Von Thomas Lunk | WESTFALEN-BLATT
»Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz könnte das Schlimmste oder das Beste sein, was den Menschen passiert«, sagte der Physiker Stephen Hawking Ende 2017. Jetzt mischt sich der Philosoph Julian Nida-Rümelin in den fast hysterisch geführten Streit zwischen Apokalyptikern und Euphorikern.
Hawking hat zeitlebens vor den Gefahren einer außer Kontrolle geratenen Künstlichen Intelligenz (KI) gewarnt, er beschwor sogar das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Andere sehen in der KI den Schlüssel zu Utopia, zu einer gerechten Welt ohne Krankheiten und Kriege. Nida-Rümelin postulierte am Montag vor etwa 400 Zuhörern im Heinz-Nixdorf-Museumsforum (HNF) in Paderborn eine Ethik für das KI-Zeitalter.
Unter der Überschrift »Digitaler Humanismus« entwirft der Philosoph die Grundlagen dieser Ethik und arbeitet den Unterschied zwischen menschlichem Denken und softwaregesteuerten Prozessen heraus, nimmt Ängste, aber auch Hoffnungen. In schneller Folge feuert er seine Argumente ab, zitiert Philosophen von Sokrates bis Searle und Naturwissenschaftler von Archimedes bis Hawking. Er entzaubert die Silicon-Valley-Ideologen, die KI zum Religionsersatz erheben. Technikenthusiasten erteilt er einen Dämpfer: Es seien nicht immer die Hochtechnologien, die den Fortschritt bestimmen (Beispiel: Atomstrom).
Immer wieder sei im Zusammenhang mit KI davon die Rede, es handle sich um eine disruptive, eine systemzerstörende Technologie. »Das ist nicht richtig«, sagt Nida-Rümelin. Tatsächlich habe sich der Anstieg der Produktivität in den USA, seit die Digitalisierung Fahrt aufnahm, abgeflacht. In Deutschland, einem Land, das in Sachen Digitalisierung hinter den USA liege, steige sie schneller. Und in einer viel zitierten Oxford-Studie sei davon die Rede, dass die Digitalisierung die Hälfte der Arbeitsplätze vernichte. »Die oft wiederholte These, der Industriegesellschaft gingen die Arbeitsplätze aus, ist aber nicht zu halten«, sagt Nida-Rümelin.
Zwar sei die Erfindung der Dampfmaschine ein disruptiver Einschnitt gewesen, aber auch im 19. Jahrhundert seien am Ende eines schmerzhaften Prozesses Arbeitsplätze nicht weggefallen, sondern umgeschichtet worden. Wenn, vereinfacht gesagt, das Bruttosozialprodukt das Ergebnis von Arbeitsstundenproduktivität und Arbeitsmenge ist und schneller steige als die Produktivität, folge daraus, dass dem Menschen die Arbeit eben nicht ausgeht. Es sei absehbar, das Roboter Pakete austragen, Taxis fahren und Ärzten bei OPs assistieren. Tatsächlich würden also Tätigkeiten wegfallen, aber eben auch neue entstehen. Damit die Gesellschaft nicht gespalten wird in die, die flexibel mit dieser Entwicklung mithalten, und jene, die auf der Strecke bleiben, müssten wir jetzt massiv in Weiterbildung investieren.
In Science-Fiction-Filmen treffen wir auf fortgeschrittene KI mit beinahe menschlichem Bewusstsein. »Diese Filme nehmen nicht etwa eine Entwicklung vorweg, die bereits angefangen hat«, sagt Nida-Rümelin. Dass heutige KI wie Siri und Alexa scheinbar empathisch wirken, sei vielmehr die Folge davon, dass im Silicon Valley jetzt jene Menschen ihre Träume leben, die als 16-jährige diese Filme im Kino gesehen haben.
Die Geschichte sei davon geprägt, dass Menschen das Unbelebte in ihren Wünschen und Gedanken belebten. In Blitz und Donner meinte man, das Wirken von Göttern oder Geistern zu sehen, auch Tiere wurden vermenschlicht und werden es noch. Als Alan Turing sich in den 50er-Jahren Gedanken darüber machte, wie die KI vom Menschen zu unterscheiden sei, machte er laut Nida-Rümelin einen Fehler: Der Turing-Test prüfe nur auf Funktionalität, nicht auf das Vorhandensein von Intentionalität oder Bewusstsein. Das aber zeichne den Menschen aus.
Eine neue Definition unterscheide zwischen »starker« und »schwacher« KI, referiert Nida-Rümelin. »Stark« bedeute, Entitäten zu schaffen, die dem Menschen als kreatives, intuitives Wesen gegenübertreten. Das jedoch sei nicht machbar: Der kategorische Unterschied sei nicht zu überbrücken.
»Schwach« bedeute, dass KI menschliche Intelligenz simuliert. Auch davon sei man noch weit entfernt, selbst die beste KI könne kaum die Probleme lösen, die Studenten bereits im dritten Semester mit Leichtigkeit bewältigten. Aber Maschinen glänzten dort, wo eine Lösung durch schnelles Ausprobieren gefunden werden kann, meist also bei exakt umrissenen Problemstellungen.
Nida-Rümelin warnt davor, Maschinen und Algorithmen zu vermenschlichen. »Wir müssen uns von diesem Animismus lösen«, fordert er, wir sollten nicht mehr an die Beseeltheit von Maschine und Software glauben, sondern sie als das potenziell leistungsfähige Werkzeug sehen, das sie ist.
Nida-Rümelin ist kein Technikpessimist, er glaubt jedoch nicht an die Träume der Transhumanisten, die hoffen, sie könnten den Menschen mittels Technik in eine ganz neue und höhere Existenzform erheben. Aber er gibt sich optimistisch, dass menschliche Gestaltungskraft die digitalen Potenziale auszuschöpfen vermag, die einer ressourcenschonenden Gesellschaft nützen, geprägt von gegenseitigem Respekt, mit gleichen Freiheiten für alle und der Autorenschaft über das individuelle Leben.
Solange Nida-Rümelin referierte, blieb es mucksmäuschenstill im HNF. Als der Applaus aufbrandete, war klar, dass die Zuhörer jede Menge Stoff zum Nachdenken mit nach Hause tragen würden. Und Nida-Rümelins Buch »Digitaler Humanismus«, das er gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin Nathalie Weidenfeld (»Die zufällig meine Frau ist«) geschrieben hat, fand viele Käufer.
Zur Person
Professor Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin (63) studierte Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaft in München und Tübingen. Er lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg und der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Nida-Rümelin war Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder. Zuletzt hat er sich mit Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz beschäftigt. Mit Fiorella Battaglia setzte er die EU-Forschungsprojekte Robolaw und C4H (Credits for Health) um. Er ist Sprecher Kultur des Zentrums Digitalisierung in Bayern und Mitglied des Direktoriums des Bayerischen Forschungsinstituts für digitale Transformation.
Text u. Bilder aus: WESTFALEN-BLATT, Mittwoch 24.10.2018, Seite 23
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also - diese "künstliche intelligenz" (abk. "ki") tritt immer näher an uns heran - und man ist sich nicht einig, ob das nun positiv zu werten ist - oder eben negative folgen mit sich bringt.
für mich ist das so wie mit der "medizin": eine gute "dosierung" ist ein segen - und ab einer gewissen übermenge wird dieser "segen" zum tödlichen gift.
so ist das meines erachtens mit allem, mit dem wir uns auseinandersetzen - und was im laufe der zeit entwickelt wird: in der landwirtschaft schwor man im westen bis 1989 auf klein- bis mittelbetriebe und rümpfte über die "kolchosen-wirtschaft" in der ddr mit ihren riesen-betrieben die nase (zu recht - denn sie stanken furchtbar und meilenweit nach gülle) - inzwischen legt man auch bei uns die kleinbetriebe wegen "unwirtschaftlichkeit" zusammen - und schafft somit heimlich still und leise ebensolche "kolchosen"-betriebe, oft mit einer im labor spezialisierten monokultur (raps und mais z.b.) und 200 und mehr "stück vieh", wie der landmann zu sagen pflegt ...
und außerdem ist da nicht am horizont ein großer blinkender kristallener berg namens "ki", der da als lawine uns plötzlich irgendwann überrollt, sondern wir leben da bereits mitten drin - und schon unser kleines smartphone spiegelt sich ja von modell zu modell mit immer neuen updates und apps als "ki", sonnt sich aber eben immer noch in weniger "verdächtigen" bezeichnungen ...
und auch das blutdruckgerät zu hause ist ja im grunde eine rein elektronische -"intelligenz ... - sowie viele andere messgeräte in der medizin und anderswo - hoffentlich alle "richtig" geeicht mit den korrekten maßeinheiten, weil wir ja viele bereiche unseres lebens inzwischen diesen kleinen automaten anvertrauen - und danach diagnosen gestellt werden und operationen beschlossen und terminiert.
der mensch hat die einführung des buchdrucks überstanden, die einführung der dampfmaschine und des automobils und der damit verbundenen industrialisierung, er hat die digitalisierung durch den computer überstanden - und dann wird er auch die sogenannte "künstliche intelligenz" wegstecken können - zumal sie ja ganz allmählich kommt - und nicht mit nem ruck ...
es wird wie mit jeder neuen technik zuvor sein - sie wird wiederum techniken und intelligenzen hervorbringen, die das problem, das wir damit haben, lösen, sodass es nicht die desaströsen folgen hat, die wir heute befürchten - die absolute "revolution" wird über kurz oder lang abgefedert und verdaubar gemacht ...
es wird wie mit jeder neuen technik zuvor sein - sie wird wiederum techniken und intelligenzen hervorbringen, die das problem, das wir damit haben, lösen, sodass es nicht die desaströsen folgen hat, die wir heute befürchten - die absolute "revolution" wird über kurz oder lang abgefedert und verdaubar gemacht ...
natürlich wird das umstellungen mit neuen jobs bedeuten - und alte berufe werden wegfallen: aber in meinem arbeitsleben habe ich auch schon 7 (i.w.: sieben) vollwertige berufsabschlüsse gemacht und ausbildungen absolviert, um mit der entwicklung zwischen 1962-2009 mitzuhalten.
zum beispiel meinen ersten lehrberuf des schriftsetzers im bleilettern-satz könnte ich heute nur noch im museum vorführen ... - er wurde bereits fast gänzlich von - wenn man so will - "künstlicher intelligenz"übernommen...
der israelische historiker und bestsellerautor yuval noah harari aber hat in der letzten "welt am sonntag"in einem langen interview davor gewarnt, dass die sogenannten "weltmächte" und märkte in einen fast kriegerischen wettlauf um die "ki" eintreten - und sich vielleicht gegenseitig übertölpeln wollen um der führung in den globalen "marktanteile" willen ... = china und einige schwellenländer sind dazu bestimmt schon auf dem sprung - aber da sei der herr vor ...