Quantcast
Channel: sinedi-blog
Viewing all articles
Browse latest Browse all 1463

und wenn du denkst: es geht nicht mehr - kommt von irgendwo ein lichtlein her

$
0
0
MÜNCHEN
Stolpersteine wachsen jetzt in die Höhe

Jahrelang verweigerte sich Bayerns Hauptstadt dem Erinnerungsprojekt Stolpersteine auf öffentlichem Grund. Jetzt hat München ein eigenes Format gefunden. Überzeugend sind beide Formen.

Von Sven-Felix Kellerhoff | edition.welt

Therese Kühner gehörte den Zeugen Jehovas an. Sie wurde wegen "Wehrkraftzersetzung" zum Tode verurteilt und hingerichtet
Copyright: stauss processform, München




Es gibt sie in ganz Deutschland und 23 Ländern Europas, seit rund zwei Jahrzehnten werden sie verlegt, und heute sind es mehr als 69.000 insgesamt: Stolpersteine. So nennt der Kölner Künstler Günter Demnig sein Projekt, mit 9,6 mal 9,6 Zentimeter kleinen Messingsplatten im Straßenpflaster an Menschen zu erinnern, die dem Rassenwahn und der politischen Verfolgung Hitler-Deutschlands zum Opfer fielen.

Nur in einer deutschen Großstadt gab es sie bisher so gut wie gar nicht: in München. Die bayerische Landeshauptstadt lehnt die Verlegung auf öffentlichem Grund ab. Hintergrund ist die Kritik von Charlotte Knobloch, selbst Überlebende des Holocaust, an Demnigs Projekt. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), von 2006 bis 2010 zusätzlich Vorsitzende des Zentralrates der Juden, fand es „unerträglich“, die Namen ermordeter Juden auf Tafeln zu lesen, die in den Boden eingelassen sind und auf denen mit Füßen „herumgetreten“ werde.

Stolperstein für meine Tante
Erna Kronshage

Vor diesem Hintergrund entschied 2015 der Stadtrat im Unterschied zu anderen Kommunen gegen Stolpersteine auf öffentlichem Grund. Die Kontroverse um eine angemessene Form des Erinnerns ging danach weiter und führte zu einem Rechtsstreit und schließlich zu einem Urteil, das den Stadtratsbeschluss bestätigte. Deshalb durften mehrere Hundert von Bürgern recherchierte und gestiftete Stolpersteine nicht verlegt werden; die einzigen Gedenkplaketten nach Demnigs Prinzip, die in München verlegt worden sind, finden sich auf Privatgrund.

Ausgerechnet in der früheren „Hauptstadt der Bewegung“ der NSDAP gibt es also im öffentlichen Raum kaum Zeichen des Gedenkens an individuelle Opfer – eine unglückliche Situation. Das soll sich ab sofort ändern. Denn jetzt sind in München die ersten individuellen Erinnerungszeichen für Opfer des Nationalsozialismus enthüllt worden – aber nicht in Form von in den Boden eingelassenen Plaketten, sondern als Stelen oder Tafeln.

Gestaltet hat sie der Designer Kilian Stauss. Seine Entwürfe sind an Demnigs Idee angelehnt, aber ästhetisch eigenständig. Die Stelen bestehen aus Edelstahl und sind mit einem Querschnitt von sechs mal sechs Zentimetern etwas kleiner als ein Stolperstein, ragen dafür aber 1,86 Meter in die Höhe. An bis zu zwölf individuelle Schicksale kann mit einer solchen Säule erinnert werden. Während Demnig Stolpersteine stets für eine Person verlegt und für Verwandte dicht nebeneinander, eröffnet Stauss’ Konzept die Möglichkeit, familiäre Zusammenhänge deutlicher zu zeigen.

Beiden Konzepten ist gemeinsam, dass die Erinnerungszeichen in der Regel vor den letzten selbst gewählten Wohnorten von NS-Verfolgten an sie mahnen sollen. Stauss bietet jedoch im Gegensatz zu Demnig die Möglichkeit, auch ein gerastertes Foto und zusätzliche Informationen zu zeigen.

Zunächst wurden an fünf Standorten solche Stelen oder auch eine Variante als Tafel für sieben Opfer des NS-Regimes aufgestellt; bis zu 200 weitere sollen in München folgen, die nächsten schon in den kommenden Tagen. Darunter ist das Erinnerungszeichen für das jüdische Ehepaar Tilly und Franz Landauer, den Bruder des bekannten damaligen FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer.

Insgesamt geht die am Stadtarchiv angedockte Koordinierungsstelle davon aus, dass bis zu 10.000 Männer, Frauen und Kinder in München zwischen 1933 und 1945 ihr Leben aufgrund rassistischer, politischer und religiöser Verfolgung ihr Leben verloren. An eine vollständige Dokumentation aller derartigen Schicksale in der Stadt ist aber nicht gedacht.

Charlotte Knobloch zeigte sich mit der gefundenen Lösung zufrieden. Die Gratwanderung zwischen der alltäglichen Umgebung und der nötigen Würde des Gedenkens gelinge mit Stauss’ Konzept sehr gut. Entscheidend sei, das Andenken der Opfer in Ehren zu halten und „auf Augenhöhe“ an sie zu erinnern.

Tatsächlich ist gut, dass die Blockade aufgelöst ist; Kilian Stauss’ Konzept vermag durchaus als Variante zu Demnig zu überzeugen. Dagegen war Charlotte Knoblochs Argument gegen die Stolpersteine nie sonderlich überzeugend. Denn auch das Denkmal für den 1919 ermordeten ersten Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern, Kurt Eisner, ist seit fast 30 Jahren im Boden verlegt. Täglich laufen Tausende Nutzer des Bürgersteigs der Kardinal-Faulhaber-Straße über die Bodenplatte mit den angedeuteten Umrissen einer Leiche hinweg. Vielen fällt das nicht auf, doch manche bleiben stehen und informieren sich – genau wie bei den Stolpersteinen und hoffentlich bald auch vor den neuen Erinnerungszeichen.

DIE WELT © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten


siehste - geht doch: auch stolpersteine können in den himmel wachsen. 

ausgerechnet jetzt erst, wo die afd im bundestag sitzt - und dort prompt herumschwadroniert: die derzeitige deutsche erinnerungskultur sei zum größten teil die „kultivierung eines deutschen schuldkomplexes“ - da bequemt sich mal die bayerische landeshauptstadt, endlich auch ihrer opfer der nazi-zeit zu gedenken - fast hätte man durch die querelen mit gunter demnigs "stolpersteinen" dazu gänzlich den anschluss verpasst.

die nun in die höhe gereckten stolperstelen und erinnerungstafeln sind ein guter kompromiss - und dass empfindet ja nun auch charlotte knobloch so, an deren jahrzehntelangem "dickkopp" bis heute alles öffentliche gedenken und erinnern abprallte - und prompt wollte der stadtrat sie aus moralischen gründen natürlich nicht überstimmen ...
aber - mit ganz alltäglichem vanadalismus gerade in dieser zeit muss man auch bei stelen und tafeln rechnen - oder dass z.b. vielleicht ein (streunender) hund die blinkende tafel be"schmutzt" ...

erinnerungszeichen im öffentlichen raum tragen ein gewisses risiko
auch im stelenfeld des
holocaust-denkmals dabei:
die selfiestange -
foto: ps/wolfram steinberg|dpa
der unbotmäßigen "ehrabschneidung" immer mit sich: auf den bröckelnden stelen des holocaust-mahnmals in berlin legen sich manche ganz unbedarft zum sonnen - oder schüler schlafen dort ihren klassenfahrtrausch aus ...

da muss das "betreten" eines demnig-stolpersteins ja nicht in jedem falle an das "schreckliche herumtrampeln mit ss-stiefeln" erinnern, wie das frau knobloch empfunden hat.

die stolpersteine und auch die erinnerungsszeichen kennzeichnen bewusst ja nicht die letzte ruhestätte, das grab der opfer: es sind erinnerungsplaketten - infohinweise wie z.b. die straßennamenschilder - im besten sinne als "gebrauchsgegenstände" und hinweis-, merk- und lesezeichen - nicht mehr und nicht weniger ... 

Viewing all articles
Browse latest Browse all 1463

Trending Articles