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upload: in neuen fassungen überarbeitet: das triptychon zu erna kronshage | in memoriam

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 "in memoriam" Triptychon zu Erna Kronshage

Angeregt durch Gerhard Richters Bild „Tante Marianne“ (1965) sowie seinem „Birkenau“-Zyklus (2014) habe ich dieses digital-virtuelle online-Memorialtriptychon zusammengestellt 
zum Andenken an meine Tante
Erna Kronshage (1922-1944) 
die nach Einweisung, Zwangssterilisation und Deportation, schlussendlich Opfer der NS-Euthanasie wurde –
in einer 484-Tage währenden Leidensgeschichte.

Das Triptychon besteht aus den Motivtafeln:

1. Leben -2. Unfrucht -3. Auszählen -


Die linke Tafel: 
Leben – Impuls – Springtime

Von der ungebundenen, aufspringenden unbeschwerten, 
sich entwickelnden und profilierenden Vitalität… 


Die Tafel in der Mitte: 
Unfrucht 

…hin zur plötzlichen „Unfruchtbarmachung“: 
aus der verbrämten „erbgesundheitlich“ verirrten Zeitgeist-Denke wird das Leben zum menschlich berechneten Kalkül und führt zu Ex-klusion und Ausgrenzung…


Die rechte Tafel:
Auszählen – das Maß ist voll

… zur Reduzierung aller Individualität & Persönlichkeit hin zur Prüfung der bloßen Funktionalität und Verwendbarkeit – als nur noch eine Nummer in der Verfügungs- und Verschiebemasse, wo die Ergebnis-Summe auf "wert" und "un-wert" geprüft und abgewogen werden: „friss oder stirb“…
… und letztenendes dann zur Tötung – zum Mord – zur „Ausmerze“ ...

besuche mit einem click das blättermagazin - hier 


vor 80 jahren: am 31.Juli 1940 wurde elfriede lohse-wächtler in der ns-vernichtungsanstalt pirna-sonnenstein vergast

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elfriede lohse-wächtler: aufschreiende gruppe


elfriede lohse-wächtler hat ihren qualvollen gastod nahezu visionär 1931 mit pastellkreiden über aquarellfarben gemalt.

inmitten angstvoll schreiender und verzweifelt an der tür und fenstergittern rüttelnder leidensgenossinnen musste sie vor 80 jahren ihren qualvollen tod sterben - gerade einmal 40 jahre alt:
in jammer und schmerz ist sie verloschen - so hat otto griebel, ein dresdener malerkollege, dazu formuliert...
Foto - und Selbstbildnisse von Elfriede Lohse-Waehtler - twitter: berlim-olivian


Elfriede Lohse-Wächtler (* 4. Dezember 1899 in Löbtau als Anna Frieda Wächtler; † 31. Juli 1940 in Pirna) war eine deutsche Malerin der Avantgarde. Sie wurde im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasie-Aktion T4 in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet. In der dortigen Gedenkstätte wird seit 2000 in einer ständigen Ausstellung zur Dokumentation der Verbrechen an ihr Leben und Werk erinnert.

Elfriede Lohse-Wächtler wuchs in einem gutbürgerlichen Elternhaus als Tochter des in Dresden gebürtigen kaufmännischen Angestellten Gustav Adolf Wächtler und seiner aus Böhmen stammenden Frau Maria Zdenka (Sidonie) Ostadal auf, die sich im Mai 1898 verlobt hatten und die wegen konfessioneller Hindernisse erst am 17. Juli 1899 heirateten, als die katholische Maria Zdenka bereits mit ihr schwanger war. 

Anna Frieda Wächtler, die sich selbst später den Namen Elfriede gab, wurde evangelisch getauft und hatte einen zwölf Jahre jüngeren Bruder Hubert Wächtler (1911–1988). 

Sie verließ ihr Elternhaus bereits mit 16 Jahren und besuchte von 1915 bis 1918 die Königliche Kunstgewerbeschule Dresden (zunächst Fachklasse Mode, ab 1916 dann Fachklasse Angewandte Graphik). Von 1916 bis 1919 belegte sie zudem Mal- und Zeichenkurse an der Dresdner Kunstakademie. 

Sie fand Anschluss an die Dresdner Sezession Gruppe 1919 und Aufnahme in den Freundeskreis um Otto Dix, Otto Griebel und Conrad Felixmüller. 

Im Atelier des letzteren nahe dem Dresdner Stadtzentrum mietete sie sich ein und erwarb sich mit Batiken, Postkarten- und Illustrationsarbeiten ihren Lebensunterhalt.

Im Juni 1921 heiratete sie den Maler und Opernsänger Kurt Lohse, dem sie 1922 nach Görlitz und 1925 nach Hamburg folgte. Die Ehe war schwierig und das Paar trennte sich in den folgenden Jahren mehrmals. 

1926 trat Elfriede Lohse-Wächtler dem Bund Hamburgischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen bei, im Jahr 1928 konnte sie sich an einigen Ausstellungen der Neuen Sachlichkeit beteiligen. Zudem trat sie in dem Jahr der Hamburgischen Künstlerschaft bei.

1929 erlitt sie einen Nervenzusammenbruch infolge von materiellen und partnerschaftlichen Schwierigkeiten und wurde in die Staatskrankenanstalt Friedrichsberg eingewiesen. 

Während des etwa zweimonatigen Aufenthalts entstanden die Friedrichsberger Köpfe, eine Werkgruppe von etwa 60 Zeichnungen und Pastellen, hauptsächlich Porträts von Mitpatienten. Nach ihrer Genesung und endgültigen Trennung von Kurt Lohse erlebte sie eine kreative Phase, sie schuf zahlreiche Bilder des Hamburger Hafens, des Arbeiter- und Prostituiertenmilieus, ebenso ihre als schonungslos bezeichneten Selbstbildnisse. Trotz einiger Ausstellungsbeteiligungen, Verkäufe und kleinerer Stipendien lebte sie in bitterer Armut.

Mitte des Jahres 1931 kehrte sie wegen materieller Probleme und zunehmender Vereinsamung in das Elternhaus nach Dresden zurück. 

Nach Verschlechterung ihres seelischen Zustandes ließ ihr Vater sie 1932 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf einweisen. Es wurde Schizophrenie diagnostiziert. 

Von 1932 bis 1935 war sie weiterhin kreativ tätig, sie zeichnete Porträts und arbeitete kunstgewerblich. Nach der Scheidung von Kurt Lohse im Mai 1935 folgte die Entmündigung wegen „unheilbarer Geisteskrankheit“.

Nachdem sie ihre Einwilligung zur Sterilisation verweigert hatte, wurde ihr der bisherige freie Ausgang aus der Pflegeanstalt verwehrt. Im Dezember 1935 unterzog man sie im Rahmen der nationalsozialistischen Eugenik in der Frauenklinik des Stadtkrankenhauses Dresden-Friedrichstadt der Zwangssterilisation.


Elfriede Lohse-Wächtler: Schmerzhaft Ruhende, 1929


Mit diesem Eingriff wurde ihre Schaffenskraft endgültig gebrochen. 1940 wurde sie in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein deportiert und dort im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasie-Aktion T4 ermordet. 

Die offizielle Todesursache war „Lungenentzündung mit Herzmuskelschwäche“. 

Insgesamt vergasten die Nationalsozialisten in den Jahren 1940/41 13.720 vorwiegend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen in der „Heil- und Pflegeanstalt“, die zur Tötungsanstalt wurde. (Wikipedia)


Sie gehört zur Dresdener Boheme der Nachkriegsjahre: Elfriede Wächtler. Die Malerin proträtiert vor allem Menschen, die wie sie am Rande der Gesellschaft lebten. 1940 wird sie in Pirna-Sonnenstein als angeblich Geisteskranke getötet. Ein Audio-MDR-Kalenderblatt von Hartmut Schade.


Ein Film, der unter die Haut geht. Es wird die Geschichte der Heilanstalt Sonnenstein in Pirna erzählt, die unter den Nazis eine unheilvolle Entwicklung nahm - in der Elfriede Lohse-Wächtler im Euthanasie-Gas ersticken musste.

Eine Projektarbeit, entstanden während der Ausbildung zum Mediengestalter Bild- und Ton an der media project academy Gmbh in Dresden 2002.

reichsnährstands-denke

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Historikerkommission

Das Bauerntum war eine Grundlage des nationalsozialistischen Staates


Ernährungspolitik war im Nationalsozialismus von Anfang an eine Aufgabe von höchster Bedeutung. Nie zuvor und nie danach war in Deutschland eine Interessenvertretung mit ähnlichen Vollmachten ausgestattet gewesen. Eine unabhängige Historikerkommission legt einen Bericht über die Vorläufer des Bundeslandwirtschaftsministeriums vor.

Von Ulrich Schlie | NZZ

«Es hat mir öfters wirklich weh getan, wenn tüchtige und anständige Beamte fast ängstlich um Entschuldigung baten, wenn sie eine abweichende Meinung äusserten, was früher unter Herren Pflicht und selbstverständlich war. Man hat aus dem Beamtentum etwas ganz anderes gemacht, als es früher war, aus einer führenden Schicht eine rein ausführende.» Als Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg im Frühjahr 1943 nach nur wenigen Monaten aus seiner Position als Zentralabteilungsleiter des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft freiwillig ausschied, war er zu der Überzeugung gelangt, dass sich die Politik in Abhängigkeiten begeben hatte, die der Staatstradition und den Grundsätzen des Beamtentums zuwiderliefen.

Am 7. Oktober 1935 spricht Adolf Hitler beim zwischen 1933 und 1937 jährlich ausgerichteten Reichserntedankfest auf dem Bückeberg. Foto: Keystone / Hulton



Schulenburg, 1944 wegen seiner Beteiligung am Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 hingerichtet, war die Ausnahme. Die Mehrheit der Beschäftigten im Reichsernährungsministerium war, wie er damals schrieb, innerlich gebrochen, sie «suchte ihre Ansichten nur noch durch Hintertüren durchzusetzen».

Historikerkommission legt Bericht vor

Der jetzt an die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner übergebene Bericht über das Bundeslandwirtschaftsministerium und seine Vorläufer erfasst die wechselvolle Verwaltungsgeschichte des Hauses seit 1919. Eine unabhängige Historikerkommission hat die Verflechtung des Ministeriums in die nationalsozialistische Rassen- und Siedlungspolitik, seine Mitwirkung an der Vorbereitung des «rasseideologischen Vernichtungskrieges» und seinen Anteil an den Verbrechen der Besatzungsherrschaft untersucht. Es geht um die Frage, warum gerade im deutschen Ernährungsministerium der Nachkriegszeit unter den leitenden Beamten ein besonders hoher Anteil an ehemaligen Parteigenossen der NSDAP und ehemaligen SS-Mitgliedern beschäftigt war – im Jahr 1959 wies man das Allzeithoch aller Bundesministerien aus.

Der Nationalsozialismus verstand sich als Massenbewegung der Modernisierung mit rückwärtsgewandten Elementen. Anfang der 1930er Jahre war noch gut ein Drittel der Deutschen in der Landwirtschaft tätig. Der Agrarfrage kam in den frühen 1930er Jahren bei der Festigung der Macht der NSDAP eine besondere Rolle zu. Der Nationalsozialismus hatte das Bauerntum zur Grundlage der Nation erklärt und sorgte mit seinem Etikett vom Bauernstaat für eine ideologische Hebung des Bauernstandes.

Reichsbauernführer Walther Darré spricht am 13. Dezember 1937 während einer Grosskundgebung des faschistischen Reichsnährstandes in Goslar. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-H1215-503-009 / Cc-By-Sa 3.0


Bauernstaat und Industrialisierung waren in der nationalsozialistischen Ideologie keine Gegensätze.
RNST-Plakat um 1938 - (Abb. LEMO)
In wenigen Monaten wurden nach dem Amtsantritt von Reichsernährungsminister R. Walther Darré im Juni 1933 auf Basis von dessen utopischen Vorstellungen von einem «Neuadel aus Blut und Boden» die organisatorischen und gesetzlichen Rahmenvorgaben der Landwirtschaftspolitik grundlegend neu gestaltet. Der von Darré aufgebaute Agrarpolitische Apparat erwies sich in den Jahren nach der Machtergreifung als grosse Stütze der nationalsozialistischen Führung bei der zügigen Umgestaltung der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik ebenso wie bei der personellen Umgestaltung des Reichsernährungsministeriums. Darrés «Staatsgedanke von Blut und Boden» galt als Voraussetzung für die Bildung der klassenüberwindenden Volksgemeinschaft. In Darré verband sich die doktrinäre Starrheit des Theoretikers mit der Machtversessenheit des Fanatikers.

Schild am Amtssitz (Abb.LEMO)
Dass sich Darré trotz erwiesener Unfähigkeit als Minister pro forma halten konnte, lag am starken zweiten Mann, dem seit 1942 auch offiziell mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragten Staatssekretär Herbert Backe. Hitler hatte Backe in seinen Tischgesprächen einmal als «Tausendsassa in der Ernährung von Zivilbevölkerung und Wehrmacht in Friedens- und Kriegszeiten» bezeichnet. Als Auslanddeutscher im Kaukasus aufgewachsen, hatte Backe aus Sowjetrussland in seinem Gepäck eine gleichzeitige Ablehnung von Bolschewismus und liberalem Bürgertum als politische Ordnungsvorstellung mitgebracht. Im Ministerium hatte er bald alle Fäden in der Hand und nutzte den Apparat als Instrument der nationalsozialistischen Machtpolitik. Backe setzte im Auftrag Görings 1941 geheime Weisungen in Vorbereitung des Einmarsches der Wehrmacht in die Sowjetunion um.

Herbert Backe, Staatssekretär im
Reichsministerium für Ernährung und
Landwirtschaft (Aufnahme: 2. Juni 1942).
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J02034 / Cc-By-Sa 3.0
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatten die ernährungswirtschaftlichen Fragen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs – eine Bedeutung, die die Rolle des Ministeriums im Gesamtgefüge des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, seinen Anteil an Verbrechen ebenso wie die innere Balance der Aufgaben und Schwerpunkte des Ministeriums signifikant veränderte. Siedlungspolitik in den besetzten Ostgebieten, Kriegsernährungswirtschaft, die Behandlung der Fremdarbeiter, das sogenannte «Hungerkalkül» begründen einen Zusammenhang zwischen «Arbeit, Brot und Völkermord», wie es der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze formuliert. Der Personalaustausch zwischen dem Reichsernährungsministerium und dem Rasse- und Siedlungshauptamt war dabei fliessend. Spätestens mit dem Dienstantritt Backes als Geschäftsführender Minister im Mai 1942 vollzog das Haus eine «Totalkapitulation» gegenüber den Systemen Himmlers und Görings. Das Reichsernährungsministerium war endgültig zum willfährigen Instrument der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie degradiert.

Eine Frage der Schuld

Ernährungspolitik war im Nationalsozialismus von Anfang an eine Aufgabe von höchster Bedeutung. Der Aufbau eines Terror- und Vernichtungssystems, insbesondere durch die multiple Ermächtigung des Reichsführers SS Heinrich Himmler, ist wesentlich seit der Übernahme des Ministeramtes durch Darré im Juni 1933 auch aus dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft ermöglicht worden.

Die traditionellen Errungenschaften des Berufsbeamtentums, die in Preussen und im Reich gepflegten Traditionen und das damit verbundene Ethos des Beamten haben sich im entscheidenden Moment der ideologischen Durchdringung und der Sphärenvermischung mit einer nationalsozialistischen Partei und ihrem Allmachtsanspruch als nicht stark genug erwiesen.

Ehrenurkunde «Für Treue am Bauerntum», ausgestellt für einen Landarbeiter in Tellow bei Güstrow, Mecklenburg-Vorpommern (August 1938). PD

Das wäre notwendig gewesen, um eine entsprechende firewall gegen die unzulässige Durchdringung, gegen den Missbrauch der ministeriellen Aufgaben zu errichten und die dort wirkenden Berufsbeamten so zu imprägnieren, dass sie sich der Ausserkraftsetzung von Recht und Anstand hätten entschieden genug entgegenstemmen können. In der umfassenden Kooperationsbereitschaft der Ministerialbürokratie, die von so unterschiedlichen Motiven wie Dienstethos, Selbstüberschätzung («mitmachen, um Schlimmeres zu verhüten»), einer folgenreichen Fehleinschätzung der tatsächlichen Natur des Nationalsozialismus bis hin zu absichtsvollem Wegsehen und Nicht-wissen-Wollen gespeist ist, liegt das eigentliche Skandalon der «Bürokratie der Vernichtung» (Raul Hilberg). Beinahe bis Kriegsende funktionierte die Maschinerie auch des Reichsernährungsministeriums, weil die ihr zugrunde gelegte innere Logik des Verwaltungshandelns nicht infrage gestellt wurde.

Schweigen der Nachkriegsgesellschaft

Die Fragen nach der nationalsozialistischen Vergangenheit von Beamten und Angestellten, darin unterscheidet sich der Befund dieses Kommissionsberichts keineswegs von demjenigen anderer Ministerien, sind in der Bundesrepublik nicht besonders beharrlich gestellt worden. Mit dem Argument, man benötige Fachleute, wurden ab Mitte der 1950er Jahre im Ernährungsministerium besonders viele «Ehemalige» eingestellt. Noch 1984 wurde mit Walther Florian ein ehemaliger SS-Mann und Angehöriger der «Kampfgruppe Fegelein» trotz Protesten der jüdischen Opferverbände zum Staatssekretär berufen, der in dem bei seinem Eintritt ins Ministerium eingereichten Lebenslauf seine einstige SS-Mitgliedschaft «vergessen» hatte. Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte des Hauses war von ihm nicht zu erwarten. Auch die lange widerstrebende Haltung des Ministeriums zur Abgabe von Souveränität an die Europäischen Gemeinschaften kann mit fortwirkenden nationalistischen Denktraditionen aus der Zeit des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden und erklärt manches Zögern bei der Gestaltung der europäischen Agrarpolitik.

Nachwirkungen in die Bundesrepublik bis heute haben auch der Reichsnährstand und das sogenannte Reichsnährstandsdenken, wie es die starke Stellung des Deutschen Bauernverbandes erklären mag. Das Reichsnährstandgesetz von 1933 hatte die Verbindung des Neuaufbaus einer ständisch gegliederten Interessenvertretung mit ministeriellen Aufgaben geschaffen. Die Zugehörigkeit zum Reichsnährstand, der über eine Dienstherrenfähigkeit verfügte und Ordnungsstrafgewalt ausübte, beruhte auf gesetzlichem Zwang, und er konnte zum Zweck der Markt- und Preisregelung rechtsverbindliche Regelungen auferlegen.

Nie zuvor und nie danach war in Deutschland eine Interessenvertretung mit ähnlichen Vollmachten ausgestattet gewesen. Wer aus der Geschichte lernen will, muss sich ihr stellen, insbesondere auch den unangenehmen Seiten. Die Kommissionsberichte über die Vergangenheit der deutschen Bundesministerien hätten indes ihren Sinn verfehlt, wenn sie am Ende als eine Art Pflichtübung nebeneinander ins Regal gestellt würden. Sie sollten vielmehr Anlass sein, um junge Beamte und Anwärter von heute mit den darin thematisierten Grundfragen und Gewissenskonflikten vertraut zu machen.

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  • Ulrich Schlie ist Professor of Practice und Historiker. Er gehört dem deutschen Auswärtigen Dienst an und war von 2005 bis 2014 Leiter Planungsstab und Politischer Direktor im Bundesministerium der Verteidigung.


der landwirtschaftliche nebenerwerbshof der kronshages unterstand in diesen ns-herrschafts- und kriegszeiten zwangsweise den ns-"reichsnährstand"-auflagen und ihrer ständischen zwangsideologie und wurde damit auch zu einem "kriegswichtigen" betrieb erklärt, wodurch auch der mitarbeiter-einsatz zentral reglementiert wurde, ggf. auch zwangsarbeiter eingesetzt wurden, um keine ertragseinbußen hinnehmen zu müssen.

erna kronshages"blaumachen" im herbst 1942 war also keineswegs nur eine familieninterne angelegenheit, sondern musste "von amts wegen" in einem kriegswichtigen "reichsnährstand-betrieb" angezeigt und gemeldet werden, denn erna war als "haustochter im elterlichen betrieb" ja als land-/hauswirtschaftliche arbeiterin dort offiziell berufstätig angestellt.

deshalb schickte die zunächst angesprochene ns-gemeindefürsorgerin erna anschließend zum amtsärztlichen dienst der kreisgemeinde, der die ursache der plötzlichen verstimmung und arbeitsverweigerung untersuchen und beurteilen sollte - ... es gab ja damals nicht etwa einen"gelben schein"vom hausarzt, wie das heute üblich ist bei einer arbeitsunfähigkeit als mitarbeiter, denn die hausärzte waren zu kriegszeiten rar, und im "reichnährstand"-wesen musste im weiteren sinne der zuständige "betriebs"-arzt konsultiert werden: die arbeiterschaft in der zwangsreglementierten landwirtschaft war damals eher "militärisch" auf effizienten ertrag durchorganisiert - auch im hinblick auf etwaige ost- und zwangsarbeiter vielleicht in der nachbarschaft. 

von daher ist es in diesem zusammenhang so wichtig, auf das in jeder beziehung herausragende "wirken" mehr im schlechten als im guten der landwirtschaft bzw. des reichsbauerntums und dieses "reichsnährstands"-wesens und seiner funktionäre und ns-parteigenossen in diesen jahren hinzuweisen: "Der Nationalsozialismus hatte das Bauerntum zur Grundlage der Nation erklärt und sorgte mit seinem Etikett vom Bauernstaat für eine ideologische Hebung des Bauernstandes."

und es gibt ja indizien genug, dass letztlich die funktionsabläufe und die rasseideologische gesamtausstattung der sogenannten "reichnähstands-denke" maßgeblich initial mitbewirkt haben, dass erna's 484-tägiges ns-euthanasie-mordmartyrium da im oktober 1942 seinen lauf nahm.

„blut und boden“ war ja der zentrale begriff der nationalsozialistischen ideologie. die völkische ideologie des germanisch-völkischen "artaman-bundes" prägten ja die schriften jenes reichsbauernführers walther darré, die jetzt dem volk eingetrichterten vorstellungen der blut-und-boden-ideologie in der landwirtsachaft, die vor allem von adolf hitler, heinrich himmler und baldur von schirach aufgenommen wurden und die nationalsozialistische agrarpolitik bestimmte. darré betrieb die umsetzung seines siedlungs- und auslesekonzepts als leiter des reichsamts für agrarpolitik, reichsbauernführer, reichsminister für ernährung und landwirtschaft und eben auch als leiter des rasse- und siedlungshauptamtes der ss, deren vorstellungswelt er nachhaltig prägte. er setzte sich aufgunddessen besonders auch für die etablierung eines nach heutigem verständnis eher verquer verbrämten "reichserbhofgesetzes" ein, um "die Bauerngemeinschaft als Blutquelle des deutschen Volkes zu erhalten", was den alten überkommenen "teutschen" bauern-"stand" zur neuen blüte verhelfen sollte...

und von dieser vorstellungswelt waren dann auch die gemeinde"fürsorgerinnen" des nationalsozialistischen "volkswohlfahrt" geprägt und ideologisch durchdrungen, die im ort "nach dem rechten" schauen mussten - und die dann wegen ihrem "blaumachen" auch erna kronshage zum amtsärztlichen dienst schickte, weil man sich eben als "kriegswichtiger" betrieb keine "bummelei" mit irgendwelchen von der linie abweichenden "spinnereien" im kopf leisten konnte und wollte.


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dieser "reichsnährstand" als "staat im staat" - als ideologische bewegung, war ja eine ständische organisation der agrarwirtschaft und agrarpolitik, die wie eine kaste als körperschaft des öffentlichen rechts als selbstverwaltungskörperschaft mit eigener satzung sowie eigenem haushalts-, beitrags- und beamtenrecht eingerichtet war und bis 1948 bestand. man stattete also diesen "stand" mit ideologischen extra-privilegien aus, und wollte so rasse und blut und acker und krume und getreidegarbe und fleischproduktion als zentralen kern im volkstum etablieren.

und erna zeigte dazu nicht mal den "nötigen stolz" und das nötige selbstbewusstsein, sondern hatte andere flausen im kopf und verweigerte sich "ihres dienstes am volk" - so oder ähnlich wird das fazit der "verfehlung" damals gelautet haben - und von da an gab es auf dieser immer schiefer werdenden ebene schließlich keinen halt mehr ...



vorflorale gedeihung

Sous les pavés, la plage - sinedi.mach.@rtLab - 14.08.2020

die sonne bringt es an den tag ...

Ernas Cardiazol-Schocktherapie - eine neue Zusammenfassung

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Lies die neue Zusammenfassung hier

"Schizophrenie" - Biologisch gesehen gibt es die psychiatrischen Diagnosen gar nicht

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PSYCHISCHE STÖRUNGEN - AUCH 80 JAHRE NACH DER (TÖDLICHEN) DIAGNOSESTELLUNG VON ERNA KRONSHAGE:

NICHTS GENAUES WEISS MAN NICHT...

»Biologisch gesehen gibt es die psychiatrischen Diagnosen nicht«

In der Psychiatrie denke man noch immer in Schubladen, sagt Anke Hammerschlag von der Universität Amsterdam. Doch laut ihrer Forschung verbergen sich hinter verschiedenen psychischen Erkrankungen oft dieselben Gene, und die Störungen bilden große Cluster. Im Interview erklärt sie, warum das auch für die Therapie wichtig ist.

Von Anouk Bercht -  Spektrum Psychologie, 5/2020 (September/Oktober)
  

Die meisten psychischen Probleme lassen sich zumindest einer psychiatrischen Diagnose zuordnen. Wer Stimmen hört, leidet vermutlich unter Schizophrenie, und ein sehr unruhiges Kind hat womöglich ADHS. Diese Störungen sind im DSM beschrieben, dem Handbuch für psychische Erkrankungen, und in der ICD, der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten. Wer mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen hat, wird in eine Diagnosekategorie gesteckt und bekommt dazu die passende Behandlung. Doch es mehrt sich Kritik am traditionellen Schubladendenken, neuerdings auch aus der genetischen Forschung: Verschiedene psychische Störungen lassen sich teils auf dieselben Risikogene zurückführen. Die Neurowissenschaftlerin Anke Hammerschlag untersucht, wie sich mehrere dieser Erkrankungen genetisch überlappen und wie die biologischen Mechanismen der Hirnzellen damit zusammenhängen. »Bei mehreren Diagnosen spielen vermutlich die gleichen Anomalien in der Kommunikation zwischen Hirnzellen eine Rolle«, sagt sie.

 Spektrum Psychologie: Die Wissenschaft wendet sich den genetischen Gemeinsamkeiten von psychischen Störungen zu. Wie kam es dazu?

Anke Hammerschlag: Symptome von verschiedenen psychischen Störungen überlappen sich; das ist schon länger bekannt. Menschen mit ADHS leiden zum Beispiel häufiger unter depressiven Beschwerden als Menschen ohne ADHS. Entsprechend haben Patienten oft nicht nur eine, sondern mehrere Diagnosen. Außerdem haben Verwandte von Menschen mit Schizophrenie auch ein größeres Risiko, an anderen psychischen Störungen zu erkranken. Das alles lässt vermuten, dass einige psychische Störungen gemeinsame Anteile haben. Wissenschaftler spüren schon länger möglichen Risikogenen für einzelne Störungen nach. Zum Teil bestimmen die Gene, ob man eine psychische Störung entwickelt. Nun sieht es so aus, als ob sich die Risikogene verschiedener Erkrankungen stark überschneiden.

Sollten die Diagnosekategorien aus dem DSM, dem Handbuch für psychische Störungen, trotzdem erhalten bleiben?

Blogisch gesehen gibt es die psychiatrischen Diagnosen nicht. Vielleicht existiert eine Art Kontinuum. Zum Beispiel für Störungen, wie wir sie heute kennen: Der eine Mensch leidet ein wenig unter ADHS, der andere sehr. Oder vielleicht für Symptome: Der eine ist etwas hyperaktiv, der andere sehr. Die Erforschung der genetischen Gemeinsamkeiten steckt noch in den Kinderschuhen. Tausende Gene tragen jeweils nur ein klein wenig zum Risiko psychischer Probleme bei; so viel wissen wir schon heute.

Wie stellt man fest, welche Gene an welchen Störungen beteiligt sind? 

Wir verwenden dazu mehrere Methoden. In den vergangenen Jahren sind die genomweiten Assoziationsstudien populär geworden. Darin vergleichen Wissenschaftler das vollständige Genom – also alle Gene – von großen Gruppen miteinander, in diesem Fall die DNA von Menschen mit und ohne psychiatrische Erkrankungen. Die DNA wird kartiert mit so genannten ChIP-Arrays. Das sind Computerchips, mit denen man die gesamte DNA einer Person kartieren kann. So untersuchen wir, ob bestimmte Genvarianten bei Menschen mit psychischen Störungen seltener oder häufiger auftreten als bei gesunden Kontrollpersonen. Außerdem arbeiten Wissenschaftler auf der ganzen Welt im PGC zusammen, dem Psychiatric Genomics Consortium. Sie haben eine große Sammlung an Gendaten von psychisch kranken und gesunden Menschen. Es gibt sehr viele Gene, die an psychischen Störungen beteiligt sind. Und nicht jeder mit einer solchen Störung trägt alle Varianten in sich. Je mehr DNA wir also gemeinsam betrachten können, desto besser.

Wie genau unterscheiden sich die Gene von gesunden Menschen und jenen mit einer psychischen Erkrankung?

Tausende Gene bestimmen mit, ob man eine psychische Störung bekommt oder nicht; ein einziges Gen hat daran nur einen kleinen Anteil. Das ist noch immer die wichtigste Erkenntnis dieser Forschung. Menschen ohne Diagnose tragen durchaus auch Risikogene. Außerdem können zwei Patienten mit derselben Diagnose verschiedene Risikogene aufweisen.2013 haben Wissenschaftler vom PGC die erste große Studie veröffentlicht. Darin stellte man erstmals bei einer umfangreichen Stichprobe fest, dass sich die Gene überlappen. Sie untersuchten knapp 28 000 Versuchpersonen ohne psychische Störung und ungefähr 33 000 mit Autismus, ADHS, Schizophrenie, Depression oder bipolarer Störung.

2019 brachte das PGC erneut eine große Studie heraus, diesmal mit noch mehr Teilnehmern und noch mehr Störungen – rund 233 000 Männer und Frauen mit Schizophrenie, Autismus, Depression, Magersucht, Zwangsstörung, bipolarer Störung, ADHS oder Tourette-Syndrom. Und dazu eine halbe Million Menschen ohne Diagnose. Das Ergebnis: 109 Genvarianten steigerten das Risiko von jeweils mindestens zwei psychiatrischen Erkrankungen. Und ein Gen, genannt DCC, mischte bei allen acht untersuchten Störungen mit. Dieses Gen ist an der Entwicklung der Hirnzellen beteiligt. Wahrscheinlich gibt es noch mehr Gene, die das Risiko von einer oder mehreren Störungen erhöhen, aber das können wir mit unseren heutigen Studien noch nicht herausfinden. 

Einige Störungen hängen enger miteinander zusammen als andere, oder?

Das stimmt. Schizophrenie, Depression und bipolare Störungen haben viel gemeinsam, zum Beispiel überlappen sich die für Schizophrenie typischen Gene zu etwa 70 Prozent mit denen, die das Risiko einer bipolaren Störung steigern. Die Erbanlagen für Autismus, ADHS und – wiederum – Depression formen auch eine Art Cluster mit vielen gemeinsamen Genvarianten. Ein drittes Cluster bilden Tourette-Syndrom, Magersucht und Zwangsstörung. Doch es kann auch andersherum sein. Einige Genvarianten steigern das Risiko einer Schizophrenie, aber mindern das einer bipolaren Störung. Was das genau bedeutet, ist bislang unklar.

Welche Gene haben Sie noch gefunden?

In genomweiten Assoziationsstudien finden wir meist keine spezifischen Gene, sondern so genannte Genorte oder Genloki. Ein solcher Genort ist ein Stück DNA, auf dem mehrere Gene sitzen und das man am Stück als Ganzes von Vater oder Mutter erbt. Möchte man wissen, welche Gene speziell eine Rolle spielen, dann muss man zusätzlich eine Laborstudie durchführen. Wenn man beispielsweise im Tierversuch gezielt bestimmte Gene ausschaltet, kann man verfolgen, welche Prozesse, Funktionen oder Verhaltensweisen von den Genen beeinflusst werden. Da wir stets hunderte Genorte für eine psychiatrische Erkrankung finden, ist es mühselig, für sie alle solche Laborversuche durchzuführen. Ich will vor allem herausfinden, welche biologischen Mechanismen bei psychischen Störungen eine Rolle spielen. Dann würden wir besser verstehen, wie die Probleme entstehen und wie wir sie behandeln können. Um diese Mechanismen zu entdecken, führen wir Computeranalysen durch. Dafür müssen wir nicht einmal wissen, um welche Gene es sich genau handelt. 

Weiß man schon etwas darüber, was die verschiedenen psychischen Störungen biologisch gesehen verbindet?

Einer der Genorte, die bei Schizophrenie, bipolarer Störung und Depression beteiligt sind, haben mit den Kalziumkanälen im Gehirn zu tun. Nervenzellen brauchen diese Kanäle, um miteinander zu kommunizieren. Es ist noch nicht klar, wie diese Kanäle die Entwicklung einer psychischen Störung genau beeinflussen. Im Jahr 2019 habe ich versucht, hinter die gemeinsamen biologischen Mechanismen dieser drei Störungen sowie ADHS und Autismus zu kommen. Alle sich überlappenden Gene, die in früheren Studien gefunden wurden, schienen etwas mit den Nervenzellen im Gehirn zu tun zu haben, die meisten von ihnen mit Synapsen. Das sind die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen, die ebenso wie Kalziumkanäle bei der neuronalen Kommunikation eine Rolle spielen. 

Was bedeuten diese Befunde? 

Wahrscheinlich verändern die gemeinsamen Gene die Kommunikation zwischen den Neuronen. Das macht Menschen möglicherweise anfälliger dafür, eine psychische Störung zu entwickeln. Wie genau das funktioniert, ist noch unklar. Dazu gibt es nun weitere Studien. In anderen Untersuchungen fanden Wissenschaftler Gene, die schon vor der Geburt an der Entwicklung von Hirnnervenzellen beteiligt sind. Ein wichtiger Befund, denn einige Störungen manifestieren sich erst in späteren Jahren. Nehmen wir Schizophrenie oder Depression: Wahrscheinlich ist bei ihnen bereits vor der Geburt, nicht nur genetisch, sondern auch biologisch gesehen etwas nicht in Ordnung. Vielleicht gehören Schizophrenie und Depression, ebenso wie Autismus und ADHS, zu den angeborenen neuropsychiatrischen Entwicklungsstörungen.

Was entscheidet darüber, welche psychischen Probleme dann tatsächlich auftreten?

Eine Kombination aus den allgemeinen Anlagen, gemeinsam mit Genen, die speziell mit einer bestimmten Störung zu tun haben, sowie allerlei Umweltbedingungen. Zumindest glauben wir das; es braucht noch mehr Forschung. Genstudien sollten sich künftig mehr an Symptomen orientieren und weniger an den DSM-Diagnosen. Interessant ist, welche Gene und biologische Mechanismen mit welchen Symptomen zusammenhängen. Außerdem gibt es auch genetische Gemeinsamkeiten zwischen psychischen Störungen und Persönlichkeitsmerkmalen. Wie neurotisch jemand ist, hängt zum Beispiel zusammen mit seinem Risiko für eine Depression oder Angststörung. Wer eine psychische Störung entwickelt, befindet sich auch im oberen Bereich von Eigenschaften wie »neurotisch«, »hyperaktiv« oder »Schwierigkeiten mit sozialen Interaktionen«. Psychische Probleme sind nicht so schwarz-weiß, wie die Diagnosen des DSM vermuten lassen.

Verrät die Menge der vorhandenen Risikogene etwas über die Schwere der Symptome bei psychischen Problemen?

Das ist bislang unklar. Wir müssen erst besser verstehen, wie die Erbanlagen die Hirnfunktionen beeinflussen. Risikogene erklären nur ein paar Prozent der Frage, warum manche Menschen eine psychische Störung entwickeln und andere nicht. Wir haben bloß einen kleinen Teil des genetischen Puzzles gelöst. Im individuellen Fall können wir anhand der Erbanlagen noch nicht einschätzen, wie groß das Risiko für psychische Probleme ist. Leider arbeiten einige Firmen an Tests, die dieses Risiko bestimmen sollen. Aber das funktioniert nicht; so weit sind wir mit der Forschung nicht.

Müssen wir jetzt auf andere Weise Diagnosen stellen und Störungen behandeln? 

Immer mehr Ärzte und Therapeuten wissen um die gemeinsamen Gene. Sie beobachten überdies dieselben Symptome bei verschiedenen Störungen, und sie sehen, dass viele Patienten mehr als eine Diagnose bekommen. In der Psychiatrie denkt man noch in Schubladen: Zu Störung A gehört Medikament B. Doch vielleicht bringt es mehr, wenn man die Medizin für ein Symptom verschreibt. Darum wollen Wissenschaftler jetzt untersuchen, ob man die vorhandenen Medikamente auch anders einsetzen kann. Von ihnen ist schon bekannt, in welche biologischen Funktionen, Prozesse oder Eiweiße sie eingreifen. Das vergleichen die Forscher mit den Genen und biologischen Funktionen, die wir aus den Studien zu Genen und psychiatrischen Erkrankungen kennen. Finden sie eine Übereinstimmung, hilft ein bekanntes Medikament vielleicht auch bei anderen Störungen. Es könnte an denselben Symptomen ansetzen. Neue Wirkstoffe sind dann gar nicht nötig. Das macht viel aus, denn ein neues Medikament zu entwickeln, dauert oft Jahre.

Was wollen Sie selbst künftig noch untersuchen?

Ich will versuchen, die biologischen Mechanismen zu finden, die mit ADHS und Autismus zusammenhängen, mit Hilfe der mit ihnen verbundenen und oft überlappenden Gene. So bekommen wir einen Einblick in die Funktion der Gene und wie sie psychische Probleme eventuell verstärken oder beeinflussen. Die Gemeinsamkeiten zwischen Störungen faszinieren mich weiterhin. Da gibt es noch genug zu erforschen.

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Diese wissenschaftlich fundierten Aufsätze  beschreiben ja genau das, was an der ad-hoc-Diagnosestellung 1942 einer "Schizophrenie" bei meiner Tante Erna Kronshage zu bemängeln ist - dass man nämlich all die damals evtl. auslösenden "Umwelt-Faktoren" bei der Diagnosestellung außer Acht ließ - bzw. sie damals keinerlei pathologisch-diagnostische Rolle spielten (nach der propagandistisch hingeworfenen Hitler-Floskel: "Flink wie Windhunde - zäh wie Leder -hart wie Krupp-Stahl"...): die psycho-somatischen Symptome etwa bei einem handfesten "Burn-out" - das "Ausgebranntsein" bei alltäglicher Überforderung: die gerade 20-jährige Erna blieb allein zur Mitarbeit bei den kränklichen bzw. ältlichen Eltern auf dem Hof zurück: sie war damit körperlich und auch "entwicklungspsychologisch"überfordert - intellektuell aber wohl unterfordert und innerpsychisch vereinsamt mangels gleichaltrigen Partner*innen...; ggf. auch durch eine nicht aufgearbeitete "traumatische Belastungsstörung" durch die plötzliche Bombenzerstörung des gegenüberliegenden Nachbarhofes in ca. 80 m Entfernung mit dem Verlust einer fast gleichaltrigen Nachbarin - während die Brüder alle an der Ostfront im Krieg eingebunden sind...

Fälschlicherweise war man damals weltweit - nicht nur in Nazi-Deutschland - der Meinung, "Schizophrenie" sei eine reine Erberkrankung einer eindeutig pathologisch determinierten Genkomponente, obwohl man die heute üblichen differenzierenden Untersuchungsmöglichkeiten gar nicht hatte oder kannte - und nicht mal auch nur annahm, dass es auch "anders sein" könnte - man fühlte sich wissenschaftlich "up to date"...

Für Erna war dieses Unvermögen ihr Todesurteil. - si-ew

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sinedi.mach@rt.lab: "nichts ist so alt wie eine zeitung von gestern"

ich stelle mir das mal so vor: die braune schwester

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ich stelle mir das mal so vor: 

da hatte die nsv-fürsorgerin - die sogenannte "braune schwester" wegen ihrer braunfarbenen schwesterntracht - ihren routine-rundweg durch die gemeinde fast abgeschlossen. und nun - bei anna kronshage - stellte sie wie immer so gegen elf ihr dienstfahrrad unter - und fuhr dann mit dem zug weiter nach windelsbleiche oder brackwede.

sie hatte alles fest im blick - und sie war damals ja in erbbiologischen fragen zum gesunden volkskörper "top" ausgebildet. ja - man hatte ihr das ja "vom einsatzbüro" im gesundheitsamt mit auf den weg gegeben: "schau nach diesen 'volksschmarotzern'": gerade auf den etwas abgelegenen gehöften - denn dort werden die gerne von den eltern oder geschwistern abgeschirmt und regelrecht versteckt... - und guck auch nach den ostarbeitern, die lassen sich gern mal hängen ...

 achtet also auf die infragekommenden kandidaten, die von der norm abweichen, mit denen man nichts anfangen kann, mit denen "kein krieg zu gewinnen ist": unnütze esser - und die man dann über den amtsarzt einer unfruchtbarkeit zuzuführen hat mit dem  erbgesundheitsgericht - ruck zuck, sonst liegen die uns auf der tasche.

 die familien selber kümmern sich da nicht. die wollen sich die hände nicht schmutzig machen. ja - das müsst ihr machen - ihr jungen schwestern, denn ihr habt jetzt den richtigen blick dafür.

 "na, anna - wie geht es - was machen deine söhne draußen im feld?""ach, unser ewald hat gestern noch per feldpost geschrieben aus russland - und von willi erwarten wir jeden tag post ... - aber schwester - ich brauche da mal einen rat: unsere erna steht morgens nicht mehr pünktlich zu arbeit auf - sie quängelt und widersetzt sich und hat nur noch flausen im kopf - sie will eine ausbildung machen - und meint, hier auf'm hof, das wäre auf dauer nicht das richtige für sie ... - sie will raus - sie würde ausgenutzt - und träumt - und tut nicht mehr recht ihre arbeit - und klüngelt herum: faules fieber...

 stellen sie sich das mal vor: als ich sie gestern mal ein wenig angetrieben habe, sie solle etwas schneller machen - da hat sie mir doch tatsächlich gedroht - und die hand gegen ihre eigene mutter gehoben, gegen ihr eigen fleisch & blut" ...

75 jahre - alls tünche - oder was ...???

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dieses jahr hat es ja an historisch hehren erinnerungen in sich: 75 jahre nach kriegsende - 75 jahre befreiung auschwitz - 75 jahre nach den ns-euthanasie-krankenmorden:


da steigen manchmal bilder auf - und verknüpfen sich dann mit den texten, auf die ich "zufällig" stoße - und die mir anstoß sind - und manchmal auch "anstößig":

da blicke ich auf das stelenfeld in berlin - und da lese ich von den 75.000 stolpersteinen, die der künstler gunter demnig inzwischen gelegt hat - in europa - diese messingplaketten mit

eingraviertem namen, jeweils vor dem letzten "freien wohnsitz" des benannten ns-opfers. und da sind sie paten, die dafür gesorgt haben, dass überhaupt ein stolperstein gelegt wird - und da sind die kämpfe von interessengruppen, damit so ein projekt wie das stelenfeld in berlin zum gedenken an die opfer des holocausts überhaupt angeschoben und dann letztlich auch umgesetzt wird: mitten in berlin - in bester lage: in nähe vom brandenburger tor und vom reichstagsgebäude ...

und dann denke ich an die anerkennung aus dem ausland über die gedenk- und erinnerungskultur hier in deutschland zu allem, was da zwischen 1939 und 1945 geschehen ist - ja und ich denke auch an den "vogelschiss" des bundestagsabgeordneten gauland, wie er diese epoche tituliert und bezeichnet hat.


und just in diesen überlegungen - und in diesen gefühlverwirrungen von innerer trauer über all das leid, das damals geschehen ist - in allen familien - mehr oder weniger - aber auch dem stolz, wie hier in deutschland diese zeit aufgearbeitet wird - und wie ihr gedacht und wie erinnert wird

- und über diese ewig gestrigen, die diese zeit wegradieren wollen - aus den augen aus dem sinn... - und just in diese überlegungen stolpere ich über diesen text aus 

matthäus 23, in den versen 27-32: 

"Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! 

Denn ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen zwar schön scheinen, inwendig aber voll von Totengebeinen und aller Unreinheit sind. 

So scheint auch ihr von außen zwar gerecht vor den Menschen, von innen aber seid ihr voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit. 

Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! 

Denn ihr baut die Gräber der Propheten und schmückt die Grabmäler der Gerechten 

und sagt: Wären wir in den Tagen unserer Väter gewesen, so würden wir uns nicht an dem Blut der Propheten schuldig gemacht haben. So gebt ihr euch selbst Zeugnis, dass ihr Söhne derer seid, welche die Propheten ermordet haben. Und ihr, macht nur das Maß eurer Väter voll! ..."

und dieser text sagt viel zu unserem "reinen" nachkriegs-generationsgewissen: "da habe ich doch nichts mehr mit zu tun - das waren die "nazis" - und in unserer familie war keiner "nazi" -gab es keine "nazis" ...

dabei wird oft verkannt, dass die nsadap damals bis zu 9 millionen freiwillig eingetretene "parteigenossen" hatte: 9 millionen bei einer gesamtbevölkerung von rund 80 millionen menschen, wovon wohl ca. 60 millionen volljährig waren: also jeder 6. bis 7. erwachsene reichsbürger war mitglied der nsdap ...

ich will nun auch nicht moralisch werden - und ich habe etwas gegen "sippenhaft" - das klingt mir zu sehr nach "erbbiologischen"überlegungen. aber man darf nicht verkennen, dass die allermeisten deutschen familien dem zeitgeist damals positiv gegenüberstanden - und passiv bzw. aktiv "mitmachten". 

"nazis" - das war nicht eine braun- oder schwarzuniformierte extra-bande: die "nazis", das waren die deutsche gesamtgesellschaft - und diese tatsache sollte für alle nachgeborenen ein heilsamer schock sein ... ew-si


 ... und dazu fällt mir auch der saloppe spruch von "fräulein" bahlsen ein: in ihrem betrieb sei man immer immer "gut" zu den zwangs- und ostarbeiter*innen gewesen ...

airbase - sinedi.mach.@rtLab

Herr Doktor, ich muss mich mal dringend erholen ...

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 ... aus meinem neuen Szenarien-Lesebuch "ich stelle mir das mal so vor" zum Euthanasie Schicksal meiner Tante Erna Kronshage - eine neue Sequenz:

Herr Doktor, ich muss mich mal dringend erholen ...

Bildtafel 29 aus dem XXL-Bildmagazin

Da gibt es die überlieferte Geschichte, wie Erna, begleitet von ihrer Schwester Lina, aus Brackwede mit dem Fahrrad heimkehrt nach Hause, nach Senne II in den Mühlenkamp, nachdem sie bei der amtsärztlichen Untersuchung war und ihrem Vater die Überweisung zeigt: "Hier - ich soll nach Gütersloh in die Heilanstalt - und soll mich da erholen... - und ich will das auch - so wie damals Frieda - der hat das auch gutgetan...".

"Kind - ich glaub's dir wohl - wir brauchen dich doch hier auf dem Hof - du kannst doch in diesen Zeiten nicht herumflanieren - und dich 'erholen'. Das sind doch wieder Flausen im Kopf - solange du noch nicht volljährig bist - und hier als 'Haustochter' arbeitest, sind wir für dich verantwortlich - da kannst du nicht machen was du willst. Deine Brüder sind im Feld - und mein Asthma - und Mama wird auch immer älter ... - Kind - wir brauchen dich doch!" 

"Herr Doktor", soll sie dort beim Amtsarzt - allen Mut zusammenfassend - gesagt haben: "Ich möchte in die Heilanstalt nach Gütersloh - wissen Sie - da wo meine Schwester Frieda neulich mal gewesen ist. Die hat sich dort nach einem sehr nervigen Streit auf ihrer Arbeit wieder ganz prächtig da erholt. Statt in der stickigen Fabrik zu sitzen ist sie dort in die Gartenkolonne gekommen - und hat im Sonnenschein Unkraut gezupft - und konnte mit den anderen Frauen quatschen. Also - sie meinte - das wäre auch etwas für mich, damit ich wieder zu Kräften käme - und mal unter die Leute - und mal was anderes sehe. Ich bin nämlich regelrecht fertig und ausgepumpt zu Hause.

Da muss ich morgens andauernd so früh raus - auch wenn ich mal drüben bei Helga, der Nachbarin, war - und wenn deren kleines Kind schreit, dann quatschen wir halt etwas länger und schauen Illustrierten an und hören Radio - und schminken uns gegenseitig - manchmal die halbe Nacht. Ihr Mann - der junge Vater - ist ja auch an der Front wie auch alle meine Brüder - wir stören keinen - und der Kleine schläft dann meisten gegen 1 - halb 2, wieder ein, wenn er nochmal an der Brust war - und trotzdem muss ich dann ja morgens auch wieder so früh ran auf dem Hof - und hab einfach keine Lust mehr - diese ewige Maloche. Ich will auch mal raus und was erleben - aber hier ist ja nichts los - außer vor 2 Jahren der Fliegerangriff vom Tommy auf den Hof gegenüber - aber das war ja auch eher schecklich und traurig. 

Ansonsten huschen morgens die Zugpendler über den Hof und stellen ihre Fahrräder an die Eichen um dann vom gegenüberliegenden Bahnsteig mit dem Zug zu fahren - und Mama und ich sortieren die dann, damit sie abends wieder schnell zum Wiederlosfahren gefunden werden beim Abholen. Das ist aber immer der gleiche Trott - besonders seitdem meine Brüder weg sind an der Front. Früher - ja - da hat Willi mal Schifferklavier gespielt - und ich durfte mal an der Zigarette ziehen, die Ewald sich angesteckt hatte.Aber jetzt habe ich nur noch meine Nachbarin Helga mit ihrem Kind - und da bin ich ganz vernarrt in den Kleinen - und wir wickeln und wir pudern zusammen - und da hab ich schon viel gelernt - Herr Doktor. Aber ich muss mal raus aus dem Trott. Schicken Sie mich also ruhig nach Gütersloh - da komm ich mal unter die Leute - und komme wieder zu mir.

Aber sagen Sie nichts meinen Eltern davon, was ich hier gesagt hab. Schreiben Sie vielleicht am besten einfach eine Einweisung nach Gütersloh, damit ich mich wieder ein wenig erhole ...


 

virtuelle gedenkveranstaltung für die opfer der ns-euthanasie 2020

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gedenkveranstaltung 2020 für die opfer der ns-euthanasie am mahnmal "blaue wand" - virtueller gedenktag (videos) - click auf das bild

Erinnerungs-Rekontruktion einer Schulkameradin von Erna Kronshage

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Das ist hier gar keine "Szenarien-Rekonstruktion" sondern die Gedächtnis-Zusammenfassung einer Situations-Erinnerung einer Klassenkameradin Erna Kronshages aus ca. Ende der 80-er Jahre - also 50 Jahre danach...

 

 
 
 
 
 
 
 
 

Frau Alma R.’s Situationsbeschreibung als Zeitzeugin:
„Also unmittelbar, bevor  diese Situation im Mühlenkamp um Erna eskalierte, soll sie ja verstärkt ihre Freundin von nebenan, die Helga K., besucht haben.  Nee, ihre Mutter fand das gar nicht gut. Aber was fand die Mama Anna schon gut von dem, was die Erna in ihrer allzu knappen Freizeit machte.
Die Erna ist da so hineingeschlittert, als letztes Kind ihrer Eltern ebenso wie als Kind ihrer Zeit. Ihr Schicksal war es, in immer stärkere Zerrissenheit zu gelangen, sich nicht eindeutig entscheiden zu können, eben auch zwischen den Fronten zu stehen. Der äußere Krieg wurde auch gleichzeitig in ihr zu einem inneren Krieg. 
Für Erna war das eine zunehmend ausweglose Situation. Wir alle, ihre ehemaligen Schulkameradinnen, kamen im Nachhinein besehen insgesamt besser dabei weg, trotz aller massiven Nachstellungen durch den politischen Gegner und dem furchtbaren Schicksal unserer Eltern hier und da. Mein Vater wurde ja als früherer SPD-Bürgermeister von Senne II sogar ins Gefängnis gesteckt wegen "Hochverrat", weil er etwas Kritisches zum NS-Staat gesagt hatte. Unsere Eltern hatten ja schon vor Jahren selbst in der Stadt oder in ihren Betrieben nach Lehrstellen für uns gefragt oder nach Arbeitsmöglichkeiten. Bei Erna stand von Anfang an fest, dass sie auf dem Hof erst einmal zu bleiben habe und den Eltern zur Hand gehen müsse. Und das war in ihrer Familie scheinbar völlig normal. Da war man selbst seines Glückes Schmied, und die Eltern hielten Erna nur unnötig fest, eigentlich aus egoistischen Motiven, denn man konnte damals doch längst einen polnischen oder russischen Zwangsarbeiter für den Hof anfordern. Das haben alle gemacht - und da hatte auch niemand moralische Bedenken. Gerade auch, wenn man Söhne an der Front hatte - und Papa Adolf hatte ja das Asthma und Mama Anna hatte ja das Mutterkreuz in Gold.
Die hätten bestimmt einen "Fremdarbeiter" bekommen - und Erna hätte eine Ausbildung anfangen können - oder wenigstens auch in einer Firma arbeiten, damit sie mal rauskam. 

Also, wenn Sie mich fragen, es musste zu einem Eklat kommen. Das war eigentlich abzusehen. Das war deutlich wahrzunehmen. Damals haben wir das so deutlich nicht gesehen. Wir waren noch viel zu jung, noch viel zu unreif, um dafür bereits Antennen entwickelt zu haben. Heutzutage weiß ich, dass es erkennbar war, was dann auch passiert ist.

Das fing damit an, dass Ernas Arbeitskittelkleider morgens immer verschmutzter wirkten, etwas weniger oft gewechselt, und auch ihre Haare schienen weniger gepflegt. Sie selbst schien plötzlich insgesamt weniger gepflegt zu sein. Zuvor erschien sie trotz ihrer schweren Arbeit und der entsprechenden Arbeitskleidung immer noch frisch und adrett. Es war alles sauber, es passten die Farben zueinander, die Holzschuhe waren gereinigt. Und das hörte schlagartig auf, das wurde dann alles etwas schludriger. Ich war ihr ja eine ganz gute Kameradin und Freundin, ich hätte sie auch darauf angesprochen, aber ...

Ja – und dann kamen die Tage, das war dann so im Herbst 1942, an denen wir morgens Erna nicht zu Gesicht bekamen, wenn wir die Fahrräder abstellten auf dem Mühlenkamp-Hof. Wenn wir dann Mutter Anna fragten, wo die Erna sei, ob sie krank sei, dann hat Mutter Anna geantwortet, ja, die sei wohl krank, die habe wohl das „faule Fieber“. Faules Fieber. Ja, wer abends bis in die Puppen drüben bei der Freundin zum Quatschen säße und nur noch Flausen im Kopf habe, käme eben frühmorgens nicht aus dem Bett. Und Mutter Anna sagte auch, sie habe schon mit der "Braunen Schwester" gesprochen vom NSV, die ab und zu vorbei käme, weil Erna so "widersetzlich" wäre.

Vereinsamung in einer Großfamilie 

Heutzutage denke ich, wir hätten uns vielleicht mehr kümmern sollen. Denn ihr Zustand hatte sicherlich auch damit zu tun, dass sie auf dem Hof regelrecht "vereinsamt" war, als Jüngste in der Geschwisterkette. Die Schwestern verheiratet oder aus dem Haus - und die Brüder im Krieg an der Front. Und Erna blieb zurück und hatte niemanden mehr zum Reden. Wir hätten mit ihr reden müssen. Da mache ich mir richtig Vorwürfe manchmal. Damals hätte uns die Erna gebraucht, als Freundinnen, als Gesprächspartnerinnen. Aber irgendwie war uns Ernas Leben auch damals schon zu fremd geworden. Ihre Realität hatte mit unserer Realität ja wenig gemein. Und dieser etwas "einfältige" Alltag bei all ihren Begabungen führte dann sicherlich zu dieser eigenartigen "Einweisung" in die Heilanstalt, an der sie ja selbst mit beteiligt war.
Ob das mit dem Bombenabwurf gegenüber dem Mühlenkamp bei Westerwinter im Zusammenhang gestanden hat - das weiß ich nicht. Den hat Erna ja auch wieder ganz anders erlebt als wir, die wir weiter entfernt wohnten und keine Nachbarn von Ida G. waren.
Wir hätten damals mehr mit Erna reden sollen ...“

von Schirachs "GOTT"

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Luchterhand 2020 click
In diesem neuen "Theaterstück" von Ferdinand von Schirach wird das Theaterpublikum gebeten, nach bestem Wissen & Gewissen über eine zu gewährende oder zu verweigernde arztbegleitende "Sterbe'-hilfe'" abzustimmen - in einer fiktiven Sitzung eines "Ethikrates" - in einem ganz konkreten Fall:

"Halten Sie es für richtig, dass Herr G. Pentobarbital bekommt, um sich töten zu können?"

Der Begriff der "Sterbe'hilfe'" ist in Deutschland immer in der synonymen Nähe von "NS-Euthanasie"- und so nimmt von Schirach in dem Stück auch Bezug zu diesen ca. 300.000-fachen Massenmorden vor ca. 80 Jahren in Deutschland und im damals okkupierten Ausland.

Die Vertreter der "Sterbe'hilfe'"-Befürworter legen in der Regel großen Wert darauf, nicht mit der kriminellen Praxis der Nationalsozialisten in Zusammenhang gebracht zu werden. Dieser Zusammenhang aber ist nicht zu leugnen. Er wurde auch sehr früh bemerkt.

Im Gefolge der Prozesse gegen die Euthanasieärzte des Dritten Reiches schrieb 1949 der amerikanische Arzt Leo Alexander:

 daß allen, die mit der Frage nach dem Ursprung dieser Verbrechen zu tun hatten, klar wurde, daß sie aus kleinen Anfängen wuchsen. Am Anfang standen zunächst feine Akzentverschiebungen in der Grundhaltung. Es begann mit der Auffassung, die für die Euthanasiebewegung grundlegend ist, daß es Zustände gibt, die als nicht mehr lebenswert zu betrachten sind. In ihrem Frühstadium betraf diese Haltung nur die schwer und chronisch Kranken. Nach und nach wurde der Bereich jener, die unter diese Kategorie fielen, erweitert und auch die sozial Unproduktiven, die ideologisch Unerwünschten, die rassisch Unerwünschten dazugerechnet. Entscheidend ist jedoch zu erkennen, daß die Haltung gegenüber den unheilbar Kranken der winzige Auslöser war, der diesen totalen Gesinnungswandel zur Folge hatte."

  • Merke also: Auf einer ethisch und moralisch immer schiefer werdenden Ebene gibt es ab irgendwann keinen Halt mehr - das gilt heute genauso wie gestern ...

„Die Wiege schaukelt über einem Abgrund, und der platte Menschenverstand sagt uns, dass unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist.“  

Vladimir Nabokov

Diese Zeilen von Nabokov seien vorangestellt, denn ansonsten wird in dem "GOTT"-Stück von Schirach auch immer wieder auf das persönliche von wem auch immer verliehene "Selbstbestimmungsrecht" eines jeden Menschen hingewiesen - in der Frage, ob er "im freien Willen" für sich selbst den Zeitpunkt bestimmen darf, wann & wie er konkret zu sterben gedenkt... 

Dabei wird meines Erachtens zu wenig bedacht, dass der Eintritt in dieses Leben, also  die Geburt,vom Individuum nicht "selbst-bestimmbar" ist - das heranreifende Leben und seine individuelle Alltagsbewältigung, die Vitalität bis ins Alter ist also tatsächlich in erster Linie ein "zufälliges" Geschenk, eine Gabe, ein Erwachen - das heranreifende Leben und seine individuelle wie auch immer gestaltete Alltagsbewältigung bis ins Alter ist also tatsächlich in erster Linie ein "zufälliges" Geschenk, eine Gabe, ein Erwachen von begrenzter und individuell geformter Vitalität - von wem oder was auch immer in Szene gesetzt ("GOTT"??? - "Natur"???) - und insofern scheint vielleicht statt hybrider "Selbstbestimmung" eher "Demut" und  Dankbarkeit angesagt: ... 

"nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels"... - aus dem heraus auch die Tür für diesen Lichtspalt "Leben" auf- und wieder zugemacht wird - denn alles hat seine Zeit ...

STERBE'HILFE' ? - vieleicht oft eine schleichende unfreiwillige Euthanasie

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 STERBE'HILFE' ?


Die derzeitige "moderne" oft "schleichende" unfreiwillige Euthanasie - 


& die weltweit vielen Corona-Hotspots in Alten- & Behindertenheimen mit den dortigen Todesraten ...


Texte zur Diskussion


learn more (click)

Ein Vater bettelt im Juni 1943 um die Herausgabe seiner Tochter ...

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  •  Im Juni 1943 schreibt der noch sorgeberechtigte Vater Adolf Kronshage einen Bettelbrief an das "Erbgesundheitsobergericht Hamm" - zur Herausgabe seiner Tochter Erna Kronshage ...
  • ... ein beschämendes Zeugnis auf dem Weg zur Zwangssterilisation am 4. August 1943 ...




gruppenbild mit cops . sinedi.mach.@rtLab

A & O: grundlegende meditation

Senizid - Der eingeladene Corona-Tod

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Beim Ansteigen der Corona-Infektionszahlen geht es ja auch wieder los mit den "Entscheidungen" um Leben & Tod - um Daumen hoch oder Daumen runter - bei den Entscheidungen vor Ort: wer hat Anspruch auf eine intensivmedizinische Betreuung und Beatmung in den Kliniken bei knapper werdenden Betten-Ressourcen - und wer wird der "Palliativ"-Abteilung zugeschoben - den Stationen zur "liebevollen Sterbebegleitung" und den Hospiz-Einrichtungen.

Die Entscheidungen, die dabei getroffen werden müssen nennt man inzwischen ganz technisch "Triage"-Entscheidungen - ein Begriff von den Schlachtfeldern des Militärs: bei wem lohnt sich noch ein ärztliches Eingreifen - und wem gibt man den "Gnadenschuss/Gnadenstoß".

Auch bei den akuten Unfallopfer-Versorgungen auf Deutschlands-Straßen werden ja implizit ähnliche Entscheidungen tagtäglich getroffen: z.B. wenn bei 6 schwerstverletzten Menschen nur ein Unfallarzt vor Ort ist: wem wendet er sich am ehesten und intensivsten in welcher Reihenfolge zu - oder auch bei einem Vollbrand in einem Altenheim: Wo "lohnt" sich ein Löschen und was muss man "aufgeben" und ausbrennen lassen...

Und bei diesen ethisch-moralischen Entscheidungen oft genug in minutenschnelle kommt man den inzwischen 80 Jahre alten Gedankengängen um die NS-Euthanasie recht nahe - als ganz bewusst und überlegt eine menschliche Auslese betrieben wurde, der "Brauchbaren" und der "Unbrauchbaren" - vom Wem oder Was hat die Gesellschaft noch etwas - und Wer "ist dabei über" ???

Beim Begriff "Gnadenschuss" auf dem Schlachtfeld fällt mir zumindest Hitlers "Befehl" zum "Gnadentod/Gnadenstoß", zum Beginn der verschiedenen Euthanasie-Phasen zwischen 1939 und 1945 ein - und es erschreckt mich die Erkenntnis, dass "versteckt" und "implizit" auch heutzutage solche von Menschen unentscheidbaren "Urteile"über Leben & Tod - Daumen hoch oder runter - immer wieder neu getroffen werden - ohne dass immer ein unbedingtes "Muss" aus dem Nu heraus dahinterliegt ...

Der SPIEGEL schreibt in seiner neuesten Ausgabe von der schwedischen Corona-Auslesepolitik, die hierzulande so oft als "vorbildhaft" hingestellt wird. Da wir mir als Diabetiker Typ II und als Hypertoniker mit 73 ganz anders ...

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Senioren im schwedischen Östersund

Die grausamen Hintergründe von Schwedens "vorbildlicher" Corona-Politik 

Senizid: Triage-Entscheidungen mit unfreiwilliger Corona-Euthanasie gegen die Alten

 Der eingeladene Tod

Schweden Warum das Corona-Desaster in den Pflegeheimen eine Vorschau auf die deutsche Zukunft sein könnte.


Von Dietmar Pieper  | aus: DER SPIEGEL  Nr. 42 v. 10.10.2020 

Weni­ge Staa­ten ge­ben sich so viel Mühe wie Schwe­den, ihre Bür­ger je­der­zeit und über­all vor Ge­fah­ren zu schüt­zen. Bald soll es dort kei­ne töd­li­chen Ver­kehrs­un­fäl­le mehr ge­ben (»Vi­si­on Zero«). Al­ko­hol darf nur in den staat­li­chen Sys­tem­bo­la­get-Lä­den ver­kauft wer­den, mit Aus­nah­me von Leicht­bier.

Als die Co­ro­na-Pan­de­mie das Land er­reich­te, fühl­ten sich die meis­ten Be­woh­ner wie üb­lich gut auf­ge­ho­ben. Sie hiel­ten den schwe­di­schen Son­der­weg, ohne Lock­down durch die Kri­se zu ma­nö­vrie­ren, für si­cher und ver­nünf­tig. Staats­e­pi­de­mio­lo­ge An­ders Teg­nell und die Re­gie­rung be­ton­ten, dass die Ri­si­ko­grup­pen, vor al­lem die Al­ten, um­fas­send ge­schützt wür­den.

 Dann aber drang das Vi­rus in die Al­ten- und Pfle­ge­hei­me ein und ver­brei­te­te sich in ei­ni­gen Ein­rich­tun­gen na­he­zu un­kon­trol­liert. Die Co­ro­na-To­des­ra­te liegt vor al­lem des­halb in Schwe­den rund zehn­mal hö­her als in den Nach­bar­län­dern Finn­land und Nor­we­gen. Für ihn, sag­te Teg­nell in ei­nem In­ter­view, sei­en die vie­len To­ten »wirk­lich eine Über­ra­schung« ge­we­sen.

 Bei ge­nau­em Hin­se­hen ist al­ler­dings vor al­lem die Über­ra­schung er­staun­lich. Der Um­gang mit den Al­ten ist ein ei­ge­nes, zu we­nig be­leuch­te­tes Ka­pi­tel der fort­dau­ern­den Co­ro­na­kri­se. Au­ßer­halb des Fa­mi­li­en­krei­ses wird nur sel­ten dar­über ge­spro­chen, wel­che Feh­ler Ärzte, Pfle­ger und an­de­re Ver­ant­wort­li­che ge­macht ha­ben, wo me­di­zi­ni­sche Res­sour­cen fehl­ten und wel­chen Här­ten die Kran­ken und ihre An­ge­hö­ri­gen aus­ge­setzt wa­ren. Doch ihre Ge­schich­ten ver­ra­ten viel über den in­ne­ren Zu­stand und die Wer­te ei­ner Ge­sell­schaft.

 Beim Blick nach Schwe­den schau­en die Deut­schen auf ein an­de­res Land, aber im­mer auch ein biss­chen auf sich selbst. Ikea, Abba, Pip­pi Lang­strumpf – was von den Skan­di­na­vi­ern zu uns kommt, scheint leicht hei­misch wer­den zu kön­nen.

Auf Kund­ge­bun­gen ge­gen die Co­ro­na-Re­strik­tio­nen hat sich in Deutsch­land die blau-gel­be Schwe­den­fah­ne hin­zu­ge­sellt, als eine Art Sym­bol der Frei­heit. Die Fah­nen­schwen­ker sind sich si­cher, dass in Stock­holm klü­ge­re Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen wur­den als in Ber­lin.

 In Schwe­den sind die Op­fer des Vi­rus, wie an­ders­wo auch, vor al­lem die Al­ten. Teg­nell spricht im­mer wie­der von den »äl­te­ren Al­ten«. Was ge­nau meint er da­mit?

 Die na­he­lie­gen­de Ant­wort führt in eine dunk­le Zone der Ge­sell­schaft. Was sich dort ab­spielt, ist nicht schön. Be­rich­te von An­ge­hö­ri­gen und Re­cher­chen zei­gen, dass zahl­rei­che schwe­di­sche Co­vid-19-Op­fer noch le­ben könn­ten.

»Man hat nicht ver­sucht, ihr Le­ben zu ret­ten«, sagt An­ders Vahl­ne, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Vi­ro­lo­gie am Ka­ro­lins­ka-In­sti­tut bei Stock­holm. Eine lei­ten­de Kran­ken­schwes­ter warn­te in ei­nem Be­richt an die So­zi­al­be­hör­de zu Be­ginn der Pan­de­mie, es kön­ne zu Fäl­len »ak­ti­ver Ster­be­hil­fe« kom­men.

 Nur mit Mühe ge­lang es dem Stock­hol­mer Arzt Ben­gt Hil­de­brand, sei­nen 78-jäh­ri­gen Va­ter zu ret­ten, der sich im Pfle­ge­heim mit Co­vid-19 an­ge­steckt hat­te: »Sie ha­ben ihm Mor­phi­um ver­schrie­ben. Er wäre still ge­stor­ben.« Sein Va­ter kam dann doch ins Kran­ken­haus, er über­leb­te.

 Die 78-jäh­ri­ge Rita Hem­sén aus Gäv­le er­hielt im Wohn­heim Mor­phi­um und starb, weil an­geb­lich kein Kran­ken­haus­bett frei war. Nach Re­cher­chen ei­nes TV-Sen­ders war die­se Aus­kunft ge­gen­über den An­ge­hö­ri­gen falsch, es habe meh­re­re freie Bet­ten in Gäv­le ge­ge­ben.

 Der 72-jäh­ri­ge Mo­ses Ntan­da starb in ei­nem Pfle­ge­heim nahe Stock­holm an Co­vid-19. »Der Arzt sag­te, sie wür­den den Richt­li­ni­en für die Be­hand­lung äl­te­rer Pa­ti­en­ten fol­gen«, be­rich­tet sei­ne Nich­te, »er sei kein Fall fürs Kran­ken­haus.«

 Dass es sich nicht um Ein­zel­schick­sa­le han­del­te, le­gen auch of­fi­zi­el­le An­ga­ben nahe. Selbst auf dem Hö­he­punkt der Pan­de­mie habe es ge­nü­gend freie In­ten­siv­bet­ten in den Kli­ni­ken des Lan­des ge­ge­ben, sag­te die schwe­di­sche So­zi­al­mi­nis­te­rin Lena Hal­len­gren. Sie ver­kün­de­te dies als Er­folgs­mel­dung, als Be­weis für klu­ges Ge­sund­heits­ma­nage­ment.

 Völ­lig ab­we­gig ist ihre Sicht­wei­se nicht. »Flat­ten the cur­ve« war im Früh­jahr das glo­ba­le Man­tra der Vi­rus-Be­kämp­fung. Um je­den Preis woll­ten Po­li­ti­ker und Ärzte ver­hin­dern, dass bei steil an­stei­gen­den In­fek­ti­ons­zah­len die Kran­ken­häu­ser über­las­tet wür­den. Wer stets freie In­ten­siv­bet­ten vor­wei­sen konn­te, hat­te we­nigs­tens die­sen Kampf ge­won­nen.

Triage

 Gleich­zei­tig ge­hör­te es zur Vor­sor­ge im Co­ro­na-Aus­nah­me­zu­stand, für die mög­li­che Über­las­tung des Sys­tems ei­nen Plan zu fas­sen. Wer wird zu­erst be­han­delt, wer da­nach, wer gar nicht mehr? Aus der Mi­li­tär­me­di­zin hat sich da­für der Be­griff Tria­ge ein­ge­bür­gert. In den schwe­di­schen Richt­li­ni­en für die »Prio­ri­sie­rung« sind meh­re­re Grup­pen de­fi­niert, die kei­ne In­ten­siv­be­hand­lung er­hal­ten sol­len, falls das Ge­sund­heits­sys­tem sei­ne Be­las­tungs­gren­ze er­reicht. Ein Kri­te­ri­um ist das ge­schätz­te »bio­lo­gi­sche Al­ter«, ein zwei­tes sind Vor­er­kran­kun­gen.

»Wir leben in einer Peter-Pan-Kultur, in der die Jugend verherrlicht wird.«

  Wer nach An­sicht der Ärzte bio­lo­gisch zwi­schen 60 und 70 Jah­re alt ist und zwei Or­gan­schwä­chen auf­weist, etwa an Herz und Nie­ren – kei­ne Prio­ri­tät. Wer bio­lo­gisch zwi­schen 70 und 80 ist so­wie ein Or­gan­lei­den hat – kei­ne Prio­ri­tät. Wer zwar kei­ne gra­vie­ren­den Lei­den hat, aber bio­lo­gisch über 80 ist – kei­ne Prio­ri­tät.

 Da die schwe­di­schen Kli­ni­ken nie über­las­tet wa­ren, hät­te die­se An­wei­sung in der Schub­la­de blei­ben kön­nen. Doch so war es an­schei­nend nicht.

 Kran­ken­haus­ärz­te be­rich­ten, sie hät­ten man­che der ein­ge­lie­fer­ten Co­vid-Pa­ti­en­ten nicht an­ge­mes­sen be­han­deln dür­fen. Ei­ner sag­te der Zei­tung »Da­gens Ny­he­ter«: »Wir wur­den ge­zwun­gen, Men­schen vor un­se­ren Au­gen ster­ben zu las­sen, ob­wohl wir wuss­ten, dass sie bei In­ten­siv­be­hand­lung eine gute Über­le­bens­chan­ce hat­ten.« Ein an­de­rer Arzt be­stä­tig­te: »Dies pas­sier­te mehr­mals täg­lich.« Die Ver­ant­wort­li­chen wie­sen die Vor­wür­fe zu­rück. Eine Un­ter­su­chung wur­de ein­ge­lei­tet, die Er­geb­nis­se ste­hen noch aus.

 Schon jetzt zeich­net sich ab: Der Tod wur­de in Schwe­den ge­ra­de­zu ein­ge­la­den. Es be­gann mit den gra­vie­ren­den Män­geln in den Al­ten- und Pfle­ge­hei­men. Dann fiel dort oft die Ent­schei­dung, pal­lia­ti­ve Ster­be­be­glei­tung zu ver­ord­nen, statt Kran­ke in die Kli­nik zu schi­cken. Und selbst im Kran­ken­haus muss­ten Ärzte of­fen­bar aus­sichts­rei­che Be­hand­lun­gen ver­wei­gern.

 Wo­mög­lich ist Schwe­den Län­dern wie Deutsch­land nur ei­ni­ge Schrit­te vor­aus. Die Le­bens­er­war­tung hat dort be­reits 85 Jah­re für Frau­en und 81 Jah­re für Män­ner er­reicht (in Deutsch­land sind es 83,6 und 78,9 Jah­re). 60 Pro­zent der Schwe­den, die zwi­schen 65 und 84 Jah­re alt sind, füh­len sich bei gu­ter Ge­sund­heit, 2002 lag die­ser An­teil erst bei 53 Pro­zent.

 Es gäbe vie­le Grün­de, sich dar­über zu freu­en. Doch das alte Bild von den sie­chen Al­ten do­mi­niert in der Öffent­lich­keit. Der Stock­hol­mer Au­tor Mar­cus Prif­tis, der ein Buch über »Su­per­se­nio­ren« ge­schrie­ben hat, sagt: »Wir le­ben in ei­ner Pe­ter-Pan-Kul­tur, in der die Ju­gend ver­herr­licht wird und das Alt­wer­den als eine Ver­schlech­te­rung mit wach­sen­der De­menz gilt.«

 Laut dem World Va­lues Sur­vey, ei­ner in­ter­na­tio­na­len so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Be­fra­gung, zählt Schwe­den zu den Län­dern, in de­nen äl­te­re Men­schen eher ge­ring­ge­schätzt wer­den. Da­nach be­trach­ten kaum mehr als 20 Pro­zent im Land die über Sieb­zig­jäh­ri­gen mit Re­spekt, we­ni­ger als in den meis­ten an­de­ren un­ter­such­ten Na­tio­nen. Zu die­sem Be­fund passt die in Schwe­den be­kann­te Ge­schich­te über die Klip­pen, an de­nen sich ein blu­ti­ges Ri­tu­al ab­ge­spielt ha­ben soll.

 Für nutz­los be­fun­de­ne Alte stürz­ten sich da­nach zur Wi­kin­ger­zeit von hoch auf­ra­gen­den Fel­sen hin­un­ter, oder sie wur­den ge­sto­ßen. Auch wenn es in­zwi­schen als un­wahr­schein­lich gilt, dass die Ätte­s­tu­pa-Le­gen­de auf ei­nem his­to­ri­schen Kern be­ruht, wird sie gern er­zählt.

 Senizid - die freiwillige oder unfreiwillige Euthanasie der Alten

 Ge­schich­ten über den Se­ni­zid, die ge­sell­schaft­lich ver­an­lass­te Al­ten­tö­tung, ge­hö­ren auch an­ders­wo zum kul­tu­rel­len Erbe, etwa in Russ­land oder Ja­pan. Ihr Wahr­heits­ge­halt wird heu­te zwar über­wie­gend von For­schern in Zwei­fel ge­zo­gen, galt je­doch lan­ge als hoch. Eth­no­lo­gen la­sen die Le­gen­den als volks­tüm­li­che Ge­schichts­schrei­bung: In ver­schie­de­nen Welt­ge­gen­den sei es frü­her üb­lich ge­we­sen, die Ge­mein­schaft durch so­zi­al ak­zep­tier­ten Mord von ei­ner Last zu be­frei­en.

 Das Grau­sigs­te dar­an dürf­te sein: In den Vor­stel­lun­gen vom Se­ni­zid schlum­mert das Po­ten­zi­al, wie eine mensch­li­che Kon­stan­te zu er­schei­nen, die Län­der und Zei­ten mit­ein­an­der ver­bin­det. Der Se­ni­zid ist auf ar­chai­sche Wei­se bru­tal – und gleich­zei­tig tech­no­kra­tisch ra­tio­nal.

 Auch in Deutsch­land gibt es nun Dis­kus­sio­nen dar­über, dass man sich – wie in Schwe­den – dar­auf kon­zen­trie­ren soll­te, die Frei­heit der Jün­ge­ren zu be­wah­ren und die Älte­ren nach Mög­lich­keit zu schüt­zen. Auch da schwingt mit: Wenn es nicht ge­lingt, sol­len sie eben ster­ben.

 Die Fra­ge, wie lan­ge Alte le­ben dür­fen und wann sie bes­ser ster­ben sol­len, steht aber nicht nur wäh­rend der Co­ro­na-Pan­de­mie im Raum. Sie wird sich in Zu­kunft noch ver­mehrt stel­len. Die ge­sund­heits­öko­no­mi­schen Mo­del­le, mit de­nen die Ka­pa­zi­tä­ten des Ge­sund­heits­we­sens be­rech­net wer­den, han­deln letzt­lich von nichts an­de­rem: Wem wer­den me­di­zi­ni­sche Res­sour­cen zu­ge­teilt? Und wem nicht?

 Um da­von nicht über­rascht zu wer­den, lohnt sich ein Blick auf den schwe­di­schen Um­gang mit den Al­ten im Co­ro­na-Jahr 2020. Die meis­ten dürf­ten dar­in ein ab­schre­cken­des Bei­spiel se­hen, eine Ver­ir­rung. Wer die nor­di­sche Käl­te die­ser Tage hin­ge­gen für zu­kunfts­wei­send hält, soll­te sich fra­gen, war­um.

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St. Rochus . Schutzheiliger der Pesterkrankten . In Steinheim trägt er eine Maske

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 St. Rochus . Schutzheiliger der Pesterkrankten . In Steinheim trägt er eine Maske (Foto: NW)