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an art-star is born: harold ancart

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OIL-STICK-MALEREI

Was gibt es Besseres zu malen?

Der Belgier Harold Ancart betritt bei David Zwirner in London die große Bühne – und ist so begehrt, dass Sammler ihre Manieren verlieren.

Von Cornelius Tittel | welt

Gemalt mit Oil-Stick – Ölfarbe in Stiftform – auf Leinwand: Unbetiteltes Bild von Harold Ancart (2018)
Copyright: Harold Ancart/JSP Art Photography

Als Harold Ancart im Jahr 2007 von Brüssel nach New York zieht, braucht er nicht nur ein Atelier, er braucht auch einen Job, um sich überhaupt eines leisten zu können. Frisch von der Académie des Beaux-Arts, stellt er eine Mappe seiner Studentenarbeiten zusammen und macht sich auf den Weg zu Lieblingskünstlern, in der Hoffnung als Assistent anstellig zu werden. Ein Freund zeigt ihm bei seinem ersten Spaziergang durchs West Village in welchem Townhouse der Maler Brice Marden wohnt, und so steht Ancart am nächsten Morgen mit seiner Mappe unterm Arm vor dessen Tür.


Marden öffnet tatsächlich – und man kann sich vorstellen, wie verwundert er den schlaksigen Mann gemustert haben muss, der auf seinen Treppenstufen steht, mit schwarzen Ölkreidezeichnungen wedelt und sich mit stark französischem Akzent als assistente bewirbt. Ancart muss dabei etwas Einnehmendes gehabt haben, denn wenig später schon steht er in der Küche des weltberühmten Kollegen und lässt sich einen Cappuccino bereiten. Während man gemeinsam die neue Kaffeemaschine bestaunt, die beim Milchschäumen genau richtig viel Dampf erzeugt, sieht sich unser Hausierer schon auf der Zielgeraden, als zukünftige rechte Hand eines seiner größten Helden, als Mann für alles, auch für den Schaum.

Bis das Telefon klingelt. Es ist die Tochter des Künstlers, und wie man es von guten Töchtern erwartet, erkundigt sie sich zuerst nach dem Befinden ihres Vaters. Sehr gut, sagt dieser, und dass er gerade mit einem fremden jungen Mann, der eben geklingelt habe, in der Küche sitze und Kaffee trinke. Nun ist nicht genau überliefert, was genau die Tochter ihrem Vater gesagt hat. Nur dass es laut, etwas panisch und entschieden overprotective gewesen sein muss und dabei so bestimmt, dass Brice Marden seinem Besucher anschließend eröffnet, seine Tochter sei sehr besorgt, und er müsse nun wohl leider gehen.

Der Anruf, ein Liebestöter erster Güte dieser so vielversprechend beginnenden Meisterschüler-Romanze, er muss im Nachhinein als Glücksfall erscheinen. Ohne Mentor und Übervater sitzt Ancart bald in einem winzigen Atelier in Brooklyn und zeichnet, während der erste New Yorker Winter mit aller Härte über ihn hereinbricht. Zuerst sind es noch monochrome, schwarze Arbeiten, die mit ihren asketischen Gitterrastern tatsächlich noch an den frühen Marden erinnern.

Doch irgendwann, die Küche ist kaum warm zu bekommen, scheinen Ancarts großformatige Zeichnungen zu keimen. Es ist, als hätte er Samen gesetzt, die ausgerechnet jetzt, je kälter es wird, ihre ersten Triebe schlagen. Erst unmerklich, dann immer deutlicher sieht man Farne und Palmblätter aus den minimalistischen Gitterrastern wachsen, als wünsche sich der Asket mit den eiskalten Fingern nun immer unverhohlener in tropische Gefilde. Schon bald wuchern sie in den Vordergrund, werden zu Palmen und verdrängen langsam, aber sicher das minimalistische Grid, so wie sich der Urwald einst die geometrischen Tempelanlagen der Mayas zurückerobert hat. Auf Palmen folgen Papageien, auf Papageien Kometen und schließlich Berge, Wellen, Blumen und Lagerfeuer. Kurz: Dinge, die Menschen seit Urzeiten gern anschauen.

Oder wie der Künstler es in einem Interview mit dem Magazin BLAU formulierte: „Was gibt es Besseres zu malen als Dinge, die man kontemplieren kann?“ Eine rhetorische Frage, die nicht nur als Provokation in Richtung konzeptversessener Kuratoren und Kritiker gemeint war, sondern auch als Brücke. Wie Georg Baselitz mit seinen ewigen Porträts, Akten, Landschaften erfindet Ancart keine Motive. Wie bei Baselitz scheint das Motto zu lauten: Wenn das Was erst mal geklärt ist, kann man sich umso befreiter dem Wie widmen.

harold ancart - foto: geordie wood
Zehn Jahre nach seiner Ankunft in New York ist es wieder ein eiskalter, nicht enden wollender Winter, der Harold Ancart zu neuen Arbeiten inspiriert hat. Mit dem Unterschied, dass er ihn offensichtlich komfortabel genug verbracht hat, um sich nicht mehr in den Süden träumen zu müssen. 16 Eisberge sind es, die Ancart für sein Debüt auf der ganz großen Kunstmarktbühne gemalt hat, seine erste Ausstellung in der Galerie von David Zwirner.

Auch auf sie lässt sich bestens kontemplieren, (nur so lässt sich der wachsende Erfolg von Polar-Kreuzfahrten erklären), und auch sie sind für Ancart nur Anlässe für das Spektakel seiner Oil-Stick-Malerei, die sich auch auf der größten Leinwand noch als Zeichnung begreift. Allen Bildern gemeinsam ist die horizontale Zweiteilung in Meer und Himmel, doch so wie die Fauves oder Emil Nolde wenig bis gar nichts von Farbtreue hielten, steht bei Ancart schon mal ein knallgelber Himmel über einem blutroten Meer. Es ist das Wie, das Ancart zu einem großen Maler und Koloristen macht: Wie er in einer vermeintlich monochromen türkisen Meeresfläche durch ein staubfeines Grau Wellen ins Schwingen bringt, wie er ins Türkis kratzt, um ein darunterliegendes Gelb aufblitzen zu lassen, wie er an den Rand eines von Rosa ins Fleischfarbene changierenden Eisbergs einen klitzekleinen Klumpen Kobaltblau drückt – das alles zeugt von einem fast blinden Vertrauen in den eigenen Touch.

Überhaupt die Eisberge: Sie werden bei Ancart zu Gefäßen reiner Malerei. Zoomt der Betrachter so lange rein, bis ihm das Motiv entgleitet, wird das Eis zu abstraktem Expressionismus auf Augenhöhe mit Clyfford Still. Und wenn im letzten, jüngsten Bild der Serie, das den hinteren Raum im ersten Stock dominiert, der grau-weiß-pinke Eisberg vor nervöser Energie fast zu bersten droht, hat Ancart mit Willem de Kooning einen weiteren Helden beschworen, ohne ihn auch nur ansatzweise kopieren zu müssen.

„Freeze“, so der Titel der Ausstellung, demonstriert eindrucksvoll, dass der anschwellende Hype nach seinem Museumsdebüt in der Houstoner Menil Collection und ausverkauften Shows bei Clearing und David Kordansky eben kein Hype ist. „Freeze“ zeigt einen ebenso jungen wie reifen Maler, der seine Mittel schlafwandlerisch beherrscht und dabei die seltene Gabe besitzt, in 36 mal 30 Zentimeter kleinen Formaten dieselbe Magie zu entfalten wie auf drei Metern.

Dass von Schweizer Museen bis zu amerikanischen Megasammlern am Eröffnungsabend angeblich nur die mächtigsten Kunstmarktplayer ihr Glück fanden, dürfte mehr als nur ein Gerücht sein. Harry Scrymgeour jedenfalls, der neue Londoner Direktor bei Zwirner, wollte nur so viel verraten: Noch nie zuvor sei er von einem Sammler bedroht worden. Sein Fazit: Je besser die Bilder, desto rauer die Sitten.

DIE WELT © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten

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gut - habe ich zunächst gedacht - wenn es harold ancart um "kontemplation" geht, um eine versenkung in jedes seiner motive, ist die serie von eisbergen ja auch eine entfernte hommage an die legendären zen-holzschnitte aus dem ostasiatischen raum - und auch sein zeichnerischer "mal"stil erinnert mich daran ... und unter der legendären "spitze des eisberges" liegen ja noch sieben-achtel "unsichtbare" aber erahnbare masse im wasser ... 

ansonsten habe ich mir schon - auch nach betrachtung anderer arbeiten von ancart z.b. in der juni-ausgabe der zeitschrift BLAU, seiten 66 ff., diese ja seit ewigen zeiten zu nichts führende frage gestellt: "was will der künstler mir damit sagen?" - aber er will wahrscheinlich nur anregungen geben, für eine jeweils individuelle botschaft, die in dem betrachter selbst erwachsen kann - wenn er darauf "bock" hat ...

diese oil-stick-malerei - früher nannten wir das einfach wohl "öl-kreide" - ist das bestechende an seinem stil. durch die kreide bleibt sein werk eigentlich eine zeichnung, die aber doch wie die pinsel-ölfarbe - wie eine malerei - auf leinwand sogar verwendet wird.

ich habe mal vor zig jahren in einer werkstatt an der nordsee in einem malkurs teilnehmer über die schulter geschaut, die die ölkreide auftrugen, um sie anschließend "changierend" mit terpentin-malmittel zu vermalen - auch das gab bestechende durchscheinende effekte, die das motiv regelrecht profilieren halfen...

daran habe ich mich erinnert bei harold ancarts arbeiten, obwohl ich gar nicht weiß, ob ancart auch seine kreiden hin und wieder "vermalt" ...

diese malweise - obwohl sie wie oben in der serie ja "eiskalt" ("freeze") rüberkommt - hat mich dann doch positiv vereinnahmt - sie strömt eine fast naive, fast kindliche, und dennoch raffinierte einfachheit aus - aber nur auf den ersten blick - und eben diese durchscheinungen und hintergründlichkeiten haben in ihrer tiefe und ihrem "ur-grund" etwas geheimnisvolles, in das es sich zu versenken durchaus lohnt: eine gestaltgewordene achtsamkeit vielleicht, die den betrachter anzieht.
ancart-arbeiten - abgedruckt im juni-BLAU

neben (!) peter doig werde ich jetzt direkt harold ancart platzieren auf meinem kopf-merkzettel, um ausschau auf weitere eindrücke zu halten ...


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