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der selige schlaf der gerechten

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Bitte nicht stören

Die Protestanten hielten Schlaf für Zeitvergeudung. Dabei ist das Wegschlummern ein Zeichen für Gottvertrauen. Eine Einladung ins Reich der Träume

Von Petra Bahr | CHRIST & WELT | Nr. 31 - 26.Juli 2018

Endlich ausschlafen!« – Das Reich der Träume ist das Lieblingsurlaubsziel der Deutschen, es kommt noch vor Strand, Bergen und fernen Ländern. Vielleicht ist es sogar das Fernste aller Länder, ein Sehnsuchtsort wie eine Utopie, ein Ort ohne Weckergeklingel am Morgen und Mittagsmüdigkeit, die auch nach drei Tassen Kaffee nicht verschwinden will, um dann abends gegen sämtliche Tricks medizinisch empfohlener Einschlafhilfen zu verlieren. Der Dämmerzustand zwischen Körperschwere und Geistesleichtigkeit, sorglos, gedankenlos – diese Insel der Seligen ist das Luxusresort, in dem sich aufzuhalten Reisende nicht mit Geld kaufen können. Wohl dem, der ein leichtes Entree darin findet.

Schlaf ist kostbar geworden. Ein Geheimnis war er schon immer und als solcher Gegenstand literarischer und philosophischer Spekulationen. Längst wird er nicht mehr nur besungen und bedichtet. Der Schlaf, auch der vergeblich gesuchte, wird vermessen und erforscht.

Schlafforscher und Medizinerinnen versuchen ihm auf den Grund zu kommen, die einen, um das Menschheitsrätsel zu lösen, die anderen, um ihn zu kontrollieren und zu verbessern. Uhren am Handgelenk zeigen nicht mehr nur die Stunde, sondern auch die Schlafphasen an und vermessen die Güte des Nachtschlafs. In den schicken neuen Unternehmen ist plötzlich »Powernapping« angesagt, um die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu steigern.

Dabei schien es lange so, als ob die Moderne dem Schlaf den Krieg erklärt hätte. Mit der Erfindung der 24-Stunden-Tage muss auch der Nachtschlaf ein Maß bekommen, das auf Effizienz ausgerichtet ist: genau so viel Regeneration von Körper und Geist, wie nötig ist, um wach und kräftig das Tagwerk zu beginnen, das schien das Ideal zu sein.

Es wundert deshalb nicht, dass Thomas Alva Edison die Glühbirne erfand, weil er den Schlaf als Zeitverschwendung empfand. »Den Seinen gibt’s der Herr statt Schlaf« lautete seine Verdrehung eines alten Psalmwortes. Ein paar Stunden mehr am Abend sollten die Produktivität und den Ideenreichtum des Erfinders verdoppeln. So hat er ein wirksames Mittel gegen den vorzeitigen Nachtschlaf geschaffen, das heute als »Licht-Vermüllung« in weiten Teilen der Welt Einschlafschwierigkeiten bereitet. Es ist einfach nicht mehr dunkel genug. Vor allem der Tagschlaf geriet seit der Rhythmisierung der Zeit durch die Stundenlogik unter Verdacht.

Kindern und Alten wird das Nickerchen noch zugestanden. Für alle anderen gilt: Zu viel Schlaf macht dumm und träge. Wer bis tief in die Nacht arbeitet, kann morgens mit seinen Augenringen protzen. »Wieder so viel zu tun.« Nichts gegen eine durcharbeitete Nacht, ab und zu. Ihr wohnt ein eigener Zauber inne. Tagträumer haben, wenn es gut für sie läuft, noch den Nimbus des Künstlerischen auf ihrer Seite, alle anderen sollen sich gefälligst zusammenreißen oder bekommen schon als Kinder eine Diagnose. Wachsein ist das Zeichen für Schaffenskraft und Lebensenergie.

Daran ist das christlich geprägte Arbeitsethos nicht unschuldig. »Wachet und betet«, diese Aussage Jesu im nächtlichen Garten Gethsemane kurz vor seiner Auslieferung an die Römer, die eigentlich eine Freundschaftsbitte in tiefster Verzweiflung ist, wird zu einer Art Anweisung zum christlichen Leben. Das allfällige Mittagsschläfchen wird so umschrieben, dass noch der Anflug des Tätigseins daraus wird. Der Herr Vater »zieht sich zur Beratung zurück«, und der Rest der bürgerlichen Familie hat leise zu sein. Ein unausgesprochener Komment, der aus der Tiefe der Geschichte des evangelischen Pfarrhauses kommt. Ob sich auch die Pfarrfrau dann und wann für ein paar Minuten auf ein Bett zurückziehen durfte, ist nicht bekannt.

Wachsein wird zu einem Synonym für Gottesfurcht und tätige Nächstenliebe. Mit dem »Wächteramt der Kirche« und dem steten Aufruf zur Wachsamkeit gegenüber Teufel und Zeitgeist kommt das Missverständnis heiliger Schlaflosigkeit sogar in die christliche Sozialethik. Dabei wird in der Bibel viel geschlafen. Propheten legen sich erschöpft in die Mittagshitze und Könige zu der Frau des Nachbarn. Die Immermüden, die nachts vom Alb verfolgt werden, denen Sorgen und Zukunftsangst den Zugang zum Reich der Träume versperren, genauso wie die, denen Gott im Traum erscheint.

Die Nachtgesichter werden zu vielfältigen Stimmen Gottes, die am Morgen eine Richtung weisen, keine Zeitverschwendung, sondern der Moment intimster Gottesnähe im Zustand völligen Ausgeliefertseins. Hier liegt die religiöse Spur zum Schlaf verborgen, die in Schlaflaboren nicht erforscht werden kann: Wer schläft, traut sich was. Schlafende begeben sich willig in den Zustand des Kontrollverlusts. Sie müssen fortan mit allem rechnen, was sich nicht steuern lässt, mit Zuständen völliger Bewusstlosigkeit, mit bösen und mit heiteren Träumen, ja sogar damit, nicht mehr aufzuwachen. Wenn Kinder nicht schlafen können, weil Monster unter dem Bett darauf warten, sie zu ärgern, kommt es zu elterlichen Austreib-Aktionen, zur Not durch Bestseller-Lektüre: »Jedes Kind kann schlafen lernen«. Der Titel ist mehr Beschwörung als Beschreibung, die Monster unter den Betten der Erwachsenen sind nicht so leicht zu vertreiben.

Wer gut schlafen kann, zeigt Gottvertrauen und eine Lebenshaltung, die sich nicht von selbst versteht. »Den Seinen gibt es der Herr im Schlaf«, singt der Psalmist wie zur Beruhigung, ganz offensichtlich gegen die eigenen Nachtwachattacken. Auch in der Bibel gibt es Protagonisten einer erschöpften Gesellschaft, denen Schicksalsschläge, radikaler Glaubenszweifel oder der Blick in eine düstere Zukunft die nächtliche Erholung ruinieren. Nirgends sonst ist die religiöse Erfahrung, ein tiefes Geborgensein, so körperlich spürbar wie im Schlaf: das vollkommene Vertrauen auf den Schutz Gottes im Dunkel der Nacht, auch im Dunkel der eigenen Seele, verbunden mit der Zuversicht, am nächsten Tag wieder aufzuwachen, das ist so etwas wie die Essenz des Religiösen.

Wer schlaflos ist, hat einen gesteigerten Sinn für die Kontingenz des Seins. Deshalb ist Schlaflosigkeit nie nur ein Fluch, sondern immer auch eine kreative Bewältigung dieses Fluches gewesen, die Stunde düsterer Musen und waghalsiger Gedanken, grandioser Musik und dichter Psalmen. Dabei war es früher längst nicht besser um den Schlaf bestellt, als Nachtgebete noch eine Selbstverständlichkeit waren. Das zeigt die Kulturgeschichte des Schlafs. Das eigene Bett – erst nach dem Zweiten Weltkrieg wird es zu einer Selbstverständlichkeit. Jahrhundertelang schliefen mehrere Menschen in einer Schlafstätte, oft in Schichten, mit rüden Weckmethoden. Die Bilder selig duselnder Menschen unter Bäumen sind nicht umsonst Bilder aus dem Paradies oder dem Schlaraffenland.

Schlaf war immer schon ein Sehnsuchtsort und Schlafentzug ein Grund für zu frühe Sterblichkeit und traurige Gedanken. Der Schlaf als Optimierungsinstrument menschlicher Leistungsbereitschaft gehört zur modernen Industriegesellschaft wie die Armbanduhr, die zeigt, ob man verschlafen hat. Die Methoden der Optimierung haben sich allerdings verfeinert. Gehirnforschung und Motivationspsychologie dringen immer weiter in das Geheimnis des Schlafs ein.

Die allmähliche Wiederentdeckung des Mittagsschlafs als Powernapping ist verräterisch, weil auch der Kurzschlaf am Tag angeordnet, trainiert und evaluiert werden will. Vielleicht liegt das daran, dass immer schon etwas Subversives im unkontrollierten Schlaf lauerte. Wer besonders gut schläft, wenn andere wach sein müssen, macht sich verdächtig. Wer einfach so in den Tag hineindöst, macht nervös oder steckt an wie das Gähnen. Schlafen, wegdämmern, träumen, einfach so, ohne danach kraftvoller und leistungsfähiger zu sein, das wäre eine Unterbrechung der Logik des »Um-zu«.

Wegdriften, Gedanken nachhängen, bis die Augenlider schwer werden, den Möwen lauschen oder dem Singsang einer langweiligen Predigt oder einer Suite von Bach, bis ein wohliger Nebel die Gedanken einhüllt, das ist ein Zustand, der nichts sein will als dieser Zustand. Er hat einen Zweck in sich selbst, wie ein gutes Kunstwerk. Da hilft es natürlich, dass die Schlafforschung längst nachgewiesen hat, wie aktiv Gehirn und Organe sind, wenn der Mensch schläft. In diesem Sinne ist Schlaf eine konzentrierte Arbeitsphase, in der geordnet, gesichtet, priorisiert, vergessen, verwandelt wird. Im Schlaf wird der Geist zum Workaholic. Siehste, sagen die Schlafforscher und die, die endlich gute Argumente für das kleine Schläfchen nach dem Essen brauchen: Wer schläft, ist nicht faul, sondern so effizient, dass die innere und äußere Widerstandskraft zunimmt. Er ist besonders geschickt in der Verarbeitung der Reize. Deshalb richtet sich der Perfektionierungswille auch auf diese Aktivitäten.

Trotzdem bleibt das Verstörende, das Unberechenbare, der Kontrollverlust als Gewinn an Schwerelosigkeit. Die Bilder für diesen Zustand herrlichster Bewusstseinstrübung haben sich geändert, doch immer noch ist dieser Zustand bedeutungsvoll, weil er nichts bedeuten muss. Nicht mal die Träume, an die man sich erinnert, müssen Sinn haben, auch wenn Traumdeuter zu allen Zeiten versucht haben, den Nachtbildern eine Botschaft abzutrotzen.

Deshalb ist dieser Zustand auch ein Angeld auf den Zustand der Erlösung. Vielleicht schläft Jesus darum so oft, dazu auch noch in Situationen, wo äußerste Alarmbereitschaft herrschen müsste. Die berühmteste und unmöglichste Schlaf-Geschichte ist die, als er mit den Jüngern in einen Sturm gerät, mitten auf dem See. Die Jünger schöpfen das Wasser aus dem Kahn und leiden Todesangst, Jesus schläft im Bug des Schiffes. So haben es zahllose Maler dargestellt. Nur: Warum schläft Jesus?

Die meisten Ausleger waren sich einig: Er tut nur so, um die Jünger zu testen. Sie sollen ihm vertrauen, auch gegen den Augenschein und mit Salzwasser im Gesicht. Vielleicht ist es aber auch anders gewesen. So legt es eine Deutung der mystischen Tradition nahe. Jesus schläft, weil er sich in Gott birgt. Ein Zeichen absoluten, waghalsigen Vertrauens. Ohne diesen Schlaf hätte er nicht die Kraft gefunden, den Sturm zu stillen, es ist die Kraft, die aus der Erfahrung völliger Passivität erwächst, die aus sich heraus heilsam ist.

Die Geschichte von Thomas Edison, dem Erfinder der Glühbirne als Schlafbekämpfungsmittel, hat übrigens eine fast biblische Pointe. Den Seinen gibt’s der Herr doch nicht statt, sondern im Schlaf. Eines Tages kam nämlich der ähnlich rastlose Autobauer Henry Ford zu Besuch. Der Assistent von Edison eilte zur Tür. »Pssst. Der Meister hält Mittagsschlaf.«







































der moderne mensch ist ja meistens "hellwach" - wenigstes denkt er das - und all diese "naturwissenschaftlichen wahrheiten" sind ja bei wachem zustand notiert und publiziert worden: wir erklären uns diese welt und unsere "umwelt" bis hinauf ins all bei wachem verstand.

aber träume sind nicht nur "schäume": in der bibel passieren viele zwiesprachen und anweisungen im schlaf: den seinen gibt's der herr im schlaf ... und jesus schlief oft, um sich "rat" von seinem "abba" zu holen oder "einfach" mit ihm in kontakt zu kommen.

doch heute überwiegt die meinung: wenn wir nicht alle sinne beisammen haben, zählen unsere erkenntnisse nicht. vielleicht überrascht uns noch das "surreale" bild des salvador dali - und die "traumprotokolle" eines theodor w. adorno - und der schreibt:

"Die Traumprotokolle sind authentisch. Ich habe sie jeweils gleich beim Erwachen niedergeschrieben und für die Publikation nur die empfindlichsten sprachlichen Mängel korrigiert." 

es sind einblicke in die inneren welten eines philosophen, der sein theoretisches denken immer als außerordentlich nah an seinen künstlerischen intentionen empfand ... aber er musste auch erst "wach" werden, ehe er sie notieren konnte.

der moderne mensch klammert in der regel rund ein drittel seines lebens - also die zeiten während des schlafes - als nicht "authentisch" und irreal oder eben bestenfalls als "surreal" aus - und verdrängt und vergisst, was in dieser schlafenszeit mit ihm passiert und wer zu ihm "spricht" - und was er erfährt.

aber: "achtsamkeit" sollte auch unsere schlafenszeit mit einbeziehen - und das kann man trainieren ... - hängen sie ihren träumen im schlaf noch nach - klammern sie die "personen", die "akteure" eher aus - die sind einfach nur rollenträger - es kommt auf die gefühls-situationen an - auf die "stimmungen": sie weisen uns vielleicht wichtige wege für den wachen tag - also: gute nacht - und träumt schön ... -S!

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