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Die Spuren der Zeit: Etwa drei Viertelder in der Stadt geschützten Gebäude im Bauhaus-Stil sind sanierungsbedürftig. Fotos: dpa|WB |
Kulturerbe verpflichtet
Zum 100. Bauhaus-Jubiläum wird in Tel Aviv renoviert
Tel Aviv(dpa). Tel Avivs Stadtkern im Bauhausstil gehört zum Weltkulturerbe, doch der Zahn der Zeit und das Klima haben der »Weißen Stadt« zugesetzt. Im Vorfeld des 100. Bauhaus-Jubiläums 2019 wird viel renoviert – und die Zusammenarbeit zwischen Israel und Deutschland blüht auf.
Sharon Golan Yaron drückt gegen die schwere Tür. Sie klemmt. Das alte Holz hat sich verzogen. »Das bringen wir auch noch in Ordnung«, sagt sie lachend und stemmt die Tür auf. Die in Deutschland geborene Architektin ist Programmdirektorin des Zentrums Weiße Stadt, das sich dem Erhalt der Gebäude im Bauhausstil von Tel Aviv verschrieben hat – eine Mammutaufgabe.
Sie führt hinein ins Max-Liebling-Haus. Es ist eines von etwa 4000 ursprünglich eher sandfarbenen Gebäuden im internationalen Stil, die als »Weiße Stadt« das Zentrum Tel Avivs prägen. Und es ist eine Baustelle. Seit 2017 wird das Max-Liebling-Haus renoviert. Hier soll im kommenden Jahr das deutsch-israelische Zentrum Weiße Stadt dauerhaft unterkommen.
2003 wurden große Flächen Tel Avivs von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Ein Status, der auch zum Erhalt verpflichtet. Laut Golan Yaron gibt es bei etwa drei Viertel der Gebäude dringenden Renovierungsbedarf. Das schwül-heiße Klima mit der salzigen Meeresluft hat einigen Gebäuden über die Jahre zugesetzt. Die Fassaden bröckeln, dazu lag früheren Umbaumaßnahmen nicht unbedingt ein architektonisches Credo zugrunde. Eher individuelle Bedürfnisse der Bewohner, die für Klimaanlagen vor den Fenstern und verrammelte Balkone gesorgt haben. Gerade das macht, so Golan Yaron, aber auch den Charme aus: »Hier gibt es keine einzelnen Ikonen, wie man es aus Europa kennt. In diesen Gebäuden leben Menschen, das sind keine Museen.«
Von außen erstrahlt das Max-Liebling-Haus bereits in gleißendem Weiß. 2019, pünktlich zum 100. Geburtstag des Bauhauses, soll es Besucher über das Vermächtnis dieses architektonischen Stils informieren, den Walter Gropius in Weimar entwickelt hat. »Israel und Deutschland besitzen eine gemeinsame historische und baukulturelle Vergangenheit«, heißt es aus dem Bundesbauministerium, das das Projekt mit drei Millionen Euro über den Zeitraum von 2015 bis 2025 bezuschusst. Während der Nazi-Diktatur in den 1930er Jahren flohen viele europäische Juden in das damalige Palästina. Unter ihnen waren auch einige Architekten, die basierend auf der Idee und dem Know-how des Bauhauses neuen Wohnraum schufen. »Mit der Machtergreifung der Nazis wurde der Entwicklung des Bauhauses in Deutschland ein Riegel vorgeschoben«, analysiert Ronny Schüler von der Bauhaus-Universität Weimar. »Und das Bemerkenswerte ist: In Tel Aviv setzten sich dann aber die Ideen der Moderne fort.« Die emigrierten Architekten entwickelten ihr erlerntes Wissen weiter, probierten Neues aus und erbauten vor allem in Tel Aviv ein weltweit einmaliges Ensemble von Gebäuden in internationalem Stil.
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Wohnhaus im Bauhaus-Stil am Rande des Stadtzentrums. |
Neben immateriellen Einflüssen wurden auch ganz handfeste deutsche Produkte in den Häusern verbaut. Bei den Renovierungsarbeiten im Max-Liebling-Haus platzte im Treppenhaus eine Kachel von der Wand. Unter dem spröden Putz war der Name des Fabrikanten zu lesen: Villeroy und Boch – Made in Germany. Deutsche Fliesen und andere Produkte fanden deshalb den Weg auf die Baustellen von Tel Aviv, weil die geflüchteten jüdischen Einwanderer kein Geld aus Deutschland mitnehmen konnten. Eine Vereinbarung mit den Nazis – das Ha’avara-Abkommen – ließ jedoch zu, dass die Vermögen unter hohen Verlusten in Form von Sachwerten ausgeführt wurden.
An den Erhalt des gemeinsamen Kulturerbes knüpft auch der Austausch von Handwerkern zwischen Deutschland und Israel an. Für die denkmalgerechte Sanierung holt man sich beim Zentrum Weiße Stadt gerne die Expertise aus Deutschland.
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wikipedia schreibt: "1932 wurde das Bauhaus als private Einrichtung nach Berlin-Lankwitz verlegt; aber schon kurze Zeit später, 1933, wurde die Institution von den Nationalsozialisten durch Repressalien wie Hausdurchsuchungen, Versiegelung der Räume und Verhaftung von Studenten endgültig zur Selbstauflösung gezwungen.
Viele Bauhausmitglieder emigrierten und trugen so zur internationalen Verbreitung der Ideen des Bauhauses bei."
so kommt es also, dass wir herrliche bauhaus-gebäude als ensemble eher im ausland vorfinden als bei uns. die nazis haben ja in ihrem tötungsrausch in allem bis dahin gültigen und dagewesenen und in ihrem "arischen modernisierungswahn" auch in der kunst ("entartete kunst"), kultur, schrift und sprache radikal gewütet. so verloren wir in deutschland rasch den anschluss an die internationale kulturentwicklung - eine lücke die erst in den 80er jahren wieder geschlossen werden konnte - allerdings mit ein paar eigenständigen "lokalentwicklungen" und durchgangsstadien flankiert, wie zum beispiel "dem deutschen informel" mit künstlern wie gerhard hoehme, bernard schultze, emil schumacher, k. r. h. sonderborg und hann trier.
und als bauhaus-erzeugnisse sind bei uns dann im alltag vielleicht als überbleibsel die lagerfeld-lampe mit dem weißen runden glasschirm zu nennen - aber in der architektur hat man aus schlechtem gewissen heraus nur ein paar wenige highlights nachgebaut - ansonsten "zieren" die innenstädte ja größtenteils beton-kastenbauten, die schnell und billig die trümmerlanschaft des bombenkrieges zu übertünchen hatten, damit in ladenketten rasch wieder "umsatz" gemacht werden konnte.
die nachkriegsarchitektur in der bundesrepublik, noch schlimmer in der ddr, ist ja ein ziemliches desaster. der zerstörung der städte durch die bombenangriffe folgte die zerstörung durch den sozialen wohnungsbau und jener durch ruch- und geschmacklose investoren: wenig investition mit größtmöglicher rendite ...
bis heute leiden deutsche städte ja unter den entsetzlichkeiten – mit weitreichenden sozialen folgen. im schlimmsten fall teilt sich eine stadt wie in paris, wo im altbaulichen, eleganten stadtkern die bourgeoisie wohnt, und abseits der périphérique, der stadtautobahn, in den banlieues die abgehängten und vergessenen.
unhygienische altbauten wurden abgerissen und gegen platten im westen wie im osten ausgetauscht, in denen es fließend warmes Wasser gab und keine feuchten keller. mehr war nicht gefordert. die Frage nach der schönheit galt als dekadent. wie dumm.
die nachkriegsarchitektur in der bundesrepublik, noch schlimmer in der ddr, ist ja ein ziemliches desaster. der zerstörung der städte durch die bombenangriffe folgte die zerstörung durch den sozialen wohnungsbau und jener durch ruch- und geschmacklose investoren: wenig investition mit größtmöglicher rendite ...
bis heute leiden deutsche städte ja unter den entsetzlichkeiten – mit weitreichenden sozialen folgen. im schlimmsten fall teilt sich eine stadt wie in paris, wo im altbaulichen, eleganten stadtkern die bourgeoisie wohnt, und abseits der périphérique, der stadtautobahn, in den banlieues die abgehängten und vergessenen.
unhygienische altbauten wurden abgerissen und gegen platten im westen wie im osten ausgetauscht, in denen es fließend warmes Wasser gab und keine feuchten keller. mehr war nicht gefordert. die Frage nach der schönheit galt als dekadent. wie dumm.
die emigrierten bauhaus-architekten in israel dagegen konnten von "ihrem stil" bei den bauten in tel aviv nicht lassen, der eben hypermodern als gegenentwurf zum "historismus" daherkam, der ja handwerkliche entstandene ornamente nur als industrielle massenfertigung billig kopierte - wie denn ja überhaupt der bauhaus-stil nach den maßgaben ihrer "väter" wie z.b. walter gropius und oskar schlemmer jetzt als eine "arbeitsgemeinschaft" gedacht war, in der die unterscheidung zwischen künstler und handwerker aufgehoben werden sollte. durch ihr schaffen wollten die mitarbeiter des bauhauses gesellschaftliche unterschiede beseitigen und zum verständnis zwischen den völkern beitragen - die entwickelten alltagsgegenstände und die architektur („das endziel aller bildnerischen tätigkeit ist der bau!") sollten "den Menschen dienen" und nicht umgekehrt, was bei der sanierung der bewohnten tel aviv bauhaus-häuser sicherlich manche interessante kompromisse nach sich zog ... die leitsätze im bauhaus orientierten sich daher an sullivans ausspruch "die form folgt der funktion" oder an mies van der rohes leitsatz "weniger ist mehr" - nicht mehr und nicht weniger.