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Wie geht’s mir eigentlich?
Psyche im Alltag: Körperliche Zipperlein fallen einem schnell auf. Ein bisschen Kopf oder Bauch – und wer hat heute eigentlich nicht Rücken? Die psychische Gesundheit dagegen gerät oft aus dem Fokus. Dabei braucht auch die Seele Aufmerksamkeit
Der war schon immer ein bisschen depri“ oder „Die spinnt doch“: Solche Zuschreibungen kommen einem rasch über die Lippen.
Doch statt andere küchenpsychologisch zu bewerten, sollte man den Blick besser auf seine eigene psychische Gesundheit richten, findet die Psychotherapeutin Lena Kuhlmann. Im Interview verrät sie, wie das geht – und was zu tun ist, wenn sich ein Problem anbahnt.
Frau Kuhlmann, Sie stellen Ihrem Buch „Psyche? Hat doch jeder“ ein Zitat aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ voran, das im Grunde besagt, dass wir alle verrückt sind. Ist das so?
LENA KUHLMANN: Ich wollte mit dem Zitat für mehr Akzeptanz werben. Wir sind alle indirekt oder direkt von psychischer Krankheit betroffen. Mein ehemaliger Oberarzt aus der Psychiatrie hat mir einmal scherzhaft gesagt: „Manchmal unterscheidet uns von den Patienten eigentlich nur der Schlüssel für die Tür nach draußen.“ Wir sollten psychische Erkrankungen also nicht totschweigen.
»Manchmal unterscheidet
uns von den Patienten nur
der Schlüssel
für die Tür nach draußen«
Andererseits plädieren Sie aber auch dafür, nicht zu viel Küchenpsychologie zu betreiben. Wo verläuft sie denn nun, die Linie zwischen noch gesund und schon krank?
KUHLMANN: Da gibt es keine klare Linie, es geht ineinander über. Ein Anzeichen für Krankheit ist aber, dass einen etwas im Alltag einschränkt. Also, wenn zum Beispiel jemand aus Angst nicht mehr Bahnfahren kann und deshalb zu Hause bleibt. Wir sprechen dann vom sogenannten Leidensdruck. Ein gewisser Leidensdruck ist häufig auch Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Es
kommt vor, dass wir erstmal eine Therapie starten und diese dann aber unterbrechen, weil der Leidensdruck einfach momentan noch nicht groß genug und die Veränderungsmotivation zu gering ist.
Was sind die allerersten Anzeichen für eine beginnende psychische Erkrankung?
KUHLMANN: Es kommt auf die Störung an. Erste Anzeichen für eine Depression sind zum Beispiel, dass man das Interesse an Dingen verliert, die man eigentlich gern gemacht hat, oder Antriebslosigkeit oder wenn die Stimmung immer im Keller ist.
Panikattacken sind ein Zeichen für eine Angststörung. Was man Betroffenen und auch allen anderen raten kann: den Blick mehr auf die eigene Psyche und seelische Gesundheit zu richten. Dass man immer wieder prüft: Wie geht’s mir heute eigentlich? Dazu gehören durchaus auch banale Sachen: Habe ich Durst? Tut mir was weh? Bin ich müde? Wie ist meine Stimmung?
Gibt es dafür Techniken?
KUHLMANN: Achtsamkeit ist ein guter Weg. Dafür gibt es mittlerweile Planer, die man sich kaufen oder ausdrucken, oder Apps, die man herunterladen kann. Auch Meditation ist hilfreich. Oder ganz banal: eine Skala machen von eins (sehr schlecht) bis zehn (sehr gut) und täglich eintragen, wie es einem geht. Das hilft, zu reflektieren. Denn normalerweise antworten wir auf die Frage „Wie geht
es dir?“ reflexartig „gut“ ohne darüber nachzudenken wie es wirklich in uns aussieht.
Was kann ich tun, wenn ich dabei feststelle, dass es mir häufig schlecht geht? Wie finde ich heraus, ob ich eine Therapie machen muss oder ob es sich um ganz normale Launen handelt?
KUHLMANN: Es gibt seit über einem Jahr eine psychotherapeutische Sprechstunde. Die wird vermittelt über die kassenärztlichen Vereinigungen. Da kann man bei den Terminservicestellen anrufen und sich binnen vier Wochen einen Termin bei einem Psychotherapeuten in der Nähe vermitteln lassen. Der bietet ein Erstgespräch an und schätzt dann ein, ob es sich um eine
behandlungsbedürftige Symptomatik handelt und was also zu tun ist: Abwarten? Eine ambulante Therapie oder besser stationär?
Es ist in Deutschland aber extrem schwierig, einen Therapieplatz zu bekommen. Wo soll man sich hinwenden, wenn man eine Therapie machen möchte?
KUHLMANN: Erstmal am besten auf die Warteliste bei mehreren Therapeuten setzen lassen. Man kann auch bei der Krankenkasse nachfragen, denn manchmal haben die Mitarbeiter dort einen ganz guten Überblick. Interessant ist eventuell auch das Kostenerstattungsverfahren. Das läuft über Psychotherapeuten, die keinen Kassensitz haben. Die sind deshalb nicht schlechter, sie
haben zum Beispiel bei der Vergabe der Sitze einfach Pech gehabt oder nicht die finanziellen Mittel, sich einen Sitz zu kaufen. Sie dürfen im Bedarfsfall über eine Sonderregelung auch Kassenpatienten behandeln. Einige Krankenkassen erschweren das neuerdings leider. Für die Zeit bis man einen Therapieplatz hat, kann man auch über eine Online-Therapie nachdenken. Ich habe
gehört, dass ein paar Versicherer solche Angebote unterstützen. Zudem besteht die Möglichkeit, sich an eine Institutsambulanz zu wenden oder sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Ansonsten gibt es noch die Telefonseelsorge und Onlineberatungsstellen.
»Die Entstehung
einer psychischen Erkrankung
hat meist mehrere Ursachen«
Idealerweise kommt es gar nicht erst soweit. Kann man auch selbst dazu beitragen, dass die Seele gesund bleibt?
KUHLMANN: Zuerst ist wichtig: Es kann in unserem Leben immer wieder Vorkommnisse oder Bedingungen geben, die unsere psychische Gesundheit gefährden. Das haben wir nicht immer in der Hand. Jemandem, der nach einem schweren Schicksalsschlag eine Depression bekommt, kann man hinterher nicht sagen: Hättest du mal mehr Sport gemacht! Das wäre vermessen. Die Entstehung einer psychischen Erkrankung hat meist mehrere Ursachen. Es gibt trotzdem ein paar Dinge, die man selbst tun kann, um die Chancen zu erhöhen, dass man gesund bleibt oder die man tun kann, wenn man bereits erkrankt ist: Darauf achten zum Beispiel, was und wer einem gut tut. Nein sagen, wenn einem jemand zu nahe kommt oder man etwas nicht möchte. Sport tut gut, er hilft gegen depressive Episoden. Sonne ist gut für die Psyche. Aber auch, dass man sich kreativ ausdrücken kann und seinen
Gefühlen Raum gibt – sei es über Musik oder was immer einem liegt. Auch der Austausch mit Freunden ist wichtig. Wer das mag, kann Achtsamkeitsübungen in den Alltag integrieren. Die sind ganz einfach und kosten nicht viel Zeit.
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Achtsamkeitstraining
Wer im Alltag ständig unter Strom steht, bekommt das früher oder später auch körperlich zu spüren: Schlafstörungen, Bluthochdruck oder Magenbeschwerden sind mögliche Auswirkungen, wie die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) erläutert. Um vorzubeugen, sollte man Erholung und Regeneration nicht ausschließlich auf den Urlaub verlagern. Denn der Jahresurlaub reiche auf Dauer nicht, um sich ausreichend zu erholen, betont Iris Hauth, Präsidentin der DGPPN. Die Erholung des Urlaubs sei bereits nach zwei bis vier Wochen wieder vorbei – „je nach Qualität des Urlaubs und der anschließenden Arbeitsbelastung“.
Deshalb ist es wichtig, Erholung in den Alltag zu integrieren. Dabei sollte man gedanklich vom Job abschalten können und in der Freizeit Freude und Genuss empfinden. Hauth schlägt ein Achtsamkeitstraining vor.
„Durch das Trainieren von Achtsamkeit kann man sich darin schulen, bewusst Distanz zu Dingen zu schaffen, die im Hier und Jetzt eigentlich keine Rolle spielen, sondern den Moment nur überlagern.“
Eine verbreitete Form des Achtsamkeitstrainings sind MBSR-Kurse. Die Abkürzung steht für „mindfulness based stress reduction“, also Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Dieses Anti-Stress-Programm wurde von Jon Kabat-Zinn 1979 in den USA entwickelt. Ein solches Training läuft über mehrere Wochen. Einige Krankenkassen bezuschussen mittlerweile solche Kurse.
dpa/wr | NW
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Die Autorin
Lena Kuhlmann wurde 1985 geboren und ist approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit tiefenpsychologischem Schwerpunkt in Frankfurt/Main und Berlin.
Sie schreibt Artikel rund um die Psyche und bloggt im Internet unter freudmich.wordpress.com.
Das Buch von Lena Kuhlmann: Psyche? Hat doch jeder, ist am 3. August 2018 bei Eden Books erschienen. 256 Seiten, 16,95 Euro, ISBN: 9-7839-5910-1509.
NEUE WESTFÄLISCHE, Montag, 10.09.2018, Beilage LEBENSLUST
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manchmal fängt es ja mit dem flauen gefühl im bauch an. und dann wächst das wie im märchen zu großen wackersteinen - und liegt schwer im magen ...
und es hilft dann nicht immer der "magenbitter" oder sonst ein alkoholisches getränk oder die pille, die oma noch im schrank hat ...
da hilft es, zu forschen: wann und woraufhin hat sich das flaue gefühl eingenistet - und ist es etwas aktuell bedrückendes - oder schwebt es schon länger auch über andere familienmitglieder als damoklesschwert - sind es auch oft unausgesprochene und unaufgearbeitete familiengeheimnisse, die vielleicht schon 100 / 80 Jahre zurückliegen und über die "transgenerationale weitergabe" uns überkommen sind, aber über die nie offen gesprochen wurde: was hat opa im dritten reich gemacht - und warum wird von onkel berthold kaum noch gesprochen - woran ist der eigentlich damals gestorben...???
das alles sind die inneren "achtsamkeitsfilme", die man sich mal vor seinem inneren auge abspulen sollte ...
wie das joggen oder die mucki-bude sollte man sich auch ganz bewusst diesen inneren filmen und fragen stellen - und sich die zeit nehmen, der sache auf den grund zu gehen - mit einem training, mit einer selbsterfahrungsgruppe - mit klugem gegoogle, das man allerdings nicht mit einer eigenen diagnose verwechseln sollte - oder eben mit einer psychotherapie ... - aber einfach verdrängen geht nicht - das macht pickel und noch viel mehr ...