Manager, die nichts managen und Assistenten, die nichts assistieren: Ausgerechnet der kostenbewusste Kapitalismus schafft Jobs, die jede Idee von Produktivität verhöhnen. Hat das Methode?
Von Peter Praschl
Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob es für oder gegen unser Gesellschaftssystem, die Evolution, Gott und die kosmische Ordnung spricht, wenn ein Buch zum Bestseller wird, in dem uns ein anarchistischer Anthropologieprofessor auf knapp 400 Seiten unter die Nase reibt, dass in Nationen mit unserer Wirtschaftsordnung mindestens ein Drittel aller Angestellten völlig nutzlose und überflüssige „Bullshit-Jobs“ haben.
Vielleicht ist es ja ein Symptom dafür, dass wir nicht nur ergeben hirnrissige Arbeit machen, sondern auch einen masochistischen Hau haben, der uns dazu treibt, uns über unsere armselige Existenz in Kenntnis setzen zu wollen (statt sie zu verdrängen). Vielleicht sagt es aber auch, dass wir Menschen mit Bullshit-Jobs toll sind. Wir schaffen es, uns ein Arbeitsleben lang mit Absurdität zu arrangieren, obwohl wir sie kennen. Wahrscheinlich hängt es auch vom jeweiligen Charakter ab, mit wie vielen Sternchen man die Existenz von Bullshit-Jobs bewertet.
David Graeber, der anarchistische Prof, der noch fest daran glaubt, dass in den Menschen ungeheuer viel steckt, das beim sinnlosen Aktenschubsen und Herumsitzen in Meetings verloren geht und unterdrückt wird, hasst sie selbstverständlich. Realisten dagegen, die im Verlauf ihres Lebens nicht nur den Menschen im Allgemeinen, sondern die Menschen im Besonderen kennengelernt haben, könnten sich über sie freuen.
Es ist fantastisch, dass es so viele nutzlose Jobs gibt, durch die die Welt nicht verändert wird, deren Ergebnisse niemand braucht, die total überflüssig sind und über die man nicht einmal besoffen reden würde, weil es nun einmal nichts darüber zu reden gibt, wenn man jeden Tag im Büro sitzt und, beispielsweise, App-Nutzungsverträge-Updates formuliert oder Kästchen auf Inventurformularen ankreuzt, die sich nie jemand ansehen wird. Es müsste viel mehr solcher Jobs geben. Sie halten die Menschen davon ab, die Welt und sich selbst ernst zu nehmen, man weiß ja, dass man lieber in Deckung geht, sobald das geschieht.
Die Diagnose Graebers lässt sich nicht beanstanden. Selbstverständlich gibt es jede Menge abseitiger Jobs, die nichts anderes sind als die Verhöhnung menschlicher Intelligenz und all der Träume, die man hatte, als man sich noch überlegen durfte, was man einmal werden wolle, sobald man endlich groß sei.
Lauter schöne Bullshit-Jobs
Graeber hat viele schöne Beispiele zusammengetragen: Rezeptionistinnen in Literaturverlagen, in denen täglich höchstens ein Anrufer etwas will; Manager auf der mittleren Führungsebene, die Teams koordinieren sollen, die keinerlei Koordination brauchen; persönliche Assistenten, die dem Chef darüber berichten, was in den E-Mails steht, die er selbst nicht liest; Verwaltungsangestellte, die für jeden Vorgang im Laden Protokolle anzufertigen haben, die niemand je lesen wird; eine „Portfolio-Managerin“, die von sich selbst sagt, dass sie keinerlei Ahnung hat, was das sein soll und was von ihr erwartet wird; junge Menschen mit erstklassiger Ausbildung, denen aufgetragen wird, Daten aus digitalen Tabellen händisch in Papierformulare zu übertragen (man könnte sie auch ausdrucken, aber aus irgendwelchen Gründen darf man es nicht), Anwälte für Geschäftsrecht – die Liste solcher Berufe ist schier endlos.
Viele der Menschen, die in ihnen gelandet sind, werden erstaunlich gut bezahlt – für totalen Schwachsinn, wie sie selbst wissen und wie sie bereitwillig eingestehen.
Warum liebt der Kapitalismus das?
Das Verrückteste dabei ist für Graeber, dass ausgerechnet der Kapitalismus immer mehr Menschen in Bullshit-Jobs steckt und immer mehr solcher Jobs erfindet. Es handelt sich ja nicht um staatliche Bürokratien und sozialistische Planwirtschaften, die Leute sinnlose Arbeit verrichten lassen, damit sie von der Straße sind oder sich bei den nächsten Wahlen mit ihren Stimmen revanchieren.
Sondern Unternehmen, die pingeliges Controlling betreiben, jedes Mal zu zetern beginnen, wenn jemand eine zehnminütige Verkürzung der Wochenarbeitszeit vorschlägt, und keinerlei Hemmungen haben, ein paar Tausend Stellen abzubauen, sobald sich herausstellt, dass man in der Konkurrenz mit den Chinesen einfach nicht mehr mithalten kann – und zwar Stellen, bei denen tatsächlich etwas produziert wird. Und dennoch schaffen sie Arbeitsplätze, die keinen erkennbaren und Nutzen haben, keinen Profit abwerfen, mit Produktivität nicht das Geringste zu tun haben. Warum um alles in der Welt tun die das?
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foto: mikeondoor |
Graebers Antworten haben viel mit seiner Aversion gegen den Kapitalismus und viel mit seiner altmodisch humanistischen Art zu tun, Menschen nicht nur zu mögen, sondern ihnen auch viel Gutes zuzutrauen. Er geht davon aus, dass der Kapitalismus so etwas wie ein Erziehungsprogramm braucht, das seinen Untertanen klarmacht, dass sie sich besser mal sputen und mit allem klarkommen sollten. Bullshit-Jobs eignen sich prächtig dafür.
Wenn man im Wissen, wie total sinnlos, überflüssig und widervernünftig die eigene Arbeit ist, trotzdem jeden Morgen antritt, wird einem irgendwann die Idee abhandenkommen, dass die Welt auch anders organisiert werden könnte. Solange man in Graebers Buch versunken bleibt, nickt man ihm immer wieder zu; er trägt seine Argumente nicht nur überzeugend und nachvollziehbar, sondern auch recht unterhaltsam vor.
Allerdings fallen einem dann wieder die real existierenden Menschen jenseits seines Buches ein, und sie sind bei Weitem nicht so amüsant, klug, unterhaltsam und kurzweilig wie Graeber. Einer wie er würde gewiss ein schöneres Leben führen und der Welt mehr bieten können, gäbe es nicht den stetig anwachsenden Bullshit-Anteil in seinem Job als Uniprofessor (er erzählt beispielsweise, dass er Tätigkeitsberichte schreiben muss, in denen er auch Auskunft darüber zu geben hat, wie viel Zeit er mit der Abfassung sinnloser Berichte vergeuden muss). Aber gilt das denn für alle? Wohl eher nicht.
Bei den meisten Menschen, die sich in Bullshit-Jobs aufreiben, will man sich eher nicht fragen müssen, wie sie wohl wären und was sie wohl täten, wenn sie nicht damit beschäftigt wären, irgendeinem Meeting vorzusitzen, Akten zu schubsen oder so zu tun, als würden sie Teams koordinieren. Wenn sie alle zum Beispiel in Bands spielen oder Literatur verfassen würden (zwei von Graeber genannte Alternativen zu Bullshit-Jobs) – es wäre der reinste Horror. Eine Welt, in der Menschen die Gelegenheit fänden, sich selbst zu finden und darüber ausführlich Auskunft zu geben, permanent über die vernünftige Einrichtung der Gesellschaft nachzudenken und „Sinn“ zu produzieren, wäre nicht nur unangenehm stressig, sondern wahrscheinlich auch lebensgefährlich, wie einem jeder kurze Blick in die Geschichte sagt.
Schlechter Job, guter Sex?
Man könnte sich auch fragen, mit wem man lieber Sex haben würde – mit einem Menschen, der total engagiert über seinen sinnvollen Beruf redet, wenn er denn nach Hause kommt, oder mit jemandem, der seine Arbeit im Office lässt und kein Wort über sie verliert, weil das ohnehin nur peinlich wäre.
Es klingt vermutlich ein wenig zynisch, aber Bullshit-Jobs sind ein Segen. Sie halten die Leute davon ab, ständig ihren Partnern und Kindern zu nahe zu kommen und mit ihren Gefühlen zu bedrängen. Sie entheben sie der Verlegenheit, sich etwas einfallen lassen zu müssen, um die Tage rumzukriegen. Sie richten keinen Schaden an. Und die Frau und der Mann, die in Bullshit-Jobs landen, haben, ohne sich verausgaben zu müssen, viel Zeit, den Stoizismus zu praktizieren, die einzige Philosophie, die etwas taugt. Auch das große Ganze, die Gesellschaft, profitiert von den Bullshit-Jobs: Wer mit Bullshit beschäftigt wird, kommt nicht dazu, wirklich grobe Scheiße zu bauen.
Das ist eine Win-win-Situation. Was daran sollte man ändern wollen? Das bisschen Lebenssinn, das man benötigt, um sich nicht wie eine geistlose Amöbe zu fühlen, kann man sich ja mühelos auf dem Firmenrechner herunterladen. Es schaut ja sowieso niemand nach, was man während der Arbeitszeit wirklich getrieben hat, statt Berichte über die Meetings zu schreiben, bei denen niemand etwas anderes als Bullshit von sich gegeben hat.
🔴 David Graeber: Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Klett-Cotta, 466 S., 26 €.
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ich denke, dass viel akademischer gehirnschmalz aufgewendet wird und wurde, um neuartige vermarktungslücken zu kreieren von "systemen" und "gebilden", die eigentlich "bullshit" sind und waren - und konkret von niemandem gebraucht werden und wurden, die aber der politik und den "geldgebern" offeriert werden, um "selbst" mit eigenem namen und mit eigener "marke" derartige "unverzichtbare instrumentarien" zu entwickeln und zu implantieren - und "allewelt" von der notwendigkeit und der verblüffenden effizienz diesder apparate zu überzeugen.
und zu all diesen unbedingt notwendigen "unverzichtbare instrumentarien" gab es ja noch das beiwerk der verschieden gestuften fortbildungen - bis hin zum "schwarzen dan", mit dem man dann selbst schon mal "ausbilden" darf - natürlich unter strenger ständig kostspieliger anleitungs- und lehr-"supervision" - durch den "lehrbeauftragten" und dessen berufener troika ...
in diesem "system" bzw. neuaufgelegten "programmen" - mit vielleicht so kunst-titeln wie z.b. "tuka - tagesbewältigung unter kreativ-aspekten" - oder ähnlich höherem blödsinn (wobei jede ähnlichkeit mit tatsächlich existierenden systemen reiner zufall wäre !!!) - worin eigentlich die binsenwahrheiten einer persönlich sich gestalteten und ausgebildeten tagesstruktur - jetzt aber planvoll mit ©-zertifizierten ablaufprogrammen eingenordet und festgelegt wird - in unverbrüchlichen zeitbudget-ausgestaltungs-systemen - modifiziert und systematisiert ... - wenn sie verstehen was ich meine ...
und nun muss man mit hilfe von verlagen und agenturen und uni-wissenschafts-maklern versuchen, unternehmen zu finden, die sich einem solchen z.b. "tuka"-system unterwerfen, es lizensiert für mindestens eine üppige 6-stellige summe erwerben - und alle mitarbeiter in dem system mit natürlich langjährig ausgebildeten zertifiziertem "tuka"-coach oder -dozent verpflichtend (!) schulen und ausbilden lassen...
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opa mit lieblingskuh |
das ist dann vielleicht die "hohe schule" von akdemisch begründetem super-"bullshit", bei dem aber noch meinem opa vor 80 jahren mit seiner lieblingskuh an der "leine" heutzutage die tränen in die augen steigen würden - und er würde denken: andere probleme habt ihr wohl nicht.
immerhin stand er mit rat und tat einem seiner 4 söhne zur seite, der vom wehrmachtsdienst freigestellt wurde, um mitzuhelfen, mit besonders leichten holzkonstruktionen beim bau des geheimen "super-lastenseglers" der reichsluftwaffe mitzuhelfen.
ähhh - aber war das nicht in der paradoxen rückschau eben solch ein "bull-shit" ... - diese lastensegler-"wunderwaffe" wurde nie gebaut - und auch nach dem krieg hat "messerschmidt" alle konstruktionen in dieser richtung eingestellt ...
"bullshit"-jobs regieren größtenteils den arbeits-alltag heute - und manche auch früher - und die kommunikation nach feierabend in den sozialen netzwerken facebook, instagram und twitter nicht minder - davon bin ich überzeugt - und deshalb gab es 2015 auch für viele menschen den ruf "etwas sinnvolles zu machen": die befeuerung für "refugees - welcome" - und vielleicht war das sogar auch die eigentliche vielleicht unbewusste motivation der bundeskanzlerin in ihrem meist recht tristen schleppenden "bullshit"-alltag.
und z.b. die neue interpretation des torwart-daseins unseres nationalkeepers neuer hat sicherlich etwas mit diesem "bullshit-job"-denksystem zu tun: "warum soll ich 85 minuten herumstehen, wenn ich zwischendurch auch ein paar libero-funktionen bis nah an die mittellinie wahrnehmen könnte ..."
Der Revoluzzer
ist ein politisches Chanson von Erich Mühsam aus dem Jahr 1907 Ausschnitt
War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit
Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor
....