um eine semifiktionale Collage vielleicht, ein schlampig gemachtes Stück Histotainment gewiss. Der Text liest sich wie ein ausführliches Treatment für ein Filmdrehbuch. Es ist ein Funktionstext in einer Funktionssprache, mit emotionalen Ausrufezeichen, die vielleicht nötig sind für eine verdichtete Version auf der Leinwand. Was bei einem solchen Arbeitspapier nur eine untergeordnete Rolle spielt, nämlich der Stil der Prosa, sollte allerdings die einzige Maßgabe für einen Roman sein. Würger aber scheitert auf allen ästhetischen und auch ethischen Ebenen.

    So ungebrochen naiv die Erzählerperspektive, so simpel gestrickt und klischiert die Figuren in ihrer ausgestellten Doppelbödigkeit, so hölzern und mit einfachsten Mitteln wie Dialektwürze und Derbheit versetzt die banalen Dialoge. Immer wieder stolpert man über Formulierungen im nicht andeutungsweise ironisierten Kitschmodus.

    Der Ich-Erzähler, der Schlimmes über seine Kindheit zu berichten weiß, räsoniert mit einer gerade noch unterdrückten Träne: „Schweigen wurde meine Art zu weinen.“ Der Berliner SS-Mann Tristan von Appen darf, kaum hat er Friedrich kennengelernt, über das vom Schweizer Ehrenmann angehimmelte Weibsbild mal so richtig vom Leder ziehen: „Die hat Titten, da kannst du Mäuse drauf kacken.“ Und Stella, ganz Berlinerin, sagt auch nicht gerade selten: „Mein lieber Scholli.“

    Erschütternd unterkomplex

    Damit auch wirklich alle begreifen, worum es in dem Buch geht, muss der etwas einfältige und immer treuherzige Friedrich wirklich alles aussprechen, was gerade verhandelt wird, sodass selbst der nicht wirklich verborgene Glutkern der Geschichte zur Phrase verkommt: „Ich weiß nicht, ob es falsch ist, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten.“ Ach wirklich?

    Man könnte eine lange Liste der überflüssigsten Dialogfragen anfertigen: „Warum tun wir, was wir tun, meine Liebe?“, heißt es an natürlich entscheidender Stelle. In „Stella“ bleibt vom Wahrheitsanspruch schließlich nur eine entmoralisierter und sinnentleerter Klippschuldefätismus: „Das Leben formt uns zu Lügnern“, lautet Friedrichs dürftiges Resümee. Was auch immer er mit dem „Leben“ meint, was auch immer das Verb „formen“ hier ausdrücken soll, aber wenn sich in diesem Satz eine Lüge offenbart, steckt sie im gewissenlosen Geraune des Autors.

    In solchen Sentenzen, die ganz nebenbei die Frage nach Schuld und Verantwortung in einem Kalenderspruch auflöst, zeigt sich nämlich die moralisierende Amoralität des Textes, der sich nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich völlig unreflektiert und erschütternd unterkomplex einem äußerst komplexen Thema nähert.

    Der Hanser-Verlag sollte sich zumindest die Frage gefallen lassen, ob es sinnvoll ist, für diesen Roman ausgerechnet mit einem Satz von Daniel Kehlmann zu werben, der die Latte nicht nur hoch hängt, sondern literaturhistorischen Unsinn verbreitet: „Takis Würger hat sich etwas Aberwitziges vorgenommen: das Unerzählbare zu erzählen.“

    Es handelt sich keineswegs um etwas „Unerzählbares“

    „Stella“ erzählt garantiert nicht das „Unerzählbare“, also die Massenvernichtung der Juden. Es geht Takis Würger eher um die Blindheit der Liebe (oder so ähnlich) und den Willen zum Überleben auch auf Kosten der anderen – die Bedingungen und Gründe für den Genozid sind nicht Thema des Buchs.

    Die Formulierung ist ohnehin Quatsch, weil es zahlreiche Romane, Sachbücher, Gedichte und auch filmische Dokumentationen über die Schoah gibt, die genau das ausführen, was Takis Würger nur am Rande streift.

    Insofern handelt es sich keineswegs um etwas „Unerzählbares“. Vielleicht sollten sich Würger und Kehlmann noch mal den „Roman eines Schicksallosen“ von Nobelpreisträger Imre Kertész anschauen. Oder die Arbeiten von Claude Lanzmann. Eine verkaufsfördernde Debatte sollte es um „Stella“ nicht geben. Dafür bietet dieses in so vielerlei Hinsicht schwache Buch keine angemessene Grundlage.

    taz - Dienstag, 15.01.2019, S17 - kultur


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    Furor, Fakten, Fiktion

    Takis Würgers Roman „Stella“ und die Kritik

    Seit einiger Zeit wird den deutschen Feuilletons gerne nachgesagt, sie seien handzahm geworden. Bücher, Filme, Premieren allerorten - und keine Verrisse mehr. Es wird nur noch gekrittelt, nicht mehr kritisiert, so der Vorwurf. Jetzt dürften diese Stimmen verstummen, denn die Rezensionen zu dem bei Hanser erschienenen Roman „Stella“ von Takis Würger über die jüdische Gestapo-Agentin und Verräterin Stella Goldschlag fallen nicht nur kontrovers aus (positiv: „Welt“, „Tagesspiegel“, negativ: „Süddeutsche“, „FAZ“,  „Zeit“-online), sondern auch derart harsch, dass man sich an den Furor eines Marcel Reich-Ranicki erinnert fühlt.

    Von „Schund, der noch nicht mal als Parodie durchgeht“ ist die Rede, von „Ärgernis, Beleidigung, oder einem richtigen Vergehen“, von „Gräueln im Kinderbuchstil“ und „Nazischnurre mit Fertigfiguren“. Das ist heftig, wütend, wüst.

    Es geht im Wesentlichen um die Frage, ob ein Roman über den Holocaust mit einer authentischen Figur als Titelheldin auch unterhaltsam sein darf, flott, leicht konsumierbar, etwas zum Verschlingen. Es geht um Moral und Wahrhaftigkeit, um Realität, Fantasie und Ausbeutung der Wirklichkeit, um die Freiheit der Literatur und die Grenzen dieser Freiheit.

    "Mein lieber Scholli." Stella Goldschlag im Gerichtssaal 1957, Ullstein-Foto | taz



    Vor zwei Jahren reüssierte der Stoff als Musical an der Neuköllner Oper und stieß auf positive Resonanz - als wahrlich leichte Muse. Und der Holocaust ist längst Vor- und Grundlage für alle möglichen Sorten von Bestseller-Literatur und Kinomelodramen, von der gerade wieder aufgeführten TV-Serie „Holocaust“ über den „Jungen im gestreiften Pyjama“ bis zu Bernhard Schlinks mit Kate Winslet verfilmtem Roman „Der Vorleser“.

    Es ist klar, dass sich die Aufregung vor allem aus den jüngsten Auseinandersetzungen um den „Spiegel“-Reporter und Ex-Kollegen von Takis Würger, Claas Relotius, speist, der Reportagen erfunden hat. Und aus dem Streit um den österreichischen Schriftsteller Robert Menasse, der dem Europapolitiker Walter Hallstein Zitate in den Mund gelegt hat, nicht nur in seinem Brüssel-Roman „Die Hauptstadt“, sondern auch in Reden und Essays. Seit der Causa Relotius ist die Medienöffentlichkeit in Sachen Fakt und Fiktion sensibilisiert. Und auch hysterisiert.

    Die „FAZ“ stellt in ihrer „Stella“-Rezension jedenfalls einen direkten Zusammenhang her. „Relotius reloaded: Hanser blamiert sich mit einem kitschigen Roman“, heißt es da. Die „Süddeutsche“ nennt den Roman das „Symbol einer Branche, die jeden ethischen und ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint“. Interessant wäre die Frage, ob die grundverschiedenen Genres von Belletristik und literarischer Reportage auch einer jeweils eigenen oder doch ähnlichen Moral gehorchen. Dass bei Journalismus und Literatur andere Regeln gelten, ist eine Binsenweisheit. Wird sie nun obsolet?

    Die besonders reißerischen Berichte über den Fall „Stella“ weisen neben der Tatsache, dass Würger einen - nicht näher bezifferten - hohen Vorschuss erhalten habe, auch darauf hin, dass Hanser-Verleger Jo Lendle persönlich das Buch lektoriert habe. Nun versteht es sich bei Spitzen-Titeln eines Verlags von selbst, dass der Chef persönlich beteiligt ist, alles andere wäre verantwortungslos.

    Lektor Florian Kessler, der ebenfalls an dem Buch mitgearbeitet hat, reagierte detailliert auf die Vorwürfe der ersten Kritiker - auch ein eher ungewöhnlicher Vorgang. „Au Backe“: Er plädiert gegen einen Bannfluch. Letzten Sommer habe ihm ein Literaturredakteur vor jeglicher Lektüre von „Stella“ gesagt, dass er das Buch verreißen werde. Kessler wirbt für eine offene Diskussion über Bücher, die versuchen, in „moralische Komplexionen“ hineinzuführen, über die Vielfalt von Erzählweisen.

    Der Streit um die Wahrheit von Geschriebenem in Zeiten einer sich immer schneller drehenden Medienwelt muss unbedingt weiter geführt werden. Nur Hysterie ist nicht hilfreich. Christiane Peitz

    TAGESSPIEGEL, 15.01.2019, S. 23 - Kultur

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    gleich vorweggeschickt: ich habe weder das buch gelesen noch vorher jemals von stella goldschlag gehört. wahrscheinlich ist das eine nie wiedergutzumachende lücke in meiner allgemeinbildung - aber deshalb wusste ich bis dato auch nicht, dass es auch jüdische kollaborateurinnen gab, sogenannte "greiferinnen" (hab ich erst jetzt in diesem zusammenhang als bezeichnung dafür wahrgenommen), die gemeinsame sache mit den nazis machten.

    aber vielleicht hatten sie ja einen - heutzutage würde man sagen - "deal", der ihr das überleben zusicherte bei denunziation - und dann bewegt sich ja der kern der geschichte um stella goldschlag (unbedingt dazu den "neutralen" wiki-eintrag lesen ...) auf einem recht zweischneidigen schwert (= so etwas wie "verrat aus notwehr") ...

    und wenn eine solche zweischneidige angelegenheit dann einem "roman" untergelegt ist, setzt sich diese ambivalenz dann höchstwahrscheinlich auch fort - und kommt auch bei den rezensenten - je nach gusto - ebenso zweischneidig an - wie oben beschrieben: die einen schreiben so ("welt" und "tagesspiegel" usw.) - die anderen so („süddeutsche“, „faz“, "taz", „zeit“-online usw.) ... 

    und mein böser verdacht flammt dann auf: die einen schreiben als pr-kampagne gegen knete vom hanser-verlag - die anderen hatten nur ein beleg-exemplar zur rezension ohne weitere pr-absprachen oder konto-überweisungen im hintergrund ...

    und: der autor takis würger arbeitet ja als redakteur beim "spiegel" - ausgerechnet in der seit dem "relotius-skandal" stark umwölkten "gesellschafts"-redaktion - - und das vorgelegte buch hat ja deshalb schon ein gewisses "gschmäckle".

    und da wird dann auch noch einmal zwischen "kollegen" und "konkurrenten" jeweils um auflagenhöhe und clicks ganz besonders ausgewertet und "verrissen" oder "goutiert", auch je nachdem auf welcher journalisten-kaderschmiede man seine schreibe "erlernt" hat, und wer neben wem am tisch der ausbildungsstätte gesessen hat ... - 

    dann die knallharte konkurrenz unter den buchverlagen um auflagenhöhe, preise, zeitgeist, politische ausrichtung, film- und übersetzungsrechte usw. usf.

    und weiterhin: ist es ein rezensent oder eine rezensentin? - wo ja die protagonistin eine schillernde weibliche persönlichkeit war - und dann noch jüdin - und dann auch noch nach der jeweiligen heirat mit insgesamt 5 männern letztlich 1994 im suizid mit einem sprung aus dem fenster endete ... - verzwickter kann also der wust an interessenlagen in abscheu und sympathie zu diesem werk gar nicht sein - und insgesamt auch schon wieder der stoff eines plots für eine neue durchaus beschreibbare und verfilmbare geschichte ...

    wahrscheinlich muss ich das buch erst tatsächlich selbst lesen - und lass es auf mich wirken - und bewerte erst danach - ich muss es ja nicht gleich kaufen: in meiner ausleih-bibliothek gibt es die neuerscheinungen jeweils gegen eine gebühr von 2,00 uro - und bei bedarf - wenn es denn über gebühr in mir nachwirkt - kann ich es immer noch kaufen ... - und - nix für ungut - chuat choan


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    Theatermacher berichten

    Wie die AfD 
    Bühnen unter Druck setzt

    Rechte attackieren die deutsche Theaterszene seit Jahren. Sie klagen gegen Stücke, stören Inszenierungen und fordern Subventionskürzungen.


    Wer hat Angst vor der Kunst? das Stück "Fear" wurde von Beatrix von Storch verklagt - aber sie verlor. FOTO: ARNO DECLAIR/SCHAUBÜHNE/DPA


    Wenn das Theater die Justiz beschäftigte, ging es früher oft um Verletzung religiöser Gefühle. Jetzt haben Staatsanwälte und Richter immer wieder Inszenierungen zu prüfen, weil Rechte Anstoß nehmen. Gegen „Fear“ von Falk Richter an der Schaubühne klagte 2015 erfolglos AfD-Politikerin Beatrix von Storch, da Fotos von ihr verwendet wurden. In Paderborn zeigte die AfD das Theater wegen Verleumdung und Volksverhetzung an. Grund: eine Grafik, die Wahlergebnisse der NSDAP und der AfD gegenüberstellte. Die Staatsanwaltschaft ermittelte nicht, da es keine rechtlichen Voraussetzungen gab.

    Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Ulrich Khuon, beobachtet zunehmend Angriffe von rechts auf die Kunstfreiheit. „Im Grunde wird alles, was nicht AfD ist, als linksversifft bezeichnet. Außerdem gibt es den Weg über Gerichte und Anfragen in den Parlamenten“, so der Intendant des Deutschen Theaters Berlin. An seinem Haus wurde 2018 die Performance „Global Gala“ von der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ gestört. Die AfD vertrete einen ausschließenden Kulturbegriff, der das Eigene mit Begriffen wie „Heimat“, „Identität“ und „deutsche Leitkultur“ überhöhe, sagt Manuela Lück, die als Bildungsreferentin der SPD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt die AfD-Kulturpolitik analysiert hat.

    In ihrem Programm bezeichnet die AfD die „Ideologie des Multikulturalismus“ als „ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und den Fortbestand der Nation als kulturelle Einheit“. Der kulturpolitische Sprecher der AfD im Bundestag Marc Jongen wirft den Theatern vor, sich immer wieder „an den zwölf Jahren des Dritten Reichs“ abzuarbeiten. So würde sich Theater auf eine antifaschistische Erziehungsanstalt reduzieren und sich seiner künstlerisch-darstellerischen Vielfalt berauben. Politisches Theater wirke, so Jongen, manipulativ und mache Konservativen „Schauprozesse“. Deshalb fordere die AfD die Kürzung von Subventionen.

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    „Die AfD wendet sich gegen Kunst, weil es Aufmerksamkeit erzeugt“, glaubt Amelie Deuflhard, Leiterin der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Auch die Schließung ihres Hauses, an dem viele geflüchtete Künstler aktiv sind, werde gefordert. Deuflhards Strategie: „Wir entwickeln ein positives Bild unserer diversen Gesellschaft und versuchen zu verstehen, wie Kulturen ticken.“ Deuflhard koordiniert die Bewegung „Die Vielen“ für Hamburg. Inzwischen haben bundesweit 500 Kulturinstitutionen diese Erklärung verabschiedet, im Mai sind Demonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern geplant. Motto: „Solidarität statt Privilegien. Es geht um Alle. Die Kunst bleibt frei!“ Für Christophe Knoch, Gesamtkoordinator von „Die Vielen“, ist die AfD nicht Ursache, sondern Symptom eines gesellschaftlichen Wandels. Es gehe darum, für Freiheitsrechte und schützenswerte Formen des Zusammenlebens einzutreten. (dpa)

    tagesspiegel.de


    „Solidarität statt Privilegien. Es geht um Alle. Die Kunst bleibt frei!“ - das muss jetzt unser motto sein. 

    die afd ist auf dem sprung und will unliebsame theaterbühnen schließen lassen bzw. das programm bestimmen und budgets entsprechend kürzen in den haushalten, auf die sie zugriff hat oder bekommt ...

    wenn ich jetzt hier noch mehr schreibe sieht das so aus wie etwa schon durchhalteparolen gegen all diese braune suppe - aber so ein pfeifen im wald haben wir hier gar nicht nötig - nur weiter so mit multikultureller bunter internationaler bühnenarbeit und erinnerungs- und gedenkkultur - und unserem widerstand gegen rechts...

    nix für ungut - chuat choan ...


    ein kläglicher armseliger "vogelschiss" - das ist der einzig umfassende beitrag der afd zur "teutschen" kultur  insgesamt - und unserem notwendigen erinnern und gedenken - gerade auch für die jungen




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    also - margarete stokowski ist an sich schon eine begnadete kolumnistin, an der sich die geister - auch und gerade gendermäßig [kann man das so sagen ... ???] - oftmals scheiden - und die schon viele verrisse über sich hat ergehen lassen müssen - und einige #hashtags und shitstorms und wie das auch immer alles im sozial-netzwerk-sprech heißen mag ...: aber - da wollte ich ja drauf hinaus: - wo sie recht hat hat sie recht: und sie scheint vorm schreiben ihre stifte immer mit dem anspitzer zu bearbeiten: jede mine zu ihrer schreibe ist so spitz und scharf wie ein skalpell - mitten ins leben ... - jedoch ohne spitzfindig zu sein (auf "spitzfindig" komme ich später noch mal zurück ...).

    und nun hat sie endlich mal die hanebüchenen verirrungen in den kommentaren zu einem privaten zwei-worte-tweet (!) der tv-journalistin nicole diekmann "nazi's raus" [click dazu auch hier in diesem blog] aber so etwas von seziert mit ihrem schreibskalpell, dass ich ihr nur dankbar sein kann:

    besonders fällt mir wieder auf, was für gefährlichen schmarren die "welt" mit ihrer redaktions-mann*schaft daraufhin abgelassen hat - oder aus marktstrategischen gründen ablassen musste - frau stokowski schreibt: 
    Auf "Welt Online" hieß es, die "Nazis raus"-Parole sei "grundgesetzwidrig": Der Autor Richard Schröder schaffte den beachtlichen Dreh, von der Tatsache, dass Nazis grundgesetzwidrig sind, umzuschwenken auf die Idee, "Nazis raus" zu sagen sei "wörtlich genommen" eine "Aufforderung zum Verfassungsbruch", weil hier nahegelegt würde, Nazis sollten ins Ausland verbannt werden, was doch juristisch gar nicht möglich sei in Deutschland. Außerdem behauptete Mathias Döpfner , der Spruch "Nazis raus" würde "den Nationalsozialismus verharmlosen, damit den Holocaust minimieren", ohne jegliche Erklärung, auf welch magische Art das nun wieder funktionieren soll. ... und ... Von einem "schwarzen Tag für die Demokratie" schrieb Ulf Poschardt in der "Welt", als sei nicht jeder Tag ein schwarzer Tag für die Demokratie, an dem die AfD im Bundestag hetzt oder Menschen aufgrund von Aussehen oder Herkunft auf der Straße angegriffen werden.

    ich glaube immer noch, dass sich der gute axel springer im grabe umdrehen würde, wenn er solche spitzfindigkeiten und "entschuldigungen" und rechtfertigung rechten gedankenguts für nazis überhaupt in seiner "welt", dem "intellektuellen" flaggschiff seines imperiums mit seiner sprichwörtlichen israel- und juden-euphorie lesen müsste ...

    in der "welt" - ich deutete das auch in meinem "nazi-raus"-beitrag schon an - erlebte ich bis zu meiner abrupten kündigung meines "'welt'-gold plus"-abos - wegen chronischer und herabsetzender "68er-phobie" zum 50-jährigen fast der gesamten redaktions-crew - dort neben vielen "konservativ"-grenzwertigen kommentaren und "meinungen" (henryk m. broder z.b.) besonders in den leserbrief-meinungsforen unter einschlägigen artikeln ein jeweiliges abbrennen regelrechter rechts-populistischer vielschreiber-feuerwerke - so dass ich immer noch dachte, das müsste diesem hehren blatt doch eigentlich peinlich sein - aber wo ich auch jetzt von frau stokowski z.b. diesen unmöglichen kopsterbolter lesen muss: "die 'Nazis raus'-Parole sei "grundgesetzwidrig"('welt'-autor richard schröder) wird mir angst und bange um dieses große meinungs-leitmedium - und ich finde, mit solchen kloppern kommt man dem "spiegel"-skandal um claas relotius auf eine andere art - nämlich des redaktionellen verrats einer früher durch und durch lesenswert breit-liberal aufgestellten ausrichtung - recht(s) nahe ...

    es ist erstaunlich, wie man sich diesem rechts-populistischen pöbel, der sich da in den leserforen versammelt hat, schritt für schritt mit immer spitzfindigeren mitteln anbiedert, um dieses "volk" wohl als feste leserschaft zu rekrutieren und eine "seriöse" heimstatt zu bieten ... - sich selbst und den lesern vorgaukelt, als sei die "welt" nun das letzte medium "jenseits aller 'lügenpresse'" ...

    ich bin froh - dass ich mich aus diesen fängen verabschiedet habe - und nun einen großen bogen um alle "welt"-seiten und-medien mache - auch wenn mir das wegen der überragenden typografisch-layoutmäßigen aufmachung schwergefallen ist ... 

    aber man kann eben jeden mist auch schön verpacken ... 

    nix für ungut - und chuat choan ...




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  • 01/15/19--13:45: in szene gesetzt


  • jani leinonen: mc|buddha - auch eine inszenierung ...


    Frank Magnitz' Medienstrategie geleakt

    „Mediale Betroffenheit“ erzeugen

    AfD-Mann Magnitz soll bewusst das Foto seines blutigen Gesichts verbreitet haben. So habe er Aufmerksamkeit auf den Überfall lenken wollen.

    BREMEN taz | Seit Überwachungsaufnahmen des Vorfalls vorliegen, ist klar: Die AfD hat bei ihren Darstellungen des Angriffs auf den Bundestagsabgeordneten und Bremer Landeschef Frank Magnitz dramatisiert. Nun wird deutlich: Der Bremer AfD-Politiker hat sich selbst von Anfang an bewusst dazu entschieden, ein Foto zu verbreiten, auf dem er blutverschmiert zu sehen ist. Er habe damit „Aufmerksamkeit“ und „mediale Betroffenheit“ erzeugen wollen – das schreibt Magnitz in einem internen Rundbrief, der der taz vorliegt. Magnitz bestätigte, dass er der Verfasser ist.

    Der 66-Jährige war am Montag vergangener Woche auf dem Gelände des Bremer Theaters von hinten angesprungen worden und daraufhin ungebremst zu Boden gestürzt. Videoaufnahmen, die die Polizei am Freitag veröffentlichte, zeigen, wie die Täter direkt danach flüchteten. Anders als die AfD es zunächst dargestellt hatte, wurde Magnitz weder mit einem Kantholz niedergeschlagen noch am Boden liegend getreten. Statt wegen Mordversuchs ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen gefährlicher Körperverletzung.

    Ein Bild, das Magnitz voller Blut und mit einer tiefen Wunde am Kopf zeigt, machte schon kurz nach der Tat, am Montagabend, die Runde. Ein Post der AfD Bremen mit dem Foto wurde bei Facebook bereits nach einer Stunde tausendfach geteilt. Die AfD sprach darin von einem „Mordanschlag“ als „Ergebnis rot-grüner Hetze“. Bundesweit und international sorgte die Tat für Empörung. Das Foto des Mannes voller Blut und die Vorstellung, er sei mit einem Kantholz halb tot geschlagen worden, zeigten Wirkung.

    Magnitz hatte bereits am nächsten Tag vom Krankenbett aus mehrere Interviews gegeben und sich einen Tag später selbst aus der Klinik entlassen.

    „Mediale Betroffenheit […] erzeugen“

    In dem internen Schreiben, das am Sonntag an die AfD-Mitglieder verschickt wurde, erklärt Magnitz nun, dass er sich selbst noch am Abend des Angriffs im Krankenhaus entschieden hatte, das Foto von seinen Verletzungen zu verbreiten. „Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen werden unsere Pressemitteilungen zu nahezu 100 Prozent nicht veröffentlicht. Ein solches Foto anzuhängen ist jedoch ungewöhnlich und mir war klar, dass eine entsprechende Aufmerksamkeit damit erzielt werden würde.“ Weiter heißt es in dem parteiinternen Infobrief, es sei „nur so eine mediale Betroffenheit zu erzeugen“ gewesen. Er selbst habe einen Pfleger gebeten, das Foto zu machen, nachdem er aus dem MRT gekommen sei, „um sehen zu können, wie schlimm meine Stirnverletzung war“.

    Auch über die anschließende mediale Wirkung informiert der AfD-Politiker: „Die Pressemitteilung und die Berichterstattung zur Tat haben den Weg um den gesamten Erdball innerhalb von 24 Stunden genommen. Ohne das angehängte Foto wäre die PM wie alle anderen unter ‚ferner liefen‘ abgehandelt worden.“

    Die Partei habe sonst wenig Gehör. In diesem Fall sei für die AfD mal „etwas gut gewesen“

    In dem Brief, der an „liebe Mitglieder und Förderer, liebe Parteifreunde“ adressiert ist, zieht Magnitz eine positive Bilanz der letzten Tage. „Eines ist sicher“, schreibt er: „Wir haben die gesamte Nation aufgerüttelt und einen Diskussionsprozess in Gang gesetzt, was uns sonst nie gelungen wäre!“ Und: „In Bremen selbst dürfte das Thema bei denen, die unsicher, aber uns nicht gänzlich abgeneigt sind, für Sympathien gesorgt haben.“

    Gegenüber der taz bestätigte Magnitz am Dienstag diese Auswertung des Angriffs: „Das ist das Ergebnis, das vom gesamten politischen Spektrum befürchtet wird, dass die AfD etwas instrumentalisieren könnte.“ Er sei hingegen der Ansicht, dass die anderen Parteien ständig alles instrumentalisierten und die AfD ansonsten wenig Chancen habe, Gehör zu finden. In diesem Fall sei für die AfD mal „etwas gut gewesen“.

    „Kantholz“ als Fehler

    In dem Brief schreibt Magnitz lediglich über die Mitteilung mit dem Kantholz als Tatwerkzeug, dass er sie im Nachhinein anders formulieren würde: „Aus reiner, professioneller Vorsicht hätte man wahrscheinlich ein ‚mutmaßlich‘ vor das ‚Kantholz‘ setzen müssen.“ Die Pressemitteilung habe seine Tochter, Ann-Katrin Magnitz, mit den von ihm gemachten Angaben erstellt. „Ich hatte keinen Grund, an den Aussagen des Handwerkers, der mir den Tathergang geschildert hatte, zu zweifeln“, so Magnitz.

    Gleichzeitig stellt er in dem Rundschreiben Mutmaßungen an, wer hinter dem Angriff stecken könnte – und zeigt klar in Richtung seiner politischen Gegner. Erneut bringt er die TeilnehmerInnen einer Kundgebung ins Spiel, die während der Tat in der Nähe an den Tod des Sierra Leoners Laye Condé erinnerten, der 2005 an den Folgen einer Brechmittelfolter in Polizeigewahrsam gestorben war.

    „Auf dem Weg zu meinem Auto kam ich an einer Gedenkveranstaltung für den vor 12 oder 14 Jahren in Polizeigewahrsam (sog. Brechmittelaffäre) verstorbenen afrikanischen Drogendealer Conde vorbei“, schreibt Magnitz. Dabei sei er von einem der Teilnehmer erkannt worden.

    Beide Initiativen weisen Vorwürfe zurück

    Ebenfalls für verdächtig hält er die Recherchegruppe AfD Watch Bremen, die seit 2017 über die AfD informiert – unter anderem über Magnitz’Verbindungen zur rechtsextremen Identitären Bewegung. Wie viele linke Initiativen hat auch AfD Watch als Postadresse die Anschrift des Bremer Infoladens angegeben, der im alternativen Ostertor-Viertel ein paar Straßenecken vom Tatort entfernt liegt. Durch die Nähe sei „die Zeckendichte in diesem Bereich besonders hoch“, so Magnitz, er sei womöglich von zufällig vorbeikommenden Schlägern erkannt und verfolgt worden.

    Beide von Magnitz verdächtigten Initiativen weisen die Vorwürfe zurück. Die Gedenkinitiative spricht von dem „Versuch einer gezielten Diskreditierung“ einer antirassistischen Kundgebung. Ein Sprecher von AfD Watch Bremen sagte: „Es ist der elende Versuch der AfD, ein Narrativ jenseits jeglicher Fakten aufrechterhalten zu wollen.“

    Magnitz steht mit seinem Landesverband für einen besonders rechten Kurs. Er selbst gilt dem völkisch-nationalistischen „Flügel“ um den Thüringer Partei- und Fraktionschef Björn Höcke nahestehend, einer Gruppe der AfD, die der Verfassungsschutz seit Dienstag zum Verdachtsfall erklärt hat.

    ich möchte hier in meinem blog auf das inszenierte blut-opfer-foto des herrn magnitz bewusst verzichten ...
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    ja so kann man sich als mitfühlender zeitgenosse oder auch als bedauernder bundespräsident täuschen (lassen) - und doch - fast hellseherisch - trotzdem mit allem semantischen purzelbaum im nachhinein alles richtig beurteilt: denn von einem "schwarzen tag für die demokratie" schrieb ulf poschardt als chefredakteur in der "welt" zum "anschlag" auf den bremer afd-mann magnitz - sicherlich mit einer verantwortungsvollen staatstragenden die demokratie verteidigenden intention: und während das "opfer" schon längst dankbar den protagonisten gab und sich erst einmal mit blutiger wunde vom pfleger ablichten ließ um sich so zu inszenieren ...: die partei habe sonst wenig gehör. in diesem fall sei für die afd mal „etwas gut gewesen“ ...

    wenn man dann noch an die aufhebung der immunität des herrn magnitz denkt, weil da die rede von veruntreutem geld ist - und jetzt die zugegebene selbstinszenierung, bekommt die ganze angelegenheit schon ein echtes "gschmäckle" ...  - 

    denn noch weiß man ja gar nicht, aus welcher "ecke" die drei täter tatsächlich kamen ... - und da hoffe ich, dass die bremer polizei wirklich "in alle richtungen" fahndet: von links - ganz rüber: auch bis rechts ... - 

    denn die jetzt dokumentierte selbstinszenierung "danach" (erst mit vermeintlichem kantholz und tritten und dann dem propaganda-foto und die rasche selbst-entlassung aus dem krankenhaus schon am nächsten tag - und die euphorie über die gelungene aktion insgesamt) wirkt schon ziemlich komisch auf mich - und ich frage mich, was war eigentlich direkt vor dem vorfall und hat herr magnitz eine plausible erklärung, warum er zur "falschen" zeit am "falschen" ort war ....??? - oder hat da jemand die aktion bewusst herbeigeführt und "gelingen" lassen - nachgeholfen ...: und da hat chefredakteur poschardt ja wieder auf eine andere - wahrscheinlich gar nicht ursprünglich von ihm gemeinte art recht: diese ganze selbstinszenierung mit foto und rundbrief-euphorie zumindest danach ist (auch) wahrlich ein "schwarzer tag für die demokratie" ... da führt man sie - die demokratie - nämlich am nasenring durch die manege ... - nix für ungut - und chuat choan ...


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    Einmal getragen und weg

    Von Guido Speckmann | nd


    Die 68er-Bewegung als Geburtshelferin der Wegwerfgesellschaft und als Vorreiterin der neoliberalen Ideologie des Individualismus? Das zumindest ist eine Frage, die ein anderes Licht auf die Chiffre »68« zu werfen vermag. Denn das 50. Jubiläum hat im Unterschied zum 40. kaum kontroverse Debatten ausgelöst. Während vor zehn Jahren Götz Aly mit seinen Thesen zur Parallelität von NS- und 68er-Bewegung die Schlagzeilen beherrschte, stand im Jahr 2018 ein eher pflichtschuldiges Erinnern an die Ereignisse vor 50 Jahren im Vordergrund.

    Damit scheint zunächst auch die Ausstellung »68. Pop und Protest« im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu beginnen. Den Zuschauer empfangen mehrere Kinoleinwände, auf denen längst ikonografische Fotos und Filme zu sehen sind: Benno Ohnesorgs Tod, der Leichnam von Che Guevara oder die Hinrichtung eines Vietcong-Kämpfers.

    In der Schau geht es zunächst um das, was man für gewöhnlich mit ’68 verbindet: Demonstrationen, der Muff unter den Talaren, Anti-Springer- und Anti-Schah-Proteste. Musikinstallationen, Fotografien, viele Filme, Plakate und historische Artefakte zeichnen ein beeindruckendes Stimmungsbild der damaligen Zeit. Im Zentrum steht zwar Deutschland, aber es wird durchaus dem Fakt Rechnung getragen, dass ’68 eine globale Revolte war. Der Pariser Mai, der Summer of Love oder die Proteste der Black Panther gegen die Diskriminierung der Afroamerikaner sind ebenso Thema wie feministische oder andere Kämpfe der sexuellen Selbstbestimmung.


    Ronald Traeger (1936–1968): Twiggy, 1966 Foto: Tessa Traeger - click here







    Die Explosion der Kreativität wird an Beispielen aus Theater, Film, Design, Popmusik und Mode veranschaulicht. Erinnert wird beispielhaft an das Oberhausener Manifest, das mit deutschem NS- und Heimatfilm bricht und eine ökonomische, inhaltliche und formale Neuausrichtung fordert. Auch die »Bühnen der Revolte« sind Thema. Etwa mit Egon Monks Inszenierung von »Über den Gehorsam« am Hamburger Schauspielhaus. Die Parallelisierung des KZ-Kommandanten Höß und des damaligen Kanzlers Kiesinger löste einen Sturm des Protestes aus. Das Bildungsbürgertum wollte von der Kontinuität des deutschen Untertanengeistes nichts wissen.

    Die Hippiekultur des Summer of Love ist besonders hervorzuheben. Sie, so ist zu lesen, stand für einen freien Lebensstil, Drogen, Individualismus und Selbsterfahrung. Hier nahm allerdings auch seinen Ursprung, was als kalifornische Ideologie bezeichnet wird. Die Verschmelzung eines Teils der Hippie-Bewegung mit dem Glauben an die befreienden Möglichkeiten der Technik und Informationsgesellschaft. Im Silicon Valley kann man das heute wiederfinden, amalgamiert in einer ultraliberalen Ideologie. Das allerdings ist nicht Gegenstand von »68. Pop und Protest«. Die Dialektik von einerseits notwendigem Protest gegen autoritäre Strukturen und andererseits Zielen, Werten der 68er, die sich problemlos in einen neoliberal gewendeten Kapitalismus integrieren ließen, macht das Spannende an der Beschäftigung mit der globalen Revolte aus. In der Ausstellung wird das nur angedeutet, vornehmlich wenn es um Design, Mode und Werbung geht.



    Besonders bei der Mode kann beobachtet werden, wie schnell sich ein modisches Statement wie ein Minirock, zunächst auch als politisches Statement gedacht, in den Schaufenstern der Warenhäuser wiederfindet. Die Werbung reagiert ebenso schnell. Charles Wilps Afri-Cola-Reklame greift den neuen subkulturellen Zeitgeist auf. Der Videoclip preist Körperlichkeit, Erotik, Psychedelic Chic und Bewusstseinserweiterung.

    Die Dialektik von Befreiung und Regression findet sich auch beim Design. Rechte Winkel, harte Kanten und solide Farbgebung passten nicht zum modernen Lebensgefühl von ’68. Das Material der Stunde war Plastik, Umweltbewusstsein noch kein Thema. Sorglos wurde konsumiert, einmal getragen und weg damit: Das Papierkleid wird zum Trendsetter.

    Es wäre übertrieben, ’68 als Geburtsjahr der Wegwerfgesellschaft zu bezeichnen. Aber die in der Ausstellung nur angedeuteten Fragen verdienen allemal eine nähere Betrachtung.

    »68. Pop und Protest«, bis 17.3., Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Steintorplatz, Hamburg.
    Ausstellungsflyer = click here

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    (update)

    tja - nun ist diese ausstellung zu den 68ern in hamburg noch just im oktober des verflossenen jahres eröffnet worden  (geht bis zum 17.märz.2019) - gerade noch pünktlich zum 50-jährigen "jubiläumsjahr" ... 

    insgesamt scheint ja nicht vielen zum feiern mit sekt und präsentkorb zumute gewesen zu sein - es gab und gibt ja auch viele kritische, z.t. sogar gehässige töne - so, als müsse man sich entschuldigen heutzutage als 75/70-jähriger dino überhaupt damals schon existiert zu haben, in  dieser zeit des aufbruchs und der umwertung alter werte - sich entschuldigen für das alles, was damals angestoßen wurde und sich im einzelnen wie rasend schnell umfallende aufgereihte dominosteine fortsetzte: einmal angeschnippt wurden entweder lawinen daraus - oder ein kleines rinnsal trocknete aus und ward nicht mehr wahrgenommen - je nachdem - und wie immer im leben ...

    bei den 68er-rückblicken fixiert man immer gern die (west-)deutschen und west-berliner bzw. universitären ereignisse um rudi dutschke und den sds, den "marsch durch die institutionen" und den "muff der 1000 jahre" in genau diesem jahr - aber verkennt dabei oft die internationalen weltweiten kultur-bezüge, allerdings fast ausschließlich innerhalb der "westlichen hemispäre", die schon zehn jahre früher ab mitte der fünfziger als reaktion auf den weltkrieg einsetzten aber nun vollends zum durchbruch kamen und angenommen wurden und die diskurse bestimmten: 
    • mit dem ende des fatal-brutalen vietnam-kriegs, wo schließlich entnervt (auch nach chemisch entlaubten bäumen und deswegen fehlgebildeten embryos) die usa ihre truppen endlich abzogen - 
    • mit dem lokalen französischen aufbegehren um daniel cohn-bendit 
    - und all die kulturstiftenden umwälzungen:
    • das woodstock-festival 1969 mit dem ausleben des befreiten 68er-"gefühls" als prozess und protest, und dem aufkommen nie gehörter rhythmen und klänge, aber auch neuer internationaler musikvermarktungs-strategien - 
    • in der literatur die bewegung der "beat-literatur" um jack kerouac u.a. und die "konkrete poesie" z.b. eines eugen gomringers hand in hand mit der "konkreten malerei", 
    • mit happenings, konzeptkunst, partizipation - mit "pop art", "minimal art", "konzeptkunst", "arte povera" und auch das ("deutsche")"informel" und die "art brut" - 
    • das weltweite pubertäre aufbegehren der jugend und der jungen menschen - in west-deutschland konkret gegen die tätergesellschaft nazi-deutschlands, 
    • mit der symbolischen aktions-"ikone": die ohrfeige für bundeskanzler kiesinger von beate klarsfeld - 
    aber auch in den familien muckte die jugend auf und befreite sich endlich ein für allemal von vielen unnötigen zwängen, die zuvor einfach unkritisch weitergeführt wurden mit gewalt und züchtigung in der wörtlich genommenen er-"ziehung" ("zögling"), eben als dieser muff von 1000 jahren... - 
    • die alten autoritäten wurden zum abdanken gezwungen oder geradezu lächerlich gemacht -  
    • ---- und das war gut so ... 
    höchst kritisch ist allerdings anzumerken, dass mit der recht abrupt eingesetzten und angelesenen sogenannten "sexuellen befreiung" und den neuen auslebe-versuchen eines "herrschaftsfreien anarchismus" auch hier und da neue abhängigkeiten und subtilere gewalt (die man oft mit " gleichberechtigt liebe leben" verwechselte) auf den plan traten bzw. offensichtlich wurden - besonders in den "totalen institutionen" (wie sie erving goffman beschrieben hat) - in den kirchen und den geschlossenen "erziehungs-" und kranken-anstalten - z. t. auch als verirrte reaktionen auf die libertären konzepte einer "antiautoritären erziehung" (a.s.neill) oder den schriften wilhelm reichs zur überwindung der "massenpsychologie des faschismus" - mit z.t. auch individuell ganzheitlichen übungen zur "lockerung des 'muskelpanzers'" - eben in diesen nur laienhaft zusammengelesenen zusammenhängen auch mit völlig überzogenen und übergriffigen tendenzen zur "sexual-befreiung" - sogar auch der wehrlosen und somit tatsächlich "verführten" (klein-)kinder ...

    trotzdem - insgesamt überwiegt bei mir zu dieser zeit, die mich mit geprägt hat, ein gutes und dankbares gefühl ...

    also - nix für ungut - und chuat choan



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  • 01/18/19--00:06: verzockt
  • knotenpunkt mitten in uropa: verkehrsinfarkt

    deutschland ist als knotenpunktland mitten in europa einfach zu klein und zu unbeholfen, um als flotter dreh- und angelpunkt zu wirken.

    autofahrer stehen auf deutschen autobahnen immer häufiger im stau: 2018 ermittelte man 745.000 staus mit einer gesamtlänge von 1,5 mio. kilometern. sie verursachen einen wirtschaftliche schäden von ca. 80 mrd. (!) uro. 80 mrd. also einfach in den sand gesetzt bzw. als feinstaub auf den asphalt verpufft.

    foto: business-on

    und bei einem mordsüberschuss in der haushaltskasse im bund unterhält man gern bundesweit sogenannte "bummel-baustellen", die nicht als so dringlich eingestuft sind und manchmal wochenlang mit abgesperrten fahrbahnen vor sich hin dösen - aus ersparnisgründen im budget der landesstraßenbauämter.

    ein weiteres problem ist ja bekanntlich die deutsche bahn, wo der bahn-chef immer wieder im verkehrsministerium anzutanzen hat, schnurstracks besserung verspricht - und so in wirklichkeit um das budget in diesem jahr feilschen muss, in dem er 22.000 (i.w.: zweiundzwanzigtausend) neue stellen besetzen will... so umfassend hat man also die gute bahn kaputtsaniert - herr mehdorn und andere - dass man heute vor einem dilemma steht: wie will man 22.000 neue stellen aus dem boden stampfen, deren schiere personalkosten - pro jahr - sich so um die 900 mio. brutto einpendeln werden - und woher nehmen ...??? neuankommende arbeitswillige aus dem ausland werden ja alles andere als willkommen geheißen - und meist ohne jede gegenleistung wieder weggeschickt ...

    foto: neue presse

    die züge fallen aus - kommen zu spät - auch hier gibt es streiks: der lokführer, der bahnbegleiter - auch als "wettbewerb der verschiedenen "gewerkschaften" untereinander - die klimaanlagen funktionieren nicht passend zum klimawandel - es ist eine ähnliche situation wie auf den autobahnen und straßen.

    foto: westdeutsche zeitung


    und dann noch die streiks im flugverkehr: auch da massive flugausfälle (gern auch zu beginn der urlaubszeit) - und ebenfalls z.t. wegen des klimawandels: smog und schneefälle lassen flüge canceln ...

    wenn man deutschland also von oben betrachtet: gibt es da ein riesen-knäuel von autobahn-staus, stehenden bahnen und am boden wartenden flugzeugen bzw. nicht fertiggestellten bahnhöfen (stuttgart 21) oder flughäfen (BER) und brücken, die dringend sanierungsbedürftig sind ...

    früher, als ich noch selbst budgetgebunden in brot & lohn stand, dachte ich immer, solche horror-verkehrsmeldungen werden immer zu beginn des jahres lanciert, um die budget-verhandlungen im bund und in den ländern und kommunen anzuheizen ...

    aber heute - mit abstand und nach all den jahren - glaube einfach, man hat sich in dem gezerre um zuteilungen und budgetfreigaben im miteinander einfach verzettelt und verzockt - auf jeweils beiden seiten: "die schwarze null" als heilige kuh von herrn schäuble - und damals der "börsengang", den die bahn unter mehdorn plante ... - und der sparsamkeitswettbewerb der landesstraßenbauämter untereinander ...: sie können es einfach nicht - sechs - setzen!!!


    und - überraschung: im schiffsfrachtverkehr gehen jüngst 200 container ins wasser - und die kinder sammeln schon mal die "überraschungs-eier" auch aus einem der container am strand ein - ob sie noch schmeckten, weiß ich nicht, aber das plastikklimbim zu zusammensetzen war noch intakt - und konnte getauscht werden ...

    na gut - ich fahre heute nur 5 km nach ikea zum frühstück und auf dem rückweg kaufe ich die nötigen sachen ein, um zu (über)leben - und ansonsten gebe ich von hier aus solche abwarte-rauchzeichen wie dieses hier ...

    also - richtet euch ein - legt euch wieder hin oder dreht euch nochmal um - nix für ungut - und trotzdem chuat choan ...