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[1958?] Dokument 1 voll; 29,9 x 21 cm Col·lecció MACBA. Museu d’Art Contemporani de Barcelona. Centre d'Estudis i Documentació A03801 |
Materialien 1958
Manifest
1.
Es gibt heute eine zukunftsträchtige, künstlerische Aufrüstung im Gegensatz zur moralischen Aufrüstung (1). Europa steht vor einer großen Revolution, vor einem einzigartigen kulturellen Putsch.
2.
Die Kunst ist die letzte Domäne der Freiheit und wird sie mit allen Mitteln verteidigen.
3.
Wir wagen es, unsere Stimme gegen den ungeheuren Koloss des technisierten Apparates zu erheben. Wir sind gegen das folgerichtige Denken, das zur kulturellen Verödung geführt hat. Das automatische funktionelle Denken hat zur sturen Gedankenlosigkeit geführt, zum Akademismus, zur Atombombe.
4.
Die Erneuerung der Welt, jenseits von Demokratie und Kommunismus, kommt nur durch die Erneuerung des Individualismus, nicht durch das kollektive Denken.
5.
Wer Kultur schaffen will, muss Kultur zerstören.
6.
Begriffe wie: Kultur, Wahrheit, Ewigkeit interessieren uns Künstler nicht, wir müssen unser Leben fristen. Die materielle und geistige Situation der Kunst ist so trostlos, dass man von den Malern nicht verlangen kann, dass sie verbindlich malen. Verbindlich malen sollen die Arrivierten.
7.
Grundlagenforschung ist rein wissenschaftlich und angewandte Forschung ist rein technisch. Die künstlerische Forschung ist frei und hat mit Wissenschaft und Technik nichts zu tun. Wir sind dagegen, dass man heute die Kunst verwissenschaftlichen will und sie zu einem Instrument der technischen Verblödung machen will. Kunst beruht auf einem Instinkt, auf den schöpferischen Urkräften. Diese wilden ungebundenen Kräfte drängen zum Ärger aller intellektuellen Spekulanten stets zu neuen unerwarteten Formen.
8.
Kunst ist ein dröhnender Gongschlag, sein Nachklang ist das Geschrei der Epigonen, das im leeren Raum verhallt. Die Übertragung ins Technische tötet die künstlerische Potenz.
9.
Kunst hat mit Wahrheit nichts zu tun. Das Wahre liegt zwischen den Dingen. Wer objektiv sein will, ist einseitig, wer einseitig ist, ist pedantisch und langweilig.
10.
Wir sind umfassend.
11.
Es ist alles vorbei, die müde Generation, die zornige. Jetzt ist die kitschige Generation an der Reihe. WIR FORDERN DEN KITSCH, DEN DRECK, DEN URSCHLAMM, DIE WÜSTE. Die Kunst ist der Misthaufen, auf dem der Kitsch wächst. Kitsch ist die Tochter der Kunst, die Tochter ist jung und duftet, die Mutter ist ein uraltes stinkendes Weib. Wir wollen nur eins: Den Kitsch verbreiten.
12.
Wir fordern den IRRTUM. Die Konstruktivisten (2) und die Kommunisten haben den Irrtum abgeschafft und leben in der ewigen Wahrheit. Wir sind gegen die Wahrheit, gegen das Glück, gegen die Zufriedenheit, gegen das gute Gewissen, gegen den fetten Bauch, gegen die HARMONIE. Der Irrtum ist die herrlichste Fähigkeit des Menschen! Wozu ist der Mensch da? Den vergangenen ihm nicht mehr gemäßen Irrtümern einen neuen Irrtum hinzuzufügen.
13.
Statt eines abstrakten Idealismus fordern wir einen ehrlichen Nihilismus. Die größten Verbrechen der Menschheit werden unter dem Namen Wahrheit, Ehrlichkeit, Fortschritt, bessere Zukunft begangen.
14.
Die abstrakte Malerei ist leerer Ästhetizismus geworden, ein Tummelplatz für Denkfaule, die einen bequemen Vorwand suchen, längst vergangene Wahrheiten wiederzukäuen.
15.
Die abstrakte Malerei ist ein HUNDERTFACH ABGELUTSCHTER KAUGUMMI, der unter der Tischkante klebt. Heute versuchen die Konstruktivisten und die Strukturmaler, diesen längst verdorrten Kaugummi noch einmal abzuschlecken.
16.
Durch die Abstraktion ist der vierdimensionale Raum selbstverständlich geworden. Die Malerei der Zukunft wird POLYDIMENSIONAL sein. Unendliche Dimensionen stehen uns bevor.
17.
Die Kunsthistoriker machen aus jeder notwendigen geistigen Revolution ein intellektuelles Tischgespräch. Wir werden der OBJEKTIVEN UNVERBINDLICHKEIT EINE MILITANTE DIKTATUR DES GEISTES ENTGEGENSETZEN.
18.
Wir können nichts dafür, dass wir gut malen. Wir bemühen uns auch noch in diesem Sinn. Wir sind arrogant und exzentrisch. Wir spotten jeder Beschreibung.
19.
WIR SIND DIE DRITTE TACHISTISCHE WELLE. (3)
WIR SIND DIE DRITTE DADAISTISCHE WELLE. (4)
WIR SIND DIE DRITTE FUTURISTISCHE WELLE. (5)
WIR SIND DIE DRITTE SURREALISTISCHE WELLE. (6)
20.
WIR SIND DIE DRITTE WELLE. Wir sind ein Meer von Wellen (SITUATIONISMUS) (7).
21.
Die Welt kann nur durch uns enttrümmert werden.
WIR SIND DIE MALER DER ZUKUNFT!
Gruppe Spur: H. Prem, H. P. Zimmer, E. Eisch, H. Sturm, L. Fischer, A. Jorn, D. Rempt, G. Britt, G. Stadler.
Manifest der Gruppe SPUR vom November 1958 in: Cobra, Spur, Wir, Geflecht, Kollektiv Herzogstraße, Katalog zur Ausstellung, München 1985.
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(1) Von Frank Nathan Daniel Buchman 1938 begründete christliche Erweckungsbewegung gegen Atheismus, Materialismus und Kommunismus mit dem Begegnungszentrum in Caux in der Schweiz seit 1948.
(2) Konstruktivismus, von Naum Gabo und Antoine Pevsner begründete Richtung der abstrakten Kunst auf technisch-konstruktiver Grundlage mit Raum und Zeit als entscheidenden Faktoren.
(3) Tachismus, ein abstrakter Expressionismus, der den seelischen Regungen durch Farbflecken unmittelbar Ausdruck gibt.
(4) Dadaismus, von H. Ball, R. Huelsenbeck, H. Arp, T. Tzara 1916 in Zürich begründete Richtung, die alle konventionellen, bürgerlichen und idealistischen Kunstauffassungen ablehnt.
(5) Futurismus, eine 1909 durch F.T. Marinetti ausgelöste politische, literarische und künstlerische Bewegung, die eine radikale Erneuerung im Sinne der Moderne fordert.
(6) Surrealismus, von A. Breton 1924 beförderte Gegenbewegung gegen den Realismus mit Bezug auf das psychisch Unbewusste.
(7) Situationismus, um R. Vaneigem Anfang der Fünfziger Jahre in Paris sich bildende radikal-anarchistische Kunstbewegung.
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Heimrad Prem, „Spur Manifest“, 1960, Öl auf Leinwand, 35 mal 45 Zentimeter |
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Ausstellung
Ein Münchner Phänomen
Karl & Faber erinnert an die Gruppe Spur
VON EVELYN VOGEL | SZ
München - "Die Welt kann nur durch uns enttrümmert werden. Wir sind die Maler der Zukunft!"So hießt es im Manifest der Gruppe Spur, veröffentlicht 1958, ein Jahr nach Gründung des Künstlerkollektivs. Die Spurler hatten große Ziele und ein noch größeres Selbstbewusstsein - allerdings auch einen Sinn für Humor. Doch für ihre frechen Parolen - verbreitet mit Hilfe ihrer Manifeste und Flugblätter - hatte der Staat wenig Verständnis. 1962 stand ihnen eine Anklage wegen unzüchtiger Schriften, Gotteslästerung und Religionsbeschimpfung ins Haus, allerdings ohne größere Folgen für den Bildhauer Lothar Fischer und die Maler Heimrad Prem, Helmut Sturm und HP Zimmer. Und auch wenn die Gruppe Spur über München hinaus nie eine nationale oder gar internationale Bedeutung erlangte, so mischten die Spurler mit ihrer halb figurativen, halb abstrakten Kunst zu ihrer Zeit die Kunstszene in München doch gehörig auf.
Zum 60-Jährigen des 1. Manifests der Gruppe Spur präsentiert Karl & Faber derzeit eine Retrospektive mit 50 Werken aus den Jahren 1958 bis 1965. Zu sehen sind zahlreiche Gemälde, auch das panoramaartige Tafelbild "Nur Kampf stärkt mich" von Heimrad Prem von 1962, sowie einige Skulpturen und Papierarbeiten von Lothar Fischer. Besonders reizend: die "Turm-Familie" von 1962.
Die Leihgaben stammen aus dem Nachlass des Münchner Galeristen Otto van de Loo, der die Gruppe Spur über viele Jahre gefördert hat, und aus Privatsammlungen wie die der Sturm-Tochter Katharina. Auch das Komitee Spur, das in München die Spurler pflegt, war behilflich. Längst sind die Künstler - Sturm starb als letzter 2008 - anerkannt, ihre Werke hängen in Museen, Fischer hat sogar sein eigenes. Aber Spur-Ausstellungen gibt es nicht mehr oft. Sie waren halt doch eher ein Münchner Phänomen.
Gruppe Spur: Jetzt!Werke aus den Jahren 1958 bis 1965, Karl & Faber, Amiraplatz 3, bis 16. September, Mo-Fr 10-18 Uhr sowie am Open-Art-Wochenende 15./16. Sept., 11-18 Uhr, Führung durch Komitee Spur am 15. Sept. um 16.30 Uhr
Die Spurler verbanden figurative und abstrakte Malerei auf ganz eigene Weise. Hier Heimrad Prems "Figuren in der Landschaft" von 1961. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Quelle: Sueddeutsche Zeitung Kultur, Donnerstag 6.September 2018, Artikel 3/16
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als ich vor jahren in dänemark in vielen kleinen aber hochkarätigen kunstmuseen auf den spuren der gruppe "cobra" war, kamen plötzlich studenten in eines der museen (ich meine mich an das salling museet in skive zu erinnern) - und fragten nach malern oder einer ausstellung der gruppe "spur".
seitdem habe ich immer mal wieder ausschau gehalten nach den künstlern dieser gruppe - die ja mit den "cobras" stilistisch und "ideologisch" verwandt waren.
hier nun habe ich das manifest von vor 60 jahren ausgegraben - und ich finde, es ist durchaus aktuell und "zeitlos" in vielen punkten - besonders was das politische umfeld angeht.
es hat mich aber auch zu der frage gebracht - inwieweit sich heute populäre deutsche künstler wohl zur tagespolitik äußern - ähnlich wie es seinerzeit grass und böll als autoren machten.
aber ich höre eigentlich nichts von gerhard richter, neo rauch, anselm kiefer und co. - und ein paar äußerungen von jonathan meese sind wohl eher als slapstick gemeint. also ich höre gelegentlich mal von dem fotokünstler wolfgang tillmans politische statements - ansonsten ist da wohl eher schweigen im wald - obwohl es vielleicht gerade in dieser zeit wichtig wäre, stellung zu beziehen, so wie es die wesentlich unbekannteren "spurler" seinerzeit frank & frei gemacht haben in ihrem manifest.
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blick in die SPUR-ausstellung im kunstauktionshaus karl & faber - foto: neumarkt tv |