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GG

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„GG“-MAGAZIN

Das Grundgesetz ist ein einmaliges Kunstwerk

Die Idee ist so simpel wie genial: das deutsche Grundgesetz als aufwendig produziertes Magazin. Auf 124 Seiten sind alle der 146 Artikel in originalgetreuer Reihenfolge abgedruckt. Wie liest sich das?

Von Leonie Bartsch | welt.edition



Der Journalist Oliver Wurm und sein neues Magazin. 
Die Lektüre wäre übrigens auch was für Friedrich Merz!
Copyright: Oliver Wurm

Es gibt Dinge, die sind gefühlt immer schon da gewesen. Das Schienennetz, unser Sozialsystem, die Baustelle auf der A 10, irgendwie immer schon da und selbstverständlich. So selbstverständlich, dass man oftmals schon fast vergisst, sie existieren überhaupt. Und wie will man etwas wirklich schätzen, wenn man sich seiner nicht bewusst ist?

Eine dieser Selbstverständlichkeiten ist das Grundgesetz. Also jenes in nahezu jedem deutschen Haushalt vorhandene Büchlein, auf dem man das „GG“ erkennt, wenn man die Staubschicht abwischt. Denn seien wir mal ehrlich: fernab der Juristerei ist das Grundgesetz nicht wirklich ein Buch, das man sich oft oder gern zur Hand nimmt.

Passend zum 70. Geburtstag des Gesetzestextes im kommenden Jahr hat der Journalist Oliver Wurm nun zusammen mit dem Designer Andreas Volleritsch genau diesen Text genommen und künstlerisch verarbeitet. Das Ergebnis ist ein einmaliges Experiment, das ab Dienstag mit 100.000 Stück in den Handel kommt. Es trägt den selbsterklärenden Titel: „Das Grundgesetz als Magazin“. Auf 124 Seiten sind alle der 146 Artikel in originalgetreuer Reihenfolge abgedruckt, ergänzt um Infografiken und Satellitenbilder von Deutschland und Europa. Letztere hat der Astronaut Alexander Gerst auf seiner aktuellen Weltallmission aufgenommen.

Wie kommt man dazu, einen nicht sehr unterhaltsamen Gesetzestext am Zeitungskiosk zu verkaufen, ganz so, als sei es triviale Reiselektüre für die nächste Zugfahrt? Und was sagt uns das über den Zustand unserer Gesellschaft?

Betrachtet man unsere Verfassung erst einmal als Text, den man an die Leute bringen will, würde ja jeder halbwegs geschulte Marketing-Agent erst einmal von einer derartigen Unternehmung abraten: ein schwer zugängliches Produkt, mit einem Text, der es wirklich jedem recht machen will. Verschachtelte, sperrige Sätze, abstrakt-philosophischer Sprachduktus. Auch redaktionell eine sehr undankbare Schrift: kein brandneuer Content, da schon 70 Jahre alt und mehrfach rezipiert, ja, mittlerweile Mainstream. Hinzu kommt die aus geschäftlicher Sicht unpraktische Tatsache, dass es den Inhalt kostenlos im Internet oder bei der Zentrale für politische Bildung gibt.

Die Magazin-Macher Andreas Volleritsch 
und Oliver Wurm, die schon das 
Neue Testament mit einer ganz anderen 
Anmutung präsentierten, finden 
überraschende Lösungen für die Visualisierung der Grundgesetz-Artikel
Copyright: Oliver Wurm
Die Magazin-Macher Andreas Volleritsch und Oliver Wurm, die schon das Neue Testament mit einer ganz anderen Anmutung präsentierten, finden überraschende Lösungen für die Visualisierung der Grundgesetz-Artikel
Copyright: Oliver Wurm

Das war wohl auch Oliver Wurm bewusst, als er seinen Kollegen Volleritsch anrief, um ihm vorzuschlagen, eben jenen Text in neue Form zu bringen. Auf die Idee gebracht hat ihn der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, wie Wurm im Editorial erzählt. In einer Lanz-Sendung meinte Yogeshwar: „Das Grundgesetz ist sensationell. … Wer es nicht gelesen hat, sollte es durchlesen.“ Für Wurm, der zuvor schon mit ähnlichen Projekten wie dem Neuen Testament als Magazin Erfolg hatte, stand sein nächstes Experiment fest, ungeachtet der Internet-Konkurrenz.

So blättert man hindurch, liest mal hier, mal dort, wie man das eben so bei Magazinen macht; blättert weiter durch den Text, und plötzlich wird einem beim Lesen bewusst, um welche historische Errungenschaft es sich hier eigentlich handelt. Ein Text, der nach Jahren des Krieges eine neue Epoche eingeleitet hat, der maßgeblich verantwortlich ist für unseren funktionierenden Staat und unsere Demokratie, ja, das Fundament unserer Freiheit, unseres zivilisierten Zusammenlebens. Und plötzlich hat man Gänsehaut beim Lesen des Grundgesetzes.
Das Grundgesetz als Magazin Oliver Wurm
Copyright: Oliver Wurm


Es ist erstaunlich, wie eine künstlerische Aufmachung die Wahrnehmung ein und derselben Sache schärfen kann. Das glänzende Hardcover ähnelt dem Design der bekannten Grundgesetz-Taschenbuchausgabe: das große „GG“ auf weißem Hintergrund, lediglich der Bundesadler fehlt. Auf der Rückseite ist die Urkunde der Verabschiedung des Grundgesetzes durch den Parlamentarischen Rat abgebildet.

Der Staat, das sind die da oben

Auf den ersten drei Seiten sind Fotos von den „Vätern des Grundgesetzes“ abgedruckt. Eine Nahaufnahme von Adenauer, wie er unterzeichnet. Ein Bild von vier Frauen, mit den Gesetzentwürfen in den Händen. Dazu der Beisatz: Es gab „auch vier Mütter des Grundgesetzes“. Für die Kapitelgliederung nahmen die Herausgeber die dem Volksmunde entnommene Phrase „der Staat, das sind die da oben“ wörtlich und zeigen Deutschlandvon oben – aus dem Weltall.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, prangt in großen Lettern auf knallrotem Papier, das erinnert mehr an ein Demonstrationsplakat als einen Artikelabdruck. Im Grundgesetz-Magazin ist jeder Gesetzesblock anders designt. Das lässt unsere Verfassung nicht nur als einmaliges Kunstwerk erscheinen, was sie zweifellos ist, sondern betont die einzelnen Artikel jeweils neu; und macht sie zu kleinen Kunstwerken ihrerseits.

Was bedeutet es für unsere Zeit, dass man ein solches Magazin als abstrakt-aufklärerischen Auftrag herausbringt? Sich als junger Mensch offen für Staatssicherheit und Verfassungsschutz zu outen, ist zurzeit nicht gerade populär. In so manchem Millennial-Mindset ist ein linker Autonomer, der Autos anzündet, tolerierter als ein Polizist, der seinen Pflichten nachkommt. Gleichzeitig nehmen demokratiefeindliche Haltungen zu, sei es durch reaktionäre AfDler, durch Reichsbürger, durch religiöse Fundamentalisten. Dieser zunehmend verächtliche Ton prägt die Debatten. Dass die Herausgeber gerade jetzt ein solches Magazin produzieren, zeigt, wie unser Fundament für siebzig Jahre Frieden bei Teilen der Bevölkerung in Vergessenheit geraten ist.

Wenn wir fast täglich über Themen wie Meinungs- und Pressefreiheit diskutieren (Artikel 5), über Migration und Asyl (Artikel 16a), über Verteidigung (Artikel 115a), Gleichberechtigung von Mann und Frau (Artikel 3) oder die Glaubensfreiheit (Artikel 4), dann kann eine Rückbesinnung auf das Gesetz, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, helfen. Und für diese Rückbesinnung, das zeigen Wurm und Volleritsch, bedarf es manchmal der Kunst.

DIE WELT © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten

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"und nie war es so wertvoll wie heute" - in den letzten monaten habe ich schon öfters geradezu "liebevoll" an unser grundgesetz gedacht - wenn ich all die kleinen und großen politischen scharmützel beobachtet habe - und erst jetzt wieder, wie sich der herr merz darin verhedderte und es gar verändern wollte ...

ich bin ja nur knapp 2 jahre älter als dieses grundgesetz - es begleitet mich also mehr oder weniger intensiv schon mein leben lang.

das ist eine verfassung, die nach dem krieg von den "müttern und vätern" parteiübergreifend  - von "links" - bis "rechts" - mit einem echten hehren und demütigen ansinnen nach der nazi-barbarei abgefasst wurde - und wofür man uns weltweit bewundert.

denn - und wenn die afd und einige andere braune gestalten und reichsbürger das auch anders sehen - damit lebt es sich ganz gut - und es gibt uns allen luft zum tief durchatmen.

es gab mal vor 55 jahren diesen spruch: „die beamten können nicht den ganzen tag mit dem grundgesetz unter dem arm herumlaufen.“ - das war anfang september 1963, als der damalige bundesminister des inneren, der csu-politiker hermann höcherl, sich dazu äußerte, dass das bundesamt für verfassungsschutz unter verstoß gegen das telefongeheimnis dieses grundgesetzes telefonabhörmaßnahmen durch alliierte dienstsstellen hatte vornehmen lassen (die nsa ließ also damals schon schön grüßen...) -

heutzutage kann man also getrost und hemdärmelig dieses neue "gg-magazin" durchaus unterm arm herumschleppen - und darin blättern - und sich danach richten: ein wichtiges navi - das wichtigste navi für diesen bundesdeutschen nicht nur politischen alltag überhaupt ... dankeschön an die herren volleritsch und wurm - eine großartige idee zum 70. geburtstag unserer verfassung.


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